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„Alles? und ohne Schwierigkeit?"
„Freilich. Sogar waren einige Bündel Heu, Bündel für die Fremden (!) Sie wissen schon darunter, welche nicht ganz voll waren. Meiner Treu, da sie ordentliche Leute zu sein schienen, so habe ich es ihnen gesagt."
„Und nun?"
„Sie sagten mir, das thue Nichts und bezahlten ohne nachzuwiegen."
Die „Patrie" wird ganz träumerisch über dieses Gespräch und da dieses Blatt sich nicht.zufrieden gibt, bevor es den Dingen auf den Grund gekommen, fragt es sich: Was soll denn dieses Geheimniß bedeuten? und gelangt zum Schlüsse, diese Leute haben ein Interesse daran, in Frankreich her- umzuziehen.
„Was kann dieses Interesse sein", ruft es aus. „Das müßte man wissen!"
Und die „Patrie" weiß es.
Höret und vernehmet Ihr guten Leute und empfehlet Gott Eure Seele.
„Unsere Ungewißheit war nicht von langer Dauer. Nach vielen Fragen sagte man uns Folgendes:
„Die Künstler waren Engländer oder Amerikaner. Das ist natürlich.
„Die Musikanten waren alle Deutsche? und diese Vorliebe für deutsche Compositio- nen mußte uns bereits Wunder nehmen.
Endlich hatte man nie einen Franzosen unter dem Personal der Truppe erblickt.
Das war also der Schwerpunkt dieser kostspieligen Spazierfahrten durch das Anjou.
Alles wird hell! Alles kommt ins rechte Licht! Dieser Zirkus ist eine Spionenagen- tur; die Spione sind nicht die Clowns, diese sind Engländer und Amerikaner und nichts ist natürlicher als das! Die Musiker dagegen und Alles Deutsche und damit sind unsere Spione .entdeckt. Die..„Patrie" hat nicht Alles gesagt, was sie mußte, das ist offenbar. Die Musiker sind nicht gewöhnliche Clarinettenbläser; es sind offenbar die Offiziere des großen Generalstabs vonHrn. v. Moltke, welche Frankreich topographisch aufnehmen und eine neue Invasion vorbereiten. Am Tage gehen diese Trombonne- fpieler der strategischen Feldmeßkunst nach. Sie geben sich den Anschein, um Dörfer herumzuschlendern und tragen ihre Notizen zwischen zwei Musikstücken in ihre Taschenbücher ein. Sie fragen die harmlosen Landleute nach den Reichthümern des Landes, nach den Orten, wo man requiriren, nach den Löchern, wo man die Beute verbergen könnte.
Der Direktor des Orchesters, welcher ganz gewiß ein verkleideter General sein muß, versammelt die Stabsoffiziere in einem versteckten Winkel der Zirkusbaracke und läßt sich da von ihren Streifereien Rechenschaft ablegen. Da kommen das Clarinet, die Pauke, das Waldhorn, der Triangel und die Piccoloflöte:
„Excellenz", flüstert die Ordonnanztrommel, „in diesem Dorfe findet man ein Rü- benfeld, für eine ganze Schwadron während zweier Tage zu nähren", — „in jenem Hause, fügt der chinesische Parasol hinzu, „besitzt der Eigenthümer einen Versteck im Keller, hinter dem dritten Fasse alten Weines."
Der General, oder vielmehr der Musikdirektor, verschließt alle diese Angaben in einer mit dem königlich preußischen Wappen gezierten Mappe und legt diese in seinen großen mit einem Kunstschloß versehenen Koffer. Mit einer Stimme, die ein angenehmes Gemisch vom Kommandoton und von der Weise des wandernden Musi- kanten besitzt, ruft er:
„Die Borstellung wird sogleich angehen. Jeder an seinen Platz. Man wird die Mazurka in Cismoll spielen, und nun Takt gehalten, wenn's beliebt, es ist das Benefiz von Fräulein Manetta."
Einen Augenblick nachher sieht sie das Publikum gravitätisch hinter ihren Musikpulten aufgestellt und dieses Offizierkorps ist in hellgrüne Fräcke mit kanariengelben Aufschlägen und mit Klapphüten verkleidet.
„Schöne Musikanten und schöne Musik" murmelt die Menge. Die unglückseligen Thoren wissen nickt, daß sie den Offizieren der königlich preußischen Armee Beifall klatschen! Wer weiß, jener lange Musikdirektor mit hagerem Gesicht und funkelnden Augen, ist es nicht Se. Excellenz der Herr Feldmarschall Graf von Dioltte in eigener Person, welcher in dieser Verkleidung dre großen Studien des großen Generalstabs lenkt?"
Bewundern wir indeffen diese schrankenlose Hingebung! Diese Offiziere, welche morgen Regimenter kommandicen werden, verstehen sich dazu, um ihrem Lande nützlich zu sein, sich allabendlich in Jahrmarktsmusikanten zu verwandeln. Ein Oberst bläst in ein Bombardon, ein Major oder Bataillonschef ist ein Bügelhorn; die Hauptleute geben sich mit dem Klarinet und die Lieutenants mit Pauke und Triangel ab!
Nachdem man aber diese schrecklichen Entdeckungen recht erwogen hat, wer wäre da thöricht genug, um nicht mit dem weisen Korrespondenten der „Patrie" also zu schließen:
„Wäre es nicht möglich, gegen Seiltänzer und Zigeuner sichere, wo nicht strengere Maßregeln zu ergreifen, oder wenigstens ganz fremde Gauklerbanden gar nicht über die Grenze zu lassen?
„Auf die Gefahr hin, als Allarmist zu gelten, behaupten wir, daß eine solche Maßregel von großem Nutzen wäre.
„Uebrigens könnten wir uns erst nach Erlaß einer solchen Maßregel mit Gemülhs- ruhe unseres guten Gewissens der Freude an Seiltänzern und rollenden Häusern rück- Haltslos überlassen."
Dazu bemerkt nunvas„Elsäffer-Journal":
„Gewiß würden mir nicht an Lcherz denken, wenn die patriotische Angst des Pariser Blattes irgendwie ernstlich begründet wäre, in welchem Falle Nichts uns achtungswüc- tiger erscheinen könnte, als der .Allarmruf der „Patrie". Wo ist aber der verständige Mann, der diese erstaunliche Entdeckung einer aus deutschen Spionen bestehenden Circusmusik ernst nähme? Wenn die, „Patrie" nach den Ursachen der französischen Niederlagen forscht, so suche sie dieselben anderswo als im Spionenthum und lenke nicht die Aufmerksamkeit der Nation auf ganz kindische Dinge ab. Im Gegentheil: Möge die „Patrie" täglich der Nation die tiefern und gewichtigern Ursachen des Landesunglücks ins Gedächtniß rufen, so wird sie Frankreich einen Dienst erweisen.
Allem es heißt seine Pflicht gegen das Vaterland geflissentlich vergessen, wenn man sich in solchem wie das von uns hervorge- hobene Gewäsch verliert. Zugleich injurnrt man den Geist und das Urtheil eines großen Volkes, wenn man es mit solchen Kindereien füttert. Das Sprüchwort lautet: „„Das Lächerliche tobtet in Frankreich."" Hütet euch doch, daß es eines Tages nicht so heiße: „Das Lächerliche tobtet Frankreich!" (R. A. Z.)
Vermischtes.
Berlin, 9. August. Die Epidemie des Brechdurchfalls scheint leidervon Jahr zu Jahr grausamer in unserer Stadt auftreten zu wollen. Ihr Wüthen hatte diesmal unter den Säuglingen und Kindern einen so hohen Grad erreicht, daß alle Kunst der erfahrensten Aerzte diesem schleichenden, heimtückischen Feinde der armen Kleinen machtlos gegenüber stand. Waren doch in der Woche vom 17. bis 23. Juli 457 Todesfälle verzeichnet, die sich glücklicherweise schon in der nächsten auf 338 ermäßigten Wie die meisten Epidemien ist auch der Brechdurchfall in seinen Ursachen und seinem Wesen den eingehendsten medizinischen Forschungen bis jetzt noch ein Rälh- sel geblieben; die Mittel, die im vorigen Jahre oftmals mit glücklichem Erfolg an» gewendet wurden, sind gegenwärtig total wirkungslos, die Beobachtungen, die man früher gemacht zu haben glaubte, werden jetzt durch völlig neue Erscheinungen Lügen gestraft. Nur mit Widerstreben folgt der menschenfreundliche und pflichtreue Arzt dem Rufe an das Krankenbett eines Kindes, das „seit so und so lange am Durchfall leidet", weiß er doch, daß er wahrscheinlich sehr bald ein Kreuzchen hinter dessen Namen in seinem Buche zu vermerken haben wird! Der Säugling an der Mutterbrust, das künstlich aufgepäppelte Kind, muntere Bürsch- chen, die schon längst zur Freude der Eltern umhersprangen, das blaffe Gespenst haucht sie an auf unerklärliche Weise und bald bleibt den Eltern nichts mehr als die schmerzliche Erinnerung an ihre Lieblinge. — Man sollte es kaum für möglich Hallen, daß es, angesichts dieser drohenden Gefahr, noch sehr viel Leute giebt, die bei ihren Kleinen auch die allergewöhnlichsren Vor-, sichtsmaßregeln außer Acht lassen, sie bei den jetzigen wechselnden Temperaturverhältnissen nicht im Mindesten gegen Erkältung zu schützen suchen, noch weniger aber in dieser gefährlichen Zeit des Obstes und der jungen Gemüse einer rationellen und konsequenten Diät unterwerfen. Da bleibt denn auch leider in vielen Fällen der Dürchfall nicht aus, der, man merke es wohl, auch ganz ohne Erbrechen zum Tode führen kann! Fast in allen Fällen, in denen es gelang, der grausamen Seuche das kleine Opfer wieder zu entreißen, hatte man schon bei dem leisesten beunruhigenden Anzeichen die Hülfe des Arztes in Anspruch genommen, denn leichter ist es dem Manne der Wissenschaft, einer noch kräftigen Natur zum Siege zu helfen, als einer den Angriffen der Krankheit schon theilweise erlegenen. (B.TZ
Wiche, 6. August. Der muthmaßliche Mörder des auf dem Kommunikationswege zwischen Oberheldrungen und Kleinroda vor einigen Tagen Erschlagenen ist, nach der „Magdeb. Zeitung", gestern hier gefänglich eingeliefert ^worden. Derselbe ist ein in hiesiger Gegend bekannter Mensch, welcher sich bisher vielfach umhergetrieben und nach der Zeit, als die Mordthat bereits geschehen war, sich hier sehr veroächtig gemacht hat. Er hatte nämlich einen Rock, welcher Blutspuren an sich trug, Jemandem zum Verkaufe angeboren, sich aber plötzlich, als er von der Ankunft des Landraths im Orte hörte, entfernt. Da man vermuthete, daß er anf der Reise nach Halle begriffen sei, wurde dorthin telegraphirt, und so hat dort feine Verhaftung statlfinden können. Die Person des Erschlagenen ist bis jetzt noch nicht zu ermitteln gewesen.