Der Märchenvogel
Ein Segelflieger-Roman von F. Arnefeld
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Nachdruck verboten.
„Ich werde versuchen, ob ich ihre 'Freundin werben kann."
„Dora!" Er umarmte sie und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Nie hatte er sie so leidenschaftlich geliebt wie in diesem Augenblick.
Denn er meinte, nun endlich verstehe sie ihn ganz.
Und er ahnte nicht, daß es nur ein Opfer war, welches zu bringen ihr nur ihre unendliche Liebe geholfen hatte.
Von der Größe des Opfers hatte er als Mann nicht die geringste Ahnung.
Der Gedanke.^ Nun sind alle Hindernisse hinweggeräumt, der neue Segler ist gesichert, ließ ihn blind und taub sein für Doras verändertes Wesen.
Er neckte sie und scherzte zärtlich mit ihr, ohne zu ahnen, daß ihr Herz zum ersten Male, seitdem sie sich kannten, voll Bitterkeit gegen ihn war.
E- tar ihr unsäglich wehe, daß eine andere ihm den Traum seines Lebens erfüllen sollte. Und was sie bisher nie gekannt hatte, das empfand sie in dieser Stunde zum ersten Male: Die Sehnsucht erwachte in ihr, ihm nicht bloß Weib zu sein, sondern auch diejenige, die allein berechtigt war, in seinem Beruf als Genossin, neben ihm zu gehen.
Sie hatte das dunkle Gefühl, als habe sie sich etwas entgleiten lassen, als hätte sie eine andere jetzt frohlockend in den Händen, was eigentlich ihr Eigentum war. In dieser Erkenntnis waren seine Küsse ihr plötzlich bitter.
17. Kapitel.
Still flossen die Wochen dahin. ™.l.. ________
hatte ihren Plan ausgeführt und draußen in Schöneberg ein Büro eröffnet, wo sie die Anfertigung von Kon- struklionsplänen übernahm.
Ihre gediegenen technischen Kenntnisse, besonders aber ihre absolute Zuverlässigkeit in bezug auf die Geheimhaltung der ihr anvertrauten Entwürfe, führten bald eine große^Anzahl von Fliegern zu ihr.
„Sie ist tatsächlich eine Seltenheit," sagte man von ihr, „eine Frau, die nicht schwatzt, sondern schweigt.
Meta Pietschmann
Seine Worte, bie* erregt hervorgestoßen wurden. „Für drei Passagiere" — „Fallschirmvorrichtung" ^ „glänzende Probeflüge" — —:--
Dann wurde es still. Miß Hargreaves schwieg plötzlich. Nach einer Weile ertönte ihre helle Stimme beinahe schneidend wieder.
„Nur Sie schweigen? Ich dachte, Sie würden rasend darübe werden, wie ich. Ein Neuling — ein Fremder — ein Nichts — ober hat schon jemand den Namen Manescu gehört? Der soll uns jetzt den Becher von den Lippen reißen? — So reden Sie doch ein Wort, Corner?"
Dora, die von einer unbekannten Angst erfaßt, mitten im Zimmer stehen geblieben war und klopfenden Herzens lauschte, erschrak plötzlich.
Richards Stimme sagte hart:
„Gehen Sie, lassen Sie mich allein!"
Sie kannte diesen Ton. Er war derselbe wie amalS, als ei von dem mißglückten Ueberlandflug heimkam.
Miß Hargreaves stieß ein gereiztes Lachen aus, dann riß sie die Tür auf und rauschte mit vor Aerger und Empörun^ geröteten Gesicht an Dora vorüber, ohne sie zu beachten.
Dora lie: ihr nach.
„Liebe Mabel, was ist denn geschehen? Sie haben viel Aerger gehabt, und mein Mann--"
„Er ist ein Schwächling!" brach es zornig von den Lippen der Amerikanerin. „Statt zu toben, gegen seinen Nebenbuhler zu kämpfen bis aufs Messer, wirft er mich, die unschuldige Berichterstatterin, einfach zur Tür hinaus."
Sie zerrte ungeduldig an ein paar braunen Löckchen, die ihr in die weiße niedrige Stirn gefallen waren. „Na, gehen Sie nur, Dora, und trösten Sie Ihr zahmgewordenes Lämmchen. So viel haben Sie ja Gottlob erreicht, daß die tiefste Enttäuschung, die er in seinem Berufe erleben kann, ihn nicht einmal mehr anspornt, zum Kampfe um das verlorene Gut."
„Sie tun mir unrecht, ich gebe mir alle Mühe, teil- zunehmen an seinem Streben!"
Miß Hargreaves lachte höhnisch auf.
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Außerdem von genialem Scharfblick, ihr nur Andeutungen zu machen und sie was man meint."
Daß Meta so rasch bekannt wurde, in erster Linie Herrn Hans Ehlert, dein Fliegerlkubs.
Man braucht versteht sofort.
verdankte sie
Sekretär des
Er hatte sie damals, als sie mit Dora auf Nachrichten wartete, kennengelernt und sich sterblich in sie verliebt.
Nun suchte er ihr seine Liebe zu beweisen, indem er sie aufs Wärmste empfahl.
Dora kam selten mit der Freundin zusammen. Sie
-entfernt von einander. und dann —
„O ja — äußerlich. Mir aber täuschen Sie nichts vor, meine Liebe. In Wahrheit geht doch all Ihr Streben nur dahin, ihm seinen Beruf abtrünnig zu machen."
„Das ist nicht wahr," rief Dora, flammende Röte auf den Wangen. „Wie dürfen Sie so zu mir sprechen, Mabel? Vielleicht war ich früher so töricht zu denken, aber nun nicht mehr. Gewiß nicht mehr. Sie selbst können nicht inniger an seinem Berufsleben teilneymen
wie ich!"
„Meinen Sie? Und doch ist ein großer
zu denken,
Unterschied
dabei. Sie dulden seine Bestrebungen, ich sporne sie an, indem ich ihn stets vor neue Ar^aben stelle. Der Erste
Miß Hargreaves war ja da.
Sie nahm einen so breiten Raum in dem Keinen Haushalt in Wannsee ein, daß Dora kaum Zeit fand, ihren eigenen Neigungen nachzugehen.
An eine Menge Dienst- und Hilfsleistungen gewöhnt, beanspruchte Mabel Hargreaves Friede! alle Augenblicke, so daß sie zur Hausarbeit zum großen Teil auf Doras Schultern ruhten.
Sie tat es gern, denn Richard war zufrieden. Er strahlte vor Glück und verwöhnte Dora wie in der ersten Zeit ihrer Ehe.
Aber all seine Gedanken gehörten dem neuen „Märchenvogel". Miß Hargreaves behandelte er mit einer offenen harmlosen Galanterie, ohne jede Spur von tieferem Interesse. Auch sie schien nichts anders in ihm zu sehen, als den genialen Erfinder, an dessen Versuch sie ein Stück Geld wagte, weil sie dadurch teilnehmen durfte an dem erboss^n Erfolg.
soll er sein aus seinem Gebiet. Ruhm 40ll ihm werden ^Ig^itlcn?^ Manne ,
würdige Ziel — früher war es ja auch seiff j;kö: st ' “ „Sie denken an feinen Ruhm, ich au sein Gluck,' antwortete Dora mit ruhiger Würde, „dafür bin ich
seine Frau!" „ r
Mabel Hargreaves wandte sich schroff ab.
Ihnen gehen ■ ,'ieder
„Wir werden sehen, wen er einst mehr dankt, oder mir. Wenn Sie ihn wirklich lieben, dann Sie jetzt zu ihm und stacheln Sie seinen Ehrgeiz an. Mir ist es ja leider nicht gelungen. Er muß sofort mit seinem neuen Apparat in die Oeffentiichkeit^ treten, muß irgendeine Tat ausführen, die alle Welt in staunen setzt von sich reden machen, den anderen tot machen, der da plötzlich aus dem Dunkel auftanchte, um ihn zu
miteinander gemacht hatten,
Den Kontrakt, den beide miteinander gemacht hatten, bekam Dora nicht zu sehen und es fiel ihr auch nicht
ein, danach zu fragen. '
Erst im Lause der Zeit bemerkte sie, daß Richard jedesma verstimmt wurde, wenn zufällig die Rede darauf kam
Als sie dann einmal unter vier Augen nach dem Grund fragte, wehrte er hastig ab.
„Laß nur, Kind. Das sind Geschäftssachen. Du kannst dir wohl benten, daß es nicht angenehm ist, von iner
Frau abhängig zu sein."
Ich dachte, sie hätte dir das Geld auf unbestimmte und ohne Zinsen geliehen?" ,
natürlich. Aber — na, wozu sich ärgern. Es blieb mir ja keine Wahl. Und schließlich werde ich ja auch einmcv wieder alle diese Geschichten hinter mir haven." Dora bitte gerne gefragt: „Was für Geschichten?"
Aber sie kannte sein Gesicht. Wenn eS diesen verschlossenen, gleichsam eisernen Ausdruck hatte, dann war jede Mühe vergeblich, etwas von ihm zu erfahren.
Der Winter war milde und schneefrei. Ueber all fänden fast täglich Flüge statt. Neue Maschinen wurden vrobiert, neue Namen tauchten auf unter den Fliegern.
Bisher hatte man in Wannsee wenig darauf geachtet. Miß Hargreaves, die sich alle einschlägigen Zeitungen hielt, meinte zuweilen spöttisch:
„Sie sollen dort nur fliegen. Im Frühjahr, wenn wir erst mit dem „Märchenvogel" herauskommen, und unser Meisterstück leisten, wird doch all der andere Lärm verstummen."
Und Corner lächelte geheimnisvoll dazu.
Aber zwei Tage vor Weihnachten änderte sich Plötzlich die Stimmung.
Miß Hargreaves war von einem Spaziergange heim- getommer und, ohne Dora zu begrüßen, an ihr vorüber in Corners Zimmer gestürzt.
Von dort her klang ihre Stimme aufgeregt und heftig an Doras Ohr.
Sie erzählte Corner etwas.
Namen von Fliegern tönten laut herüber. Dann ein*
schlagen mit seiner Erfindung."
Sie öffnete die Tür ihres Zimmers und verschwand Dora ging langsam zu ihrem Gatten.
Das also war es: ein Konkurrent. Sie begriff wohl, waS dieses bedeutete. Wenn ein anderer zufällig bis gleichen oder ähnliche Wege gegangen war und nun bis Priorität der Erfindung für sich in Anspruch nahm, bann fielen Richards Hoffnungen jäh in nichts zusammen.
Die Arbeit von Monaten wäre dahin. Miß Hargreaves hätte ihr Geld an eine tote Sache weggeworfen. Er aber bliebe ihr Schuldner, ohne Aussicht, in absehbarer Zeit diese Last abschütteln zu können.
Und was seinen Namen hätte über den Erdball tragen sollen, das wäre dann nichts — gar nichts mehr. Dorn dachte an den fast fertigen „Märchenvogel". Su begriff plötzlich die maßlose Enttäuschung Makels unk verzieh ihr alle Ausfälle. Sie verzieh ihr die Unruhe, die sie ihr in ihr Haus und Herz getragen, und sie fühlte sich zum ersten Male eins mit ihr. Es war begreiflich daß sie außer sich war.
Dann überwog die Sorge um Richard alles andere.
Wie würde er dies neue Mißgeschick tragen, das größer war als alle andern, die ihn bisher getroffen hatiens Der Arme, nun brauchte er freilich Trost--— — Und plötzlich fühlte sich Dora stark wie rla zuvor.
18. Kapitel.
Sein Kops lag müde an ihrer Brust und ihre weißen, schmalen Hände strichen unablässig darüber hin, in selbstvergessener Zärtlichkeit.
Sie wußte nun alles.
Stockend, mit abgerissenen Worten hatte er es ihr mitgeteilt.
Ein junger Rumäne, den niemand kannte, war plötzlich mit einem selbstkonstruierten Segelflugzeug aufgetaucht und versetzte alle Flieger durch seine Flüge in Ausregung.
Irgendwo in der wallachischen Ebene, wo er Lände- reien besaß, hatte er die Maschine ausprobiert. Nun war er damit an die Oeffentlichkeit getreten. Sein Apparat, seine Flüge waren Sensationen.
Ein Flieger, den Miß Hargreaves heute zufällig getroffen hatte, nannte die Flüge märchenhaft. Von ihm wußte Mabel die Details.
Es sollte ein Zweidecker sein mit Fallschirmvorrichtung und eingerichtet für drei Passagiere.
„Dein Märchenvogel kann vier Personen befördern!" warf Dora ein.
„Ja — aber —"
Tora beugce sich nieder und küßte ihm auf die Stirn. , "Tu bist wie alle Erfinder, doch nur ein großes Kind m manchen Dingen, mein Richard. Was Mabel dir erzählte, weiß sie doch nur vom Hörensagen. Wie kann wahr ist?"0 ^nen ^mutigen? Wer weiß, ob alles
„Leute, wie Pfannschmidt, würden nicht nach Bukarest reisen, wenn nicht Außerordentliches dort zu sehen wäre."
„Sie kennen doch aber deinen „Märchenvogel" noch gar nicht! Wer sagt dir denn, daß dieser Cusa Maneseu etwas Besseres, ja auch nur was Aehnliches zustande brächte wie du? Fallschirme haben schon viele verwendet, aber so sinnreich, wie der deine, war noch kei r!" _ Etwas wie Hoffnung glomm in seinem matten Blick auf.
„Du glaubst? Aber Miß Hargreaves sagt
„Mabel war aufgeregt, Ihr seid töricht, man doch selbst sehen!"
„Sie meinte, ich sollte nun sofort mit dem vogel" an die Oeffentlichkeit treten, um dem wenigstens die Priorität streitig zu machen."
Erst muß
,Mä-:chen- Rumänen
„Das scheint mir ganz unzweckmäßig zu sein. Ent- wederst er hat das gleiche System ausgeacbeitet — auf technische Steinig tuten kommt es dabei nicht an —, bann nutzt alles nichts. Er und nicht du wird als Erfinder gelten. Oder sein System ist anders, dann kannst du ruhig abwarten, bis der Sturm um ih: sich etwas gelegt hat, kannst den „Märchenvogel" erst raltisch erproben und schaffst dann eben einen neuen
Richard sah Dora staunend an.
Rctord.
Wie klug und ruhig sie die Zweifel, sie hatte recht. Was ihm sie glaubte unerschütterlich an ihn, luuyicuu jjiuu.ci uui> ^in sofort den Kopf verlor, ihn als besiegt ansah und erbittert wurde, als er nicht gleich blindlings ihren überstürzten Vorschlägen Gehör gab.
Lage erfaßte. Kein am meisten wrhltat,
während Makel vor-
Wie zornig und verächtlich hatte sie ihn angesehen, als er, noch ganz betäubt von dem Gehörten, nur--- schwieg.
Kein Wort der Teilnahme, nur eine rasende Wur, daß es nun nichts war mit der erhofften Sensation.
Und er hatte so oft gedacht, gerade Mabel allein wäre fähig, sein Streben und Wollen ganz zu begreifen!
In stummer Abbitte^streichelte er Doras Hand.
„Du bist so gut, du hast mir neuen Mut gegeben!" In fröhlichem Eifer stand sie auj. „Weiß du, was wir nun zu allererst tun müssen?"
„Nach Bukarest reisen und uns Herrn Manescu?- Apparat arischen."
„Dora?"
„Das ist doch selbstverständlich. Wir nehmen Meißnei mit. Niemand als wir vier kennen bisher dieKonstruktior des „Märchenvogel". Kein anderer kann entscheiden, ol der Rumäne etwas Aehnliches geschaffen hat. Wenn br einverstanden bist, reisen wir morgen früh."
„Morgen? Und übermorgen ist der heilige Abend, auf den du dich so sehr gefreut hast. Dein Baum ist jo schon halb ausgeschmückt--"
„Schadet nichts. Wir zünden ihn nach ber Rückkehr an. Das ist doch alles nebensächlich gegen die eine große Frage, die uns nun alle beschäftigt."
Jedes ihrer Worte war Balsam für seine eben noch wunde Seele.
„Ich will gleich Mabel verständigen und dann ein paar Worte an Meta schreiben, daß sie am heiligen Abend nicht zu uns kommen kann."
„Tut es dir denn nicht mehr leid? Ist es dir kein allzu schweres Opfer, Dora? Du sagtest erst ue.tltd), du könntest btr einen heiligen Abend nicht denken ohne Baum ober auswärts!"
„Ach geh, man sagt ja oft gedankenlos etwas. Mein Weihnachten heuer wird die Freude sein über deinen Triumph! Den wollen wir vier ganz heimlich feiern und du sollst sehen, es wird das schönste Weihnachtsfest sein, das wir je hatten."
„Und wenn es anders kommt? Wenn dieser fRu* mäne — — — ?"
„Dann wollen wir erst recht den Kopf nicht hangen lassen! 'Hast du nicht hinter dieser lieben Stirn noch eine Menge kluger Gedanken? sägtest du nicht selbst einmal, dein' Leben sei einer ernsten Sache, aber nicht äußerem Ruhm geweiht, der sie wohl vergolde, aber nicht wirklich hoch und groß mache?" m ,
„Ja, ich habe inzwischen begreifen gelernt, daß Ruhm und Geld eng aneinander hängen! Und da das Geld so nötig ist, wenn man — —"
„Tu mußt nur Geduld haben, Liebster! Selbst wenn du diesmal überflügelt würdest, was liegt daran? Das Werk, an dem Ihr alle arbeitet, wird ja doch gefördert dadurch. So wie andere aus deinen Erfahrungen lernten, würdest du eben mal aus fremden lernen, und — es ist ja nur um so besser machen!"
„Wie gut du trösten kannst, mein tapferer Kamerad. Es ist, als hättest du mit deinen lieben Händen die ganze Last von mir genommen, die Mabel Hargreaves auf mich warf!"
Dora schmiegte sich mit schalkhaftem Lächeln an seine Brust.
„Nun, zu etwas müssen wir deutschen Frauen doch auch gut sein. Wenn uns auch die „Großzügigkeit des Verstandes" fehlt, wie Mabel oft so liebenswürdig andeutet, so haben wir ein kleines dummes Herz in der Brust, das zuweilen in seiner Einfalt das richtige Wort findet.
Forts, folgt.