Nr 307.
fierzfeiüer Tageblatt
2. Blatt.
Deutscher Neujahr
Und wieder stehn wir an des Jahres Ende Und haben, ach, der Wünsche viel.
Wir wollen, daß sich unser Schicksal wende Und setzen unserm Volk ein großes Ziel.
Wir waren fest an Not und Leid gekettet, Der Zukunft schaun wir fragend ins Gesicht: Wann kommt die Stunde, die uns endlich rettet? Wann werden unsre Tage wieder licht?
Und an des ''ahres Schwelte taßt's uns sagen. Das Leid nur tragen ist allein nicht Kraft. Wer Großes will, der muß auch Großes wagen. Es ist die Tat, die neue Zukunft schafft.
Doch wenn das Volk schicksalverbittert 2n wildem Bruderkampfe sich zerbricht, Wenn es sich kraftlos selbst zersplittert. Wird unsre Zukunft unser Weltgericht.
Ihr deutschen Brüder, reichet euch die Hände, Es fehlt ja doch nur eine Kleinigkeit, Daß sich zum Guten unser Schicksal wende: Thu Einigkeit, Brüder, nur Einigkeit!
Jörg B e ß l e r - Gera.
RMmKrsaloeken
Von Werner Lenz.
Wenn des Jahres letzte Stunde aus ber_Seit in die Seit rinnt wie das lebte Sanduhr ^UL.
-'m^ lfw.tojft1 nr " i ^M«S>MM«^^^ ^em Menschlein die Minuten nachmitzt, und wenn aus dem Schatten der Vergangenheit über den flüchtigen, gegenwärtigen Augenblick hinweg des Schicksals Hand schon in der Zukunft Nebel deutet, pflegen die Menschen gern durch laute Lust bei Scherz und Gläserklang das innere Bangen zu übertönen oder das Herz gegenseitig zu frischfroher Hoffnung zu ermuntern Und es ist recht so, denn der „Mensch soll sich an den Menschen reihn" und sie sollen einander halt geben! Wer aber in der Einsamkeit Sammlung sucht, soll auch nicht gescholten oder gar daran gehindert werden, denn vielleicht will gerade in dem stillen Zauber der Silvesternacht ein Knösplein im Garten seiner Seele sich entfalten, Und auch wer in erzwungener Einsamkeit den lernst der Jahreswende voller erfühlt, als er es in der Gemein- Ichast mit Angehörigen und Freunden je vermochte, wird reiche Frucht in seiner Stille reifen sehen; jedoch wird er einen Gruß aus der Welt gern empfangen und zu ihr mit dem Beginn des neuen Jahres doppelt frohgemut zurück- finden!
Schon schwingt ein klingendes Grüßen durch die Nacht! Kirchenglockenklang verkündet die Jahreswende! Der Kranke im einsamen Stübchen lauscht nach den Tönen, die heiligem Orte entströmen. Wie ein Hoffnungsstrahl leuchtet es ihn an durch die Finsternis, seine Hände fügen sich einander: „Gib mir Gesundheit für das kommende Jahr gütiger Gott!" Ein wenig sinnt der Kranke noch, ein Lächeln geht über seine bleichen Züge, als er jubelnden Zuruf froher Menschen hört, damit schlummert er ein zur ersten, genesungbringenden Ruhe im neuen Jahre.
Weiter weht der Glocken Segensgruß! Droben am Waldrande, fern von der Stadt, steht vor seinem einsamen Häuslein der Bahnwärter. Er gibt gut acht, denn gleich — kurz nach Mitternacht — wird der Schnellzug daherbrausen nach ihm muß er die Weiche herumwerfen, daß neuen, anderen Reisenden freie Bahn geschaffen werde. Keine Turmuhr dringt zu ihm, der ihm Kunde gibt, wann sich dies Jahr in die Unendlichkeit versenke, eben tastet er durch den Wintermantel nach der Taschenuhr — da kommt ganz von weitem ein schwaches und doch noch volles Tönen! 'Der Alte nickt: „Die Glocken von St. Jakobi drüben hinter dem weiten Tannenwalds! Neujahristda!" Ein kurzes Gebet, ein Gedanke an die alte Stadtkirche, wo auch er eingefegnei, getraut und sein Weib begraben wurde, dann steht er wieder ganz in der Pflicht „Nun muß der D. 56 kommen!" Jawohl, da hinten glühen schon seine Augen! Ein Schüttern, ein Brausen, Qualm umschlägt den Streckenwärter, ein letzter Gruß der Schlußlaterne und ein Zug mit Menschenfracht ist im neuen Jahr verschwunden. Die Weiche fliegt herum, der Weg für neue Fahrt ist frei! Noch schwingen ein paar Klänge durch dir Luft, der Alte steht barhaupt und lauscht
Ein brummen und Brausen geht über eine weite, tief- verschneite Ebene. Mond und Sterne scheinen für sich Silvester zu zeiern, sie haben den grauen Wolkenvorhang zugezogen Auch gehen Nebelschwaden durch die Winter- lust. „Kein gutes Flugwetter", spricht der einsame Pitor sich zu. Ob ich wohl irreflog? Muß mal fünfzig Meter runter gellen!" Der Flieger drosselt den Motor kurz ab.
gleitet sachte vorabwärts. Feierliche Stille scheint sein vom Motor betäubtes Ohr zu umfangen, doch nein — was ist das: Kirchenglocken schallen deutlich zu ihm herauf! Neujahrsglocken! Mitternacht und Jahreswende! „Also habe ich doch recht gesteuert", atmet Der Mann im Führersitz erleichtert auf. „Und dort blinkt es ja auch schon Heller durch den Nebel! Also noch ein wenig mit eigener Kraft, und dann bin ich am Ziel!" Gleich darauf grüßt ihn ein Lichtzeichen vom Flughafen, wenige Minuten nach Zwölf landet er auf der umhegten Fläche. Da grüßt ihn schon sein alter Freund, der Platzmeister: „Pünktlich wie immer! Prost Neujahr!" — „Prost Neujahr!" gibt der Pilot zurück, ein Händedruck, er ist daheim. Und laut und mächtig schallen Glockengrüße über die beiden Männer der Pftichts - ,
Wann beginnt das neue Jahr?
Der Jahresanfang wurde in früheren Zeiten zu ganz verschiedenen Terminen gefeiert. Es sind Jahrhunderte darüber vergangen, ehe der 1. Januar allgemein erster Tag des Jahres wurde. Im Altertum konnten die Völker zu keiner einheitlichen Festlegung des Jahresbeginnes kommen; die einen bestimmten dazu den Frühlingsanfang, die anderen die Tages- und Nachtgleiche im gerbst Die Meinungen wurden noch verschiedener, als man anfing, die Jahre nach Christi Geburt zu zählen. Bei den Römern rechnete man zunächst das Jahr vom 1. März an, erst seit Numa Pompi- lius verlegte man den Jahresanfang auf den 1. Januar, bei den übrigen romanischen Völkern galten jedoch auch der 25. Dezember, der 25. März und der Ostersonntag als Jahreswende. In den Niederlanden wurde durch ein Edikt des ves Gregorianischen Kalenders zugleich der 1. Januar als Neujahrstag verckrdnet. In Frankreich war überall, wo das Jahr zu Ostern anfing, der Karfreitag als Neujahrstag gebräuchlich, in der Picardie galt aber der 1. Januar und im Sprengel von Reims bis zum 13. Jahrhundert der 25. März. Erst durch die Edikte der Jahre 1563 und 1576 wurde auch hier der 1. Januar eingeführt. '
In Deutschland begann das Jahr zur Zeit der Karolinger am 25. März und seit dem 10. Jahrhundert am Weih- nachtstage. Doch fand dieser Brauch nicht allgemeine Verbreitung; in Köln zum Beispiel begann das Jahr zu Ostern, obgleich dort 1310 durch ein Konzil Weihnachten als Jahresanfang verordnet wurde. In Straßburg und im Elsaß überhaupt war der 1. Januar bereits im 11. Jahrhundert der erste Tag eines neuen Jahres, der dann nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden, England und Frankreich die Bezeichnung Neujahrstag. erhielt.' ”
Alte Silvelterbröuche
Sternffngen — Hestigdreikömgsingen — MeP- und Kuchensingen.
Unter den alten Volksbräuchen, die sich trotz Fortschritt und Technik heute noch erhalten haben, gibt es auch mancherlei Silvesterbräuche, die man in den verschiedensten deutschen Gebieten kennen lernen kann. In Oberammergau, dem berühmten Passionsspieldorf Oberbayerns, ebenso im benachbarten Ettal und in manchen anderen Orten Oberbayerns findet man in der Silvesternacht das „Steannsingen" (Sternsingen) oder den Sternumgang, an dem die ganze Gemeinde teilnimmt. Mit Musik unb Gesang ziehen die Oberammergauer, einen mächtigen, von innen beleuchteten Stern mit dem Christus-. bilde vorantragend, von Haus zu Haus und singen die alten Sternlieder von Dedler, dem Tondichter der Pas- sionsmusik, und anderen. Dann bläst die Musik einen Tusch, und Kinder und Erwachsene rufen sich ein „Glück- selig's neu's Jahr" zu. Im Gasthaus endet das Sternsingen schließlich mit heiteren Weisen, und um Mitternacht wird das neue Jahr nochmals mit dem Sternlicht begrüßt.
Im B a y e r i s ch e n Wald findet man von den Weiy- naHtsseiertagen bis zum Dreikönigstag (6. Januar) das ,.Hciligdreikönigsingen". Die drei Weisen aus dem Morgenlande ziehen umher mit Krone und Pappstern und begleiten Maria mit dem Kinde und Josef. Vom ofenruß- geschwärzten Mohrenkönig bis zum wilden Klaubauf, der oftmals mitläuft, bilden die drei Königsänger eine originelle Gruppe, die durch ihr eigenartiges Mundartspiel sich größter Beliebtheit erfreut. In manchen Gegenden des „Waldes" läuft zur gleichen Zeit auch der garstig aufgeputzte Rauhnachtsänger umher, dem man auf seine Forderung hin, die er mit grober, verstellter Stimme singt, Krapfen an den Spieß steckt.
In der Gemeinde Atteln im Kreise Büren in Westfalen gehen die Arbeiterkinder zu Silvester zu den Bauern unb „singen Mehl in den Beutel", der ihnen an einer Schnur um den Hals hängt. Sie gehen von Hof zu Hof und rufen: „Miäl in den Bül", und die Bäuerinnen kommen ihrer Bitte nach. " ' ' '
Die Aeberraschung
Eine Sllvestergefchichte.
Von Carl Fritz I l l m e r.
Die Frau Geheimrat Wanda von Pankow hatte heut« einen eigentümlichen Brief bekommen, und der alte Briefträger mit den hellen, frohen Jungenaugen hatte so sonderbar gelächelt, als er ihr den kleinen, schmalen Umschlag über* reichte.
„Sonderbar — sonderbar. . . Wer mag sich da wohl einen kleinen Scherz erlaubt haben? . . . Seit dem Tode meines guten Harald und seit dem Tage, da mein lieber Jung' verschollen, führt der Weg des Briefträgers doch sei- ten in mein Haus und außer der fälligen Steuererklärung ober sonst einer Dienstsache habe ich ja nichts mehr zu erwarten", kam es von den Lippen der Frau Geheimrat.
Mit fiebernden Wangen und zitternden Händen hatte sie dann den weißen Briefumschlag ausgerissen, und ihre großen, dunklen Augen tranken die steilen, wohlbekannten Schriftzüge ....
„Eine Ueberraschung dürfte Ihnen der heutige Abend bringen ...
Ein Unbekannter.
Immer wieder hatte die Frau Geheimrat den sonderbaren Brief gelesen und immer wieder suchten ihre Augen das Bild des verschollenen Sohnes, denn der Brief konnte von ihm geschrieben sein. Es waren die steilen, bekannten Schriftzüge, die schon vor Jahren der Herr Rektor bemängelte, und es lag so viel Seele und Liebe in den Worten, die nur ein sehnendes Kinderherz in sich trug, und wob nicht ein süßer, eigener Zauber um bieten ein wenig vergilbten Bogen? ...
Lockre Heüuu^^u^^^^^^ELL-LM^WM^LDM en? Sollte er vielleicht als Gefangener verschleppt worden 'ein? Gewiß, Helnu.it hatte gegen die Kosaken gefochten, und diese Menschen konnten keine Gnade — schrien nach Blut Das war der Frau Geheimrat genügcnb bekannt. .
Die nahe Kirchturmuhr rief die siebente Abendstunde, als plötzlich die Türglocke im Hause her Frau Geheimrat Wanda von Pankow schellte, und man draußen ein lautes Räuspern vernahm
Wie aus einem bösen Traum erwacht fuhr die Frau Geheimrat empor und erregt, mit großen Augen eilte sie die Tür zu öffnen Sonderbar . . . sonderbar, zitterte ihre Stimme
„Guten Abend, Frau Geheimrat! Verzeihen Sie bitte meinen plötzlichen Besuch." entschuldigte sich der alte Rektor des Kepler-Gymnasiums und folgte der freundlichen Einladung der Frau Geheimrat
Behaglich hatte sich der alte Rektor in den warmen Lehnstuhl am Kamin niedergelassen, denn er fühlte sich ja hier wie daheim.
„Schauen Sie, gnädige Frau! — Diesen sonderbaren SBrief besam ich heute morgen, und er ist der Grund meines Kommens Vielleicht können Sie mir dieses Rätsel lösen." forschte die tiefe Stimme des Rektors, und seine lebhaften Augen flogen bald zu der stutzenden Frau Geheimrat, bald zu dem Bilde des verschollenen Sohnes hinüber
„Ich glaube, wir haben beide denselben Gedanken, Herr Rektor", warf plötzlich die Frau Geheimrat ein und sie er* zählte mit leiser Stimme ihre Hoffnungen und Wünsche
„Gewiß, wir sollen unsere Hoffnung und den Glauben
1 an das Leben und ein Wiedersehen nicht aufgeben, und auch ich halte es für nicht ausgeschlossen, daß Helmut noch am Leben ist", erwiderte Rektor Langhaus mit hellen Augen
„So laßt uns wieder lustig sein und alles Leid begraben", jubelte es von der Straße herauf, und die Frau Geheimrat und der alte Rektor sangen leise die frohe Melodie mit, und einige Sekunden schlössen sie ihre müden Augen
Leise, ganz leise hatte sich die weiße Tür geöffnet, und eine^schlanke Männergestalt stand in ihrem Rahmen. Wie die Sonne leuchteten zwei große dunkle Augen in das matt« beleuchtete Zimmer unb halb jauchzend — weinend — glücklich sang es in den stillen Abend: „Mutter!" „Helmut!" . . . „Mein Jung'" . . „Mein lieber Jung' . . .!"
Rektor Langhaus stand wie versteinert da, und seine Augen waren feucht von quellenden Tränen.
„Ja, Gott war mit mir Er zeigte mir den Weg in die Heimat und ließ mich meine Mutter finden, und einer alten Frau — einer Mutter, der meines Feindes, verdanke Ich mein Leben, denn — sie gab mich für ihren Sohn aus und betete für mich", triumphierte eine klare, helle Männerstimme und eine Kämpferhand füllte die feingeschliffenen Gläser.
„Auf das, was wir lieben! Auf unsere Zukunft! Auf unser heiliges deutsches Vaterland und seine stolzen, edlen Herzen! — Auf unsere Jugend, Herr Rektor, wollen mir an« stoßen, und mir geben uns der Hoffnung hin, daß uns dar neue Jahr auch ferner den Frieden erhalten möge und unser inniggeliebtes Vaterland blühe und gedeihe", klang es wie im Choral mit dem zwölften Schlage der großen Standuhr in das neue Jahr.