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Die Brüder

Vor einer Viertelstunde hatten sie Karsten Matthissen be­sinnungslos heimgebracht. Der Großknecht fand ihn drüben am Erlenbruch in einer Blutlache. Karsten wollte dort Wild­enten schießen; wahrscheinlich hatte sich sein Gewehr beim Überspringen des Grabens entladen und ihn getroffen.

Karsten war der Altere der zwei Brüder, und er würde nach des Vaters Tode Hof und Besitztum geerbt haben, so wie es Familienbrauch war. Von kleinauf hatte Jver gewußt, daß es so sein würde, und von kleinauf hegte er ein gewisses Neidgefühl gegen Karsten. Jver war es, als wenn die Stimme seiner Seele laut wür­de:Karsten liegt drin­nen auf den Tod, wenn Karsten stirbt, ist der Hof mein der Hof und Ule--"

Er blickte genauer, es war der Arzt das rotbraune Auto bog so­eben in den Feldweg.

Jver trat zum Tor, be­grüßte den Doktor, nahm den Jnstrumen- tenkoffer Md trug ihn zur Diele. Da zuckte er zusammen. Er sah Ule drüben vom Pertesen- hof her querfeldein ge­rannt kommen. Aha, die Schreckenskunde hatte sich schon ver­breitet. Liebe macht hellhörig! Fest und breitspurig schritt Jver dem Stalle zu, ein bit­terer Zug lag um seinen Mund.

Karsten", hallte es in ihm,ja, Karsten fiel alles zu/ nun auch Ule--" und wieder war es in ihm, als wenn die alten Eichen rausch­ten:Karsten liegt drin­nen und stirbt."--

Als Jver sah, daß | das Mädchen im Hause ; verschwunden war, trat : er wieder auf den Hof. r Da sah er den Doktor | in die Diele treten, in | Hemdsärmeln, die Un- t terarme bloß; er sprach | auf die Mutter ein. |Das wäre die Ret-

Neujahrsmufik auf dem Berliner Domturm

r tung, Frau Matthissen", hörte er den Arzt gerade sagen, |frisches Menschenblut in die Adern, dann bekommen wir ihn j durch, so ausgeblutet wage ich keinen Eingriff." Jver verstand, r Er hatte Zolch eine Blutübertragung einmal mit angesehen, r auf bem Schiff war es damals, als ein herabsausendes Tau | einem Matrosen den Arm vom Leib gerissen. Rasch ; trat er hinter das Haus. Die Mutter und der Arzt hatten | ihn noch nicht bemerkt.

rEs wird sich doch hier wohl ein Friesenjunge finden, ! der für hundert Mark für seinen Herrn etwas Blut hergibt", r fuhr der Arzt temperamentvoll fort.

Wenn ich dann verrecke, was nützen mir die hundert | Mark", hörte Jver den Pferdejungen maulig sagen, da sprang | er mit zwei Sätzen vor, schob den Bruschen beiseite, zog den | Rock aus und sagte heiser:Karsten Matthissen hat noch einen Bruder. Hier, Herr Doktor!"--

Der Arzt lächelte, besah Jver und meinte zu der alten | Frau:Da brauchen wir uns über die Blutgruppe keine

Sorgen zu machen, Frau Matthissen, Karsten wird kaum Be­schwerden von dieser Hilfe haben; sie sind von einem Holz!" Die Mutter hatte Jver mit einem langen Blick angesehen und war dann ins Haus gegangen.

Der Arzt hatte seinen Eingriff beendet. Beide Brüder lagen mit oerbunbenen Armen nebeneinander. Karstens Gesicht hatte sich gerötet. Jver war etwas blasser geworden, und er taumelte, als er jetzt aufftanb.

Langsam, langsam", mahnte der Arzt,,, wenn Ihnen dieser Eingriff auch keinen Schaden bringen wird, so müssen Sie sich jetzt doch ein paar Tage schonen. Pflegen Sie ihn gut, Frau Matthissen, geben Sie ihm jetzt starken Kaffee und dann alle Tage eine große Pulle Rot­wein. Den hier nehme ich mit ins Kranken­haus. Jetzt risfier ich's!,, * - Jver lag in der großen Stube auf der Polsterbank. Der Kopf war seltsam leer. Ihm schien es, als wenn Flie­gen darin summten. Da bemerkte er, wie Ule hereinkam und ein Kännchen Kaffee neben ihn stellte.Danke", sagte er, ohne sie an- zusehen. Sie setzte sich zu ihm und griff nach seiner Hand.

Jver, ich danke Dir", sagte sie, und ihre Stimme klang belegt. Kannst mir auch dan­ken", gab er rauh zurück. Jetzt könnt ihr im Herbst Hochzeiten", er kam nicht weiter, weil es ihm die Kehle zu- drückte. Das Mädchen war ganz still. Dann lachte sie plötzlich:Du Dummer," sagte sie, weißt du denn nicht, daß Karsten mit meiner Schwester heimlich ver­sprochen ist, laut soll's erst sein, wenn sie von Kiel heimkommt."

Jver fuhr herum

und starrte sie an.

Ja, du Dummer, unb wenn du nicht heute das getan hättest, würde ich's dir nicht gesagt haben. Ich will keinen Mann, der gegen den eigenen Bruder scheel guckt, weil er den Hof hat und er der Zweite ist. Aber ich sah, du bist anders" sie kam, nicht weiter.Dein Arm", mahnte sie noch mit letzter Kraft, ehe ihr Jvers Lippen den Mund verschlossen. Als sie wieder Luft bekam, sagte sie mit glänzenden Augen:

Und wenn Karsten Helga geheiratet hat, dann kommst du zu uns. Vater will den Hof verpachten, weil ihm der Rheu- maUsmus soviel zusetzt. Es ist zwar nicht der Matthissenhof, aber es ist Heimat und etwas Eigenes!"

Zum neuen Jahre Glück und Heil

Auf weh und wunden gute Salbe

Auf groben Rloy 'nen groben Reil

Auf einen Schelmen anderthalbe. Goethe.

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