Hersfelöer Tageblatt
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Amtlicher Anzeiger für ven Kreis Hersfelö in §rsfe^?Mttgtted^d2"M)^W^^"'
Nr. 302 <M« AlM)
Sonnabend, den 24. Dezember 1932
82. Jahrgang
Weshuachte»
Von Richard Posselt.
Die Menschheit sehnt sich nach Frieden. Diese Friedenssehnsucht ist schon Jahrtausende alt. Aber noch immer ist Unfrieden um uns. Die große Sehnsucht liegt irr aller Herzen und reicht doch nicht bis zum Verstände. Und als vor nunmehr rund 2000 Jahren in jener sternfunkelnden Dezembernacht der Engel Friedensgruß und Friedensverheißung die Hirten auf dem Felde erreichte, da ahnten sie, daß ein großes Glück über die Menschheit gekommen sei. „Friede aus Erden!" So klang es aus dem Munde der Engel, so zitterte es in den Herzen jener schlichten Menschen wider, die im Frieden der Natur aufgewachsen waren und sich doch nach Frieden sehnten.
Diese Sehnsucht nach Frieden ist nicht erstorben. Wenn die Adventszeit herangekommen ist und draußen der Winter seinen Einzug gehalten hat, wenn die Glocken einen eigenartigen, feierlichen Klang haben und die Menschen ein gleiches großes Geheimnis in sich tragen, dann wissen wir, daß Weihnachten gekommen ist, daß die Friedensbotschaft der Engel sich erneut. Kaum ein anderes sich jährlich wiederholendes Ereignis erfüllt so die Herzen der Menschen, ergreift so die Seelen wie gerade Weihnachten mit seiner Friedensbotschaft. Fast scheint es, als ob die Menschen in der Weihnachtszeit andere geworden wären, als ob ein friedlicher Geist sie erfüllte, als ob sie auf ein Wunder warteten. Das ist die heute noch fühlbare Auswirkung jener Friedensbotschaft der Engel von Bethlehem.
Warum diese unerfüllbare Sehnsucht nach Frieden, nach jenem Frieden, der nicht diktiert, nicht paraphiert, nicht erhandelt ist? Darin offenbart sich jener göttliche Geist, der im Menschen wohnt und der sich loszulosen sucht von den Schlacken dieses irdischen Lebens. Die Sehnsucht nach Frieden, nach innerer Ruhe, nach dem himmlischen Fernen ist es, die uns in der Weihnachtszeit so ganz erfüllt.
Und doch ist in der Welt kein Frieden. Dieselben Menschen, die sich nach Frieden sehnen vWjcn Hatz. Unrecht un» Gewalt. Man sprich: so aUwon ven ^umu .MMrn, die sich durch ihre Kultur, durch ihren geistigen und technischen Fortschritt hervortun gegenüber jenen Völkern, die gleichsam noch im Urzustand dahinleben. Und würde man sie nebeneinanderstellen und sie fragen, wer sich dem Frieder näher fühlt, der zivilisierte oder der unzivilisierte Mensch wir würden sehr wahrscheinlich die überzeugende Antwort von dem letzteren bekommen: „Seht, wir Wilden sind dock bessere Menschen!" Denn mit allem Fortschritt menschlicher Kultur hat die Seelenkultur der Menschheit nicht Schritt gehalten. Mit der verfeinerten Lebensart hat sich die Sucht nach übertriebenem Lebensgenuß gesteigert. Und da diesk Sucht sich nur auf Kosten anderer befriedigen ließ, so kam jener unselige Unfrieden über die Menschheit, dem wir täglich und stündlich Tribute zu zahlen haben.
Was wir im Leben des einzelnen beobachten, sehen wir auch im Leben der Völker. Ist es nicht ein Widersinn, vom „Versailler Frieden" ju sprechen, der nach französischer Erklärung ein „heiliger Vertrag" und für alle verpflichtend sein soll? Die Welt und die Menschheit wissen und empfinden es täglich aufs neue, daß jenes Diktat von Versailles keinen Frieden brächte, sondern die Welt in neue Unruhe, in neue Zerrüttung stürzte. Die Regierungen und Völker, die glaubten, in Versailles der Welt dieses Diktat als Friedensvertrag vorlegen zu können, haben damals zwar den Mut zur Unwahrheit, zum Unrecht und zum Verrat an Menschheit und Kultur gehabt, aber bis heute haben sie den gleichen Mut nicht aufgebracht, dieses furchibare Unrecht gegen den Frieden, gegen Menschheit und Kultur wieder zu beseitigen. Deshalb kann und will es nicht Frieden werden. Deshalb kann die Wirtschaft sich nicht von ihrem Niederdruck) erholen, kann der versöhnende Geist die Völker nicht umspannen. . . .
Bald werden die Weihnachtsglocken den Frieden des Himmels verkünden. Sie werden ihren frohlockenden Klang auch hinübertragen zum deutschen Land an der Saar. Und die Saarglocken werden den Ruf zum Glauben an Frieden und Freiheit aufnehmen, damit er in die Herzen derer ein- dringt, die sich bisher der Sehnsucht nach Frieden verschlossen haben.
Weihnachtsglocken! Sie haben einen besonderen Klang. Sie heben die Herzen aufwärts, damit sie den Stern erkennen, dem einst die drei Könige gefolgt sind zur Kuppe des Friedensfürsten. Die Menschheit sehnt sich nach diVem Frieden und wird auch diesmal mit besonderer Inbrunst die Botschaft der Engel in sich aufnehmen: Friede auf Erden!
Der Umfang der Winterhilfe
Kleben Millionen Personen werden betreut.
Berlin, 24. Dezember.
Ueber den Umfang der diesjährigen Winterhilfeaktion wird von unterrichteter Seite mitgeteilt, daß in diesem Jahre sieben Millionen Personen von der Winterhilfe betreut wer- oen. Im vergangenen Jahre belief sich die Zahl der Betreuten auf 4,5 Millionen.
Während im vorigen Jahre für die Fleischverbilli- gungsmahnahmen 17 Millionen und für Kohlenverbilligung 6,5 Millionen eingesetzt waren, ist in diesem Jahre diese Summe, wie gemeldet, mit 35 Millionen in Ansatz gebracht worden.
Endlich wieder Arbeit?
Rundsunkrede Dr. Gerekes über die Richtlinien des Arbeitsbeschaffungs-Programms
.LIensioe gegen die Arbeitslosigkeit"
Berlin, 24. Dezember.
Der Reichskommissar für die Arbeitsbeschaffung Dr. G e r e k e sprach im Rundfunk über das Arbeitsbeschafsungs- programm. Der Redner führte u. a. aus: Die Ausgaben für die gesamte Arbeitslosenfürsorge sind auf mehr als 3 Milliarden RM im Jahr gestiegen. Sie haben die Haushalte der öffentlichen Körperschaften auf dasstärkste er- -chuitert. Um den Zusammenbruch der öffentlichen Haushalte zu verhindern, sind infolgedessen überall einschneidend« Abstriche auf der Ausgabenseite vorgenommen. Von 192$ bis 1932 hat sich der Gesamtbetrag der öffentlichen Haushalte von 20,8 Milliarden RM auf 14,8 Milliarden RM vermindert! Von dem Unterschied entfällt aber ein sehr erheblicher Teil, und zwar mehr als die Hälfte, auf die Sach c ’ gaben der öffentlichen Hand, und das bedeutet wiederum daß auch die private Wirtschaft entsprechend weniger Aufträge von der öffentlichen Hand bekam.
Dringlichste Arbeiten
Es wird eine der vordringlichsten Aufgaben fein, daß die bisher geplanten und eingeleitelen Arbeiten beschleunig! durchgeführt werden. Das sind zunächst die Arbeiten mil einem Aufwand von 342 Millionen RM, die in der Hauptsache für Land- und Wasserstraßen, landwirtschaftliche Me lrorationen und für einige andere Zwecke dienen. Reben- her laufen die öffentlichen Rokstandsarbeiten sowie die $on- derprogramme der Reichsbahn in Höhe von 280 Millionen Kill und der Reichspost in Höhe von 60 Millionen RM Außerdem wird der Freiwillige Arbeitsdienst, der Anfang Dezember 285 000 Arbeitsdienstwillige beschäftigte, auch in den Wintermonaten im Rahmen des Möglichen weiterge- sührt werden.
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ferner W Förderung des Cigenheimbaues in den Haushaltsjahren 1933/34 20 Millionen bereitgestellt worden, aus denen schon jetzt kleine Hypotheken zum Bau von Eigenheimen zugesagt werden können Bei einem durchschnittlichen Darlehen von 1500 RM werden etwa 13 000 Eigenheime gefördert. Durch den Zwang für den Bauherrn, die übrigen Kosten selbst zu tragen, wird ein Arbeitseffekt von rund 100 Millionen RM erzielt. Um für Handwerk und Baugewerbe auch in den Wintermonaten weitere Ar- beitsmöglichkeiten zu schaffen werden die Maßnahmen zur Instandsetzung von Wohngebäuden, Teilung von Wohnungen Umbau gewerblicher Räume zu Wohnungen weiterge- fördert. Da über die bisherigen Reichszuschüsse in Höhe von 50 Millionen RM in kurzer Zeit verfügt ist, habe ich sichergestellt, daß zunächst mindestens weitere 50 Millionen bereitgestellt werden Da der Hausbesitzer das Mehrfache des Reichszuschusses aus eigenem beitragen muß, wird hier der tatsächliche Arbeitseffekt vervielfältigt. Nun aber der Kern des von mir seit längerem vorgeschlagenen öffentlichen Ar- beiisbefchaffungsprogramms
Für vorstädkifche Kleinsiedlungen und die Schaffung von Kleingärten sind in diesem Jahre 73 Millionen bereitgestellt und damit über 26 000 Siedlerstellen und über 74 OVO Kleingärten geschaffen worden. Weitere 10 Millionen ge- * langen zur Verteilung. Ziel ist, übersetzte Industriezentren aufzulockern und die bevölkerungspolitisch notwendige Umschichtung und Hinführung zum Lande zu fördern. Dabei denke ich an eine nebenberufliche Landsiedlung, die den Siedler befähigt, seinen Lebensunterhalt zum Teil aus seiner Lohnarbeit, zum anderen Teil aus seiner eigenen Scholle zu gewinnen. Diesem Ziele, möglichst viel Dauer- existenzen zu schaffen, muß auch die verstärkte bäuerliche Siedlung dienen.
Lellentliche Arbeitsbeschaffung
Sie wissen, daß ich seit langem dafür eingetreten bin, eine möglichst umfassende Arbeitsbeschaffung durch die öffentliche Hand zu erreichen.
Gelingt es nicht, die öffentlichen Arbeiten wenigstens teilweise wieder durchzuführen» dann werden wesentliche . Zweige der Privatwirtschaft ohne Aufträge bleiben. Es be- ' steht also keinerlei Gegensatz zwischen einem öffentlichen Ar- 1 beiksbefchasfungsprogramm und den Interessen der Privatwirtschaft. Gerade in Krisenzeiten wie den heutigen, ist es Pflicht der öffentlichen Hand, der Privatwirtschaft auch durch Arbeitsaufträge neben der notwendigen steuerlichen Entlastung jede nur mögliche Unterstützung angedeihen zu lassen.
Räch diesem Sofortprogramm erhalten Träger öffentlicher Arbeiten zunächst bis 500 Millionen RM Darlehen. Die Sicherheit der Währung ist auch für mich selbstverständliche Voraussetzung für jede' Arbeitsbeschaffung. Als Darlehensgeber sind die Gesellschaft für öffentliche Arbeiten und die Henk :bankkredikanstalt vorgesehen. Träger der Arbeit können zunächst nur Reich, Länder, Gemeinden, Gemeindever- bände, sonstige Körperschaften des öffentlichen Rechts sowie gemischtwirtschaftliche Versorgungsbetriebe sein.
Ästige Tilgungsfriften
So sehr ich Wert darauf lege, daß die Arbeitsbeschaffung zentral überwacht wird, so sehr verfolge ich andererseits den Grundsatz gesunder Dezentralisation bei der Auswahl der Arbeitsprojekte. Alle öffentlichen Körperschaften sollen von sich aus die,.Initiative ergreifen und beschließen, welche Ar-
Venen für |ie vordringlich und unentbehrlich sind. Die Darlehen sind von den Darlehensnehmern in gleichen Raten zu tilgen. Bei einer Tilgungszeit von beispielsweise 20 Jahren beträgt die Rente jährlich 6 Prozent des Darlehens. Bei längerer oder kürzerer Tilgungszeit tritt eine entsprechende Verminderung oder Erhöhung der Rente ein. Die übrigen Kosten des Kapitaldienstes trägt das Reich. Außerdem werden zwei Freijahre vorgesehen In Ausnahmefällen kann eine Verlängerung um ein Jahr zugestanden werden.
Sämtliche Arbeiten müssen volkswirtschaftlich wertvoll und notwendig sein Sie müssen möglichst im Laufe des Jahres 1933 beendet werden und vorwiegend der Instandsetzung und Verbesserung vorhandener Anlagen dienen. Es ist einer der Grundgedanken meines Programms, durch Ueberwa- chung der öffentlichen Arbeitsbeschaffung Fehlinvestitionen auszuschließen.
Botter Tariflohn — 46-Stundenwoche
Die Vergebung der Arbeiten soll grundsätzlich an Unternehmer erfolgen, wobei die Vergebung der Arbeiten an Generalunternehmer möglichst auszuschalten ist. Die mittleren und kleineren Betriebe in Handwerk und Gewerbe sind ausreichend zu berücksichtigen. Schwarzarbeit muß unterbun- I den werden. Im Rahmen des technisch Vertretbaren soll menschliche Arbeitskraft den Vorrang vor der Maschine haben. Außerdeutsche Baustoffe dürfen nur verwendet werden, wenn geeignete inländische Baustoffe nicht beschafft werden können. Bei Reueinstellungen dürfen nur inländische Erwerbslose berücksichtigt werden, die durch die Arbeitsämter vermittelt werden, vornehmlich sollen langfristig erwerbslose Familienernährer, vor allem kinderreiche, berücksichtigt werden. Die bei den Arbeiten beschäftigten Arbeitnehmer sind zu den geltenden Tarifsätzen zu entlohnen. Um möglichst treten Deutschen Arbeit schaffen zu können, soll die Arbeitszeit 40 Stunden wöchentlich nicht überschreiten.
au HMugmMp M,M_^zelüeu Kredite muffen u gestaltet werden, daß sie auch den in schwerster Bedrängnis befindlichen Kommunen die Möglichkeit geben, im Jnter- e;je der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Kredite aufzuneh- men. Wenn von anderer Seite erklärt wird, erst müsse eine Sanierung der Haushalte erfolgen, müsse ein gerechter Finanz- und Lastenausgleich da sein, müsse die Umschuldung durchgeführt sein, dann glaube ich, daß wir in der heutigen Not der Arbeitslosen gar nicht warten können, bis all das durchgeführt ist. Ich weiß, daß auch noch andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, die aber in die heutige Betrachtung nicht hineingehören.
Ich habe die dringende Bitte an alle Deutschen, daß jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten mithilst, unser deutsches Schicksalsproblem zu lösen. Arbeit schaffen, bedeutet auch, Vertrauen schaffen. Wir brauchen beides, Arbeit und Vertrauen. Ich werde, mögen die Hindernisse auch noch so groß & alles daran setzen, daß eine große Offensive gegen die eitslosigkeit beginnen kann, damit uns alle nicht nur die Hoffnung, sondern der feste Glaube an die deutsche Zukunft erfüllt!
Reichstag erst im Sammt
Aslkestenrat am 29. Dezember?
Berlin, 24. Dezember.
Der Reichspräsident empfing den Reichskanzler- von Schleicher zum Bortrag. Ferner empfing der Reichspräsident den Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung Dr. Ge- reke zum Bericht über die bisher geplanten Maßnahmen des öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogramms.
Reichstagspräsident ©Bring hat sich in Erledigung des kommunistischen Antrages auf Einberufung des Äelte- stenrares des Reichstages für den 27. Dezember an die Aeltestenratsmitglieder der übrigen Fraktionen gewandt, um ihre Wünsche hinsichtlich des Termins zu hören. Da die meisten Aeltestenratsmitglieder gegenwärtig verreist sind, wird sich die Beantwortung einige Tage hinziehen, so daß der Termin des 27. Dezeinber überhaupt nicht mehr in Frage kommt.
Wie verlautet, wird die nächste Sitzung des Aeltesten- cates frühestens am Donnerstag, den 29. Dezember stattfin- den. Damit würde auch ein Zusammentritt des Reichstages zwischen Weihnachten und Reujahr technisch nicht mehr durchzuführen sein. In der letzten Sitzung des Aelle- stenrates war ein Zusammentritt in der Weihnachtswoche angeregt worden. Es ist nunmehr bestimmt damit zu rechnen, daß der Reichstag erst im Januar wieder Zusammentritt.
BiirgermeWerwabl in Hamburg
Hamburg, 24. Dezember.
Der Senat hat für das Jahr 1933 Bürgermeister Du. Karl Petersen zum 1. Bürgermeister und Bürgermeister Rudolf Roß zum 2. Bürgermeister gewählt.
Aus dieser Wiederwahl der beiden Herren in ihre Aemter geht hervor, daß der Senat sich entschlossen hat, an der in den letzten Jahren üblichen zweijährigen Periode für den Wechsel in den Bürgermeisterämtern festzu^-lten.