Amerika verständigungsbereit
Kompromiß mit Frankreich gesucht.
Paris, 18. Dezember.
Havas berichtet aus Washington, daß das Staatsdepartement in der Frage der Zahlung der französischen Schulden ein Kompromiß suche, um der französischen öffentlichen Metz nUng Genugtuung zu geben.
Man denke an eine Lösung, daß Frankreich mit dem Vorbehalt zahle, daß dies die letzte Zahlung vor der allgemeinen Revision der Schulden sei. Ueber die Absichten der Präsidenten der vereinigten Staaten wisse man nur, daß e, die Rationen, die ihre Schulden bezahlt haben, anders behandeln werde als die, die nicht gezahlt haben.
Hoover habe seine Botschaft an den Kongreß deshalb verzögert, um einerseits Frankreich Zeit zu geben, doch noch zu zahlen. Die Forderung der französischen Kammer, die eine allgemeine Schuldenkonferenz wünsche, finde im Kongreß keinen Widerhall. Der New Yorker Korrespondent des „Petit Parisien" berichtet ebenfalls, daß die amerikanische Regierung bereit sein solle, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um einem neuen französischen Kabinett die Wiederaufnahme von Verhandlungen zu erleichtern. Staatssekretär Stimson habe dem französischen Botschafter Claudel diese Versicherung gegeben.
Polen bleibt bei ber Weigerung
In der nunmehr in Warschau eingetroffenen ameri- konischen Antwort auf die letzte polnische Schuldennote wird das Ansuchen Polens um Stundung der im Dezember fälligen Schuldenzahlung abgelehnt. Zwischen Ministerpräsi- dent, Außenminister und Finanzminister fand eine Sitzung statt, um die neue polnische Antwort auszuarbeiten. Es bleib! bei dem polnischen Beschluß, die fälligen drei Mil- lronen Dollar gegenwärtig nicht zu zahlen. Wie verlautet, schlagt die neue polnische Note eine polnisch-amerikanische Aussprache über die zukünftige Schuldenregelung vor.
Gegen die Gesangeneaarbeit
Ein Beschluß des preußischen Handelsausschusses.
Berlin, 18. Dezember.
3m Handelsausschuß des preußischen Landtags mürben nationalsozialistische Anträge angenommen, die das Staatsministerium ersuchen, den Gefängnissen und Zuchthäusern jegliche Arbeit zu untersagen, die geeignet ist, bestimmte Zweige des steuerzahlenden Handwerks und Gewerbes zu gefährden und deren Angehörige um ihre Existenz zu bringen.
Auch wurde die Regierung ersucht, auf das Reich ein- zuwirken, daß der Korbweidenanbau und die Faßreifenfabrikation . in höherem Maße als bisher vor dem ausländischen Wettbewerb geschützt werden.
Der litauische Memelhasen eingeweiht
Memel, 19. Dezember. In Anwesenheit zahlreicher Behördenvertreter wurde am Sonnabendmillag das neue Memeler Hafenbecken eingeweiht. Gouverneur Gylys wies auf die Wichtigkeit des Hafens für den litauischen Staat hin. Das Sichbefestigen an der Ostsee sei „die Erfüllung des Testamentes Vigtautas des Großen", und das ganze litauische Volk sei bereit, für diese Idee weitere Opfer zu bringen.
Plünderung von Lebensmittelgeschasten
Berlin, 19. Dezember.
An fünf verschiedenen Stellen der Stadt verübten Sonnabend kurz vor Ladenschluß junge Burschen Ueber- fälle auf Lebensmittelgeschäfte und entkamen unerkannt. Im Norden wurden sechs große Fensterscheiben einer Geflügelhandlung eingeschlagen und Waren geraubt.
Die Polizei verhaftete eine Anzahl Kommunisten, aus deren Demonstrationszug im Nordosten ein Schuß fiel. Weiter wurde in Köpenick ein kommunistischer Demonstrationszug aufgelöst.
llmftvrzplav in Argentinien aufgedeill
Bomben- und Waffenlager gefunden. — Die Anführer verhaftet.
Buenos Aires, 18. Dezember.
Die Polizei hat ein Lager von 1000 Bomben in der Wohnung eines Führers der radikalen Partei beschlagnahmt, desgleichen bei einem früheren Polizeikommissar ein Waffenlager. Es soll sich um einen Umsturzplan handeln, dessen Rädelsführer verhaftet worden seien, darunter der frühere Oberst Eattano.
Die Verschwörung ist durch die zufällige Explosion einer Bombe aus Tageslicht gekommen. Diese Explosion führte zu der Entdeckung, daß sich in einem Haus innerhalb der Bannmeile ein ganzes Bombenlager befand. Die Bewohner des Hauses flohen, vergaßen aber eine Lifte mit 60 Namen mitzunehmen, so daß die Polizei sofort zahlreiche Verhaftungen vornehmen konnte. Der Kriegsminister teilt mit, daß die Armee in keinerlei Zusammenhang mit den Verschwörerkreisen stehe, daß diese vielmehr unter der Anhängerschaft Irigoyens zu.suchen seien. Eine Menge radikaler Elemente, die versuchte, in der Hauptstraße der Stadt zu demonstrieren, wurde von berittener Polizei zerstreut.
Die Regierung bat einen Aufruf an das Volk erlassen, in dem mitgeteilk wird, daß eine weitverzweigte Verschwörung entdeckt worden sei, die den Zweck verfolgte, die Mitglieder der Regierung und hochstehende Persönlichkeiten zu ermorden und öffentliche Gebäude zu zerstören. Die Regierung fordere unter diesen Umständen die Bevölkerung zur Ruhe auf; denn strenge Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung seien getroffen. Die früheren Präsidenten Jrigoyen und de Alvear sind verhaftet worden; sie sollen ausgewiesen werden. Die Regierung will den Belagerungszustand verhängen.
Der Weg der NSDAP.
Hitler spricht in Halle und Magdeburg.
Halle, 19. Dezember. Adolf Hitler sprach vor etwa 2000 Amtswaltern und Ortsgruppenleitern aus Mittel- deutschland über den künftigen Weg der NSDAP. Nach der Darlegung der Gründe, warum er nicht in die Regierung ging, sagte er, daß seine Partei die Macht und die politische Führung ohne jede Klausel und Einschränkung verlangt. Dem vielfach geäußerten Wunsch habe man nicht folgen können, in die Regierung zu gehen und dann „von innen heraus zu arbeiten". Die Stärke der NSDAP liege in der Klarheit des Wollens, in der Treue, in der Größe der Zahl und in der Idee. Auf dieser Ebene scheint sie unbesiegbar, aber auf dem Parkett der Intrigen und der Klauseln, da werde sie mit ihren harten, genagelten Stiefeln nicht so sicher stehen wie die anderen in ihren Lackschuhen. Die anderen aber würden auf ihrem Parkett beim Tanzturnier weit schneller müde werden als die Nationalsozialisten draußen in der frischen Luft des Volkes.
Am Sonntag sprach dann Adolf Hitler vor 4000 Amtswaltern des Gaues Magdeburg - Anhalt der NSDAP. Nach ähnlichen Ausführungen wie in Halle sagte er dann, daß er sich und die NSDAP niemals für ein Linsengericht verkaufe. Die Macht dürfe der National- soxialiEns mir-Mitn-w+rmtrt, wernver überzeugt sei, daß er sie auch halten könne. Wenn man einmal nach Berlin gehe, dürfe man nicht wieder herausgehen. Hitler erklärte zum Schluß: Wenn irgendeiner das Ziel verlasse, so kümmere ihn das nicht. Er werde bleiben, und wenn das Schiff zugrunde gehe.
Essen, 19. Dezember. In der Amtswaltertagung des Gaues Essen der NSDAP erklärte Dr. Goebbels in bezug auf die Nnnachgiebigkeit der NSDAP bei der letzten Regierungsbildung, die Nationalsozialisten müßten noch radikaler werden. Wenn der Nationalsozialismus zusam- menbreche, komme der Bolschewismus. Die letzte Wahlniederlage, die er offen zugebe, sei in Wirklichkeit keine Niederlage, sondern auf die Absonderung der Mitläufer und Konjunkturhyänen zurückzuführen. In der Zeit des Burgfriedens gelte es, die Partei zu überholen, damit sie am 2. Januar, wenn der Startschuß ertöne, gleich i wieder in die Arena hineinrasen könne.
Exner-Medaille für Geheimrat Bosch.
Für seine Verdienste um die Verbindung von Wissenschaft und Technik wurde dem Generaldirektor der I. G. Farben in der Vollversammlung des niederösterreichischen Gewerbe-Vereins die Wilhelm-Exner-Medaille überreicht.
Zuchthaus für den Kriegsoerröter
Jäger vom Reichsgericht überführt.
Leipzig, 18. Dezember.
Vom Vierten Strafsenat des Reichsgerichts wurde das Urteil in dem von zahlreichen Kriegsteilnehmern mit gro« Ber Spannung verfolgten Prozeß gegen den Kraftfahrer August Jäger aus Erfurt verkündet. Dem Angefchuldigten war zur Last gelegt worden, in der Nacht zum 14. April 1915 in Langemarck in der Absicht zu den Gegnern über- gelaufen zu sein, den in diesem Frontabschnitt geplanten ersten deutschen Gasangriff zu verraten.
Zager wurde wegen Verbrechens gegen § 58 Ziffer 8 des Blilitärstrafgesetzbuches lkriegsverrat) zu zehn Zahren Zuchthaus und zehn Zahren Ehrverlust unter Anrechnung von li% Monaten Untersuchungshaft verurteilt. Der Slaatsamvalt hatte vierzehn Zahre Zuchthaus gegen den Angeklagten beantragt.
Bei der Urteilsbegründung betonte der Vorsitzende, der Artikel des französischen Generals Ferry habe natürlich nicht als prozessuales Beweismaterial im Sinne einer Zeugenaussage verwendet werden können. Doch würden die darin enthaltenen Angaben im wesentlichen durch die Aussagen der im jetzigen Hauptverfahren vernommenen Zeugen bestätigt Die ehemaligen Kameraden des Angeklagten seien durchweg der Meinung, er habe sich in der Nacht vom 13. zum 14. 4. kuckst in das Hintergelände begeben, sondern sei zum Feind übergelaufen, was er übrigens selbst viele Jahre später einem alten Bekannten aus Jena gegenüber zugegeben habe. Nur wolle er keinen Verrat des Gasangriffs begangen haben. Doch auch das erachte der Senat für widerlegt.
Deutfchsvrecheu verboten!
Prag, 18. Dezember.
Auf der Sofieninsel in Prag, offiziell „Slawische Insel genannt, ist eine städtische Badeanstalt. Dort wurde folgende Tafel angebracht:
An die P. T. Besucher! Erinnern Sie sich, daß Sie sich auf der Slawischen Insel befinden, auf tschechischem Boden und in einem tschechischen Unternehmen! Richten Sie danach Ihr Benehmen ein! Der Rat der Hauptstadt Prag.
Der Sinn dieses neuesten Beweises des engstirnigsten und dreisten Chauvinismus vom Geiste Baxas ist: Deutschsprechen ist verboten! Wer deutsch spricht, fliegt! Tschechische Zeitungen sind traurig, daß diese Verbotstafel erst getzen Ende der Badesaison angebracht worden ist und wünschen, daß solche Tafeln auch auf der Präger Straße aufgehangt werden.
Zwei Schwestern werden glücklich
Roman von Helma von Hellermann
Copyright b, Martin Feuehtwanger, Halle (Saal*)
[45
„Daher der Schmerz in Ihrer Stimmet" sagte Barbara leise.
Er nickte nur. Ein langes Schweigen umspann die beiden Menschen, die der Zufall zusammengeweht hatte. Barbara war durch die Erzählung des Fremden bis ins Innerste erschüttert. War ihr Brigittes Schmerz klein gegen ihren eigenen erschienen, so dünkte sie der jetzt auf einmal unwichtig gegen das schwere Leid, das auf diesem Manne lastete, der allabendlich beifallumbraust auf der Bühne gestanden und gesungen hatte, während die geliebte Frau sich sterbend in tausend Schmerzen wand.
„Werden Sie auch weiterhin im Hotel bleiben?" erkundigte sie sich aus ihren Gedanken heraus.
„Wahrscheinlich, gnädige Frau! Was nützte jetzt die schönste Häuslichkeit?"
„Ich dachte an das Kind."
Der Sänger krauste bekümmert die Stirn. „Ja, ich weiß! Die Pflegerin ist ja ganz gut; aber sie kann die Mutter doch nicht ersetzen. Nelly müßte in andere Umgebung — aber wohin? Ein Waisenhaus ist ausgeschlossen, eine Schule zu nüchtern und kalt für das Kind, das an viel Liebe gewöhnt ist." Er seufzte. „Wenn ich nur ein passendes Heim wüßte —" Wieder streifte sein Blick Barbaras Gesicht.
„Sie haben gewiß eigene Kinder, gnädige Frau?"
Sie lächelte, errötete wider Willen ein wenig.
„Warum glauben Sie das?"
„Weil Sie so etwas Mütterliches an sich haben. Schon wie Sie meine Kleine halten, verrät liebende Sorglichkeil für hilflose Geschöpfe."
„Ich bin unverheiratet", sagte Barbara ruhig. Ihre grauen Augen blickten ihn klar und freundlich an. „Doch
das Sorgen für andere bin ich gewöhnt. Meine Mutter war viel krank. Als die Eltern starben, brauchte mich mein Sc^vesterlein, das um volle zwölf Jahre jünger ist als ich. Aber dieser Sorge werde ich wohl bald enthoben sein."
„Ihre Schwester heiratet?"
„Wahrscheinlich!"
„Da wären Sie ja allein — und frei —" Wieder hing sein Blick an dem guten Gesicht, das sich nun liebevoll über sein Kind beugte. Er schien über etwas nachzudenken.
Da regte sich plötzlich die Kleine, schlug die Augen auf, sah verständnislos in das über sie geneigte gütige Frauen- antlitz, um freudig den Herrn daneben zu gewahren.
„Papi, Papi!" Die Aermchen streckten sich ihm verlangend entgegen.
Sofort hob Barbara die Kleine hoch und reichte sie lächelnd dem Vater, der sein Töchterchen zärtlich in die Arme schloß „Warum bist du ohne mich hierher gelaufen, Nellylein?" fragte er vorwurfsvoll. „Den weiten Weg, ganz allein? Papi hat sich so geängstigt!"
„Du warst doch nicht da, und Schwester Anna auch nicht — und da wollte ich zu Mami!" Der dunkle Lockenkopf kuschelte sich tief in des Vater Schulter.
„Und da kam ich dazu, und nun weißt du, daß dein liebes Mütterlein im Himmel ist — nicht wahr?" vollendete Barbara hastig, das Zucken des kleinen Mundes gewahrend. „Sieh mal, da grüßt sie dich schon!" Auf den Feuerball weisend, der sich soeben siegreich durch die Wolken gekämpft und rotgolden durch die Nebelschleier glühte. „Ist das nicht schön?"
Die Kleine hob den Kopf, guckte mit blinkenden Lidern ernsthaft in den leuchtenden Glanz — und dann auf Barbara, die den Hut neben sich gelegt hatte. „Du hast lauter Lichter im Haar. Ich mag dich leiden! Wie heißt du denn?"
„Barbara — Barbara Pohl! Aber mein Schwesterchen nennt mich Bärbel."
Die Kleine nickte. „Das ist ein schöner Name! Du bist überhaupt ganz fd)ön — ich will dich auch Bärbel nennen!'
Die Kleine machte eine aufschnellend« Beweg u»a w
ihr hin. Barbara beugte sich herab und drückte ..... weich auf das lockige Haar.
Der Fremde sah auf seine Uhr, erhob sich ]uju.. das Kind auf den Arm.
„Schon sieben Uhr — du muht dein Abendbrot habeu. Schwester Anna wird sich schön ängstigen. Geschieht ihr aber ganz recht — warum muß sie immer mit dem Portier schwatzen. Gottlob lief ja alles gut ab — wofür ich in erster Linie Ihnen zu danken habe, gnädiges Fräulein!" Ein fester Händedruck umspannte Barbaras Rechte.
„Tante Bärbel soll mit mir Abendbrot essen und mich ins Äettchen bringen", forderte Relly von ihrem hohen Sitz herab. „Ich will dich auch nicht planschen beim Baden! Aber wenn du beim Kämmen ziepst, dann darf ich doch au! schreien — nich?"
Barbara lachte. Ihre gesunden, weißen Zähne blitzten im Licht der untergehenden Sonne. „Heute kann ich nicht mitkommen, Herzlein, aber ein andermal", vertröstete sie. „Vielleicht erlaubt dein Vater, daß wir einmal zusammen in den Zoo gehen - da gibt es jetzt reizende Löwen- und Bärenbabhs und junge Rehlein und komische kleine Ziegen- böckchen — das wäre etwas für dich!"
„Mit tausend Freuden und herzlichem Dank, gnädiges Fräulein! Dürfen wir Sie anrufen, oder wollen Sie — ? Ich wohne im Hotel.National', hier in der Nähe — wollte möglichst unerkannt bleiben. Herrgott, in der Aufregung habe ich wohl ganz vergessen, mich vorzustellen - ver- zeihen Sie nur! Berger, Georg Berger!"
Mit höflicher Gebärde wies Kammersänger Berger aus die Limousine, deren Chauffeur mit abgezogener Mütze am geöffneten Schlage stand: „Dürfen wir Sie mitnehmen, gnädiges Fräulein?"
Aber Barbara lehnte dankend ab. „Ich möchte lieber zu Fuß gehen, habe noch einige Bes«amngen zu machen." Sie streichelte die Hand deS Keinen Mädchens, d— Man t* Bey* M «K eifrig nach ihr hascht» ,Mi ***** MbM, ich vergehe nicht - * e** *^ fh«mM in