Die Genfer Lösungsverfuche
Die Verhandlungen gehen weiter.
Genf, 10. Dezember. Die gestrigen Besprechungen der fünf Mächte waren gegen 12 Uhr nachts beendet. Van englischer Seite verlautet, dah versucht wurde, eine befriedigende Formel zu finden, welche die Lösung der Gleichberechtigungs- und der Sicherheitsfraae innerhalb bei Konferenz sicherstellen und damit die Rückkehr Deutschlands zu der Konferenz ermöglichen würde. Von deutscher Seite seien in diesem Sinne brauchbare Anregungen gegeben worden, die zu einer ausgedehnten Aussprache, aber noch zu keiner endgültigen Entscheidung führten.
Heute vormittag werde man in Einzelbesprechungen und gegebenenfalls in einem Redaktionskomitee die Fragen weiter behandeln. Nachmittags soll die Fünfer-Kon- feren zwieder zusammentreten. Wie lange die Verhandlungen noch dauern werden, kann im Augenblick noch nicht übersehen werden.
Amerikas Antwort an Frankreich
Zahlung Vorbedingung für spätere Diskussionen.
Washington, 10. Dezember. Die amerikanische Antwortnote auf die zweite französische Schuldennote ist im wesentlichen mit der Antwort an England identisch. Sehr deutlich wird die Note jedoch in der Feststellung, daß nach Ansicht der amerikanischen Regierungskreise die Zahlung der französischen Dezemberrate weder Frankreichs wirtschaftliche Erholung noch die französische Währung irgendwie ungünstig beeinflusse. Frankreich habe sehr reichliche Goldvorräte. Der Transfer mache keine Schwierigkeiten. Die Note schließt mit der ernsten Mahnung, die Zahlung am 15. Dezember sei wichtig, wenn man einer späteren Diskussion des Schuldenproblems den Weg ebnen wolle.
Inhalt und Ton der Note spiegeln die scharfe Verstimmung wieder, die die Haltung Frankreichs in der Schulden- und Abrüstungsfrage sowohl im Kongreß als auch in der Presse Amerikas hervorgerufen hat.
Gibt Frankreich nach?
Parrs, 10. Dezember. Der Kammerausschuß für aus- wär ■ • Angelegenheiten hat mit 21 Stimmen bei drei Lnthutmngen eine Formel angenommen, die
eine bedingte Zahlung an Amerika wrsieht, und zwar bedingt durch die Einberufung einer Konferenz, die mit der Revision des Schuldenproblems beauftragt werden muß. Der Finanzausschuß der Kammer seinerseits hat sich mit 26 gegen fünf Stimmen bei neun Enthaltungen gegen eine bedingungslose Zahlung ausgesprochen.
Mandschurel-Konflitt vertagt Schluß der Völkerbundsversammlung.
Genf, 10. Dezember.
Die Völkerbundsversammlung hat zu dem chinesisch- japanischen Konflikt eine vom Präsidium vorgeschlagene Ent- schl-eßung angenommen, in der der Neunzehner-Ausschuh von der Versammlung beauftragt wird, erstens den Bericht der Studienkommission, die Bemerkung der Parteien sowie die in der Versammlung, in welcher Form auch immer, zum Ausdruck gebrachten Meinungen und Anregungen zu prüfen, zweitens Vorschläge zur Regelung des Streitfalles auszuar- beiten, und drittens diese Vorschläge der Versammlung in kürzester Frist vorzulegen.
Ein festes Datum für den Zusammentritt des Neunzehner-Ausschusses ist noch nicht vorgesehen. Die Annahme der Entschließung erfolgte ohne Aussprache.
In namentlicher geheimer Abstimmung bestätigte die Völkerbundsversammlung sodann die bereits vom Völkerbundsrat im September vorgenommene Wahl des stell Der» tretenden Generalsekretärs Aoenol zum Generalsekretär. Für Aoenol wurden heute 42 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung und einer Nein-Stimme abgegeben. Einstimmig wurde eine von mehreren Delegationen eingebrachte Entschließung angenommen, in der — entsprechend einer Sitte der romanischen Länder — ausgesprochen wird, daß der bisherige Generalsekretär sich um den Völkerbund wohl verdient gemacht habe
Allerlei Neuigkeiten
Selbstmord eines SparkassenleUers. Der Geschäftsfüh- rer der Eutiner Spar- und Darlehenskasse, Franz Fentscchn, hat Selbstmord verübt. Er ließ sich von dem aus Lübeck kommenden Eilzug überfahren. Gegen Fentscchn, der 25 Jahre alt und seit Juni d. J. bei der Spar- und Darlehenskasse tätig ist, schwebte ein Ermittlungsverfahren wegen Unterschlagung.
Brand auf dem Hamburger Dom. Aus dem Hamburger Dom, dem Weihnachtsmarkt, entstand in einer der Hauptreihen der Vergnügungsstadt aus noch nicht aufgeklärter Ursache ein Schadenfeuer. Den Flammen fiel eine große Waffelbäckerei zum Opfer, außerdem sind bei den zwei angrenzenden Sporthallen die Zeltplanen verbrannt, so daß insgesamt 50 Meter Vudensront zerstört wurden. Ferner wurden zwei Wohnungen und die Rückwand der Buden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Besitzer einer Schaubude erlitt Brandwunden.
von einem Bären angefallen. In dem niederösterreichischen Ort Gerasdorf wurde die Wienerin Marie Svetlik aus der Straße plötzlich von einem Bären, der aus einem Wanderzirkus entwichen war, überfallen und durch Prankenhiebe und Bisse gefährlich verletzt. Auf die Hilferufe der Frau eilten Leute herbei, die das Tier niederschossen.
Fünf Schiffbrüchige gerettet. Die Rettungsstation Kop- palin der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger meldet: Von dem Hamburger Motorsegler „Sophie", mit Holz von Memel nach Rotterdam bestimmt, fünf Personen durch die Station gerettet. Ladung und Schiff verloren.
handgranatenfund im Gymnasium. Wie aus Bukarest gemeldet wird, wurde dort im Hofe eines Gymnasiums von Schülern eine Kiste mit 35 Handgranaten gefunden, die wahrscheinlich noch aus der Zeit des Weltkrieges herrühren. Vermutlich wurde die Kiste von bisher unermittelten Tätern in das Schulgebäude eingeschmuggelt.
Blutiger Streit zwischen zwei Familien. In der rumänischen Gemeinde Petrurares bei Giurgiu kam es zwischen zwei Familien zu einem politischen Streit, in dessen Verlauf auf beiden Seiten Messer und Pistolen benutzt wurden. Dem Streit fielen zwei Männer und eine Frau zum Opfer. Die beiden Kinder der einen Familie wurden während des Kampfes verletzt.
Explosion in einem Bergwerk. In einem Bergwerk in Wombwell (engl. Grafschaft Pork) ereignete sich eine Explosion, bei der vier Arbeiter getötet und zahlreiche verletzt wurden.
Schloß RarioWein eingeäschert
Erlangen, 10. Dezember. 3m Ostflügel des Schlosses Marloffstein bei Erlangen entstand früh 6 Uhr ein Brand, »er das gesamte Schloß in kurzer Zeit bis auf die Umfassungsmauern einäscherte. Die Flammen schlugen zuerst aus Sem Dachstuhl und verbreiteten sich von dort aus über das ganze Schloß. Alsbald stürzte der ganze Dachstuhl ein, der erst vor etwa zwei Jahren vollständig neu ausgebaut worden war. Die Feuerwehren, die zur Zeit am Brandplatz sind, arbeiten fieberhaft.
Das Schloß war früher von den Bischöfen von Bam- jerg als Jagdschloß benutzt worden. Später ging es auf den Sinnt über, der es seinerseits wieder in Privatbesitz veräußerte. In dem Schloß ist von'dem neuen Besitzer eine Gaststätte errichtet worden. In einem der Flügel befand sich eine Tischlerei, in der das Feuer wahrscheinlich zum Ausbruch gekommen ist.
■ Aus dem Gerichts^aal
Urteil im Stettmer Bauhülte-Prozetz
Im Stettiner Devisenschiebungsprozeß Lück und Genossen wurden von der Großen Strafkammer der Angeklagte Lück wegen fortgesetzten Devisenverbrechens zu vier Atonalen Gefängnis und 50 000 RM Geldstrafe, der Angeklagte Dr. Schönherr zu vier Monaten Gefängnis und 10 000 RM Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte Beye wird freigefpro- chen.
Turnen und Sport
Richli-Broccardo Kölner Sechslagesieger. Das Kölner Sechstagerennen brächte erst in der letzten Stunde in schärfsten Jagden die Entscheidung. Bei der großen Kraftprobe schlugen sich zunächst Siegel-Thierbach und Funda-Maidorn so gut, daß sie allein an der Spitze lagen. Dann holten Richli-Broccardo und Rausch-Hürt- gen zum großen Schlag aus und beherrschten das Feld völlig. Nach Punkten blieb schließlich das schweizerisch-französische Paar in Front. Endergebnis: Sieger: Richli-Broccardo 438 Punkte, 2 Rausch-Hürtgen 363 Punkte. 1 Runde zurück: 3. van Kempen- Pijnenburg 538 Punkte, 4. Funda-Maidorn 260 Punkte. 5. Siegel- Thierbach 184 Punkte. 3 Runden zurück: 6. Oszmella-Schorn 297 Punkte. 6 Runden zurück: 7. Bopel-Korsmeier 176 Punkte. 1C Runden zurück: 8. Zims-Perelaer 226 Punkte. Zurückaelegt wurden 3515,160 Km.
Der Ehampionatskampf der Hindernisjockeys und Herrenreiter ist durch den vorzeitigen Abschluß der Saison in Strausberg ebenfalls beendet worden. Bei den Jockeys konnte man kaum noch van einem Kampf reden, denn W. Wolff lag mit feinen 57 Siegen bei 185 Ritten weit in Front vor Attischen (29), Häuser (25), Weber (23) und Unterholzner (22). Champion der Herrenreiter wurde der junge Ostpreuße W. F. Peters mit 24 Siegen vor Lt. von Horn (23) und Herrn G. Oehme (22), nachdem alle drei noch an einem der letzten Renntage punktgleich waren. Erst in weitem Abstand mit 9 Erfolgen folgt Herr K. Schlitzkus.
Ueber den Fußballkampf England—Oesterreich sind sich die englischen Zeitungen fast alle einig. In den meisten Kritiken wird betont, daß die Oesterreicher zwar verloren haben, aber zweifellos die bessere Mannschaft waren. „Daily Expreß" schreibt: „Hut ab vor den Oesterreichern. den wackeren Kämpfern".
Viktoria-Berlin folgt am Sonntag einer Einladung aus Mailand und tritt dort gegen Ambrosiana an.
Europameister Adolf Heuser-Bonn nutzt die Zeit bis zu seinem vielleicht schon bald steigenden Weltmeisterschaftskampf in Amerika durch leichte Konditionskämpfe. In Cleveland wagte er sich an den 15 Pfund schwereren Schwergewichtler Eddie Simms heran und siegte über zehn Runden nach Punkten. .
Volkswirtschaft
Berliner Effektenbörse.
Die Berliner Effektenbörse vom Freitag stand, wie in den letzten Tagen, stark unter einem gewissen Verkaufsdruck und Unsicherheit. Das unsicher gewordene Effektenpublikum ist immer noch zurückhaltend. Die wenig erfreulichen außenpolitischen Meldungen und die angestiegene Arbeitslosenziffer wirkten auch nicht gerade belebend auf die Geschäftslust. Infolgedessen gaben die meisten Kurse etwas nach. Farbenbktien zeichneten sich gegenüber den Bortagen durch eine leichte Befestigung um % Prozent auf 96% aus, ebenso stiegen Reichsbank auf 129% Prozent. In Mon- tanmerten ist es recht still geworden Die Kurse waren jedoch gut behauptet mit Ausnahme von Gelsenkirchen und Stahlverein, die leicht abbröckelten, und Rhein. Braunkohlen, die auf 177% nach- ließen. Am stärksten gedrückt lagen Elektrowerte. Elektr. Lieferungen gingen auf 7214 Prozent. Schuckert auf 74%, Bekula auf 110% und Siemens auf 120% zurück. Von Rebenwerten fielen Waldhof auf 44, Schultheiß auf 98% und Mulag auf 43% Prozent. Etwas fester lagen Charlottenburger Wasser 87% Prozent, Schwartzkopf 36 Prozent und Daimler 19 Prozent. Freundliches Aussehen zeigte der Rentenmarkt. Altbesitzanleihe konnte sich auf 58 Prozent erhöhen.
Am Geldmarkt war Tagesgeld weiter leicht, 4,25 bzw. 4,12 Prozent und darüber. Monatsgeld wieder 5—7 Prozent. Privat- diskonte blieben gesucht.
Am Devisenmarkt war das englische Pfund eine Kleinigkeit schwächer, es wurde gegen Kabel mit 3,2162 gehandelt.
Devisenkurse. Dollar 4.209 (Geld) 4,217 (Brief), engl. Pfund 13,58 13,60, Holl. Gulden 169,23 169,57, Belga (Belgien) 58,29 58,41, ital. Lira 21,52 21,56, dän. Krone 70,43 70,57, norm. Krone 69,93 70,07, franz. Franken 16,43 16,47, tschech. Krone 12,465 12,485, schweiz. Franken 80,92 81,08, span. Peseta 34,37 34,43, ichwed. Krone 74,03 74,17, österr. Schilling 51,95 52,05, nichtamtlich Polen 47,15—47,35
Berliner Produktenbörse.
Die Berliner Produktenbörse vom Freitag zeigte im Anschluß an die Ereignisse des Vortages ein Sinken des Angebotes an Brotgetreide seitens der Landwirtschaft Aus der anderen Seite machte sich etwas vermehrte Kauflust der Mühlen bemerkbar. So konnte auch ohne stärkere Stützungskäufe der DGH die Preislage 'rneut eine Befestigung erfahren. Am Markt der Zeitgeschäfte geschah dies im Ausmaße von 1 % bis 2 RM. Während im Lokogeschäft die Weizennotiz um 2, die Roggennntierung um 1 RM heraufgesetzt wurde. Der Mehlmarkt war wiederum still. Hafer hatte stetige Tendenz.
Zwei Schwestern werden glücklich
Roman von Helma von Hellermann
Copyright by Martin Feuobtwanger, Halle (Saale) ' s38
Bis aus Ende ihres Lebens hätte Barbara ihm dienen können, glücklich und wunschlos in ihrer selbstentäußern- den Demut, aber sein Werben um eine andere mit an- sehen zu müssen, weckte täglich von neuem den Schmerz, der schlafen sollte, ritz die Wunde wieder auf, die sie in stillen Stunden des Alleinseins schon am Vernarben wähnte. Datz es die eigene Schwester war, der sich das Paradies öffnete, das ihr ewig verschlossen war, vermehrte die Pein, denn Barbara hielt sie dessen unwert.
Jedesmal, wenn Plessing von Brigittes „köstlicher Kindhaftigkeit" sprach — was oft geschah —, überfielen sie diese quälenden Zweifel, ob Brigitte wirklich so unerfahren war, wie sie sich gab.
Sie hat es fertiggebracht, mich wochenlang zu belügen — weiß ich denn, ob sie mir nachher die Wahrheit gesagt hat?, dachte sie angstvollen Herzens. Hatte der schöne, liebeserfahrene Mensch mit seinen Küssen wirklich ihr Blut nicht geweckt, fühlte sich das junge Ding zu seiner Jugend nicht ganz naturgemäß stärker hingezogen, als zu der reifen Männlichkeit eines Alexander Plessing, der in seiner wachsenden Neigung das reizende, strahlend lebendige Geschöpfchen zur Göttin aller Tugenden machte, während es doch nur ein Mensch mit vielen Schwächen war? —
All das mußte schweigend ertragen werden, denn Barbara traute ihrem eigenen Urteil nicht mehr. Der klare Blick war getrübt worden durch allzu tiefes persönliches Gefühl.
Als Barbara nach beendetem Urlaub zum ersten Male wieder das Arbeitszimmer Doktor Unruhs betrat, guckte der ihr erwartungsvoll Entgegenblickende sie erst durch, dann über die funkelnden Brillengläser an, als traue er
dem Bilde nicht, das diese ihm zeigten. Das leise vergnügte Schmunzeln auf seinem Gesicht erstarb jäh.
„Nanu, wie sehen Sie denn aus?* erkundigte er sich mißbilligend. „Verbummelt und verkatert wie ein Korpsstudent nach zehn Festkneipen?! Nennen Sie das ,auf Erholungsurlaub gehen', oder bin ich falsch unterrichtet worden?"
Seltsamerweise taten die knurrigen Worte Barbara wohl. Sie lachte leise. Aber es war nur ein mattes Echo ihrer ehemaligen herzlichen Heiterkeit.
„Nein, es stimmt schon, Herr Doktor", entgegnete sie, die dargebotene Hand ergreifend. „Die Erholung ist mir aber anscheinend nicht nach Wunsch geglückt, jedenfalls nicht so gut wie Ihnen, Herr Doktor. Sie sehen ja prächtig erfrischt aus — ganz sonnengebrännt!"
„Waren Sie denn krank?" fragte Unruh, die letzten Worte überhörend.
„Ein Nervenschock, längst vorüber", gab Barbara ausweichend Bescheid. Das nervöse Zucken um den Mund, der sich zusammenpreßte, als verweigere er weitere Auskunft, vertiefte den leidenden Ausdruck der blassen Züge.
„Hin", bemerkte ihr Chef. Und trat an seinen Schreibtisch, wo er ziemlich zwecklos unter den Papieren zu wühlen begann, wobei ein scharfer Blick zu dem großen Mädchen im grauen Kleid hinüberflog, das seinen alten Platz am Fenstertijch eingenommen hatte und soeben wie geistesabwesend auf die gefalteten Hände im Schoß herab- starrte.
Gar kein bißchen hübsch war sie mehr, dieses einst so hocherfreuliche Fräulein Pohl, der die Sommersprossen so lustig auf der optimistischen Nase herumgetanzt. Selbst die schien einen melancholischen Hang nach unten gekriegt zu haben. Was hatte man aus dem netten Mädel gemacht, wer trug Schuld an diesem sonderbaren Aussehen?
„Mit der Arbeit für unseren Oberbonzen sind Sie doch fertig geworden, nicht?*
Das Mädchen fuhr auf und bejahte hastig, fliegende Röte im Gesicht.
„Exzellenz äußerte sich sehr zufrieden über Ihre Lei
stungen — und auch sonst", fuhr Doktor Unruh wie vor ungefähr fort. „Sie haben ja seiner verstorbenen Frau damals auf dem Bahnhof geholfen und sich nachhei seinem Dank schnöde entzogen! Er erzählte mir gestern davon, freute sich, den nun nachholen zu können. Sie waren wohl öfters zusammen in der letzten Zeit?*
Wieder bejahte Barbara kurz. Wie kam der gute Mann dazu, sie so inquisitorisch auszufragen?! Aber Unruh lieh nicht locker.
„Er sprach auch von dem Unfall, den Sie auf dem Wege zum Aussichtsturm in seinem Park erlitten — sind ein ziemliches Stück abgepurzelt, nicht wahr? Daher wohl der Nervenschock.. .*
„Wahrscheinlich, Herr Doktor."
Ach, jener unselige Tag! Wieder erstand er vor ihr in grausamer Deutlichkeit!
„Ich hätte Sie gar nicht für so zimperlich gehalten", knurrte der kleine Doktor mißbilligend. „Plessing ist Ihnen doch gleich als galanter Kavalier nachgerutscht und hat Sie ohne allzu erhebliche Verletzung edler Körperteile wieder 'raufgefischt! Sie haben ja übrigens eine Schwester!"
Nun mußte Barbara doch lächeln. Es klang, als habe ihr Großinquisitor eine unangenehme Entdeckung gemacht.
„Jawohl, Herr Doktor, die habe ich, und zwar eine sehr liebe und reizende."
„Warum haben Sie denn nie etwas von Ihrer Schwester erzählt?"
„Mehr als einmal tat ich das, Herr Doktor! Sie haben es wohl nur vergessen."
„Kann sein — ist ja auch Nebensache." Eine Handbewegung verscheuchte den Gedanken wie eine lästige Fliege.
Aber Barbara zog die Brauen hoch und schüttelte den Kopf.
„Für Sie vielleicht, Herr Doktor, aber nicht für mich — und nicht für Exzellenz Plessing!" Sie zwang sich zu unbefangener, freundlicher Rede. (Fortsetzung folgte _