Der Märchenvogel
Ein Segelflieger-Roman von F. Arnefeld
7) Nachdruck verboten.
„Und du glaubst, daß dein bevorstehender Flug ^ » Wer, wie denn nur —
Er unterbrach sie nervös:
,Lich hoffe eS, hoffe es zuversichtlich. Es muß einfach gelingen. Darun: —"
Er brach ab, als habe er schon zu viel gesagt, und fuhr sich über die Stirn.
Dora fühlte, daß er ihr etwas verbarg.
„Was hast du vor?" fragte sie, von unbestimmter Angst erfaßt.
Er lachte. Aber wie ihr schien, war sein Lachen nicht ganz frei von Verlegenheit.
„Nichts, kleine Neugierige, oder doch etwas, das noch nicht spruchreif ist."
Dora mußte seitdem immer an diese Worte denken, und Meta hatte alle Mühe, ihre Besorgnisse zu zerstreuen, und sie wieder zur Ruhe zu bringen.
„Laß ihn doch. Er ist ein Mann, der stets weiß, was er will. Das hast du schon so oft erfahren, und müßtest mehr Vertrauen haben, stolz müßtest du auf ihn sein, nichts weiter."
Wer kurz vor Beginn der Flugwoche trat auch in Metas jetzt so ruhiges und gleichmäßiges Leben ein Ereignis, das ihr Aufregung genug brächte. Ihr Rechtsanwalt hatte ihr mitgeteilt, daß die Scheidung ihrer Ehe ausgesprochen sei. Nun war sie gezwungen, sich intensiv mit der Frage ihrer Zukunft zu beschäftigen. Am letzten Wend vor den Flugtagen saß sie allein mit Dora im Wohnzimmer. Corner war den ganzen Tag über mit Meißner draußen auf dem Flugfeld und würde auch so bald noch nicht zurückkehren. Da sprach sie mit der Freundin über ihre Pläne und Hoffnungen.
„Meine Scheidung ist nun vollzogen und ich denke daran, was ich in Zukunft anfangen soll? Was meinst du zu einer technischen Zeichnerin? Ich könnte die Jn- genieurprüfung machen —"
„Wie kommst du gerade darauf? Das ist doch ein für eine Frau ganz ungewöhnlicher Beruf," unterbrach Dora sie verwundert.
Meta errötete.
„Warum ungewöhnlich? Heutzutage ist eigentlich gar kein Beruf der Frau verschlossen und es gibt schon eine Anzahl Frauen, die die Jngenieurprüfung abgelegt haben. Die. Hauptsache ist doch, daß man sich betätigt, wo man hofft, etwas leisten zu können."
„Aber was willst du denn nur anfangen als — Ingenieurin? Doch nicht Brücken oder Eisenbahnen bauen?""
Mera lächelte.
„Warum nicht? Uebrigens sehne ich mich gerade nach Brücken und Eisenbahnen vorläufig noch nicht. Ich möchte mich dann nach irgendeiner Stelle umsehen, wo ich Pläne zu zeichnen hätte. Das war stets eine Leidenschaft von hUet- und trh glaube, ich irrst es rmrsz -garte Auch: habe ich darin schon einige Uebung. Wenigstens in bezug aus aviatische Konstruktion habe —"
„Du?" Dora blickte die Freundin sehr verwundert an. „Dr: hast schon Pläne gezeichnet? Wann denn? Für wen?"
Wieder errötete Meta.
„Erinnerst du dich vielleicht noch an unsern gemeinsamen Bekannten, Major von Langstreu, den Chef der österreichischen Luftschifferabteilung?"
„Der uns in dem Segelflugzeug aufsteigen ließ? Aber natürlich der Tag ist mir unvergeßlich. Und für den hast du? ... . Wer warum erzähltest du pur nie ein Wort davon?"
Metas Gesicht war nun ganz von dunkler Röte über- gossen, aber ihr Blick wich dem der Freundin nicht aus.
Fest und gerade ihr ins Auge sehend, sagte sie:
„Aus zwei Gründen. Erstens handelte es damals um Privatarbeiten Langstreus, die er ganz geheim zu halten wünschte. Wir sprachen oft . darüber, und ich versuchte, anfangs nur im Scherz, seine flüchtig hingeworfenen Skizzen auszuführen. Er war so befriedigt davon, daß ich mich allen Ernstes mit der Sache befaßte. Natürlich ging das nicht ohne ernsthafte Studien ab, aber ich hatte ja
Und ihm war es lieb, daß er seine Ideen nicht Fachleuten preisgeben mußte, ehe sie spruchreif worein" Das war also der erste Grund meines Schweigens. Der zweite . . ."
Sie stockte und sah verwirrt vor sich hin.
Dora sprang auf. Wie Schuppen siel es ihr von den Augen.
„Der zrveite Grund war, daß ihr euch liebtet, nicht wahr?" rief sie lebhaft. „Oh, Meta, warum hast du mir das nicht wenigstens schon längst gesagt."
Frau Metas graue 'Augen richteten sich mit seltsamen melancholischen Blick au; Doras erregtes Gesicht.
„Wozu? Es ist nie ein Wort von Liebe zwischen uns gefallen. Alles war nur ein stets angstvolles, zurückge- drängtes Almen. Anders durfte es ja auch nicht sein. Und als mir bewußt wurde, was in mir vorging, da war es mein erstes, den Verkehr mit ihm unter einem Vorwand abzubrechen. Dies war kurz vor deiner Heirat damals, und seitdem haben wir nichts, absolut nichts mehr voneinander gehört."
„Wer jetzt?"' Nun bist du doch frei! Nun kannst du ja noch glücklich werden."
„Du irrst! Major von Langstreu ist verheiratet. Be- - greifst du nun, daß ich bis nach Berlin floh?""
^erheiratet?" Dora sah erschrocken Meta an.
„Ja, mit einer sehr gewöhnlichen Frau, die ihn nie verstanden hat, ihn nie verstehen wird, und die in seinem Leben eine Null bedeuten muß, ich weiß alles von seinen Kameraden. Er selbst hat nie von ihr gesprochen."
Dora schlang innig die Arme um Metas Schultern.
„©fy du Arme! Wie traurig ist das! Hättest du doch früher davon gesprochen. Es muß entsetzlich sein, nicht einmal sprechen zu können von dem, den man liebt!"
„Dinge, die getragen werden müssen, macht man am besten mit sich allein ab!"
In diesem Augenblick wurde draußen die Flurtür geöffnet und gleich darauf trat Richard in das Zimmer ein.
Auf den ersten Blick sah Dora, daß er eine außerordentliche Nachricht mitbrachte.
Sie hatte sich nicht getäuscht.
„Es ist gelungen," sagte er freudig. „Sie haben mich, trotzdem der Termin eigentlich schon vorüber war, noch zugelassen zum Wettbewerb um den Großen Preis."
Dora schrie auf.
„Richard, du hast — du willst den Ueberlandflug nach Leipzig wagen?"
Sie konnce sich in diesem Moment nicht mehr beherrschen. All die mühsam geübte Verstellung war vergessen. Nichts als Angst flackerte in ihren Augen, die groß und entsetzt auf ihn gerichtet waren.
Und er, der diese sinnlose, wahnsinnige Angst zum, ersten Male unverhüllt vor sich sah, erriet plötzlich alles, was in ihr vorging.
Er wurde sehr blau und an, seine Stirn traten winzige Schweißperlen.
„Dora, was ist das?" fragte er endlich mit klangloser Stimme. „Begreifst du denn nicht, um was es sich wandelt? Ich brauche das Geld zur Weitecsuhrung meiner Studien. Der Ueberlandspreis beträgt 100 000 Mark. Ich — ich muß ihn haben!"
Meta war» der Freundin einen warnenden Blick zu. Aber Dora war wie von Sinnen.
„Nein, ich begreife nichts, als daß du dich nutzlos einer furchtbaren Gefahr aUssetzen willst. Und ich kann es nicht länger ertragen —!"
Er sah, daß sie ganz außer sich war und nahm ihre Hände in die seinen, indem er ihr beschwörend in die Augen blickte.
„Dora, sei doch vernünftig. Es wird ja alles gut gehen, ich bin nie leichtsinnig gewesen . . . Was hat dich nur so verändert? Früher . . .""
Ein entsetzter Ausdruck trat in ihre Hüge, der ihn erschreckte.
„Dieses Leben! Dein Beruf —"
Ein trockenes Schluchzen erschütterte sie. Sie konnte sich nicht mehr länger halten.
„Oh, warum muß es so sein? Warum können wir nicht still und friedlich leben irgendwo wie andere Leute? Wenn du Papa^ Wunsch damals erfüllt hättest, wie glücklich könnten wir sein."
Aschfahl bis in die Lippen starrte er sie an.
„Dora, du selbst . . ."
„Ach, was wußte ich denn als Mädchen von der Liebe des Weibes. Aber heute — aber heute, wo du mein Mann bist, wo ich nichts sein möchte, als dein Weib, und wo rch Tag und Nacht mich verzehre in der Angst um dem Leben, wo ich deinen-J8e&»£e^affe tote meinen bittersten Feind, da er dich stets in Gefahren führt . . ."
„Du bist von Sinnen, Dora, komm zu dir!" rief er bebend. „Warft du nicht viel mehr, als bloß mein Weib? Mein Kamerad, mein Mitarbeiter — mein Alles?"
„Lüge, Komödie!" kam es von ihren Lippen, „ich will es nicht sein. Nur dein Weib — nur das —"
Schluchzend rang sie die Hände.
„Richard, sei barmherzig. Nur dies eine Mal! Gib die Preiskonkurrenz auf."
„Do hieße überhaupt jedes Weiterstreben aufgeben. Du weißt jetzt nicht, was du verlangst. Du lau kein Recht . . ."
Etwas Wildes loderte in seinen Augen auf.
Sie sah es nicht.
„Ich fordere es als dein Weib! Ich habe aul iVlue an dich. Heiligere als dein Beruf. Was liegt an ihm. Mein Vater hatte damals recht. Es gibt ja andere Berufe. In jedem will ich treu zu dir stehen, in jedem dir helfen; nur nicht diese ewigen Gefahren —"
Sie verstummte vor seinem Blick, der groß und kalt den ihren traf. Wie ein Fremder sah er sie an, verständnislos, eisig.
Da schauderte sie zusammen wie eine Nachtwandlerin, wie eine, die durch jähe Berührung geweckt wird.
„Richard!" schrie sie entsetzt.
Er aber wandte sich ab und verließ schweigend, als habe er ihren Schrei nicht gehört, das Zimmer.
Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
„Barmherziger Gott, was habe ich getan!"
Dann taumelte sie gegen die Tür. Wer sie wäre gefallen, wenn Meta, die leichenblaß im Hintergründe stand, sie nicht rechtzeitig aufgefangen hätte.
Noch an diesem Abend suchte Dora ihren Mann in seinem Zimmer auf und bat ihn um Verzeihung. Sie wolle alles zurücknehmen, in alles willigen, alles ver- sprechen, was er verlange.'
Der Gedanke, vielleicht seine Liebe verlieren zu 'önnen, ließ sie jede andere Angst vergessen.
Er hörte ruhig zu und versicherte dann, daß er ihr weder etwas zu verzeihen habe, noch je aufhören könne, sie zu lieben.
„Aber", fügte er mit traurigem Blick hinzu, der ihr tief in die Seele schnitt. „In einem hatte dein Vater doch recht, das sehe ich nun ein: Ich hätte dein Leben nie an das meine binden dürfen. Es war ein großer Irrtum, da einen mitstrebenden Genossen zu suchen, wo nur ein liebendes Weib in Frage kommt!"
„p Richard, sage das nicht! Ich will —" »
Sie verstummte errötend vor seinem klar auf sie gerichteten Blick. Er küßte sie sanft auf die Stirn.
„Laß nur, armes Kind, du kannst ja nicht anders, wenn du auch wolltest. Wie auch ich nicht anders kann —. Es ist wohl dre uralte Kluft zwischen Mannesstreben und Weibesempfinden, über die es keine Brücke gibt!"
Gab es wirklich keine? Dora zermarterte ^ich den Kopf darüber, aber auch sie sah weder Weg noch Steg —. So begann endlich die Flugwoche.
Die ersten zwei Tage waren den Motorflugzeugen ge- widmet, am dritten und vierten sollten die Segelflugzeuge steigen, die letzten Tage gehörten den Luftschiffen.
Eine unübersehbare Menschenmenge umstand das Flugfeld im Süden Berlins, auf dem bereits die rst?n Aufstiege begonnen hatten.
Zwischen den Hangars, die ein kleines Dorf für sich bildeten, war es verhältnismäßig still und einsam. Corner und Meta promr 'erten hier.
Die meisten Flieger, besonders die Besitzer und Führer von Seglern, deren Aufstieg erst am dritten Tage statt- finden sollte, hielten sich in der Nähe ihrer Maschinen auf, da viele Fremde die ersten Tage dazu benutzten, um das vorhandene Material in Ruhe anzusehen und es sich von den einzelnen Besitzern erklären zu lassen.
Ein Bekannter trat zu Corner und zog ihn in ein Gespräch. Da ergriff Meta Pietschmann hastig Doras Arm und sagte:
„Laß uns fortgehen von hier. Dort tommen Bekannte — aus Wen."
Dora sah sich um und rief überrascht:
„Langstreu! Mit — oh, welch unmögliche Person hat er denn da bei sich?"'
„Ich glaube, es ist seine Frau. Komm nur rito! Ich möchte ihnen nicht begegnen. Er hat ja auch keine Ahnung, daß ich in Benin bin."
Sie wollte Dora mit sichfortziehen; da wurde aus dem nebenstehenden Schuppen ein Drachenflieger herausgeholt. Sein Besitzer wollte ihn einigen Herren vorführen.
Dadurch wurden die beiden Damen aufgehalten, und im nächsten Augenblick glitt Major von Langstreus Blick zufällig über die beiden eleganten Erscheinungen hinweg.
Er stutzte, sah schärfer hin, und sein bleiches Antlitz, auf dem Ueberarbeitung und anstrengendes Studium Spuren zurückgelassen hatten, färbte sich plötzlich rot.
„Gnädige Frau! Welche Ueberraschung?"
Ihr beide Hände entgegenstreckend, stand er vor Meta. Sein Blick tauchte selbstvergessen in den ihren.
Sie war zu sehr Dame, um sich die Verwirrung, die dieses Wiedersehen in ihr hervorrief, sich anmerken zu lassen.
Mi ruhiger, vielleicht ein wenig allzu gemessener Freudigkeit begrüßte sie ihn.
Inzwischen war auch die Majorin Herangekommen, sie war klein, dick, kurzhalsig und bot mit ihrer fuchsroten Stirnlöckchenfrisur, die schlecht über lichtbrauner eigene- befestigt war, sowie mit der gesucht jugendlichen Toilette einen grotesken Anblick.
Als sie den Mund zum Sprechen öffnete, kam ein'. Reihe unnatürlich weißer Perlzähne zum Vorschein.
„9Th du hast Bekannte getroffen?" fragte sie, Meta und Dora mit argwöhnischem Blick streifend. „Willst du mich mit den Herrschaften bekannt machen?""
Die Frage klang genau wie ein Befehl.
Langstreu stellte vor. Die Frau Majorin war entzückt.
„Landsleute! Wienerinnen! Gott, bin ich froh!" Sie atmete sichtlich erleichtert auf, setzte aber sogleich hinzu: „Ich bin nämlich aus Pilsen. Mein Vater besaß dort ein Brauhaus. Jetzt ist es eine Aktiengesellschaft. Als ich nämlich Hans kennenlernte und wir uns bald nachher Hals über Kops verlobten, meinte mein Vater, es sei besser, das Brauhaus —"
„Liebe Bozena", unterbrach sie ihr Gatte, der daneben stand, „glaubst du wirklich, daß dies die Damen interessieren könnte? Außerdem halten wir sie vielleicht auf?""
„Ach was! Hier hat ja niemand etwas zu tun, vie es scheint, als zu plaudern, und es ist ganz gut, wenn man sich gleich ein wenig kennenlernt. Ich bin froh, Landsleute gefunden zu haben! Nicht wahr, nun bleiben wir aber auch beisammen? Sie führen uns in ein Speisehaus, essen mit uns, und nachmittag fahren wir dann zusammen nach Sanssouci. Diese Fluggeschichten hier find ja grenzenlos langweilig, und ich begreife gar nicht, warum Hans immer dabei sein muß —"
„Du vergißt meine Liebe, daß ich die Reise im Interesse unsere- heimischen Versuche antreten mußte, um hier, im Zentrum der Flugtechnik, einen Ueberblick zu gewinnen über das, was bisher geleistet wurde!"
„Ach ja. Aber belt ganzen Tag brauchst du auch nicht hier zu verbringen. Es dauert ja noch eine Woche, und da ich schon einmal mit in Berlin bin, will ich doch auch etwas von der Stadk sehen!"
„Gewiß, liebe Bozena, das sollst du auch. Nur —"
„Ach lasse mich das nur mit den Zainen allein ab- macben. Also, kommen Sie mit", wandte sie sich an Dora.
„Wohin?"
„In ei;. Restaurant zunächst. Ich bin und entsetzlich hungrig."
Dora mußte wider Willen lächeln.
„Gewiß wollen wir Sie beglei en, ? > u, nur muß ich erst meinen Mann verständigen.
„Ihr Gatte, wo ist er denn?"'
„Dort drüben. Er erklärt eben einem Bekanuwn Miie Flugmaschine."
„Um Gotteswillen! Sie haben einen Flieger zum Mann?" riet die Majorin mit so ehrlichem Entsetzen, daß Dora das Blut in die Wangen schoß und sich jäh in ihr etwas aufbäumte. .
„Gewiß, warum fetzt Sie das so in Erstaunen?" antwortete sie hochmütig, wie es sonst gar nicht ihre Art var.
„Wenn du dich etwas mehr mit Aviatik besaßt hättest," sagte der Ma;or rasch, „so würdest du wissen, daß der Name Richard Corner zu den besten zählt, die wir haben. Das, was er aus dem Gebiet des Segelfluges geleistet hat, steht beispiellos da, und wie ich vorhin las," wandte er sich liebenswürdig an Dora, „so können wir bald gut neue lleberraschungen hoffen! Sie können sehr stolz aus Ihren Gatten sein, gnädige Frau!" j
Forts, folgt,