Herrlots enttäuschende Rede
Nichtssagende Worte des französischen Ministerpräsidenten.
Genf, 30. September.
In der Völkerbundsversammlung hielt Herriot die an- gekündigte Rede, die von einem zahlreichen Publikum angehört wurde. Herriot betonte, daß er lediglich das Wort ergriffen habe, um zum Abschluß der Generaldebatte die alte Anhänglichkeit Frankreichs an den Völkerbund erneut zu betonen. Zur Abrüstungsfrage erklärte er, er habe nicht die Absicht, Worte zu gebrauchen, die die Stimmung der Versammlung trüben könnten. Wir sind nicht hier, so erklärte er, um festzustellen, was uns trennt, sondern was uns vereint. Es ist im allgemeinen sicher richtig, seine Meinung ehrlich zu sagen, statt sie zu verheimlichen. Man macht aber die Schwierigkeiten noch schlimmer, wenn man zuviel von ihnen spricht. Welcher Art auch die Komplikationen sein mögen — Frankreich hat den festen Willen, im Interesse der Abrüstungskonferenz und der allgemeinen Beruhigung mutig an diese Schwierigkeiten heranzugehen. Herriot ging sodann kurz auf das Genfer Protokoll von 1924 ein.
Er wolle nicht die Frage aufwerfen, ob das Genfer Protokoll vom Jahre 1924 geeignet gewesen wäre, bei Lö ung der Schwierigkeiten zu helfen und eine universale Lö ung herbeizuführen. Man habe sich für andere Wege entschlossen. Aber trotzdem könne er nicht zugeben, daß die Arbeiten der Abrüstungskonferenz im Juni und Juli ohne reale Bedeutung gewesen wären. Es seien die ersten Ergebnisse der Konferenz. Man sei jetzt aus dem Gebiet der Ideologie aus das Terrain der Realität gestiegen. Und hier liege eine der Ursachen der Krise, in der sich der ganze Völkerbund befinde. Um eine Ordnung zu schaffen, sei Voraussetzung die Liquidierung einer furchtbaren Vergangenheit. Wenn man frage, welches die Doktrin Frankreichs sei, so antworte er: der Völkerbundspakt, und zwar der ganze Völkerbund.
Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kam Herriot auf die Konferenzen von Lausanne und Stresa zu sprechen. Die Konferenz von Lausanne habe trotz aller Schwierigkeiten und gegensätzlichen Meinungen mit einem Uebereinkommen geendet. Man habe wahrscheinlich noch nicht genügend zeitlichen Abstand von ihr gewonnen, um >hre volle Bedeutung zu begreifen Man könne doch nicht behaupten, erklärte Her- riot, daß Frankreich. das sich so herzlich dem Abkommen von Lausanne angeschlossen habe, ein Land sei, das sich den Notwendigkeiten der Verständigung verschließe. Die Konferenz von Lausanne habe die von Stresa zur Folge gehabt.
Herriot würdigte das Ergebnis der Konferenz von Stresa, die erneut die Hoffnung geweckt habe, daß sich Europa auf seine Verantwortlichkeit besinne und solidarisch sich vereinige trotz der Verschiedenheit der Interessen und Auffassungen. Stresa sei ein ermutigendes Beispiel und eine Etappe auf dem vorgezeichneten Wege.
Frankreich werde auch künftig mit seiner Mitarbeit nicht geizen. Die Ergebnisse von Stresa seien der Auftakt für die Weltwirtschaftskonferenz. Angesichts dieser Tatsache könne man nicht sagen, daß das vergangene Jahr unfruchtbar gewesen sei. Der Völkerbund habe zwei Feinde: die Reaktion und die Demagogie. Auf beide könne man keine Rücksicht nehmen.
Herriot schilderte dann weiter die Tätigkeit des Völkerbundes. Er erklärte, der Völkerbund hätte zwei Aufgaben namlich die Verminderung, wenn nicht gar die Unterdrückung der alten Geheimdiplomatie, die so viele Kriege hervorgerufen habe, und die Beendigung des klassischen Systems der Gruppierungen der großen Mächte nach Gesichtspunkten des Gleichgewichtes. Der Völkerbund habe noch nicht den Krieg beseitigen können, aber die Gewaltanwendung sei vermindert worden.
- Sie Rede wurde von der Völkerbundsversammlung mit Beifall ausgenommen.
(Steife Appell
Nach dem französischen Ministerpräsidenten ergriff der englische Delegierte Lord Robert Cecil das Wort. Lord Cecil sprach erneut sein Bekenntnis zum Prinzip des Völkerbundes aus. Die Kritiker des Völkerbundes hätten unrecht, wenn sie sagten, daß der Völkerbund nichts tue. Die Schuld daran liege, allerdings an feinen Mitgliedern. Der enaliscke
I ^eiegiene ram loöann auf die deutsch-französischen Beziehungen zu sprechen. d>e endlich geklärt werden müßten.
i Mit einem Uebereinkommen zwischen Deutschland und Iranireich würden 75 Prozent der Unruhe in der Welt aushören. Ohne kritisieren oder sich in die Politik dieser beiden Länder einmischen zu wollen, müsse er sagen, daß, wenn jedes dieser beiden Länder sich mehr an den völker- bundspaki halten würde, ihre Meinungsverschiedenheiten automatisch zu Ende wären.
Keine technisch noch so vollkommene Friedensmaschinerie könne arbeiten, wenn der Friedenswille nicht vorhanden fei. Lord Cecil ermähnte nochmals die beiden Län- töer, ihre Politik den Prinzipien des Völkerbundes, zu denen sie sich beide feierlich bekannt hätten, anzupassen. Zur Frage der Abrüstungskonferenz übergehend, bemerkte der englische Delegierte, daß die Völker mutlos würden wenn man nicht endlich zu praktis. en und konkreten Ergebnissen gelange.
Heut« stehe man vor der Frage, ob die schwerbewaffneten Länder eine Abrüstung wirklich anstrebten. Diese Frage könne man nur mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Sei die Antwort Ja, so müsse man schnell zu einem Uebereinkommen gelangen, und die Welt hätte sich dann endgültig für den Frieden ausgesprochen.
Im entgegengesetzten Falle würden aber die Vorkriegs- ! Verhältnisse, deren unheilvolle Folgen man ja zur Genüge j kenne, wiederhergestellt werden, und die Lage würde um so schlimmer sein, als man das begangene Unrecht nicht wieder gutmachen könnte. Lord Cecil schloß mit einem ernsten Appell an die Völker, sich ihrer Verantwortung für das i Gelingen oder Scheitern der Abrüstungskonferenz voll bewußt zu sein.
Als dritter Redner sprach der italienische lluterftaatsselretSr Aloill der erneut den Willen der italienischen Regierung zu einer aktiven Mitarbeit zur Behebung der bestehenden Schwierigkeiten bekundete.
Italien hatte nach wie vor an seinen Grundsätzen fest, nämlich an einer größtmöglichen Herabsetzung der Rüstungen, an einer Erhöhung der Sicherheit durch die Abrüstung und dadurch auch an der Erhöhung der Sicherheit jedes einzelnen und aller Staaten.
Das zweite Problem, dem die italienische Regierung die größte Bedeutung zumißt, sei der wirtschaftliche Wiederaufbau der Welt, um endlich wieder zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht zu gelangen. Mit Einschränkungen, Kontingentierungen und Präferenzen, mit Handelshemmnissen und mit Auswanderungsverboten würde nur das Gegenteil erreicht.
Hindenburg-Gedenkmünze.
Zum 85. Geburtstage des Reichspräsidenten gelangt durch die Zentralwerbestelle Deutscher Gedenkmünzen diese von der Preußischen Staatsmünze geprägte Gedenkmünze in Bronze und Silber zur Ausgabe.
Morsches Unterseeboot gelunlkn?
Helsingfors, 30. September. Der dänische Dampfer „Peier Maersk" stieß im Finnischen Meerbusen mit einem russischen Unterseeboot zusammen. Der dänische Dampfer wurde so schwer beschädigt, daß er nach Leningrad zurückkehren mußte. Man befürchtet, daß das Unterseeboot mit seiner 35köpfigen Besatzung gesunken ist.
Ministerwechsel in England.
Im englischen Kabinett hat sich der schon lange erwartete Ministerwechsel vollzogen. Hier sieht man Sir Archibald Sinclair, den Staatssekretär für Schottland, und Sir Herbert Samuel, den Innenminister vor dem Hause Downing Str. 10, nachdem sie ihre Demission überreicht haben. Ganz rechts steht Lord Snowden, der ebenfalls zurücktrat.
UMMMMAS des MMmls
Die zukünftige Struktur der Reichsrundfunkgefellschafk.
Berlin, 30. September.
Die Vorarbeiten für den Ausbau der Reichsrundfunkgesellschaft und die Aufteilung ihrer Arbeit ist so weit fortgeschritten, daß sie nur noch der Zustimmung der zuständigen Ministerien bedarf. Es ist nach dem vorliegenden Entwurf etwa folgendes geplant:
Ursprünglich war die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG.) lediglich dazu bestimmt, die Interessen der öffentlichen Hand in den einzelnen Rundfunkgesellschaften wahrzunehmen. Die Reichsrundfunkgesellschaft soll nunmehr mit der oberen Leitung des gesamten Rundfunkbetriebes beauftragt werden. Damit haben die Bedeutung, das Aufgabengebiet und die Verantwortlichkeit der RRG. eine wesentliche Steigerung erfahren. Um ihren Aufgaben gerecht zu werden, ist eine Neuverteilung des Arbeitsgebietes vorgenommen worden. Die Aufgaben der in Liquidation befindlichen „Dradag" sind auf die neugebildete Dienststelle „Drahtloser Dienst" übergegangen, die der RRG. nur wirtschaftlich angegliedert ist; sie untersteht unmittelbar dem Reichsrundfunkkommissar des Innenministeriums.
Der Reichsrundfunkgesellschaft sind je ein Kommissar des postministeriuMs und des Innenministeriums übergeordnet, die die Interessen der Reichsregierung im allgemeinen und ihrer Ministerien im besonderen zu vertreten und die Geschäftsführung der RRG. zu beaufsichtigen haben. Neben den Geschäftsführern wird als weiteres Organ der RRG. ein Berwaltungsrat bestellt werden, der unter dem Vorsitz des Rundfunkkommissars stehen wird, und in dem neben 8 Vertre- fetn der Reichsregierung Delegierte der Länder Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und Hamburg vertreten sein werden. Das private Element scheidet aus.
Die Rundfunkgesellschaften werden gemeinnützige Form erhalten. Von dem gesamten Gebührenaufkommen fließen 13 Prozent der RRG. zu, die ausschließlich Zwecken des Rundfunks dienen werden.
DBP.-Aeichitasunz in 6r|nrt
WI- die „Th .R.“ jllDerläffig erfährt, tritt der Z-»- tralvsrstand und der Reichsparteiausschutz der Deut,chen Volksparteitag am Sonnabend und Sonntag, den ». und 9. Oktober in Erfurt zusammen. ,
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Roman von marlise Sonneborn
(ERIKA FORST)
Copyright by Martin Feechtwanger, Halle (Saale) 1931
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An diesem Tage hatte Frau Barbara mehr als einmal zu ihrer Nichte gesagt: „Kind, was hast du? Ist dir nicht wohl? Du bist so zerstreut, wie ich es bei dir überhaupt nicht für möglich gehalten hätte." Nora zog verlegen die Schultern hoch.
„Ach, Tante Barbara, verzeih. Mir ist wirklich ganz dumm im Kopfe."
„Du wirst dich nach Tisch ein Stündchen ins Bett legen müssen. Vielleicht steckt dir eine Erkältung im Körper. Es ist schon recht kalt für die Jahreszeit."
Nora hatte genickt.
Nach Tisch, hatte sie gedacht. Sie wußte, daß Hell sie erwarten würde.
Er war gestern am Abend nicht zu Haüse gewesen. Der alte Eschholz hatte ihn entschuldigt, und Nora war recht dankbar gewesen. Eine abenteuerliche Sache, die er ihr da vorgetragen.
Das Ganze war gewiß ein Scherz und sie tat gut, nicht daraus 'reinzufallen.
Dennoch konnte sie es nicht verhindern, dunkelrot zu werden, als Hell am Mittagstisch erschien. Er küßte seiner Mutter galant die Hand und schickte einen sieges gewissen Blick zu Nora hinüber, während er sie doch stumm und förmlicher als sonst mit einer Verneigung begrüßte.
Frau Barbara entging der Blick nicht, und auch Noras Erröten fiel ihr auf. Ein plötzliches Mißtrauen stieg in ihr auf.
Nie hatte sie mit Nora darüber gesprochen, aber es war so selbstverständlich gewesen und sie war des Taktes der jungen Nichte so sicher gewesen: einen Flirt mit dem Vetter gab es nicht, durfte es nicht geben. Wenn Nora sich nicht in acht genommen hatte — Frau Barbara war voll
und ganz bereit, alle „Schuld" im Falle derartiger Schwierigkeiten auf das junge Mädchen zu schieben —, dann mußte sie eben aus dem Hause.
Sie aß ihre Suppe, in diese unangenehmen Gedanken versunken und beachtete es nicht, wie Nora die Augen beharrlich gesenkt hielt, indes Hell die seinen alle Augenblicke fragend zu ihr hinübergleiten ließ. In ihm war alles Entschluß und Wille. Er würde auch sie sich gefügig machen, ebenso wie die Mutter; aber er hätte gern unnötige Kämpfe vermieden.
Auf einem langen, einsamen Spaziergang gestern war es ihm klar geworden, was seine Tat- und Schwungkraft all die Jahre gelähmt hatte. Es war das beständige Hoffen und Warten auf Alice gewesen. Nun er sie endgültig und für immer aufgeben mußte, nun unübersteig- bare Schranken entstanden zwischen ihm und ihr, fiel es von ihm ab wie ein Bann. Wenn er nicht reich gewesen wäre, nicht Zeit und Geld gehabt hätte, seiner Sehnsucht zu leben — wieviel besser wäre es für ihn gewesen! Nun, noch war er jung, noch stand das Leben vor ihm und er würde es sich zu gestalten wissen.
Die Fabrik, das war ihm klar, war für ihn eine erledigte Sache. Mochte die Firma an Wolts übergehen. Was lag ihm daran?. Vielleicht war diese zerschlagene Heirat ein Wille höherer Mächte! Er hatte begonnen, seine Geige zu hassen, weil er durch sie anscheinend seiner so innig geliebten Alice statt Freude Leid gebracht. Aber er hatte sich schnell mit ihr wieder versöhnt; war doch sie der Grund, auf den er sein Leben erbauen wollte.
Nora sollte sein lieber, kleiner Kamerad werden. Er hatte eine warme Sympathie für sie gehabt vom ersten Augenblick an. Er liebte sie selbst mit einer ruhigen, innigen, fast brüderlichen Liebe. Sie war so ganz das, was er brauchte: nüchtern, phantasielos, ehrlich, tatkräftig und unsentimental. Ihr Interesse für die Fabrik hatte ihn oft ein bißchen geärgert. Nun, das war eben der Reiz der Neuheit gewesen; sie würde es sich schon abgewöhnen. Und ihre Idee, das erspielte Geld für soziale Zwecke zu verwenden, war einfach glänzend.
„Du wirst dich ein Weilchen ins Bett legen, Nora", befahl Frau Barbara strenger als für gewöhnlich, als sie die Tafel aufhob. „Ich kann dich nicht gebrauchen, wenn du so zerstreut bist wie heute morgen."
„Ja, Tante."
Warum wird sie wieder so rot, dachte Frau Vollwank befremdet, und warum macht Hell ein so seltsames Gesicht und sieht sie so forschend an? -
Frau Barbara nahm sich vor, den Dingen auf den Grund zu gehen.'
Sie war nervöser und gereizter als je. Die Hochzeit, für sie die Feier einer großen Enttäuschung, hatte sie angegriffen. Und zudem wartete sie mit Spannung auf Telegramme. Eine Einigung wäre ihr mehr als lieb gewesen. Sie hatte große Aufträge nach Rumänien angenommen. Wie sollte sie die in der gegebenen Zeit erfüllen, wenn die Aussperrung in Kraft trat? Aber es fragte auch hier niemand nach dem einzelnen. Es kam darauf an, was das Wohl des ganzen Standes bedingte, und es galt sich in die Beschüsse zu fügen, auch wenn es zum eigenen Schaden zu sein schien.
, Nora warf sich auf ihr Bett. Sie wollte der Tante nicht ungehorsam sein; aber sie wagte nicht, sich zu entkleiden. Sie war überzeugt, daß Hell sie rufen lassen würde. Von selber zu ihm zu gehe«, das würde sie nie wagen. Je .länger sie nachdachte, desto klarer wurde es ihr, daß er trotz seiner scheinbar so ernsten und selbst traurigen Stim- mung mit ihr gescherzt hatte. In diesem Sinne wollte sie ihm fröhlich und unbeleidigt antworten. Er sollte nicht ahnen, daß er ihr weh getan, daß sie momentan geglaubt ..."
Es pochte leise au die Tür. Sie fuhr auf, rief doch sogleich ihr: „Herein!"
Hell stand auf der Schwelle.
„Deine Antwort, Nora? Schnell, ich möchte nicht lange hierbleiben."
„Ach, Hell, halte mich doch nicht für so dumm. Ich habe wohl verstanden, daß du scherztest — und ich bin zum Scherz darauf einaeaanaen." (Sortfetiuna tolatI