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Krimmalroma« von Hae-^ Worm

-Gopyngyi bi, ©reiner & Be n

Schluß.)

„Ruinier suchen lassen. Er wird ihn ebensowenig fin­den wie Sie. Fräulein Hansen hätten Sie nicht hierher zu schleppen brauchen. Sie weiß das Versteck nicht."

„Macht nichts!" Der Verbrecher lächelte gleichmütig. „Ich werde Sie zum Sprechen zwingen."

„Bitte, wie wollen Sie das machen?" Der Detektiv beugte sich erwartungsvoll vor.

Gouret erhob sich und zog seine Uhr.

„In zwei Stunden wird man Sie auf ein Brett binden und Ihnen genau fünfzig Hiebe mit einer Nil­pferdpeitsche versetzen. Nun? Ich erwarte Ihre Ant- wart."

Gaston Leroux ergriff seinen Federhalter wieder und sagte:

„Sie sind heute nicht besonders geistreich. UebrigenS, ehe Sie gehen, noch eins: Sollte sich Ihr Küchenchef noch einmal erlauben, mir harte Kartoffeln zum Mittag­brot vorzusetzen, so werde ich dafür sorgen, daß er zwei Jahre länger nach Cahenne geschickt wird als ihr alle zusammen." Mit diesen Worten wandte er sich wieder seinen Papieren zu.

Gouret öffnete die Tür. „Und ich werde dafür sorgen, daß Sie morgen in der Lage sind, nur noch Kranken­kost zu sich zu nehmen."

Als der Verbrecher gegangen war, blickte Leroux ernst vor sich hin. Er fühlte, daß es jetzt ernst wurde, daß Gouret vor keinem Mittel zurückschrecken würde. Fräu­lein Hansen, Schlüter und Gräfin gefangen — er wußte ja nicht, daß er angelogen worden war —, die ganze Lage war einfach trostlos. Hatte er das Recht, die an­deren ebenfalls in das Verderben zu reißen? Eins freute ihn: daß die Hansen nichts verraten hatte. Denn sie wäre ja nicht hier, wenn der Verbrecher sein Ziel er­reicht hätte. Ob sie aber auf die Dauer fest bleiben wird? — Der Detektiv stützte sein Gesicht in die Hände. Ein Ausweg mußte gefunden werden. Aber welcher?

„Merde!" fluchte Leroux. Und malte Arabesken aufs Papier.

Die Gräfin Biberstein ging in ihrem Zimmer ruhelos auf und ab. Neun Schritte hin, neun Schritte zurück. Neun Schritte hin, neun Schritte zurück.

Ihre Augen lagen stumpf und erloschen in einem wachs­bleichen Gesicht. Um die Augen und auf der Stirn hatten sich winzige Runzeln gebildet. Gewiß, die Gräfin war noch immer eine schöne Frau. Aber sie war jetzt eine sterbende Schönheit. Die Hitze des Sommers hatte sie verbrannt.

Mutlos lieh sie sich auf das Sofa fallen. Die Hände lneiMkMr verkrampft, stierte sie' geistesabwesend vor sich hin.

Ueber das Trostlose ihrer Lage dachte sie schon lange nicht mehr nach. Das hatte sie längst aufgegeben. Ihr Wille war tot. Aber der Wille eines anderen hielt sie noch aufrecht, zog an ihr wie an einer Marionette.

Sie zuckte zusammen, als Gouret das Zimmer betrat.

Und dieser zynische Verbrecher, dieser gewissenlose Abenteurer, wurde weich wie ein Kind, als er das Zimmer betrat.

„Hast du irgendwelche Wünsche, Rita?"

Sie sah nicht hoch, als sie tonlos sagte: „Den Wunsch."

„Den Wunsch." Gouret schüttelte den Kopf. „Verscheuche doch diese dummen Gedanken. Was willst du mit einem Revolver? Deine Hand ist zu Besserem geschaffen, als eine Waffe gegen das Herz zu heben. Rita, wir werden wahrscheinlich bald wegfahren. Nach Italien. Nach Nor­wegen. Wohin immer du willst. Unser Aufenthalt hier währt nur noch Tage."

Die Gräfin erhob den Kopf. „Gib mich frei, wenn du wich wirklich liebst." । ,

„Du bist frei." :

Die Frau schlug die Hände vors Gesicht. „Frei," stöhnte sie, „frei. Wenn mich dein Blick zwingt, nennst du das irei! Oh, ich suhle, ich bin nicht mehr ich. Eine fremde Seele sitzt in mir und peinigt mich, Es ist nicht mein Herz, das schlägt."

„Ich hätte früher kommen sollen, Rita."

„Ja, vielleicht wäre es besser gewesen. Du hättest dann dein Ziel erreicht. Es hätte kein Blut gegeben. Nichts, -ichts. Ja, sicherlich wäre es besser gewesen. Doch geh lebt; geh. Du quälst mich. Ich muß allein sein. Ich will reinen." '

Gouret erhob sich, ©r betraute sie mit dem prüfen- .Den Blick des Arztes. Sem Kopf sank ehua§ ein.

Dann wandte er sich und ging.

' 21. Kapitel.

«erspielt.

Als Gouret den großen Saal betrat, erhoben sich, acht mt gekleidete Herren von ihren Sitzen und verneigten sich l unveutionell. Man hätte glauben können, eine illustre , Gesellschaft gebe sich die Ehre, einen großen Gast zu be- zrüßen.

Gourets Gesicht war außerordentlich ernst, als er sich, in das obere Ende des Tisches setzte. Er blickte prüfend über die Anwesenden. Seine Stimme klang etwas ver- 'chleiert, als er begann:

„Kameraden und Freunde! Jh? habt mir vor einem Zähre die Ehre erwiesen, mich zu eurem Repräsentanten zu machen. Ich lege dieses Amt heute An eure Hände zurück."

Ein betretenes Schweigen entstand.

[ „Das ist Fahnenflucht!"

Wie eine Peitsche pfiff dieser Satz durchs Zimmer und traf Gouret mitten ins Gesicht. !

Die Lippen zusammengepreßt, den Oberkörper nach vorn geneigt, so starrte er den Sprecher an.

„Ach du bist's, Manuel. Dein Mut ist bewundernd- < wert, deine Hand erlahmt nie, und man sagt von dir, dn habest zehn Feinde des Bundes unschädlich gemacht. Aber ।

du hast nicht das Recht, von Fahnenflucht zu reden. Fyr alle habt nicht das Recht. Hört mich erst an."

Gouret erhob sich. Dieser Poseur, dieser Mann der großen Geste, brauchte den Widerspruch, um brillieren zu können. Sie alle kannten und durchschauten ihn; sie wußten, was für ein Schauspieler er war. Aber sie be­rauschten sich gern an seinen Reden, sie fühlten sich durch ihn in den Mittelpunkt der Welt gestellt. Seine Worte waren Liebkosungen; sie gingen ins Blut wie berauschen- der Wein.

„Hört mich an. Thomas und Wild sind in die Hände der Gegner gefallen. Sie werden nichts verraten. Es be­ginnt ein Generalsturm gegen die äußeren Stationen. Jede Minute kaNn uns Überraschungen bringen. Noch sind wir hier gesichert und haben verschiedene Trümpfe in der Hand. Aber wir müssen vorsichtiger denn je sein.

Ich war heute nachmittag bei der Hansen. Ich geriet in eine Falle des Detektivs 'Wolter, wurde gefesselt, ver­höhnt und meinem Schicksal überlassen. Nun, ich nahm mein Schicksal in meine starken Fäuste" — bei diesen Worten griff er in die Tasche Utch' holte die Handschellen hervor — „und die Ketten zerbkächen wie Glas".

Ein Beifallssturm tobte los. Nur Manuel kräuselte die Lippen. Er haßte und verachtete Gouret.

Der Verbrecher- geriet nun in Feuer. Der Beifall spornte ihn an. Seine Augen blitzten herausfordernd.

„Ich schlug mich unter mannigfachen Gefahren wieder zu euch durch . . ."

„Ohne den roten Brief?" Manuels Zwischenruf klang schneidend und höhnisch.

Für einen. Augenblick wurde Gouret aus dem Konzept gebracht. Seine Hände tasteten suchend über die Tisch­platte. Dann aber rief er schrill:

„Wer daran zweifelt, daß ich mein Leben in die Bresche geschlagen habe, um in den Besitz des Dokumentes zu kommen — der trete vor und begründe seine Anklage." Und als sich niemand meldete, fuhr er befriedigt fort: „Und wer da glaubt, daß ich die heute erlittene Niederlage nicht wieder wettmachte — — —"

Erschrocken hielt er inne. Polternd kam jemand die Treppe heruntergerast. Die Tür wurde aufgerissen. Der Turmposten taumelte herein.

„Verrat!" schrie er. „Verrat! Das Haus ist umstellt. Die Polizei."

Ein ohrenbetäubender Lärm erhob sich. Draußen donnerten Schläge gegen die Tür. Eine heftige Deto­nation ließ das Haus in seinen Grundmauern erzittern.

Gouret war auf den Tisch gesprungen, den Revolver in der erhobenen Faust.

„Die Waffen heraus. Mir nach."

Doch er hatte die Tür noch nicht erreicht. Ein Stoß von draußen. Splittern. Gouret sprang zur Seite. In der Nähe der Fenster erscholl eine heftige Explosion. Das Licht erlosch. Mörtel fiel von der Decke. Revolverschüsse krachten wie Donnerschläge.

Wild aufheulend wie ein Stier stürzte sich Gouret auf den ersten Beamten.

22. Kapitel.

Im Dunkel der Nacht.

Als Gouret vor zwei Stunden das Auto im Grune- Wald verließ, ahnte er nicht, daß er mit seinen Verfolgern in ein und demselben Wagen gefahren war.

Er war kaum außer Sichtweite, als der Chauffeur eine andere Mütze äusserte und dem Verbrecher lautlos nach- schlich. Auch im Innern des verlassenen Wagens mürbe es lebendig. Die Polster des Rücksitzes hoben sich und heraus kroch, schwitzend und stöhnend, der Kommissar Kipper, der sich sofort auf den Führersitz schwang und das Auto wandte. Drei Straßenecken weiter hielt er. Die Lichter mürben gelöscht.

Nach Ablauf einer halben Stunde kam der in Chaufseurkleiduug steckende Wolter zurück, und beide trom­melten einen Villenbesitzer heraus, der zwar über den abendlichen Besuch nicht sonderlich erbaut war, aber sofort sein Telephon zur Verfügung stellte, als er hörte, worum es sich handelte.

Eine Stunde später rasten fünf mit Zivilpersonen be- ladene Lastautos den Grunewald entlang. Ein Pfiff. Die Wagen hielten. Leise ordneten sich die Gruppen zum Abmarsch.

Welche Wichtigkeit der Aktion beigemessen wurde, er­sah man nicht allein aus dem großen Aufgebot, sondern auch aus der Anwesenheit des Chefs der Kriminalpolizei,

Nachdruck verboten.

Ritt Wolter in großen Zügen von 8er Sachlage unter­richtete.

Als die Kriminalbeamten in der Nähe der Villa ange- langt waren, übernahm der Detektiv die Aufstellung der Streitmächte. Da das Hau? mit der Rückseite an den Wald grenzte, schickte er ein Drittel der Beamten ins Ge­hölz, um den Verbrechern jede Fluchtmöglichkeit nbzw schneid'en. Nachdem eine Abteilung in den umliegenden Straßen postiert worden war, kroch Wolter mit dem Haupt­trupp der Beamten durch die großen Kanalisationsröhren bis an die Vorderfront des Hauses.

Da das Kommando mit Beilen und Sprengpatronen ausgerüstet war, gelang es sehr schnell, die Türen und eisernen Rolläden zu sprengen und in das Innere des Hauses zu gelangen, wo sich ein erbitterter Kampf ab- spielte. — ^— —

Wolter, der mit als erster ins Haus gestürzt war, stürmte sofort die Treppen hoch. Er riß drei, vier Türen auf. Alles dunkel und leer. Von unten herauf drang das Getöse des Kampfes.

Plötzlich öffnete sich am Ende des Flures eine Tür, und schreckensbleich, an allen Gliedern zitternd, stand die Gräfin auf der Schwelle, angstvoll den heranstürmenden Detekttv anstarrend.

Wolter schob sie kurzerhand ins Zimmer zurück.

„Gnädige Frau, die Polizei ist im Haus. Wo steckt Leroux?"

Die Gräfin hielt sich zitternd an der Bettkante fest.

„Ich weiß nicht . . . ich bin . . . retten Sie mich . . . der. . ."

Mit einem Wehlaut sank sie bewußtlos zu Boden.

„Verflucht!" Wolter schüttelte ihr den Inhalt der Waschschüsses über den Kopf, verschloß die Tür und rannte die Treppe hinunter.

Er hatte jetzt wichtigeres zu tun, als sich um eine Ohnmächtige zu kümmern.

Im großen Saal hatte sich der Kampf inzwischen entschieden. Das Licht flammte wieder auf. Der Detek­tiv blickte auf einen Trümmerhaufen.

Ein Beamter und vier Verbrecher hatten tödliche Schüsse erhalten. Mit finsteren Gesichtern und gesenkten Revolvern standen die Polizisten vor den gefesselten Ver­brechern.

Harry Wolter blickte jedem einzelnen ins Gesicht. Aber der, den er suchte, war nicht dabei.

„Wo ist Gouret?" brüllte er einen Gefangenen an nnb drückte ihm die Revolvermündung gegen die Stirn.

Es war Manuel. Er lächelte verächtlich.

„Rücken Sie das Büfett von der Wand. Gouret hat : seinem Freunde Leroux den Garaus gemacht."

Wolter und zwei Beamte sprangen sofort auf die Anrichte zu. Sie hatten sie gerade zur Seite gerückt, als sich die Tapetentür öffnete und ein kleiner beweg­licher Herr, der einen Revolver in der Hand hielt, sicht­bar ward.

„Hände hoch!" brüllten ihn die Beamten an. Aber Wolter schob sie zur Seite und streckte dem Herrn die Hand entgegen.

„Namd, Leroux."

„Guten Abend, Wolter. Wie ich sehe, haben Sie ganze Arbeit gemacht. Wie kommen Sie überhaupt hier­her und, vor allen Dingen, wo ist Fräulein Hansen?" „Fräulein Hansen befindet sich in meiner Wohnung. Was unseren Erfolg hier anbetrifft, haben wir ihn Gouret zu danken. Ich hatte ihm ein paar defekte Handfesseln angelegt und somit Gelegenheit zur Flucht geboten. Doch die ganze Geschichte erzähle ich Ihnen nachher. Jetzt sehne ich mich nach einer Aussprache mit unserem Gönner. Ich nehme an, Sie haben . . ."

Gaston Leroux machte eine bedauernde Handbewegung. „Unser Freund Gouret ist tot. Er wollte mir im letzten Augenblick einen unhöflichen Besuch abstatten, aber ich schlug ihm zwischen die Augen. Und mit diesem Ding hier" — er spielte mit Gourets Revolver —, „ver­stand ich besser umzugehen. Ich war schneller als er." Harry Wolter fuhr sich über die Glatze.

„Ja, Sie waren zum zweiten Male schneller als er. Der rote Brief übrigens, in dessen Besitz ich dank güti­ger Assistenz Fräulein Hansens gesommert bin, liegt in meinem Safe. Er steht jederzeit zu Ihrer Verfügung."

Leroux nickte. „Das ist vortrefflich." Und nachdem er eine Weile überlegt hatte, verneigte er sich und sagte: //Jetzt gehört er natürlich Ihnen."

Doch Wolter wehrte lachend ab. „Mir genügt dieser Erfolg hier. Räumen Sie in Paris auf." Plötzlich faßte er sich an den Kopf und holte einen Schlüssel aus der Tasche. „Henschke! Gehen Sie mal nach oben und lassen Sie die Gräfin heraus." Und zu Leroux gewandt, be­merkte er: „Sie ist nämlich vorhin ohnmächtig ge­worden."

Der kleine Franzose wiegte bedauernd den Kopf.

„Ja, unsere Damen haben sehr schwache Nerven."

In diesem Augenblick betrat der Chef der Kriminal- Polizei das Zimmer. Er ging sofort auf Wolter zu.

„Sie haben uns einen großen Dienst geleistet. Ick danke Ihnen."

Der Detektiv stand unbeweglich, die Augen in eim Ecke des Zimmers gerichtet.

„Woran denken Sie?" Der Chef sah ihn erwartungs­voll an. „Gibt es noch etwas — —"

Harry Wolter schüttelte den Kopf.

„Ich Habe heute einen Polizeibericht gelesen, einer sehr albernen Bericht über die Ermordung eines Mädchen! am Hoheustanffen-Platz. Der Fall interessiert mich."

Und indem er einen gelangweilten Blick auf die bei Abtransvortes harrenden Verbrecher warf, fügte er hinzu „Denn ich fühle mich noch jung und kräftig "

Er faßte Leroux unter den Arm. - ■ -

Und grüßend zog er den Hnt.

Ende. / ,