Erregte Deutschland-Debatte
'Kontroverse zwischen Henderson und Sir John Simon.
Genf, 23. September.
Im Büro der Abrüstungskonferenz kam es zu einer lebhaften Kontroverse. L i t w i n o w erklärte, daß es jetzt an der Zeit fei, die großen Fragen, wie sie in dem Hoover- plan und in den Vorschlägen Sowjetrußlands vorgelegt seien, anzupacken. Der englische Außenminister Sir John Simon vertrat die Meinung, daß das Büro nicht dazu da sei, die großen politischen Probleme, die zur Zuständig- Hauptausschusses gehörten, zu diskutieren. Der französische Kriegsminister Paul-Boncour und der Be- rlchterstatter Benesch traten den Ausführungen des englischen Außenministers bei.
Präsident Henderson jedoch erklärte, daß die in seinem Briefwechsel mit der deutschen Regierung aufgeworfene Frage sehr wichtig sei. Es sei unerläßlich, daß gerade Fragen dieser Art von dem Büro diskutiert würden. Er sei erstaunt, daß eine Delegation (gemeint war die französische Delegation) sich dieser Auffassung widersetze, um so mehr, als diese Delegation stets der Meinung gewesen sei, daß Probleme dieser Art nicht im Hauptausschuß, sondern in der politischen Kommission diskutiert werden müßten. Henderson erklärte ausdrücklich, daß er seine endgültige Stellungnahme Vorbehalte und daß er nach Beratung mit dem Präsidenten des Büros später auf die Frage zurückkommen werde.
Im So»r Ä^w*xm
Genf. Der Perwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat nach zweitägigen Beratungen beschlossen, zum Januar 1933 eine technische Vorkonferenz zur Behandlung des italienischen Antrages überr die Herabsetzung der Arbeitszeit in der Industrie nach Genf einzuberufen. Dieser Beschluß wurde jnit 16 gegen 5 Stimmen der Arbeitgeber und einer Stimme der englischen Regierung gefaßt.
VW Reurüth in Gens
Genf. Der deutsche Außenminister Freiherr von Neurath ist zur Teilnahme an der Ratstagung und der Völkerbundsversammlung in Genf eingetroffen.
de Msme für AKNsheruNgZVZliLir
Marseille. Unterrichtsminister d e M o n z i e sprach über das Problem des internationalen Friedens. Er warf die Frage auf, ob jetzt, wo eine Wirtschaftskrise ohnegleichen wüte und wo von gewissen Ländern Rüstungsvorbereitungen getroffen würden, eine Aenderung der französischen Einstellung, so wie sie sich in Locarno dokumentierte, zu verzeichnen sei. Er glaube, das verneinen zu können. Es sei seine Pflicht, als Minister für nationale Erziehung für die Beibehaltung der Fühlungnahme zwischen allen Elementen „guten Willens" sämtlicher Länder zugunsten des Friedens zu sorgen, Schon fühle man, daß der Konkur- renzgeist unter den Völkern vom Geist der Zusammenarbeit abgelöst werden müsse.
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Berlin. Der zentrale Kreditausschuß beschloß, die De- betzinsen um ein Prozent zu senken. Die Habenzinssätze sind ebenfalls um ein Prozent herabgesetzt worden mit Ausnahme des Zinssatzes für normale Spareinlagen, der um y2 Prozent auf 3y2 Prozent gesenkt worden ist. Die neuen Sätze treten mit dem 23. September in Kraft.
Vor einer Diskontherabsetzung in der Tschechoslowakei.
Prag. Der Bankrat der Tschechoslowakischen National- bank wird heute sowohl den Diskont-, wie auch den Lombardsatz herabsetzen. Wie verlautet, wird der Einlagesatz um V2 Prozent und der Debetsatz um 3/4 Prozent gesenkt werden.
GwlWel zum MrWafLsprogramm
Dortmund. Zu dem Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung nahm eine Kundgebung der drei Landesverbände des westdeutschen Einzelhandelsverbandes Stellung. In ihr wird eine Entschließung angenommen, die die Sammlung aller gutgewillten Kräfte des Einzelhandels bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage als besonders drin- gend bezeichnet,. um die Durchführung des Grundprinzips des Wirtschaftspragramms der Reichsregierung zu ermöglichen. Der Einzeihandelstag lehnt jedoch jegliche Sub- ventionierung von Betrieben ab und verlangt gerechte Verteilung der Steuerlasten.
Von den Herbstmanövern.
Man sieht einen Autofunkzug der Aufklärungstruppen in Deckung auf dem Hofe eines Bguerngehöftes.
Aus der Heimat.
Aus dem Gerichtssaal
Der Arbeiter G. war mit seinem Freund in den Wald gefahren, um Leseholz zu holen. Mit ihrem Handwagen hatten sie sich in den Forstbezirk Kalten- born begehen. Dort hatte am Tage vorher der Arbeiter St. mit Genehmigung der Forstverwaltung Bohnen- 1 stangen und größere Stangen geschlagen bezw. zurecht- gemacht. Am anderen Morgen war St. mit einem Fuhrwerk auf dem Wege, um das Holz heimzuholen. Da begegnete ihm am WaldeSrand der Angeklagte mit seinem Freund. St. hatte sofort erkannt, daß das Holz, das sie auf dem Handwagen hatten, dasjenige war, was er tags zuvor für sich geschlagen hatte. Er hielt auch dem Angeklagten dies sogleich nur. Wie er nun mi dem Gespann an den Lagerplatz kam, sah er auch, daß das Holz auch zum Teil weg war. Eine kleine Wagenspur stellte St. auch noch fest. Der Beklagte behauptete, er habe nur in dem Bezirk sogen, dünne Spitze ausgehauen und aufgeladen. Das Gericht glaubte aber nicht dem Angeklagten und verurteilte ihn an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 5 Tagen zu einer Geldstrafe von 15 Mark.
Der Schreinermeister H. von Sorga hatte im vorigen Jahre 2 Gesellen beschäftigt und keine Jnvalidenmarken für seine Arbeitnehmer geklebt. Dieserhalb stand er heute vor den Schranken des Gerichts. Der Angeklagte gab die Tat zu und sagte, daß er kein Geld zum Ankauf der Marken mehr habe. Er erhielt eine Gefängnisstrafe von 1 Woche die auf 3 Jahre ausgesetzt werden soll und mit der Auflage, die fehlenden Marken innerhalb dieser Zeit nachzukleben.
Ein Gemüsehändler von hier sollte mit einem Auto Güter nach Frankfurt gebracht haben. Dieserhalb war ihm ein Strafbefehl von 30 Mark zugestellt worden. In der heutigen Verhandlung gab er an, daß er nicht der Besitzer sei, infolgedessen könne er auch nicht bestraft werden. Das Gericht beschloß Vertagung und Einholung einer Auskunft, wer Besitzer sei.
* Gebesserter Einlagenstand bei den Preußischen Sparkassen. Die preußischen Sparkassen verzeichnen im August zum ersten Mdle seit der Zahlungtzkrise nahezu einen Ausgleich der Ein- und Auszahlungen. Die Einzahlungen mit 232,2 Mill. RM. bewegen sich auf Vormonatshöhe, während die Abhebungen stark aus 238,4 Mill RM. zurückgingen. Berücksichtigt man die Zins- und Rückzahlungsgutschriften von 11,6 Mill. RM, so ergibt sich für August ein Einlagenüberschuß vnn 5,4 Mill. RM. Diese günstige Entwicklung hat auch im (September 1932 angehalten.
He ss 1b. Nachdem der Kreiß Hersseld den Betrieb des Krankenautos e i n st e l l e n mußte, ist mit den Kreisen Rotenburg und Hünfeld über eine Vereinbarung wegen Beförderung von Kranken aus dem Kreise Hersfeld mit den Krankenautos dieser.Lr?H>.ve^_ verlaufen. Inzwischen hat sich der Autobesitzer Ludwig Schmidt in Hersseld bereit erklärt, einen gebrauchten Personenwagen als Krankenbesörderungswagen einzu-
richten. Der Wagen ist unter Fernsprechanschluß Hersseld No. 600 zu jeder Tages- und Nachtzeit zu erreichen.
Bebra. Mittwoch nachmittag gegen 4 Uhr wurde auf der Kasseler Landstraße ein hiesiger 11—12.jähriger Junge, welcher sich mit seinem Fahrrad auf der Fahrt nach Lispenhausen befand, von einem fremden Auto angefahren. Der Unglückliche wurde durch den Anpralls
über daS Auto geschleudert und zu Boden geworfen. Er erlitt eine 5 cm lange tiefe Schnittwunde am linken Bein. Nach Anlegung eines Notverbandes wurde er in ärztliche Behandlung gegeben.
Freudenthal (Kr. Homberg). In einer der letzten Nächte wurde unser Ort von einer Einbrecherbande heimgesucht, die drei Einbrüche ausführten. In sämtlichen Fällen wurden größtenteils Lebensmittel gestohlen, u. a. 30 Litergläser eingekochte Früchte, Fleisch und Wurst. Außerdem erbeuteten die Diebe noch Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt war. Vor dem Orte am Walde wurden Spuren gefunden, woraus zu erkennen war, daß die Diebe mit Fahrrädern gekommen waren. Bis jetzt wurden die Täter noch nicht gefaßt.
Ransbach. Donnerstag morgen ereignete sich am Ausgang unseres Dorfes ein schwerer Verkehrsunfall, der leider auch ein Menschenleben forderte. Gegen Ve9 Uhr, als noch dichter Nebel über den Feldern lag, wollte der Lagerhausverwalter Krebs aus Ziegenhain mit seinem Wagen die Kurve unterhalb des Dorfes passieren. Zur gleichen Zeit bog auch der 22jährige Motorradfahrer Kniest aus Willingshausen in die Kurve ein. Beide Fahrzeuge prallten zusammen. Kniest flog so wuchtig gegen den Kühler, daß er mit schweren Verletzungen liegen blieb. Er wurde in das Krankenhaus Hephata abtransportiert, wo er wenige Stunden nach seiner Einliefcrung an den Folgen seiner schweren Verletzungen starb. Dir Schuldsrage ist noch nicht geklärt.
Frielendors. Ein schreckliches Erlebnis hatten die Eltern eines kleinen Kindes auf dem Kartoffelacker im Nachbarort Spieskappel. Die Eheleute Euler hatten ihr kleines Kind mitgenommen und es, während sie selbst mit Kartoffellesen beschäftigt waren, auf dem Felde spielen lassen. Plötzlich schrie das Kind ganz furchtbar Als die Eltern hinzukamen, sahen sie. daß das Kind in ein Wespen -est geraten war. Der ganze Körper war Detlev Wespen, die das Kind gestochen hatten. Da wegen möglicher Vergiftung Lebensgefahr bestand, mußte das Kind sofort in ärztliche Behandlung gebracht werden.
Dermbach. Mittwoch nachmittag wurde daS Fabrikgebäude des Korkfabrikanten Bittorf durch ein Schadenfeuer heimgesucht. Das Feuer hatte von dem
Nebengebäude, wo die Fabrik- und Lagerräume untergebracht sind, Besitz ergriffen. Durch das rasche Eingreifen der Glashüttenarbeiter die sofort mit ihren bereitstehenden Handspritzen das Feuer bekämpften, ist el in erster Linie zu verdanken, daß der Brandherd sich nicht bis zum Wohnhaus ausdehnte. Die nach kurzer Zeit anrückende Motorspritze hatte nur die Aufgabe daS Feuer niederzudrücken, was auch nach einiger Zeit gelang. Die Entstehungsursache konnte noch nicht restlos geklärt werden, allgemein wird aber angenommen, daß der Brand aus einen Schornsteindefekt zurückzuführen ist.
Gießen. Am Montag verhaftete die hiesige Polizei den 19 Jahre alten Polen Eduard Michalak, der als blinder Passagier die Eisenbahn brandschatzte, wegen Betrugs der Bahn. Der edle Pole besaß weder Paß noch sonstige Papiere, sodaß er sich neben der Betrugsklage auch noch wegen PaßvergehenS zu verant Worten haben wird.
Frankfurt a. M. Auf dem Bahngleis in der Nähe des städtischen Krankenhauses wurde die Leiche des Lokomotivführers Wilhelm Eckhardt aus Frankfurt a. M. aufgefunden. Der Kopf war vom Rumpfe getrennt. Eckhardt war aus der Nervenheilanstalt entwichen. Selbstmord ist daher wahrscheinlich.
Hofgeismar. In der Nähe des Westbergs wnrde die Leiche eickeS 18jährigen Oberprimaners aufgefunden. Wie festgestellt wurde, handelt eS sich um einen Schüler aus Görlitz, der seit einigen Tagen vermißt wurde und der sich daS Leben mit Cyankali genommen hat. Die Gründe des Freitodes sind vollkommen unbekannt. Der Oberprimaner galt als ein fleißer und begabter Schüler.
Wolfhagen. Von einer Kiefer stürzte ein 22jährigrr Gärtner vom Gute Haus Höhnscheid. Er zog sich so schwere Verletzungen zu, daß er nach kurzer Zeit verstarb.
Jlfeld (Kr. Grfsch. Hohenstein). Der frühere Buchhalter Hoheisel aus dem benachbarten Wiegersdorf stürzte infolge Reifenplatzens mit seinem Fahrrad. Trotz schwerer Verletzungen schleppte er sich von Hesserode bis nach Salza, von wo er nach Nordhausen ins Krankenhaus gebracht wurde. Dort ist er seinen Verletzungen erlegen.
Göttingen. In der letzten Nacht stieß ein von Seesen nach Göttingen fahrendes Auto infolge des starken Nebels gegen eine Eisenbahnschranke. Bei dem Zusammenstoß erlitt der Führer des Autos, ein Schlächtermeister aus Göttingen, schwere Verletzungen und mußte in die Göttinger Klinik eingeliefert werden. Die beiden anderen Insassen erlitten Schnittwunden und weitere leichte Verletzungen
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Deutsche Gesellschaft für Völkerrecht
Kassel. Zur Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht sind neben der Mehrzahl der deutschen Völkerrechtslehrer und hervorragenden Persönlichkeiten aus der Welt der praktischen Juristen die Vertreter einer Reihe Berliner Zentralbehörden anwesend, u. a. das Auswärtige 9inn, ,w ,s,,ichh.,s^..«.^tu!u, du» ^kkysmeyrmtuk- sterium, das Reichsverkehrsministerium, das Preußische Justizministerium und das Kammergericht.
Auf dem Besuchsabend in der Stadthalle sprach Professor Dr. Schücking, Kiel, über das Abrüstungsproblem. Der Redner bezeichnete die allgemeine Abrüstung als ein Gebot der Humanität, der Wirtschaft und der Gerechtigkeit. Es wäre, so sagte er u. a., sehr gefährlich, die Arbeitslosigkeit durch Ankurbelung der Kriegsindustrie einzuschränken.
Dagegen könnte mit den 20 Milliarden Goldmark, die heute noch für das Rüstungswesen der Kulturwelt ausgegeben werden, unendlich viel geschehen für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit.
Angesichts der einseitigen Abrüstung der besiegten Staaten des Weltkrieges erscheine die allgemeine Abrüstung als ein Gebot der elementarsten Gerechtigkeit. Die einseitige Abrüstung Deutschlands mit übdr 6000 Kilometer ungeschützter Grenzen sei und bleibe eine Vergewaltigung und eine schwere Demütigung Deutschlands. Dr. Schücking kritisierte dann den bisherigen Verlauf der seit Februar in Genf tagenden Abrüstungskonferenz.
Vom Büchermarkt.
Neue Steuertabelle zum Ablesen der Bürger- steuer. Gemäß der Verordnung des Reichspräsidenten zur Belebung der Wirtschaft vom 4. September 1932 wird im letzten Viertel des Kalenderjahre? 1932 die Bürgersteuer erhoben.
Die auf den Steuerkarten der Arbeitnehmer vermerkten Beträge, die als Bürgersteuer bei der Lohnzahlung abzuziehen waren, gelten jetzt nicht mehr. -Damit nun die Arbeitgeber bei den Lohnzahlungen den richtigen Abzug für die Bürgersteuer vornehmen können, erscheinen rechtzeitig in der zweiten Septemberhälfte Tabellen zum Ablesen der Bürgersteuer, aus denen die für jedes Arbeitsentgelt vom Arbeitgeber bei der Lohnzahlung abzuziehenden Beträge ohne Rechenarbeit abge* lesen werden können.
Da jeder Arbei geb.r für falschen Steuerabzug haftbar ist so ist es unbedingt nötig, diese Tabellen zu benutzen. Der Versand der Tabellen erfolgt nur an Arbeitgeber durch die Post und sind für Versandspesen 15 Rpf. in Briefmarken oder auf Postscheckkonto Berlin Nr. 421 einzusenden an Verlag für Reickssteuertabellen m. b. H., Berlin NW 87, Elberfelder Straße 30.
Die Wetterausfichten.
Das Kaltlusthoch über Deutschland wird von der über der Biskaya liegenden Zyklone angegriffen, beten ausgedehntes kräftiges Druckfallgebiet schon bis nach Mitteldeutschland vorgedrungen ist. Es ist daher mit rascher Wetterverschlechterung zu rechnen.
Witterungsaussichten für Samstag: Noch unbeständig, aber wieder mehr wechselnd bewölkt, und etwas kühler.