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Hersfel-er Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDZV.

Nr. 196

Montag, den 22. August 1932

82. Jahrgang

Das Meer gibt seine Opfer frei

In mühseliger Arbeit werden die Toten der gekentertenNiobe" im Kieler Hafen geborgen

Die Gefahren von Ottawa

In der Londoner Presse ist schon vor dem offiziellen Abschluß der Konferenz von Ottawa zum Ausdruck gebracht worden, daß ihr Ergebnis niemand zufriedenstellt und daß, ihre Entschließungen Flickwerk seien. Dieses Urteil dürfte vom Gesichtspunkt der Londoner Regierung und der englischen Wirtschaft zutreffend sein. Wie sich das Ergebnis vom Standpunkt des britischen Imperiums auswirkt, bleibt zunächst eine offene Frage. Das eigentliche Ziel, das Eng­land mit der Durchführung dieser Reichskonferenz erstrebte, nämlich die Ausgestaltung des Imperiums zu einer möglichst weitgehenden Wirtschaftseinheit einschließlich einer möglichst einheitlichen Geldpolitik, ist in wesentlichen Punkten nicht erreicht worden. Nach den Erklärungen des Staatssekretärs für die Dominien und für die Kolonien im englischen Un­terhaus waren der Konferenz fünf Hauptfragen gestellt: Förderung des imperialen Handels, vor allem durch Aus­bau des britischen Präferenzsystems, Rationalisierung der Erzeugung im Imperium, Regelung der Geldpolitik, Schaf­fung eines ständigen Organs des britischen Völkerbundes und Lösung des englischen Auswanderungsproblems.

Wenn das britische Mutterland die Absicht verfolgte, die industriellen Selbständigkeitsbestrebungen der einzelnen Dominien und Kolonien auf dem Wege einer Rationalisie­rung des wirtschaftlichen Auf- und Ausbaues aufzuhalten so ist dieses Ziel im wesentlichen nicht erreicht worden Ebenso haben sich die Dominien entschieden dagegen gewehrt, ich den Wettbewerb auf dem Weltmarkt gleich- am durch Zusammenfassung des interimperialen Marktes leschränken zu lassen. Besondere Schwierigkeiten wurden von Kanada gemacht, das sich nicht nur gegen eine Vor­rechtsstellung bei mutterländischen Industrie innerhalb des Imperiums, sondern auch dagegen zur Wehr setzte, daß das Mutterland durch seine handelsvertragiichen Abmachungen trachMtt

Der bisherige Handelsverkehr innerhalb des Impe­riums vollzog sich in der Hauptsache auf der Grundlage von Präferenzverträgen, die zwischen den einzelnen Dominien und Kolonien bzw. mit dem Mutterlande abgeschlossen wor­den sind. Außerdem ist durch eine Sonderabmachung vom Februar d. I. vom Mutterland die Befreiung von dein all­gemeinen Wertzoll von 10 Prozent und von etwaigen Zu­schlagzöllen für Erzeugnisse der Dominien, Indiens und Süd-Rhodesiens bis zum 15. November dieses Jahres und für die Erzeugnisse der übrigen Ts.le des Imperiums un­befristet festgesetzt worden. Im übrigen unterliegt der Ein­fuhr- bzw. Ausfuhrhandel des Mutterlandes mit den übri­gen Teilen des Imperiums den allgemeinen ^.ollbestim- Mimzen. Aus dieser Regelung ergab sich das begreifliche Verlangen der einzelnen Dominien usw., die wirtschaftlichen Interessengegensätze der einzelnen Mitglieder des Impe­riums im Wettbewerb auf dem englischen Markt zu be­seitigen.

Eine befriedigende Regelung wäre bestimmt leicht mög­lich gewesen, wenn das britische Imperium als wirtschaft­liche Einheit in einer Art imperialer Autarkie volle wirt­schaftliche Befriedigung und Ausnutzung seines wirtschaft­lichen Impulses finden könnte. Das ist aber nicht der Fall. Die wirtschaftliche Lebenskraft findet innerhalb eines solchen geschlossenen Wirtschaftskreises nicht genügend Entwicklungs- möglichkeiten. Tatsache ist z. B., daß Großbritannien von seinem Lebensmittelbedarf nur 40 Prozent aus seiner eige­nen Landwirtschaft deckt, daß 21 Prozent aus Britisch-Ueber- see, 39 Prozent aber aus Ländern außerhalb des Imperiums bezogen werden. Theoretisch wäre also die Möglichkeit ge­geben, daß die Deckung des englischen Öcbensmitfelbebarfes aus Gebieten des Imperiums noch wesentlich gesteigert wird. Ein Abschluß des Imperiums aber gegen die agrarischen Erzeugnisse der übrigen Welt müßte nicht nur auf ent­sprechende Abwehrmaßnahmen der betreffenden Länder führen, sondern mühte auch eine wesentliche Verteuerung der britischen Lebenshaltung zur Folge haben. Gerade diese Frage hat in Ottawa zu schweren Differenzen zwischen dem Mutterland und Kanada geführt, das von England die Kündigung des e n g l: s ch - r u m ü n i s ch e n Handelsvertrages und die Abstoppung der engli­schen Weizeneinfuhr aus Rußland gefordert hatte. Dieser Vorstoß Kanadas richtete sich in erster Linie gegen die rus­sische Weizenkonkurrenz, die sich durch die wiederholt zutage getretene Dumping-Politik Rußlands besonders fühlbar für Kanada gemacht hat. England hat sich, um Kanada nicht völlig in eine Art Opposition zu drängen, zu gewissen Zu­sagen bereit erklärt, die in einer Entschließung niedergelegt wurden. In dieser Anlidumping-Formel ist zwar das Wort Rußland nicht enthalten, es wird vielmehr ganz all­gemein vonunfairer Konkurrenz" gesprochen, doch ist da­mit selbstverständlich Rußland in erster Linie gemeint. Es ist verständlich, daß England sein Aeußerstes getan hat, um zu vermeiden, daß aus der Konferenz von Ottawa sich schließ­lich ein Wirtschaftskrieg gegen Rußland entwickelt, wo Eng­land weitgehende handelspolitische Interessen zu verlieren hat.

Das Gesamtergebnis der Konferenz von Ottawa ist schließlich die Einsetzung einesWeltreichs-Vermarktungs-

Ausschusses", dem die Aufgabe obliegt, einmal die Zollaus gleichsverhandlungen zwischen den einzelnen Teilen des Jm periums zu fördern und die Schaffung eines einheitlicher interimperialistischen Wirtschaftsreiches vorzubereiten.

Die Frage, wie sich die Beschlüsse von Ottawa für der deutschenAußenhandel auswirken werden, läßt fid im Augenblick noch nicht übersetzen. Es besteht natürlill kaum ein Zweifel darüber, daß die deutsche Wirtschaft 001 neuen Erschwerungen der Warenausfuhr im Gebiete be* britischen Imperiums steht, andererseits aber auch auf oer schärfte Konkurrenz auf dem Weltmarkt stoßen wird. E< scheint z. B. festzustehen, daß Südafrika sich verpflichte hat, den Handelsvertrag mit Deutschland, bei erst vor kurzem unter Dach gebracht worden ist, a u f z u l ö sen, weil nach diesem Deutschland den Anspruch erhebet könnte, dieselben Vorteile zu genießen wie die Empirestaa ten. Solche Auswirkungen für den deutschen Handel werdet sich auch in anderen Fällen ergeben, besonders dann, wem der Empfehlung der Konferenz in größerem Umfange Rech nung getragen wird, sich hinsichtlich der im Enrpireverkehi geltenden Zollherabsetzungen mit den anderen Ländern aus einanderzusetzen, mit denen Meistbegünstigungsverpflich tungen bestehen, und keine Handelsverträge mehr abzw schließen, die im Gegensatz zu den Ottawaer Abmachunger stehen würden.

Anstalt im neuen Reichstag

Die Fraktionsführer-Besprechung.

Berlin, 21. August.

Jm Reichstage fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Löbe, der bis zur Neuwahl des Präsidiums noch im Amte ist, eine Sitzung der Fraktionsführer statt, in der die Plätze- oerteilung vorgenommen wurde und die Disposii-onen für die ersten Sitzungen getroffen wurden.

In der zweiten Sitzung bium und die Schriftführer gewählt werden. Weitere Dis Positionen konnten noch nicht getroffen werden. Präsident Löbe hat.bie Fraktionen gebeten ihm die Mitglieder für den neuen Aeltestenrat zu benennen, ebenso hat er gebeten, schon recht bald die Mitglieder der Fraktionen für den ersten Aus­schuß des Reichstags, nämlich den Ausschuß zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung, und für den Auswärtigen Aus chuß des Reichstags auszuwählen, damit diese beiden Aus chüsie, die als Organe des Reichstags auch in Zeiten in Frage kommen, wo das Parlament selbst nicht versammelt ist, für den Notfall möglichst bald zur Verfügung stehen.

Dann wurde die vom Büro des Reichstags vorgeschla­gene Platzverteilung genehmigt. Jm Plenarsaal sind die bisher noch bestehenden Pulte der Abgeordneten beseitigt worden, nur die in der ersten Reihe dem Redner zunächst itzenden Fraktionsführer behalten noch Pultkästen. Dadurch ind 26 Plätze gewonnen worden. Die außerdem noch fehlen- )en drei Plätze wurden an den Wänden des Saales neu ge- chaffen. Die ganze rechte Seite bis in den dritten Sektor Mein nehmen künftig die Nationalsozialisten ein. Sie haben uns Plätze in der vordersten Reihe. Schmale Sektoren haben daneben dann die Deutschnationalen und die Bayerische Volkspartei, die je einen Vorderplatz bekommen. Ziemlich weit nach links gerückt ist das Zentrum mit zwei Border­plätzen. Dann folgen die Sozialdemokraten mit drei und auf der linken Seite die Kommunisten mit zwei Sitzen in der vordersten Reihe. Die Splitterparteien sind diesmal in den mittelsten Sektor zwischen Bayerische Vorkspartei und Deutschnationale gerückt. Die Deutschnationalen haben auch noch Plätze im mittelsten Sektor bekommen. Die Staats­partei hat ihre vier Plätze hinter den Sozialdemokraten. Der Saal ist nunmehr voll ausgenutzt. Die Schaffung,weiterer Plätze für eine noch stärkere Abgeordnetenzahl er-cheint so gut wie unmöglich. Der Saal mar ursprünglich für 397 Abgeordnete gebaut. Er umfaßt jetzt 608 Plätze.

Reichskanzler von Papen hat den Wunsch, unmittelbar nach der Wahl des Präsidiums des Reichstags mit dem neuen Aeltestenrat über die weitere parlamentarische Arbeit zu beraten. Man nimmt deshalb in parlamentarischen Kreisen an, daß nach den beiden ersten mehr formellen Sitzungen des Reichstags eine mindestens mehrtägige Pause einlritt, während der der Reichskanzler mit den Parteien die weitere Arbeit vorbereiten kann.

Einigung 66er die Finanzierung

Die Besprechungen zwischen Papen und Luther.

Berlin, 21. August.

Die Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und dem Reichsbankpräsidenten sind fortgeführt worden, wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, haben sie zu einer vollständigen Einigung geführt.

Die wertvollen Anregungen, die Dr. Luther zum Wirst schaftsprogramm gegeben hat, werden als Unterlagen für das wirtschaftliche Aufbauprogramm verwertet. Die Grund­züge dieses Programms wird der Reichskanzler in feiner für den 28. August vorgesehenen Rede vor den westfäli­schen Bauern bekanntgeben.

Die Verhandlungen in Preußen

Berlin, 21. August.

Die Koalitionsbesprechungen zwischen Nationalsozia­listen und Zentrum in Preußen werden am Dienstag forf- gesetzt werden, wobei sich bisher über den Stand der Unter­handlungen nach Meinung unterrichteter parlamentarischer Kreise weder in positivem noch in negativem Sinne etwas sagen läßt.

Es scheint, als ob zunächst die beiderseitigen Forderun- gen dargelegt seien, während die eigentlichen Verhandlungen darüber noch ausstehen. Eine Mitteilung über den Inhalt der gegenseitigen Forderungen wird vorläufig von den Ver- Handlungsparteien abgelehnt.

Im übrigen hat das Zentrum den Landtagspräsidenten gebeten, mit Rücksicht auf den Katholikentag die nächste Landtagssitzung nicht am 1. September sondern am 25. August anzuberaumen.

Der Präsident des Preußischen Landtages, Kerrl, hatte bereits zuvor das Landtagsplenum für Donnerstag, 1. Sep­tember, 13 Uhr, zusammenberufen. Die Tagesordnung sieht, wie wir bereits meldeten, große politische Debatten über die Einsetzung des Reichskommissars in Preußen und die ver­schiedenen blutigen Zusammenstöße vor.

Der Aeltestenrat wird zu entscheiden haben, wie lange der September-Sitzungsabschnitt dauert und ob und wann die Wahl des Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung gesetzt werde.

Der SchlMelvrwlt der Agrarvolitit"

Grundsätzliche Ausführungen des Grafen Kalckreuth.

Berlin, 21. August.

Der geschäftsführende Präsident des Reichslandbundes WW sich 1^0 M-MG' WflMtüM ul schäftigt. Die sich aus der dauernd rückläufigen Bewegung der Preise für landwirtschaftliche Deredelungsprodukte er­gebende Katastrophe drohe, zu einem völligen Zusammen- brud) der Veredelungswirtschaft zu führen? Diese ^ ver hindern, sei zum Schlüsselpunkt der deutschen Agrarpolitik schlechthin geworden. Die diesjährige Getreideernte werde voraussichtlich den deutschen Bedarf annähernd decken. Doch setze sich die Tendenz zur Steigerung der Getreideanbau­flächen weiter fort, weil die Betriebsverluste in der Verede­lungswirtschaft größer seien als im Getreidebau. Diese An- bauflächensteigerung resultiere aus einer Einschränkung des Anbaues von Zuckerrüben, Flachs und Feldrüben, zum größten Teil aber aus dem Umbruch von Grünland- und Weideflächen zu Ackerboden. Damit habe die Entwicklung des deutschen Bodens zur intensiven Kultur eine entschei­dende rückläufige Bewegung eingenommen.

Es entstehe die Gefahr, daß künftighin die Brotgetreide- ernte im Inland nicht untergebracht werden könne und da­mit, da Deutschland Getreide ausführen müsse, die Preis­bildung für Jnlandsgetreide hoffnungslos vernichtet werde. Die Verkleinerung der Grünland,Bächen bedeute aber an­dererseits eine einschneidende Verengung der Basis der deutschen landwirtschaftlichen Veredelungswirtschaft. Die Unrentabilität der Viehwirtschaft und der Zusammenbruch der preise der Veredelungswirtschaft müßten unweigerlich auch zu einem Zusammenbruch der Getreidepreise führen. Daher müsse ein Ausgleich in der Form einer entsprechen­den Steigerung der preise für Veredelungsprodukte in der Viehzucht und im Gartenbau gefunden werden.

Nur wenn das Veredelungsprodukt sich auf einer Preis- basis bewege, die eine rentable Verfütterung und Ver­wertung der Erzeugnisse der heimischen Scholle ermögliche, könne die Gefahr vermieden werden, daß die Ernährung des Volkes in steigendem Maße direkt oder indirekt auf ausländische Erzeugung angewiesen werde, während zugleich in demselben Ausmaße der Heimatboden der Extensivierung anheimfalle. Setze eine Regierung nicht alle nur irgend möglichen Mittel zur Wiederbeschäffung rentabler Verede- lungspreise ein, so werde sie nicht erwarten dürfen, daß die Landwirtschaft in ihr eine Regierung der Konzentration der nationalen Kräfte erblicke.

Die politischen Pundsualla Missare

Berlin, 21. August

Die preußische Staatsregierung hat folgende Persönlich­keiten als politische R u n d f u n k k o m m i s s a r e für die einzelnen Sender vorgeschlagen, deren Ernennung un­mittelbar bevorsteht.

Für die preußischen Sender Ministerialrat Strunden aus dem preußischen Staatsministerium, für Berlin Ober- regierungsrat von Blum vom Oberpräsidium Berlin. Kom­missar für den Südwestdeutschen Rundfunk wird Oberregie- rungsrat Dr. hammacher vom Regierungspräsidium in Wiesbaden, für den Sender Köln Regierungsrat Thedieck, für den Sender Königsberg Oberregierungsrat Dunkelbeck.