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HersMer Tageblatt

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Amtlicher Anzeiger für ven Kreis hersfelS °" tgsfÄÄ

Nr. 180

Mittwoch, den 3. August 1932

82. Jahrgang

Ein Staatsmann starb

In einem kritischen Augenblick der innerpolitischen Entwicklung Oesterreichs fällt der Tod Dr. Jgnaz Seipels, des Führers der größten bürgerlichen Partei Oesterreichs, der jahrelang als Bundeskanzler und Außenminister den politischen Weg des Landes bestimmte.

1917 erschien das Werk eines jungen Priesters, eines Homo novus in der Politik:Gedanken zur österreichischen Verfassungsreform". Der Krieg neigte sich bereits seinem Ende zu. Die herrschenden Kreise des Donaureiches began­nen zu fühlen, daß dasErwachen der aefchichtslofen Völ­ker". wie Otto Bauer, der große Gegenspieler des Autors der Gedanken zur österreichischen Verfassungsreform diesen Prozeß getauft hat, den Rahmen der altehrwürdigen Dop­pelmonarchie zu sprengen drohte. Sie sannen auf Abhilfe und betrauten den jungen Professor für Moraltheologie an der Universität Wien, Dr. Jgnaz Seipel, mit dem Studium der österreichischen .Verfassungsfragen, um zu Nutz und Frommen der Kirche richtungweisend in den schon sichtbar

werdenden Umbau

onarchie eingreifen zu können.

Seipels Buch ebnete ihm den Weg in die Politik, aber das Problem einer neuen Verfassung ließ ihn seither nicht mehr los. In allen Kämpfen, an Denen der Staatsmann Seipel Anteil nahm, stellte er dieses Problem in den Mittel­punkt feiner politischen Taktik, es wurde, wie der Psycho­analytiker der europäischen Politik, Fedor Vergin, erklärte, zu seiner Zwangsneurose. 1918, ein Jahr nachdem Seipel sich mit. seinen Gedanken zur österreichsichen Verfassungs­reform feine besondere Note geschaffen hätte,t trat er in Das letzte k. und k. Kabinett Lammasch ein. Wenige Wochen spä­ter war die österreichisch-ungari che Monarchie gewesen. Ein neuer Staat, Deutsch-Oesterreich, rief ihn ans alte Werk: Die Aufstellung einer Verfassung. Seipel wurde Führer der größten bürgerlichen Partei Oesterreichs, der Christlich-So­zialen, er wurde Abgeordneter und erlangte dreimal die höchste Würde, die einem ausgesprochenen Parteimann zu­teil werden kann; das Amt des Bundeskanzlers. Er ver­schaffte seinem Lande die notwendigen Kredite, überwand die gefährlichste innerpolitische Krise Oesterreichs, die des 15. Juli 1927 wurde gestürzt, arbeitete hinter den Kulissen wei­ter, alles kühl, gefühllos der Prälat ohn« Milde hieß er feinen theoretischen Abstrakt« hingegeben. Politik ist für ihn stets nur ein starres System theoretischer Combinationen ge- MWI me f en, wie es WWWWWMWßWWWEWrana eronimei- ureigensten Werkes des Genfer Vertrages

4. O k t o be r 1 9 2 2, zutage tritt.

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Als im August 1922 der wirtschaftliche Zusammenbruch der Republik Oesterreich drohte, trat der österreichische Bundeskanzler Seipel seine berühmt gewordene Reise nach Prag, Berlin und Verona an. In Verona bot Seipel Ita­lien eine Währungs- und Zollunion mit Oesterreich an, für die Italien das Land vor der drohenden Währungskata- strophe retten, sollte. Eingrößeres Italien", das sich bis zur Donau erstreckt und in Oesterreich die Brücke zu Ungarn hätte, war mit den Interessen der Tschechoslowakei und' Ju­goslawiens unvereinbar. Seipels Projekt hätte Mitteleu­ropa in schwere Verwicklungen stürzen müssen; es rief den tschechoslowakischen Außenminister Benesch auf den Plan. Benesch begann, den Gegenstoß zu führen. Es galt, Oester­reich finanziell ausreichende Hjlfe zu bringen und anderer­seits zu verhindern, daß sich das Land einer anderen Macht. Italien oder Deutschland, in die Arme werfe. Als die Groß­mächte fünf Taae vor Seipels Reise den Völkerbund auf- forderten,die Lage in Oesterreich zu untersuchen", da war dies eine kaum verhüllte Ablehnung der österreichischen Bitte um Kredit. Als im Oktober die Protokolle von Genf unter­zeichnet wurden, hatte Seipel auf der ganzen Linie gesiegt. Dazwischen lag seine Reise. Er hatte ein gefährliches Spiel gespielt und alles auf eine Karte gesetzt, aber so waghalsig sein Spiel auch war, es glückte ihm, Oesterreich erhielt eine Anleihe von 650 Millionen Goldkronen gegen die Ver­pflichtung keinerlei Bindungen einzugehen die seine wirst

sein Spiel auch

Anleihe von 61

schaftlschs oder politische Unabhängigkeit gefährden könnten. Seipel hatte kühn kombiniert wie nur ein genialer Schach- spielet: Der Gegenzug Beneschs war von ihm provoziert. z

Darüber hinaus aber war durch die Genfer Bedingung die erste Periode in der Geschichte der österreichischen Re­publik endgültig liquidiert, die der A n f ch l u ß - B e st r e - düngen, die in der Verfassung ihren Niederschlag ge- funden battM. Der Kamvf zwischen dem Deutschtum und

dem Alt-Oesterreichertum, der die junge Geschichte Deutsch- Oesterreichs erfüllt, war vorläufig au Gunsten des Alt- Oefterreichertums entschieden. Der Anschluß war versperrt, man konnte sich mit einem neugestärkten Alt-Oesterreicher- tum einer neuen Verfassung zuwenden.

Jgnaz Seipel f

Wien, 2. August.

Der frühere österreichische Bundeskanzler Prälat Dr Jgnaz Seipel ist am Dienstagnachmittag um 7.30 Uhr Irr SanatoriumWaldfrieden" im Wiener Wald seinem langer Zuckerleiden erlegen.

Dr. Seipel litt schon feit langem an einer schweren Zuckerkrankheit, zu der vor etwa 1^ Jahren im Gefolgt einer Grippe ein Lungenspitzenkatarrh trat, der sich immer mehr ausbreitete. Auf Dr. Seipel war vor mehreren Jah­ren ein Anschlag verübt worden. Die Revolverkugel, die ihn damals traf, war in die Brust eingedrungen und konnte der Zuckerkrankheit wegen nicht entsi drei Umstände wirkten zusammen und i

, ;ernt werden. Diese drei Umstände wirkten zusammen und führten schließlich fei: nen Tod herbei.

Die Leiche des verstorbenen früheren Bundeskanzlers wird im Militärkasino in Wien aufgebahrt werden. Die Begräbnisfeierlichkeiten finden am Freitagvormittag statt.

Jgnaz Seipel wurde am 19. Juli 1876 in Wien geboren. Er wandte sich dem geistlichen Beruf zu und wurde 1899 zum Prie­ster geweiht. 1908 habilitierte er sich an der Universität Wien für Moraltheologie und erhielt schon im folgenden Jahr eine Berufung als Ordinarius an die Philosophisch-theologische Hochschule in Salz­burg, von wo aus er 1917 wieder an die Universität Wien ging. Oktober 1918 trat er als Minister für soziale Fürsorge in das Ka­binett Lammasch ein und wurde 1919 Vizepräsident der Sozialisie- rungskommission. Im Mai 1922 übernahm er als erster Priester seit 600 Jahren das österr. Kanzleramt, das er bis Noo. 1924 ver­waltete. Nach dem Rücktritt des Kabinetts Ramek bildete er Oktober

;e in das Ka-

1926 sein zweites Kabinett. Mit Rücksicht auf die im April 1927 erfolgten Neuwahlen trat er wiederum zurück, um am 19. Mai 1927 sein drittes Kabinett zu bilden. 1929 demissionierte er end­gültig. 1930 trat er von der Führung der Christlich-Sozialen Par­tei zurück Die Wiener Universität verlieh dem früheren Bundes­kanzler im Jahre 1931 das Ehrendoktorat der Rechte.

Wien, 3. August.

Der österreichische Rationalrat lernte den Mißkrauens- antrag der Grotzdeukschen gegen die Regierung mit 81 gegen 81 Stimmen, also mit Stimmengleichheit ab. Die Regie­rungsmehrheit hatte alle Kranken zur Sitzung herangezogen. Auch für den verstorbenen Dr. Seipel war bereits ein Er­satzmann anwesend. >

Vernichtende Kritik

Italiens an der Abrüstungskonferenz.

Rom, 3. August.

In einem beachtenswerten Artikel unterzieht der italic- Nische Luftfahrtminister General B a l b o den Völkerbund und die Abrüstungskonferenz einer vernichtenden Kritik. Balbo sieht in dem bisherigen Verlauf der Abrüstungskon? ferenz ein ungeheures Nasführen der Gutgläubigen. Unver­blümt wendet er sich gegen die Vorherrschaft des französisch- englischen Systems, die auch in der Verteilung der Aemter an die Kreaturen Frankreichs und Englands im Präsidium der Abrüstungskonferenz zum Ausdruck käme. Die Beteilig­ten sollen sich vor Augen halten, daß mit Italien bei der Abstimmung über den Abrüstungsentwurf Beneschs etwa . zehn Länder sich der Stimme enthielten oder dagegen stimm­ten.

Das müsse in Rechnung gestellt werden, wenn man die ungeheure Jllusionsfabrik und die Falle für Einfältige, die sich Abrüstungskonferenz nannte, am Leben erhalten wolle. Andererseits wisse Italien, welcher Weg ihm zustehe, nämlich )er Auszug aus der Konferenz, und Italien werde dann nicht allein fein.

Die Tributfrage ist erledigt

Eindeutige Feststellungen Sir Walter Laytons.

London, 3. August.

In einer Rede in Oxford erklärte der englische Sach­verständige für Reparationsfragen Sir Walter Layton man brauche deswegen keine Befürchtungen zu hegen, weil das Laufannsr Abkommen noch nicht endgültig ratifiziert worden sei.

Das Buch der Reparationen sei geschlossen und könne durch nichts mehr wieder geöffnet werden. Die Abmachung, daß Deutschland eine besonders festgesetzte Summe bezahle, flehe fest und werde höchstens zum Zwecke einer erneuten Herabsetzung wieder zur Sprache kommen. Er sei fest über, reugt, daß eine zufriedenstellende Regelung der Kriegsschul- denfrage mit Amerika zustande komme und anschließend das Lausanner Abkommen ratifiziert werde.

Sir Walter Layton schlägt vor, daß England neue Ab­machungen mit anderen Staaten auf der Grundlage der Ge­genseitigkeit und der Annäherung an den Freihandel ein­gehen sollte.

ffieltwirtWslonlerem mit Amerika

Washington, 3. August.

Die Vereinigten Staaten haben die Einladung Weltwirtschaftskonferenz angenommen.

zur

Nach der Wahl Die Haltung des Zentrums.

Köln, 2. August.

Der geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Zen­trumspartei, Joos, veröffentlicht folgenden Aufruf:Mit großer Genugtuung und berechtigtem Stolz blicken wir aus die Wahlerfolge des 31. Juli. Dank einer in der Geschichte der Deutschen Zentrumspartei beispiellosen Hingabe und Werbearbeit ist es gelungen, nicht nur den Ansturm gegen- uns abzuschlagen, sondern darüber hinaus starke Fortschritte zu erzielen. Die Mehrung unserer politisch-parlamentari­schen Kraft ermöglicht uns, auch im neuen Reichstag au| eine Politik hinzuwirken, die unser Volk aus der Verwir­rung herausführt, dem Lande wieder Ordnung und Ruhe verschafft und auf der Grundlage der Verfassung eine ge­sunde, wirtschaftliche, soziale und nationale Entwicklung ge­währleisten soll. Allen Kämpfern, Mitarbeitern und Freun­den zu danken, ist uns Herzenssache."

DieBayerische Volkspartei-Korrespondenz" bezeichne! es als die wichtigste politische Feststellung am Tage nach bei Reichstagswahl, daß das weitgesteckte Ziel der National­sozialisten, die berühmten 51 o. h. zu gewinnen, überhaupt niemals zu erreichen sei. Sie fährt dann fort: Hitler . muffe sich an den Gedanken gewöhnen, daß er eine stark« und große Partei geschaffen habe, daß aber seiner Bewegung Grenzen gesetzt seien.

Die Wahlen wären sinnlos gewesen, wenn die stärkst« Partei nunmehr nicht in die offene Regierungsverantwor- hing einrücken wollte. Der Wille der Ration habe so der Rattonalsozialisten eine wichtige Rolle bei der zukünftigen Regierungsbildung zugewiesen. Er habe aber sich ebenso klar und eindeutig dafür ausgesprochen, daß das deutsch« Volk nicht daran denke, alle Macht Adolf Hitler zu über- antworten. Für die nationalsozialistische Bewegung sei so­mit die Stunde gekommen, sich einzufügen und einzuordnen und damit ihren Traum auf eine Parteidiktatur preiszu- geben. Rur so bestehe Aussicht, daß die Kraft der nnerschüt- kecken Mitte für eine Mehrheitsbildung im neuen Reichstag gewonnen werden konnte.

BottsreApartei bewmmt ein Reichswgsmandal

Die Reichspressestelle der Volksrechtpartei teilt mit: Nachdem der Christlich-Soziale Volksdiensi im Wahlkreisver- MWnü Westfalen Nord uM Süd ein Grundmandak nur mit Hilfe der Stimmen der Volksrechtpartei gewinnen konnte, fällt entsprechend dem zwischen beiden Parteien abge- schlossenen Vertrag ein Reichslistenmandat der Volks­rechtpartei zu. Gewählt ist damit der Reichsführer der Volksrechtpartei. Oberschulrat Bauer- Stuttgart.

Eme tSWNWWUÄe MMssmsideulLn?

Wie das Nachrichtenbüro

des VDZ feststellt, hat es den Anschein, als ob die kommunistische Abgeordnete Frau Klara

Zetkin das älteste Mitglied des neuen Reichstages sein dürfte. Frau Zetkin ist am 5 Juli 1857 geboren und daher 75 Jahre alt. Wenn der Reichstag kein älteres Mitglied aufweist, wird daher das Amt des Alterspräsidenten, der die ersten Sitzungen des neuen Hauses zu leiten hat, Frau Zetkin Zu­fällen, sofern sie nicht durch ihre Erkrankung daran gehindert sein würde. Der Posten des Alterspräsidenten würde dann Dem Zentrumsabgeordneten Blum, Krefeld, zufallen,

Einsprüche der Läaderregierunsen

Berlin, 3. August.

Im Reichsrat nahm Reichsinnenminister Freiherr von G'a n l s namens der Reichsregierung von den früheren Er- klärungen der Länder über die Rechtsverhältnisse -m Reichs- rat Kenntnis. Die Reichsregierung, so betonte der Minister weiter, erhoffte auch für die Zukunft ein reibungsloses Zu­sammenarbeiten und sei dazu um so mehr berechtigt, als die Gewähr gegeben sei, daß die Rechtsfragen durch eine Ent­scheidung des Staatsgerichtshofes, der praktisch ohnehin in feiner Weise vorgegriffen werden könne, einer baldig n Klärung entgegengeführt werden. .

Der Vertreter der bayerischen Regierung errotoerte, die neue Zusammensetzung des Reichsrats entspreche nicht der Reichsverfassung. Der Reichsrat sei nicht in der Lage, die ihm nach der Verfassung zukommenden Rechte auszu- üben. Von einem verwahrnngsankroa sehe Bayern nur u, weil keine Mehrl-eit dafür zustande käme. Bayern behalte sich ausdrücklich alle Schritte vor und sei nur unter diesem Vorbehalt in der Lage, sich an den Verhandlungen zu be­seitigen.

Die Vertreter von Württemberg, Baden, Hessen, Ham­burg Lübeck, Bremen, Lippe und S<-)aumburg-Ltppe schlössen sich der bayerischen Erklärung an. Die Derkreter der preußischen Povinzen behielten ^ch die Rachprüfung der Rechtmäßigkeit vor.

Verminderter Kohlen-Export nach Belgien?

Verhandlungen wegen Einfuhrbeschränkung.

Brüssel. Die Verhandlungen, die der Leiter der Han- delsabteilung des Belgischen Auswärtigen Amtes in Ber­lin führt, bezwecken, wie die Abendpresse erklärt, eine Herabsetzung des Einfuhrkonlingentes deutscher Kohle. Belgien wünscht wegen des Anwachsens der Kohlenlager eine Aenderung des deutsch-belgischen Abkommens vom vergangenen Oktober, das zuletzt im April den Verhältnis­sen'angepaßt worden ist.

Andererseits hat die Stadt Antwerpen ein Pro- testtelegramm an Ministerpräsident Benkin gegen die ge° plante Herabsetzung des Kontingents gerichtet.