HersD! öer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für ven Kreis Hersfelö
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDJB.
Nr. 178
Montag, den 1. August 1932
82. Jahrgang
Das Urteil des Volkes
Keine Rechtsmehrheit trotz Verdoppelung der NSDAP. — Verluste der SPD. und Anwachsen der KPD.
Der Wahltag im Reich
Berlin, L August.
Die Wahlschlacht ist geschlagen. Wohl noch nie gingen die Wellen der politischen Leidenschaften so hoch wie vor dieser Wahl, wohl noch nie waren die Wochen vor einer Wahl so mit Spannung und Erregung erfüllt wie dieses Mal und noch nie hat ein Wahlkampf — daß muß auch fest- gestellt werden — so unmögliche Formen angenommen wie diese. Nun ist alles vorüber. Bereits der Wahltag ließ eine wesentliche Beruhigung erkennen. Der Sonntag ist naq den bisherigen Meldungen, von kleineren Plänkeleien abgesehen, im allgemeinen ruhig verlaufen. Das trifft sowohl für Berlin als auch für das ganze Reich zu. Ein besonderes Merkmal dieses Wahltages war, daß gleich zu Beginp der Wahlzeit ein starker Andrang in den Wahllokalen ein- setzte, und schon bis gegen die Mittagsstunden hatten in seht vielen Bezirken 50 Prozent der Wahlberechtigten und stellenweise noch darüber hinaus ihrer Wahlpflicht genügt.
In den Städten des Ruhrgebietes ist der Wahlsonntaz bis zum Mittag ohne besondere Zwischenfälle verlaufen. Dagegen kam es in der vergangenen Nacht in Essen verschiedentlich zu Zusammenstößen.
Bei einer Schießerei wurde ein Kommunist durck einen Bauchschuß und ein 20jät)riger Nationalsozialist durch Armsteckschuß schwer verletzt. Zwei in der Nähe wohnende Schupobeamte, die sich auf die Straße begaben, wurden gleichfalls beschossen, und einer der Beamten durch einen Streifschuß am Kops verletzt. Er erwiderte das Feuer. Dabei wurde ein 18jähriger Nationalsozialist durch einen Kopfschuß tödlich verletzt.
Bei weiteren Schlägereien wurden noch mehrere Per- den Städten des Ruhrgebiets übereinstimmend gemeldet wird sehr lebhaft. Bis zum Mittag hatten vielfach schon 50 d H der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben.
In Hamburg und Schleswig-Holstein nahm der Wahltag mit Ausnahme eines schweren Zwischenfalls in Jtzehoe einen ruhigen Verlauf In Hamburg war die Wahlbeteiligung gleich nach der Eröffnung der Wahllokale sehr stark. Vielfach mußten die Wähler Schlangt stehen. In Jtzehoe versuchten in der Nacht Linksgerichtete, eine Hakenkreuzfahne herunterzuholen. Sie wurden jedoch durch SA.-Leute daran gehindert Als sich darauf drei SA.-Leute zum Ortsgruppenleiter begeben wollten, um den Vorteil zu melden, wurden sie von einem größeren Trupp aus einem Knick heraus beschossen
3m ganzen wurden acht Schüsse aus dem Hinterhalt abgefeuert. Der SA.-Mann Peter Kölln wurde durch drei Schüsse getötet. Als das Überfallkommando eintraf, waren die Täter bereits spurlos verschwunden. Sie sind jedoch teilweise erkannt.
In Stettin und dem Osten der Provinz Pommern war die Wahlbeteiligung vom frühen Morgen an sehr lebhaft. In der Stadt standen die Wähler schon lange vor Oeffnuna der Abstimmungslokale Schlange, da sie vor der Abfahrt der Dampfer und Züge noch ihrer Wahlpflicht genügen wollten.
Auch in Königsberg und in der ganzen Provinz Ostpreußen ist der Wahltag nach den bisherigen Meldungen ruhig verlaufen.
BestialiMe Mordtat
In Königsberg überfielen Kommunisten nationalsozialistische Zeitungsausträger. Ein Kommunist zog, unter einem Taschentuch versteckt, ein Messer und durchschnitt einem Nationalsozialisten die Kehle, der in kurzer Zeit verblutete. Drei vermutlich als Täter in Zrage kommende Kommunisten wurden von der SA. daraufhin, wie der Bericht der Kriminalpolizei milteilt, derartig verprügelt, daß sie zur Verbindung in« Krankenhaus eingeliefert werden mußten.
Der Wahlsonntag in Schlehen
Oberschlesien meldet ebenfalls eine recht starke Wahlbeteiligung. Auffallend hoch ist in vielen Orten, so vor allem in B e u t h e n die Zahl der ausgestellten Stimmscheine. In Gleiwitz kam es zu unbedeutenden Reibereien, die von der Polizei schnell beendet werden konnten.
In B r e s l a u hatten bis gegen Mittag etwa 40 v. h. der Wahlberechtigten ihrer Wahlpflicht genügt. In manchen Wahllokalen wurden jedoch noch weit höhere Ziffern, bis zu 75 d. H.. erreicht. In der Nacht kam es zu mehreren kleinen Zusammenstößen, wobei einige Personen leicht verletzt mürber. Auch aus dem Wahlkreis Breslau und dem Wahlkreis Lieanitz werden keine besonderen Zwischenfälle gemeldet. Im Wahlkreis Liegnitz ist die Wahlbeteiligung auf dem Lande etwas schwächer.
Ein Toter in Hasselfelde
At>^ Vraunjchweig wird berichtet, daß im ganzen Lande, abgesehen von kleineren Reibereien, Ruhe herrschte. Dagegen kam es am Sonnabend in Hasselfelde zwischen Teilnehmern einer SPD.-Versammlung und Rationalsozia- ilstsn zu einer schweren Schlägerei.
Der neue Reichstag
(Vorläufiges Ergebnis)
Stimmen
Abg.
1930
Sozialdemokraten
7 951 245
133
143
Nationalsozialisten
13 732 777
229
107
Kommunisten
5 278 094
89
77
Zentrum
4 586 501
75
68
Deutschnationale
2 172 941
37
41
Deutsche Volkspartei
434 548
7
30
Wirtschaftspartei
146 061
2
23
Staatspartei
371 378
2
14
Bayrische Volkspartei
1 190 453
21
19
Landvolk
91 184
1
20
Christlich-Soziale
364 739
2
15
Sonstige
603 448
4
20
Insgesamt
36 845 279
602
577
Der Kommunist Fritz Müller wurde durch einen Schuh getötet. Ein weiterer Kommunist erhielt einen Schoß ins Bein.
In Magdeburg zeigte der Wahltag das gewohnt« sonntägliche Bild. In der Nacht wurde in der Neustadi ein Reichsbannermann durch Messerstiche in den Rücken schwer verletzt.
triften
Die Kommunisten zogen in F u l d a mit einem durch die Straßen, dem sie ein Hakenkreuz an die Stirne geheftet hatten, und vor dem sie fortwährend „Heil-Hitler riefen. Als sich um diesen Umzug eine große Menschenmasse sammelte, löste die Polizei den Zug auf.
3m Anschluß hieran kam es später zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten zu einem Zusammenstoß, in dessen Verlauf der Kommunist Fröhlich von einem nationalsozialistischen SS.-Führer Raimund Maier erschossen wurde. Die Polizei nahm Maier in Haft.
Auch Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Stade, Göttin- gen, Goslar, Eelle usw. berichten über bisher störungsfreien Verlauf des Wahltages bei lebhafter Wahlbeteiligung.
In Ehemnitz hatte der größte Teil der Wähler bereits bis zur Mittagsstunde feiner Wahlpflicht genügt. In der Annaberger Straße wurden zwei Polizeibeamte überfallen. In der Notwehr gab einer der Polizisten drei Schüsse ab, durch die ein Angreifer tödlich verletzt wurde.
In den Wahllokalen in Thüringen herrscht starker Betrieb. Das Wahlgeschäft unterliegt infolge der Doppelwahl vermehrter Belastung.
In München ist der Wahltag, bis zum Mittag ohne größere Zwischenfälle verlaufen. Auch aus der Provinz sind bis jetzt keine nennenswerten Zwischenfälle gemeldet worden.
In Halle?am es am Sonnabendabend und in der Nacht mehrfach zu Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, bei denen durch Steinwürfe und Schläge mit Hiebwaffen mehrere Personen verletzt und in deren Verlauf etwa 17 Personen festgenommen wurden. Weiter,kam es auch in Magdeburg in der Nacht zu politischen Zusammenstößen, hier wurde ein Reichsbannermann durch Stiche schwer verletzt.
Der Wahltag in der Reichshauptstadt
Die Reichshauptstadt zeigte am Morgen des Wahltages ein recht belebtes Aussehen. Der Zustrom zu den Wahllokalen setzte bei dem schönen hochsommerlichen Wetter bereits in den ersten Vormittagsstunden ein. Bis zur Mittagszeit hatten in einzelnen Wahllokalen bereits etwa 55 o. H der Wähler ihre Stimme abgegeben. Wesentliche Zpvischenfälle haben sich am Sonntagvormittag nicht ereignet.
Die Bilanz der letzten Nacht
Dagegen kam es in der Nacht in Berlin zu zahlreichen politischen Zusammenstößen. Die Zusammenstöße forderten einen Toten, nämlich einen 17jährigen Kommunisten, der von einem Polizeibeamten in der Notwehr erschossen wurde iechs Schwer- und 18 Leichtverletzte 287 Personen wurden zwangsgestellt: 11 Pistolen, acht Hieb- und Stichwaffen beschlagnahmt. 13 Anschlagssäulen sind in der vergangenen Nacht in Brand gesteckt worden
Der Reichsprösident an der Wahlurne
Reichspräsident von Hindenburg begab sich im Kraftwagen nach Heinrichau, um dort zu wählen. In seiner Bereitung befand sich sein Sohn, der Oberst von Hindenburg, ind Oberregierungsrat von Riedel. Von der Bevölkerung ?ejubelt. erschien er im Wahllokal und kehrte sofort nach Neudeck zurück.
Einzelergebnisse:
Die Abkürzungen bedeuten:
SPD — Sozialdemokraten; NSADP. = Nationalsozialisten; KPD = Kommunisten; 3 = Zentrum; DNVH Deutschnationale Volkspartei; Lbd = Landbund; Chr.-Sv! = Christlich-Sozialer Volksdienst; VP = Volksrechtpar« iei; SAP = Soz. Arbeiterpartei; Schm = Schmalix Wahlkreis 1 Ostpreußen: (Amtl. Ergebnis) SPD 223891. NSDAP 535 988, KPD 147 374, Z 88 047, DNVP 107 962, DVP 9395, WP 1121, StP 6362, LV 1049, Chr.° Soz. 12 310, Polen 2845, gült. 1 137 204.
Wahlkreis 8 Liegnitz: (Dorl. amtl. Ergebn.) SPD 191133, NSDAP 349 209, KPD 55 245, Z 52193, DNVP 50 484, DVP 5663, WP 3976, StP 7246, LV 1348, Chr.-Soz. 7582. Sonst, u. ung. 8544. Gült. St. 727 504.
Wahlkreis 9 Oppem: SPD 60 411, NSDAP 204105, KPD 118 235, Z 241 385, DNVP 48 305, DVP 1977, WP 2287, SA 1202, LV 954, Chr.-Soz. 1498, Polen 14 534. Gülr. St. 695 239.
Wah re's 10 Magdeburg Anhalt: (Voiläunges Endergebnis) SPD 327 315, NSDAP 445 913, KPD 112 415, 3 20 7< ', DNVP 76 160, DVV 12 726, WP 2669, StP 10 894, nP 438, Chr.-Soz. 2697, VrP 931, SAP 1114, Dt. Einhp. f. w. Volkswtsch. 594, Kampfg. d. Arb. u. Bauern 55, Schm 59, KInr 214, Ldw 696. Abg. St. 1 016 305, ung. St. 4301.
Wahlkreis 11 Merseburg, Stadt Halle a. S.: SPD 18 497, NSDAP 51495, KPD 31 800, Z 2948, DNVP 13 942, DVP 2214, WP 474, StP 1451, LV 23, Chr.-Soz. 576, sonstige 1640. Gült. St. 124 399.
Wahlkreis 16 Magdeburg-Stadt: SPD 69 376, NSDAP 73 805, KVD 24 426, Z 4707, DNVP 12 774, DVP 3504, WP 734, StP 2907, LV 37, Chr.-Soz. 773. Wahlb.
Wahlkreis Leipzig: (Vorl. Gesamterg. des Wahlkr. ohne den Wahlbez. Hauptbhf., der bis 23 Uhr Wahlzeit hat) SPD 275138, NSDAP 300 006, KPD 155 220, Z 9312, DNVP 37 068, DVP 18 279, WP 6431, StP 14 368, LV 889, Chr.-Soz. 6076, Sonst, u. ung. St. 8529. Abg. St.
831 316.
Wahlkreis 22 Düsseldorf-Ost: (Endergebnis) SPD 15 4 943, NSDAP 399 770, KPD 331397, Z 260 566, DNVP 61 925, DVP 14 642.WP 8286, StP 3840, Chr.-Soz. 16 972, VrP 4835, SAP 2129, Polen 1041, Kampfgem 132, Freiwrtsch 3191, Chr.-Rdk. Vlksfr 925. Gült. St. 1 264 602.
Wahlkreis 23 Düsseldorf-West: SPD 106 809, NSDAP 284110, KPD 207 814, Z 357 639, DNVP 61 902, DVP 10 322, WP 3935, StP 2240, Chr.-Soz. 8324, StrP 2155, SAP 1403, Polen 2040, Sonst. 1775. Gült. St. 1070 526.
Wahlkreis 27 Pfalz: (Vorl. amtl. Endergebn.) SPD 97 033, NSDAP 241 257, KPD 58 997, Z 131277, DNVP 5947, DVP 7765, WP 1647, StP 2420, Chr. LV 2556, Chl.-Soz. 3656, Sonst. 476.
Wahlkreis 19 Hessen-Nassau: SPD 330 787, NSDAP 644 369, KPD 154 802, Z 222 374, DNVP 59 160, DVP 23 466, WP 4 870, StP 10 286, LV 4 211, Chr.-Soz. 18 399, DHP 171, SAP 2 916, RM 1 508.
Wahlkreis 31 Württemberg (Gesamtergebnis)^ Vorläuf Enderg.) SPD 247 185, NSDÄP 425 636, KPD 155 386 Z 305 786, DNVP 53 818, DVP 12160, WP 2639, StP 33 715, Chr.-Soz. 49 967, Bauern 93159, Sonst, u. ung. St. 20 492.
Wahlkreis 33 Hessen-Darmstadt: (Vorl. Gesamterg.) SPD 221 726, NSDAP 364 749, KPD 89 243, Z 125 673, DNVP 15 704, DVP 12 761, WP 2040, StP 8442, Chr.-Soz. 7625.