Der rots Brief / Kriminatroman von Harö^ Norm
- ^ mmw vi&affisgsEaEESKs^a^s^ggggsE^wgsgi^^aiiiig«^^^
Copyright by Greiner & Co., Berlin NW. 6. Nachdruck verboten
3. Fortsetzung.
Harry Wolter hatte sich gerade rasiert und pfiff sich ein Liebchen, als die Tür ungestüm aufgerissen wurde. Auf der Schwelle stand der Sekretär. Bleich und aufgeregt.
Der Detektiv sieht sofort, daß etwas Peinliches ge- säwhen ist.
„Sie ist weg!" schreit Schlüter. „Vor fünfundzwanzig Minuten . .. mit Handkoffer . . . unten ist neuer Portier ... hat sie passieren lassen sie sagte, sie käme in zwei Stunden wieder."
Wolter steht einen Augenblick wie erstarrt. Dann rast er mit dem Handtuch übers Gesicht. „Das Kursbuch . . . die Rechnung . . . Auto nach Frankfurt!"
Der Sekretär rennt davon.
Der Empfangschef erscheint. Er verneigt sich unausgesetzt.
„Ein peinliches Versehen. Wirklich überaus peinlich. Ein neuer Portier. Was sollen, wir mit den Koffern machen? Die Rechnung ist auch noch nicht bezahlt —"
„Herr, das ist mir ganz piepe!" Wolter rast über den Korridor, zieht unterwegs den Rock über und reißt die Tür zum Zimmer der Gesellschafterin auf.
Dort liegt alles bunt durcheinander. Blusen und Strümpfe hängen über der Stuhllehne. Der Detektiv reißt die Koffer auf. Wühlt in den .Kleidungsstücken. Nichts. Nichts von Belang. Der Schreibtisch leer. Kein Stück Papier. Wolter fetzt das Löschblatt aus der Schreibmappe. Und stürmt zurück in sein Zimmer.
Der Empfangschef steht immer noch verlegen da und macht Verbeugungen.
„Schicken Sie uns die Sachen und die Rechnung nach," schnauzt der Detektiv. „Telephonieren Sie nach dem Frankfurter Flughafen. In einer halben Stunde soll eine Maschine nach Berlin bereit stehen."
„Wird besorgt, wird besorgt." Wernburg verneigt sich wieder wie vor einem Maharadschah.
Der Detektiv springt die Treppe hinunter.
Vor dem Hotel hält ein Auto.
Ein helles Hupensignal, und der Wagen rast davon.
8. Kapitel.
Die Jagd beginnt.
Ein seiner Sprühregen rieselte herab und hüllte die ganze sonst so anmutige Gegend in trostloses, schmieriges Grau. —
Das Auto, in dem die Detektive saßen, fegte die Mainzer Landstraße hinunter, als gälte es, dem Teufel zu entfliehen.
Mainz-Kastell, Hochheim. — Weiter, immer weiter.
Keiner der Insassen sprach ein Wort. Harry Wolter hatte die Lippen auseinandergepreßt. Seine Augen waren geschlossen.
Schlüter wußte: jetzt durfte er ihn nicht stören. Ein falsch gesetztes Wort genügte, um den Detektiv in helle Wut zu versetzen. Und der Sekretär fühlte sich nicht ganz unschuldig an der Flucht der Gesellschafterin. Er hatte sich nicht gleich am Morgen informiert, ob das Mädchen noch im Hotel war. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Endlich brach Wolter das Schweigen. „Wann hat der Berliner Zug Anschluß in Frankfurt?"
Schlüter atmete auf. „Neun Uhr zehn."
Der Detektiv sah auf die Uhr. „Schaffen wir nicht."
„Wann ist der Zug in Berlin?"
„Sieben Uhr zwanzig Potsdamer Bahnhof."
„Schön", Wolter gewann seine gute Laune wieder. „Fünf Stunden Flugzeit, wenn alles glatt geht. Und wir können uns unserer Freundin an die Fersen heften."
„Vorausgesetzt, daß sie nach Berlin gefahren ist," wandte Schlüter ein.
Der Detektiv faßte in die Tasche und holte ein Stück Löschpapier hervor.
„Unsere kleine Freundin ist etwas unvorsichtig gewesen. Viel kann man auf diesem Papier nicht entziffern, aber so viel geht daraus hervor, daß sie jemand von ihrer Abreise nach Berlin benachrichtigte: „ußte. . . eise. . . treff . . alt. . . ohnung . . näher .... mündl—" Ja, nun sind wir mit unserer Weisheit am Ende. Keine Adresse. Keine Anrede!"
„Frankfurt in Sicht," meldete Schlüter.
Zehn Minuten später hielten sie vor der Halle der Luftverkehrsgesellschaft.
Sofort trat ein Herr auf die Aussteigenden zu.
„Herr Dr. Wolter?"
„Ja. Ist alles klar?"
Der Herr schüttelte den Kopf. „Ueber der Rhön herrscht außerordentlich böiges Wetter. Außerdem liegt bis Berlin dichter Bodennebel. Wir haben sogar das reguläre Postflugzeug nicht starten lassen. Es tut uns sehr leid, aber. . .", ein bedauerliches Achselzucken ergänzte seine Worte.
„Was Ihnen leid tut, ist mir vollkommen gleichgültig, »nein Herr," sagte der Detektiv schroff. „Ich muß nach Berlin. Ich muß vor dein Frankfurter Schnellzug in Berlin ankommen. Wie Sie das anstellen, ist mir egal. Ad) nehme an, daß Sie Piloten haben, die Nebel und Böen nicht scheuen."
Der Herr von der Luftverkehrsgesellschaft wand sich hilflos hin und her.
„Ich kann die Verantwortung meiner Firma gegenüber nicht tragen. Außerdem wird die Luftpolizei schwerlich.."
Abermals schnitt ihm der Detektiv das Wort ab. „Die Luftpolizei nehme ich auf mich."
In diesem Augenblick näherte sich ein Herr in Flieger- kleidung der heftig debattierenden Gruppe.
-Als ihn der Flugdienstleiter erblickte, atmete er auf.
„Meine Herren," erklärte er, „es gibt nur eine Möglichkeit für Sie, aus dem gewünschten Wege nach Berlin zu kommen. Wenden Sie sich hier an Herrn Körner. Er hat eine eigene Maschine. Er kann, die Erlaubnis der Luftpolizei vorausgesetzt, tun und lassen, was er will."
Schnell hatte Wolter dem ehemaligen Kampfflieger sein Anliegen vorgebracht. „Ich übernehme die Haftung für Ihre Maschine, falls wir Bruch machen sollten."
Der Pilot streckte dem Detektiv die Hand entgegen.
„Abgemacht! Aber ich kann nur einen Herren mit- nehmen. Mein Sportflugzeug ist nur für einen Passagier eingerichtet."
„Gut. Schlüter, dann kommen Sie mit Dein nächsten Schnellzug nach. Lassen Sie mir die Handtasche mit den Perücken und der Schminke hier. Dort steht noch das Auto. Rennen Sie."
Schlüter, der offensichtlich heilfroh war, bet Diesem stürmischen Weiter am dem sicheren Erdboden bleiben zu können, hüpfte wie ein Wiesel davon.
Wolter aber rokgte dem Piloten, Der aus einen Schuppen zuschritt.
Und während sich Wolter »vorn» anzog und von der Luftpolizei die Starterlaubnis einigste, schoben die Ar- beiter das kleine, rote Sportflugzeug auf Den Platz.
„Also, Hals und Beinbruch!" Der Detektiv schwang sich auf seinen Sitz.
Donnernd durchschnitt der Propeller die Luft.
„Glück ab!" Der Flugdienstleiter und die Monteure winkten mit der Hand den letzten Gruß. Der Doppeldecker schwamni im Nebel.
Es war eine harte Fahrt. Der Pilot lag vornüber- geneigt auf der Steuerung. Er fraß den Wind. Sein Herz war der Motor.
Die Maschine tänzelte durch Die Luft. Eine unsichtbare Faust packte sie und schleuderte sie fünfzig Meter hinunter. Sie fiel wie ein Stein. Aber jedesmal fing sie Der Flieger wieder auf.
Als Fräulein Schwalbach eintrat, erhob sich der Detektiv, legte beide Hände auf ihre Schultern und fragte....
Wolter starrte auf den Rücken des Piloten. Auf diesen breiten Rücken, der sich unter der Lederjacke spannte.
Bei Gott, dachte er, das ist ein herrlicher Sport. Heult nur, ihr Winde, freßt uns doch weg. Aber ihr heult wie die Hunde und kuscht. Der Herr ist da!
Und plötzlich wurde es lichter. Me Nebeldecke unter ihnen zerbrach. Ein schwarzer Wald wurde sichtbar.
Der Pilot streckte die rechte Hand empor. Und diese ölbeschmierte Hand jauchzte und schrie: Wir haben's geschafft! -
Die Rhön mit ihren giftigen Böen lag längst hinter ihnen. Eine Stadt wurde sichtbar. Halle.
Fünf Stunden vor Ankunft des D-Zuges Frankfurt— Berlin landete die Maschine auf dem Tempelhofer Flughafen.
Die beiden Männer schüttelten sich die Hände. Ihre Augen lachten.
Wolter machte einige Kniebeugen. Verdammt steif war er geworden. Und die Haut war gespannt, als sei sie mit einer Eiskruste überzogen.
Doch er hatte nicht viel Zeit zu verlieren. Schnell ging er in das Büro der Luftverkehrsgesellschaft, stellte dem Piloten einen Scheck aus, den dieser freudig bewegt ein- steckte und fuhr dann in sein Büro.
9. Kapitel.
Wichtige Informationen.
„Tag, Fräulein Schwalbach," sagte Wolter zu einer nicht mehr ganz jugendlichen Dame, die in seinem Büro saß. „In der Zwischenzeit recht fleißig gewesen?"
Fräulein Schwalbach, eine ehemalige Beamtin der Sittenpolizei, die der Detektiv wegen ihres Scharfsinns und ihrer kriminalistischen Erfahrung als Gehilfin engagiert hatte, nickte stolz.
„Ich hoffe, Sie werden zufrieden sein."
„Na, dann gestatten Sie mir erst mal, daß ich es mir bequem mache."
Und Wolter band sich den Kragen ab, zog seinen Haus- rock an und ließ sich bann seufzend in einen Sessel fallen.
„Punkt zwei .Ich habe Hunger. Schicke»» Sie Georg ins Löwenbräu; er soll mir ein anständiges Gedeck holen. Und nun lassen Sie sehen, was Sie über Frau v. Biberstein erfahren haben."
„Hier sind die Originalinformationen aus Mexiko und Paris . Mein eigener Bericht über die verwandtschaftlichen Beziehungen der Gräfin liegt bet."
„Ich danke Ihnen."
Fräulein Schwalbach verließ lautlos das Zimmer.
Der Detektiv entfaltete einen Bogen nach dein andern. Sein Gesicht, das zuerst Erstaune»» widergespiegelt hatte, verzog sich immer mehr zu einem Lächeln. Dann legte er sich auf seinen Diwan und zählte anscheinend die Punkte im Tapete nmnster.
Als Fräulein Schwalbach eine Viertelstunde später ein trat und »neidete, daß das Essen im Nebenzimmer stehe, er hob sich der Detektiv, legte beide Hände auf ihre Schulter: und fragte:
„Mein liebes Fräulein, was wünschen Sie sich z: Weihnachten? Ich glaube, Ihre Informationen bringet mich auf die richtige Spur."
Die Gehilfin blickte verlegen zu Boden, „ßu Weih nachten? Ja, was soll ich mir da wünschen? Sie wisse» ja, daß ich eine Nähstube für ehemalige Prostituierte ringe richtet habe. Und zum Anfang fehlt es uns natürlich an Nötigsten."
„Gut," der Detektiv öffnete Die Tür zum Nebenzimmer „Wenn der Fang glücken sollte, werde ich Ihnen unl Ihren Pflegebefohlenen eine große Freude bereiten."
Mit diesen Worten setzte er sich an Den Tisch, und am seiner andachtsvollen Miene war 311 schließen, daß er du feste Absicht hatte, sein Mittagbrot restlos zu verzehren
Welcher Umstand hatte Den Detektiv in eine so freund liche Stimmung versetzt? Was enthielte»» die aus fremder Ländern kommenden Berichte?
Verfolgen,wir sie der Reihe nach. Die Information aus Mexiko lautete:
Frau v. Biberstein war die Gattin des vom Jahre 192( bis 1922 hier tätigen deutschen Attaches, Graf v Biber stein. D»e Trauung wurde am 2. Februar 1921 vollzogen Frau v. B., verw. Laronge, geb. Rüdiger wurde an 3. März 1896 zu Mülhausen im Elsaß geboren Ihr letzte» Aufenthaltsort war Paris. Sie verließ 14 Tage uacl dem Tode ihres Gatten, am 29. März 1922, ' Mexitc und soll sich nach Berlin gewandt haben.
Dieser lückenhafte Bericht erfuhr eine vortreffliche Ergänzung durch die Information der Pariser Polizei:
Rita Rüdiger, geb. am 3. März 1896 zu Mülhausen im Elsaß, ließ sich am 15. Oktober 1919 in Paris nieder. Sie trat in verschiedene»» großen Varietes als Tänzerin auf und ehelichte am 5. Januar 1920 den Ingenieur Berthold Laronge, der hier im Verdacht stand, führendes Mitglied des internationalen Verbrecherbnndes „Das Auge wacht" 31t sein.
Am 16. Juli 1920 wurde eine verstümmelte Wasserleiche im südliche»» Seine-Departement geborgen. Sie wurde von Rita Laronge als die ihres' Gatten rekognosziert. Aus den Verletzungen des gräßlich verstümmelte»» Körpers konnte nicht mit Bestimmtheit auf einen Mord geschlossen werden.
Rita Laronge trat kurze Zeit nach dem Tode ihres Mannes wieder als Tänzerin auf und knüpfte Beziehungen mit Dem in diplomatischer Mission hier weilenden Attachd der deutschen Botschaft in Mexiko an Sie meldete sich ordnungsgemäß am 15. Dezember ab und be- gab _fics) mit den» Grase»» v. Biberstein nach Mexiko.
Ob sie an Den Aktionen des Verbrecherbundes beteiligt war, eMieht sich vorerst unserer Beurteilung. Die 'I^mimTungcn^ abgeschlossen.
Um Dem Bild eine Abrundung zu geben, müssen wir noch den Bericht des Fräulein Schwalbach verfolgen:
Die Eltern der Rüdiger ftarben im Jahre 1900. Sie wurde erzogen durch Großeltern und befand sich bis 1913 in Lausanner Pension. Bis 1915 Tanzknrsus beim Ballettmeister Schmiedet in Frankfurt. Ab 1916 Engagements an bedeutenden deutsche»» Kabaretts. Letztes Engagement Wintergarten. Am 13. Oktober 1919 Abreise nach Paris.
Ab Paris siehe Anlage.
Aukunft der geb. Rüdiger, verw. Laronge, verw. Biberstein in Berlin am 2. Juni 1922. Die Wohnung in der Maaßenstraße wurde ihr durch das Auswärtige Amt zu- gewieseu.
Die Angehörigen des verstorbenen Biberstein standen dieser sogenannten »instandesgemäßen Heirat ablehnend gegenüber und traten in keine Beziehungen zur Gräfin Die B. lebte verhältnismäßig zurückgezogen. Zum Baron v. Seehagen trat sie im Jahre 1923 in frenndschaftlicde Beziehungen. Das Vermögen, das ihr der B. hinterließ, betrug 1 600 000 Franken.
Nachdem Wolter noch einige dringende geschäftliche Angelegenheit erledigt hatte, zog er sich um.
Eine Reisemütze über die schwarze Perücke, eine Brille vor die Augen, den Mantelkragen hochgeschlagen — er war kaum wiederzuerkennen.
Noch 30 Minuten bis zur Ankunft des Frantsmter Zuges.
Allons.
Krachend fiel die Tür ins Schloß.
10. Kapitel.
Berfo!glt»g mit Hinvcrnissen.
„Noch 15 Minuten Zeit." Wolter ging in den Warte raum und trank etwas Heißes. Blickte in Die Leitungen Unglücksfälle. Ein neuer Mord. Nun, er hatte mit dem einen genug zu tun.
Und plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: Wenn nun die Gesellschafterin wirklich unschuldig sein sollte? Sein Verdacht gegen sie lag ja nur in ihrem merkwürdigen Verhalten begründet. Er mochte ben Gedanken gar nicht weiterspinnen.
Noch 2 Minuten. Der Detektiv stand auf und ging durch die Sperre. Neben ihm Menschen mit erwartnngs bollen, freudig bewegten Gesichtern. Blume»» leuchteten durch das Grau des Bahnhofs. Erregtes Stimmengewirr Kommandoruse. „Vooorsicht! Vooorsicht!" Polternd fuhren die Gepäckkarren über den Bahnsteig.
Als der Zug dröhnend in die Halle stampfte, stand Wolter eingekeilt in einer Menge Wartender und ließ seine Blicke über die Aussteigenden schweifen.
Ein Seufzer der Erleichterung entfloh seinen Lippen. Er hatte Fräulein Hansen entdeckt. Sie trug einen Kupee- kofser und ging, ohne sich auch nur ein einziges Mal nmzublicken, durch die Sperre.
Der Detektiv folgte ihr.
Efortzetzn ia wlat.)