Programmatische Rede Strassers
Nationalsozialistische Ausführungen im Rundfunk.
Berlin. Als Wahlredner der NSDAP. sprach am greitag abend der Abgeordnete Gregor Straffer im unb^nf. Der Kampf der Nationalsozialisten habe nie dem Streben nach unfruchtbaren Koalitionen und Ministersesseln gegolten, sondern sei nur um die jt tm Reiche geführt worden. Im Reiche wollen und werden wir, so betonte der Redner, das Programm unserer Partei verwirklichen, d. h. einen sauber und sparsam verwalteten gerechten Staat aufbauen, der auch nach außen hin stark genug ist, den Arbeitsertrag seiner Volksgenossen zu schützen und der nach innen verantwortungsbewußt ist, um in einem neuen Wirtschaftsdenken das Recht auf Arbeitslohn und natürliches Auskommen wieder herzustellen. Als zweites Ziel der Nationalsozialisten nach der Uebernahme der Möcht bezeichnete der Redner die
Gewinnung der parteipolitischen Gegner im Volk, deren staatsbejahende und ausbauwillige Kräfte durch Leistungen und Taten der neuen Männer von der Richtigkeit des nationalsozialistischen Wollens überzeugt und zu Nationalsozialisten gemacht werden sollen. Mit allen Mitteln des Staatsapparates werde der Nationalsozialist fein neues Denken im deutschen Volke und auf allen Gebieten, in Politik und Wirtschaft, Kunst und Literatur, Sport und Theater fortsetzen.
Papen antwortet den ^l^cu
Berlin. Reichskanzler v. Papen hat an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Erzbischof Kardinal Bertram in Breslau, ein Schreiben, gerichtet, in dem er die Auffassung der Mitglieder der Fuldaer Bi- schofskonferenz teilt, daß besonders in der letzten Zeit vor I der Reichstagswahl jeglicher Terror verhindert werden ! müsse. Der Kanzler führt dann die Maßnahmen im einzelnen an, die er zur allgemeinen Beruhigung der politischen Atmosphäre getroffen hat. Am Schluß des Schreibens heißt es:
„Euer Eminenz haben mit Recht betont, daß allen treu christlich gesinnten Kreisen das Gebot des göttlichen Meisters heilig sei, Achtung und Gehorsam der obrigkeitlichen Gewalt zu leisten. Die Reichsregierung vertraut darauf, daß dieser christliche Fundamentalsatz auch bei den christlichen Kreisen Beachtung finde, die einzelnen politischen Maßnahmen einer Regierung ablehnend gegenüber- stehen, deren vordringlichstes Wollen es ist, die christliche Weltanschauung wieder zur Achse aller Staatsgesinnung zu machen.
Brüning entbiet MM und ZWMberg
Berlin, 30. Juli.
Dr. Brüning antwortete hier auf die bekannten Angriffe Dr. Schachts und sagte: Ich habe auf die zu frühe Inangriffnahme der Revisionsverhandlungen des Dawes- Planes hin gewiesen und auf die später bei den Verhandlungen in Paris gemachten Fehler. Diese Auffassung muß ich aufrechterhalten, denn sie entspricht der historischen Wahrheit, wie sie aus den beim Reichsarchiv niedergelegten Urkunden festgestellt werden kann. Es war ein Fehler, die Verhandlungen am Ende einer deutschen Hochkonjunktur zu beginnen. und. eL-bleibt in meinen-Augeu ein Fehler, daß ein festes Angebot in Paris seitens des H^rrn Dr. Schacht gemacht worden ist.
Nachdem es durch die Arbeit meines Kabinetts gelungen war, schrittweise die Welt davon zu überzeugen, daß eine weitere Reparationszahlung unmöglich war, muß ich es auch angesichts des öffentlichen Eintretens des Herrn Dr. Schacht für den Poung-Plan als einen unerhörten Vorwurf betrachten, wenn gerade er derartige Angriffe gegen, ba§ von mir geführte Kabinett erhebt. Wenn Herr Dr. Schacht über die späteren Verhandlungen spricht, die ich in Freiburg nicht erwähnt habe, ob es richtig gewesen sei, im Jahre 1929/30 den Poung-Plan abzulehnen und auf die Befreiung des Rheinlandes auf Jahre hinaus nachträglich zu verzichten, so sind das Fragen, die sich zum Teil zwangsläufig entwickelt haben und über die auch die Auffassung des Herrn Dr. Schacht mehrfach gewechselt hat.
Ich muß daher den Vorwurf dedive-wuszien Unwahrheit auf das schärfste zurückweisen.
Im weiteren Verlauf seiner Rede hat Dr. Brüning dann auch noch auf die Angriffe des Führers der Deutschnationalen, Dr. h u g e n b e r g, geantwortet.
Dr. Brüning sagte: Ich habe mich bereit erklärt, eine Rechtsregierung unter gewissen Voraussetzungen zu bilden. Diese Besprechungen , sind aber ohne Resultat geblieben. Ich muß die Beschuldigungen, die seit längerer Zeit gegen mich gerichtet werden, mit aller Schärfe zurückweisen, für die es keinen parlamentarischen Ausdruck gibt.
Dr. Brüning wandte sich dann der Außenpolitik zu und erklärte mit Nachdruck, daß aus der ganzen Situation heraus die Annahme des Paktes von Lausanne von den Rechtsparteien werde unter allen Umständen erfolgen müssen. Das müsse einmal ausgesprochen werden, damit nicht nachher Andere verantwortlich gemacht würden. Das Zentrum lege keinen Wert auf eine Beteiligung an der Regierung, aber es sei bereit, die Autorität bis zum Aeßer- sten zu stützen. Das Zentrum würde stets für eine gemäßigte Politik eintreten.
Um die SMenw««
Anklage beim Staatsgerichtshof gefordert.
Berlin, 30. Juli.
Wie die deutschnationale Pressestelle mitteilt, fordert die Deutschnationale Volkspartei, daß sofortige Anklage beim Staatsgerichtshof gegen die ehemaligen preußischen Minister erhoben wird, die beschlossen hätten, den Fonds zur Bekämpfung des Verbrechertums von 260 000 RM. auf zwei Millionen RM. zu erhöhen, da sie das Etatsrecht verletzt hätten. Sie hätten dann sogar dieses Geld zu Wahlzwecken in die „Systemparteien" gegeben und damit auf das chwerste gegen die Gesetze verstoßen.
Die „TU " meldet: Nachdem sich vor kurzem Herausgestell! hat, daß die „Kölnische Volkszeitung" 2 Millionen von der Regierung Braun-Severing erhalten hatte, ist nunmehr — wie wir erfahren — festgestellt worden, daß diese Zeitung aus Dem bekannten „Umwege" durch die Preußenkasse kurz vor Der Entfernung der Regierung Braun-Severing aus dem Amte noch einmal 2 Millionen erhalten hat." Der frühere preußische Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff veröffentlicht Die Erklärung er habe während seiner Amtsurtigkeit politischen Parteien niemals einen Pfennig zur Verfügung gestellt.
SA. verNsrkt Bolizrt
Verfügung der oldenburgischen Regierung.
Oldenburg, 30. Juli.
Der oldenburgische Ministerpräsident erklärte, daß sich die oldenburgische Regierung gezwungen gesehen habe, in Anbetracht der außerordentlichen Ueberlastung der staatlichen Polizei, diese in ihrem Bestand zu verstärken
Bei der vorliegenden Krisenzeit sei es erforderlich gewesen, daß sofort eine Hilfspolizei geschaffen wurde. Diese hilfsvolizei in Stärke von 230 Mann ist bereits eingestellt worden, und zwar besteht sie aus ausgesuchten Männern der SS. und SA.
Französische FnMnSive in Amerika
Sonderbotschafter für die Schuldenregelung.
Paris. „Paris Soir" verzeichnet ein in politischen Kreisen umgehendes Gerücht, die französische Regierung beabsichtige, nach Washington und London zwei außerordentliche Botschafter zu senden, die den Auftrag hätten, mit den Regierungen über die Frage der Schuldenregelung zu verhandeln. Als dazu ausersehene Persönlichkeiten würden Germain-Martin und Georges Bonnet genannt. Das Blatt setzt aber hinzu, daß die Entscheidung über diese Frage wohl erst in einigen Wochen erfolgen werde.
Bon Gronau in Mama gelandet
New Zrk, 30. Juli. Ozeanflieger von. Gronau und seine Begleiter sind in Ottawa (Kanada) glatt gelandet. Der Weiterflug nach Chikago soll noch am heutigen Sonnabend »rfolgen.
Me Geretteten der „Miobe“.
Erstes BM der von dem Kreuzer „Köln" nach Kiel gebrachten Mitglieder der Besatzung der „Niobe", die dem Untergang entrinnen konnten.
Frankreichs „Riiiksrage"
Seine Meinungsverschiedenheiten im Sabine«.
Berlin, 80. Juli.
Von zuständiger Seite werden die Meldungen bestätigt, daß der französische Ministervräsident Herriot bei dem deutschen Botschafter in Paris Rückfrage wegen der Rundfunkrede des Reichswehrmini sters gehalten hat. Botschafter von Hoesch hat über seine Unterredung mit dem französischen Ministerpräsidenten nach Berlin berichtet. Auch der französische Botschafter in Berlin Francois-Poncet hat bei seinem Beileidsbesuch beim Reichs- außenminister wegen der „Niobe"-Katastrophe nach der Tragweite der Rede des Generals von Schleicher gefragt. Dieser Schritt des französischen Botschafters ist offenbar aus persönlicher Initiative und ohne Auftrag der französischen Regierung erfolgt.
Dem Botschafter ist die Antwort geworden, daß das ganze Kabinett hinter dieser Rede stehe, und daß diese Rede auch dem überwiegenden Teil der öffentlichen Meinung Deutschlands entspreche.
Wie aus dieser Erklärung dem französischen Botschafter gegenüber hervorgeht, besteht über die Rundfunkrede des Generals von Schleicher im Kabinett vollkommene Einmütigkeit. Die Behauptungen über die Divergenz zwischen dem Reichswehrminister einerseits und dem Reichskanzler und anderen Mitgliedern des Kabinetts andererseits sind völlig unzutreffend.
Ein mitleiderregendes Schauspiel
Die Veteranen wollen im Winter wiederkommen.
Washington. Die Veteranen haben, nunmehr auch । das letzte ihrer hiesigen Lager aufgegeben und ziehen, von , Kavalleriepatrouillen bis zur Stadtgrenze eskortiert, in geordneten Formationen, etwa 4000 Mann stark, burd) den Staat Maryland nach Pennsylvania.
Nachdem der Gouverneur des Staates Virginia den Veteranen den Zutritt verboten hatte, wollen sich die alten Krieger jetzt in Pennsylvania sammeln und hier eine Brigade formieren, mit der sie im nächsten Winter erneut gegen Washington vorstoßen können.
Bei dem letzten Kampf mit der Polizei und den Truppen wurden 33 Veteranen, 16 Schutzleute, fünf Soldaten und etwa 15 Zivilisten verletzt.
Der Rückzug der Veteranen bietet, wie Augenzeugen berichten, ein mitleiderregendes Schauspiel. Mit Frau , und Kind schleppen sie in bunt zusammengewürfelten Paketen ihre gäbe und rasten oft, von den Anstrengungen der Tage und Wochen ermüdet.
Die vom Fliederhaus
i Roman von Gert Rothberg
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Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 1931
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Das Publikum stand noch unter dem Eindruck einer unerhörten Erschütterung. Langsam entfernte es sich.
Irene Lindemann hatte den Arm um Verene Beringer gelegt.
„Kommen Sie, Verene!"
Oberförster Melenthin, von seinem Verteidiger und einer Menge anderer Herren freudestrahlend umringt, blickte auf die beiden schlanken Gestalten. Ein merkwürdiger Zug lag auf seinem Gesicht. Er wußte durch seine Tante, daß Irene Lindemann die Kinder im Forsthause wie eine Mutter versorgte. Daß die Kinder dafür nun auch an ihr hingen wie die Kletten.
Tante Pastor hatte es, selbst über diese Tatsache höchlichst erstaunt, berichtet. Die alte Dame schien aber doch froh zu sein, daß sie die Kinder nicht hatte zu sich zu nehmen brauchen. Ihr war die Ruhe auch lieber.
Oberförster Melenthin hatte während der letzten Wochen in der engen Zelle über vieles nachgedacht. Und da war er zu einem anderen Schluß gekommen, wenn er über sein Verhältnis zu Verene Beringer nachdachte.
Sie liebte den Grafen!
Das war das einzige, was bedauerlich an der Tragödie war, denn der würde sie ja nie heiraten, und so blieb für sie eben doch nur ein armseliges Leben voll Entsagung. Daß sie ihn, Melenthin, nicht mochte, war recht gut so! Niemals paßte dieses schöne, kleine Mädel zur Stiefmutter. Zu ihm und seinen Kindern gehörte eine Frau, die des Lebens Leid und Freude schon kannte. Die mit ruhiger, sicherer Hand die Zügel tm Forsthause in die Hand nahm. Eine Frau, die er hochachtete und schätzte, der er gut war! Und — eine solche Frau — wäre — vielleicht — Irene Lindemann gewesen!
Diese Gedanken hatte der Oberförster auch noch, als er nach langer Zeit wieder durch seinen geliebten Wald schritt. Voll tiefster Dankbarkeit hörte er auf das Singen der Vögel, mit Freude sah er das Rudel Rehe, das zur Tränke an den Waldteich schritt.
Langsam, ganz langsam schritt der Oberförster durch den Wald, um ja diesen lange entbehrten Genuß voll aus- zukosten.
Völlig unerwartet kam er dann in sein Haus. Die Gorischen stand vor dem Wäscheschrank, und daneben stand ein kleiner Koffer. Da hinein legte die Frau verschiedene Wäschestücke.
„Das sehe ich nicht ein. Ich hab' mich hier geplagt, hab den Mann auch gern gehabt, und nun kann ich sehen, was hier wird. Ich will wenigstens beiseite schaffen, soviel ich kann. Ganz umsonst'— *
„Nein, ganz umsonst sott es nicht gewesen sein, Jbr Dasein in meinem Hause, liebe Frau Gorisch. Die Wäsche bleibt da. Aber Sie erhalten zweihundert Mark und verlassen auf der Stelle das Haus! Diebinnen kann ich nicht gebrauchen!"
Oberförster Melenthin sagte es ruhig und bräunte sich eine Zigarre an.
Sie erstarrte fast zur Salzsäule, als sie ihn so unvermutet wiedersah. Als sie sich mühsam gefaßt hatte, sagte sie:
„Fort? Ich soll fort? Jetzt werden Sie doch nicht daran denken, die — die — Fräulein Bereue Beringer zu heiraten?"
„Nein! Da Fräulein Beringer mich nicht will, läßt sich nicht gut eine Heirat erzwingen. Trotzdem verlassen Sie augenblicklich das Haus! Es sott ein reinerer Geist hier einziehen. Hier ist das Geld!"
Vor seinem Blick senkte die Gorischen die Augen, griff nach dem Geld und verschwand.
„Pfui!"
Melenthin meinte das Leben der letzten Jahre.
Dann ging er durch die Zimmer, immer noch nachdenklich, voll schwerem Ernst.
Wo mochten die Kinder sein? Im ganzen Hause war eine wohltuende Ruhe. Von der Küche her war Tellergeklapper zu hören; aber es klang auch gedämpft.
Im hinteren kleinen Zimmer fand er die Kinder endlich, jedes über eine Arbeit gebeugt.
Entgeistert blickten sie auf den eintretenden Vater. Untz dann sprangen sie auf und hingen sich an ihn.
„Vatel, Tante Irene hat uns schon gesagt, daß du heute kommst. Sie mußte noch einmal ins Fliederhaus. Aber sie kommt bald wieder. Wir haben jeder eine Arbeit auf. Ich mache Aufgaben für Die Schule, und Fritzel muß ein Haus malen. Es muß alles fertig sein, wenn Tante Irene miederkommt", berichtete Diesel mit frohem Gesicht.
Fritzel ließ sich Dann auch weiter nicht mehr stören. Er setzte sich gleich wieder an den Tisch und malte weiter. Nur einmal bog er den Kopf noch zum Vater zurück.
„Sie zankt sonst! Und es ist viel schöner, wenn sie uns küßt!" meinte er altklug.
„Ich habe sie sehr lieb. Vatel, kann sie nicht unnut hierbleiben?" fragte Licsel.
„Fragt sie doch einmal, Kinder!"
„Sie will nicht! Sie reist mit Tante Verene fort!"
„So! Fort ivid sie. Nun ja, sie hat ja ihre Wohnung in einer anderen StaDt und kommt nur jedes Jahr hierbei in die Sommerfrische Aber bitte sie doch recht schön — vielleicht bleibt sie Dann hier!"
Fritzel, Der schon wieder eifrig gemalt hatte, sagte:
„Bitte du sie, Vatel! Sie hat dein Bild geküßt, das im Wohnzimmer auf dem Wandbrett stellt."
Melenthin küßte seinen Jungen.
„Das hast du gesehen?"
„Ja, aber sie weiß es nicht."
„Also gut, ich werde sie einfach fragen, ob sie euer Mütterchen werden will; aber ihr Dürft jetzt noch nichts verraten, wenn sie kommt!"
Eifrig versprachen sie es; aber Fritzel meinte dann noch:
„Das wird fein! Dann geht sie nie wieder fort."
l^ortsetzuna folaO