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Das abgehauene Ohr

Von Josef Stollreiter

an soll nicht immer sagen, daß die Schildbürger un- kluge Leute waren. Im Gegenteil — sie gingen den Dingen sehr oft auf den Grund und schöpften sie bis zur Neige aus.

So ein Stücklein besonderer Tiefgründigkeit ereignete sich, als die Bürger der ehrsamen Stadt Schilda mit einer Nachbarstadt in Zwistigkeiten gerieten und die beiden Gegner sich kriegerisch gerüstet und kampfbereit gegen- überlagen. Das Geplänkel tobte schon wochenlang hin und her und der Feldhauptmann der Stadt Schilda hatte eben einen besonders klugen Plan ausgesonnen. Den Beweis, daß seine Idee wahrhaftig ausnehmend klug war, erbringt schon die Tatsache, daß sich auch sofort ein Verräter fand, der den ganzen schönen Vorsatz, den Feind mit dem Morgen­grauen in seinem befestigten Lager zu überfallen und nie­derzumachen, im nahen Wäldchen, hinter einem Wacholder­strauch einem verwegenen, spionierenden Landsknechte der Gegner ins Ohr raunte. Sie wurden aber beide ge­schnappt und gefangen vor den Hochwohlweisen Rat der Stadt Schilda geführt, der sich eben im Lager des Feld­hauptmanns aufhielt.

Der rauhe Krieger wollte die beiden Überführten im ersten soldatischen Zorn sofort umbringen lassen. Doch die mächtig­sten und gewichtigsten Ratsherrn, an ihrer Spitze der hoch­mögende Herr Bürgermeister, sprachen mit Feuereifer dagegen.

„Wenn wir die beiden Delinquenten", schloß das Ober­haupt der Stadt seineRede,„vomLebenzumTode bringen, sind sie doch nicht gestraft !Alldieweilen und sothanermaaßen sie dann ja von ihrem himmelschreienden Unrechte nichts mehr

wissen könnten! — Ich schlage daher vor, wir werfen den Ver­räter aus unserer eigenen Bevölkerung in den tiefsten Kerker und hauen dem feindlichen Spionskerl das Ohr, in dessen Gefäß er die Botschaft und den Verrat aufbewahrt, einfach herunter. Dann haben wir ihn fein überlistet unb er mag dann ruhig zu den Seinen zurückkehren und ihnen vermelden, welchen Streich ihm die tapferen und weisen Bürger von Schilda ge­spielt, denn er weiß wohl, daß er Wichtiges zu melden hätte — aber er kann es doch nicht melden, weil er es nicht mehr weiß. Daran wird er sein ganzes Leben denken und die Stadt

Das Wendelstein-Haus

auf dem Wendelstein feiert heuer die 50. Wiederkehr seiner Grundsteinlegung. Gleichzeitig kann die Wendelsteinbabn dao Jubiläum dw Mjührigcn Bcstcheiw feiern. Sie Wendelsteinbahn, die van Braimcnburg bei Rosenhenn auogeht, ist die älteste fcergbabn Deutschlands (^ öbei rb)

Leutnant Griffin und Hauptmann Mattern

zwei amerikanische Piloten, die einen Weltflug in Rekordzeit durchführen wollten, aber bei Minsk an der polnisch-russischen Grenze notlanden mußten, wobei sie verletzt wurden. Der Ozeanflug von Amerika nach Berlin ist ihnen geglückt und sie hatten bei ihrer Ankunft in Deutschland gegenüber ihren Vorgängern einen Vorsprung von 5 Stunden. (Pressephoto)

Schilda meiden wie die schwarze Pest. Der Verräter, benE' ich, wird gewiß nicht anstehen, uns gegen das Geschenk seines Lebens, das er im Kerker beschließen darf, zu sagen, in welches Ohr er dem Fremden die verruchte Botschaft geschüttet hat!" Die weisen Herren neigten in tiefer Ehrfurcht die Häupter. Dieser kluge, gerechte und milde Urteilsspruch übertraf alle Weisheit des Morgen- und des Abendlandes zusammen. Auch dem wilden Feldhauptmann blieb nichts übrig, als seine Zu­stimmung zu geben. Vor so viel Gehirnschmalz kann das Schwert sich nur neigen.

Nach einigem Hin und Her entschloß sich auch der Verräter, sein Leben gegen ein Aufgeld der Preisgabe der Ohrmuschel, in die er den kühnen

und verwegenen Plan des Feldhauptmanns geflüstert, einzutau- schen. Aus Kerkern, sagte er sich,kann man, wenn es das Glück will auch entrinnen — aus dem Grabe nicht.

Desgleichen sah der gegnerische Lands­knecht ein, daß der Verlust eines Ohres dem des Lebens un- bedingt vorzuziehen sei, zumal man ihn ja als warnendes Bei­spiel sofort zu den Seinen zurückschicken wollte.

Die Schildbürger überlistet keiner — er wäre denn klüger als sie!

So wurde die Pro­zedur gleich an Ort und Stelle vorgenom­men. Dies bedeutete zwar eine Übereilung und Schnelligkeit, an die man sonst in Schil­da nicht gewohnt war, aber ein ganz Kluger meinte, das abgeschla-

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