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Appell der Reichskanzlers

Berlin. 22. Juli. ।

Reichskanzler von Papen weist in einer besonderen Verlautbarung nochmals darauf hin, daß die in Preußen ergriffenen Maßnahmen im Interesse der gefährdeten Ruhe und Ordnung notwendig gewesen seien. Der Reichskanzler wendet sich in einem Appell an die preußische Bevölkerung, in dem er um die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ord­nung bittet.

Bracht im Amt

Der kommissarische preußische Minister des Innern, Dr. Bracht, hat die Amtsgeschäfte übernommen. Er hat Staatssekretär Dr. Abega mit sofortiger Wirkung seiner Ge­schäfte entbunden und beurlaubt.

Das preußische Staatsministerium hat dem Anträge des Staatssekretärs Dr. Weismann, ihm aus Gesundheitsrücksich­ten die Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst zu be­willigen, entsprochen.

Die Pressestelle des preußischen Staatsministeriums des Innern stellt bis auf weiteres ihre Tätigkeit ein. Der Lei­ter, Miniftevialrat Dr. H i r f ch f e l d, ist beurlaubt und von seinen Dienstgeschäften entbunden. Die politischen Mitteilun­gen der preußischen Staatsregierung, insbesondere ^es preußischen Ministers des Innern, werden von der Presse­abteilung der Reichsregierung ausgegeben.

Dr. Bracht hat inzwischen auch an die übrigen Mitglie­der der preußischen Regierung, die ihrer Aemter enthoben sind, aber ihre Aemter noch nicht übergeben haben, die An­frage gerichtet, durch welches Mittel der Gewalt sie ihrer Aemter enthoben zu werden wünschen. Auch mit dem preu­ßischen Innenminister Severing war eine dahingehende Ver­einbarung getroffen worden, auf Grund deren dann die Amtsenthebung erfolgte.

Preußen unter neuer Führung

Berlin, 22. Juli.

Der Stellvertreter des Reichskommissars für Preußen übernahm gestern nachmittag die Geschäfte im preußischen Staatsministerium. Alsdann verhandelte er mit den Staatsministern Dr. Schreiber, Dr.' Steiger und mit deren in den einstweiligen Ruhestand versetzten Staatssekretären mit dem Ergebnis, daß die Geschäfte des preußischen Mi­nisteriums für Handel und Gewerbe nunmehr an den mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Staatssekretärs be­auftragten Bankenkommissar Dr. Ernst und des preußischen Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten an Staatssekretär Mussehl heute früh übergeben werden. Die in Aussicht genommene Unterredung mit Staatsmi- nister Dr. Hirtsiefer konnte nicht stattfinden. Es wird aber angenommen, daß die Geschäftsübergabe des preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt heute vormittag ohne Schwierigkeiten vor sich gehen wird. Die Herren Dr. Schreiber und Dr. Steiger haben erklärt, daß sie an der von ihnen mitgeteilten Rechtsauffassung festhalten, daß sie aber die laufenden Geschäfte der von ihnen geleiteten Ministerien nicht mehr führen werden.

Bayern will nicht „sekundieren"

München. Die „Bayerische'StaatszMng" schreibt?n den Vorgängen in Preußen, der Schritt Bayerns beim Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich sei nicht als Sekundantenstellung für Preußen zu werten, was festge­stellt werden müsse. Er sei nichts anderes als ein Schritt zur prinzipiellen Klärung der Frage, ob die Einsetzung eines Reichskommissars an Stelle von Länderregierungen mit der Reichsverfassung vereinbar ist, was Bayern ver­neine.

Einige Blätter erklären, daß es dem Reichskanzler völlig fernliege, di« Einsetzung eines Reichskommissars etwa als den Weg zur Einleitung einer Reichsreform zu betrachten.

Die kommunistische „Rote Fahne" in Berlin ist nicht er­schienen, da die Druckerei der Zeitung- wegen Drückens eines verbotenen Flugblattes geschlossen worden ist.

Der Staatsgerichtshof entscheidet

Leipzig, 22. Juli.

Vom Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich ist Ver­handlungstermin über den Antrag des bisherigen preu­ßischen Staaksministerimns auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Sonnabend vormittag 10 Uhr anberaumt

Der vom bisherigen preußischen Staatsministerium unter Bezugnahme auf die gleichzeitig damit beim Staats- gerichtshof für das Deutsche Reich eingereichte Klage gestellte Eintrag lautet dahin:

Im Wege der einstweiligen Verfügung anzuordnen, daß sich der durch die Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli für das Land Preußen eingesetzte Reichskommissar einstweilen jeder Dienstausübung zu enthalten hat.

Wenn durch Erlaß einer einstweiligen Verfügung im Sinne des preußischen Antrags der Reichsregierung unter­sagt werden sollte, weitere Maßnahmen zu treffen, so wurde die Entscheidung zur Hauptsache lange verzögert werden, denn die prozeßrechtlichen Bedingungen, die der Staatsge- richtshof beachten muß verlangen, daß zunächst die Termine festgesetzt werden für Einreichung von Klageschriften, für Beantwortung Der Klageschrift, für Aeußerungen der Betel- ligten usw., so daß damit zu rechnen ist, daß zur Haupt­sache der Klage überhaupt erst nach den Gerichtsferien ver­handelt werden kann. Es kommt alles darauf an, ob der Staatsgerichtshof dem preußischen Antrag entspricht oder nicht.

Dr. Bumke präsidiert dem Staatsgerichtshof.

Der Vorsitzende des Staatsgerichtshoses für das Deut­sche Reich, Reichsgerichtspräsident Dr. Bumke, der zur Zeit auf Urlaub in Oberbayern weilt, wird seinen Urlaub unterbrechen, um die Verlxrndlungen des Staatsgerichts- Hofes am Sonnabend zu leiten. Dr. Bumke trifft im Laufe des Freitags in Leipzig ein.

Das Urteil der volitischen Führer

Die Reichsmaßnahmen gegen das bisherige geschäfts- Mrende preußische Ministerium werden in den großen Wahlversammlungen aller Parteien ausführlich besprochen. So erklärte

Adolf Hitler.

in Hamburg. „Wir befinden uns gegenwärtig an der Wende des deutschen Schicksals. Deutschland ist jetzt in jene kritische Phase eingetreten, in der die Geister sich scheiden müssen. Heute handelt es sich nicht um das Kabinett Papen, sondern heut gilt der Ruf: Hier Zentrum und Sozialismus und hier Nationalsozialismus". — Dir Pressekorrespondenz der NSDAP. schreibt, die große Ab­rechnung komme noch, für Richter werde ein nationalsozia­listischer Staat schon zu sorgen wissen. Ein Rattenschwanz von Prozessen werde hoffentlich den Schleier von den Din­gen wegziehen, die unter Severings Duldung begangen seien.

Dr. Arick, führte anläßlich einer nationalsozialistischen Kundgebung in M ü n st e r aus, der ganze marxistische Block komme jetzt mit den Ereignissen in Preußen ins Rutschen. Die NSDÄP. verlange daß Braun und Severing sofort in Kriminal- haft genommen und unter Anklage gestellt werden.

Dr. Goebbels

erklärte in Apolda: „Die Stunde der Entscheidung ist da." Die Auseinandersetzung zwischen Internationalismus und Nationalismus habe begonnen.

Dr. Hugenberg

äußerte sich in Koblenz dahin, heute fei eine Voraus­sage in Erfüllung gegangen, nach der, wenn einmal ein Umschwung kommen sollte, entweder die preußische Regie­rung die Reichsregierung oder die Reichsregierung die preußische Regierung verhaften werde. Die Deutschnatio- valen begrüßten die jetzige Entwicklung in Preußen. Zu wünschen sei, daß der Reichskommissar sofort an die S ä u - berung des Beamtentums herangehe.

Die Deutsche Volksparkei

tritt^mit einer Erklärung der Reichsparteileitung hervor,

in der es u. a. heißt: „Die Einsetzung eines Reichskömmif- fars für Preußen ist eine einschneidende Maßnahme, die aber nach Lage der po itischen Verhältnisse nicht zu ver­meiden war. Die nächsten Wahlen müssen dafür sorgen, daß die Elemente der sachlichen Verantwortung und der politischen Vernunft wieder zur Geltung kommen und uns davor bewahren, daß die Massen- und Klassenparteien von links und rechts Deutschland zum Tummelplatz ihrer Macht­kämpfe machen.

Dr. Brüning, der in München in einer Zentrumsversammlung sprach, äußerte sich dahin, die Entwicklung in Preußen bereite große Sorge. Seines Erachtens seien die Vorbedingungen für die Einsetzung eines Reichskommissars nicht gegeben. Severing habe vierzehn Jahre lang für den Staat und gegen den Kommunismus gekämpft. Es be­stehe die große Sorge, daß die Reichsregierung immer wei­ter getrieben werde. — Die rheinische Zentrumspartei sandte an den Reichspräsidenten ein Protesttelegramm.

Staatspräsident Bolz.

In einer Zentrumsversammlung in Ellwangen sprach sich der württembergische Staatspräsident scharf gegen alle Diktaturgelüste aus. Das Volk fei zum Widerstand berech­tigt, wenn eine Revolution von oben komme.

Welt-Echo

Frankreich

Die französische Presse widmet den Ereignissen in Preu­ßen ihre besondere Aufmerksamkeit und bespricht sie zum Teil in Verbindung mit der Umbildung des italienischen Ka­binetts.

So fragt „Oeuvre", ob die Reichsregierung versuchen werde, auch außenpolitisch ein anderes Gesicht anzunehmen, und zwar gemeinsam mit Mussolini, der gleichzeitig seiner­seits entsprechende innerpolitisch« Maßnahmen ergriffen hätte.

„Ouotidien" spricht von zwei „Faustschlägen", denen man nicht höheren Wert beilegen dürfe, als sie tatsächlich hätten. Die Ereignisse in Deutschland müsse man mit größ­ter Aufmerksamkeit verfolgen, ohne allerdings das kalte Blut und die Ruhe zu verlieren.

Eine Anzahl Blätter beschränkt sich darauf, die Le­galität der Maßnahmen der Reicksregierung anzuzweifeln und Frankreich angesichts der Evolution in Deutschland zur Wachsamkeit zu mahnen.

England

Das Londoner Urteil ist ruhig und sachlich.

Die „Morningpost" hebt hervor, daß die Maßnahmen der Reichsregierung sich in erster Linie gegen die kommuni­stische Gefahr richten. Die Ereignisse beleuchteten den Man­gel an Autorität im heutigen Deutschland. Die Diktatur liege in der Luft. Hitler müßte bald beweisen, wie groß seine politischen Fähigkeiten seien.

„Daily Telegraph" sagt, daß die Vorgänge nicht gegen die Verfassung verstießen. Das Reichskabinett säße fester im Sattel, aber man wisse noch nicht recht, wohin es reite.

„Daily Expreß" bewundert den Mut Hindenburgs, der mit eiserner Hanb eingegriffen habe. Falls er Erfolg habe, würde es ein Triumph für ihn ohnegleichen in der Geschichte ' sein. Der Erfolg hänge jedoch von Papen ab.

„Daily herald" beklagt sich, daß das Vorgehen der Reichsregierung die Zerstörung der Demokratie bedeute. Wenn die demokratischen Kräfte Deutschlands einig wären, dann würden die nationalen Kräfte diese Forderung nicht durchsetzen können.

Amerika

Die amerikanischen Blätter bringen die Maßnahmen gegen Preußen in großer Aufmachung. „Rew Pork Times" will in ihnen die Wiederbehauptung des alten deutschen In­stinktes für öffentliche Ordnung erblicken können. Dieser Beweis der Energie der Regierung sollte, so meint das ! Blatt, bei den kommenden Reichstagswahlen die Stimmen für Hitler herabdrücken. Hitler dürfte sich beklagen, daß der Kanzler ihm feinen „Donner" genommen habe.

Die vom Fliederhaus

Roman von Gert Rothberg

Copyright by Martin Keuchtwaoger, Haie (Saale) IHM

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Zöderam brüllte mit voller Lungenkraft:

„Karl-Christian!"

Der antwortete nicht. Er lag lang ausgestreckt im Walde, die Mordkugel im Körper. Und neben ihm kauerte Verene.

Karl-Christian antwortete auch ihr nicht auf ihre zärt­lichen Worte.

Still und starr war seine Hand, die doch vorhin noch so zärtlich geliebkost hatte.

Von drüben kam es herübergehetzt.

Mvens Zöderam kniete neben dem stummen Freunde nieder.

„Herrgott noch mal, wer hat das getan?"

Er versuchte, den Freund aufzurichten, aber der war viel zu schwer. Der Mond beschien die Szene jetzt fast taghell. Und der junge Schwede sah dem Mädchen in das blaffe, feine Gesicht, das jetzt wie erstarrt in Angst und Entsetzen war.

Da begriff er den Freund! Verstand ihn plötzlich.

Mvens Zöderam riß sich aus diesen Gedanken. Es war jetzt jede Minute kostbar. Und jeder Schritt mußte ausgenützt werden.

„Bleiben Sie bei ihm, ich hole Hilfe."

Mit diesen Worten lief er davon.

Drüben auf der Landstraße hielt das Auto aus Schloß Eschenhöhe, das die beiden Herren an der Brücke erwarten sollte, da sie es vorgezogen hatten, den Spaziergang durch den mondhellen Wald zu unternehmen.

Keuchend, fast außer Atem kam Zöderam bei dem Wagen an.

„Zum Arzt, Baumann! Schnell, schnell, der Graf liegt mit einer Kugel in der Brust im Walde. Bei den drei

großen Eichen unweit des Teiches. Kennen Sie zufällig die Stelle?"

„Jawohl, gnädiger Herr."

Der Mann war furchtbar erschrocken. Er fuhr wenig später wie der Wind drüben die Landstraße entlang.

Zöderam sah sich suchend um. Nirgends ein Haus, nirgends ein Mensch! Nur dort drüben der todwunde Freund und neben ihm das schöne, blasse Mädchen.

Was für eine Tragödie war denn das heute? Und hing das alles vielleicht gar mit dem Bräutigam des Mädchens zusammen?

Zöderam hetzte wieder zurück.

Verene hielt den Kopf Eschweilers in ihrem Schoß. Es war, als wisse sie gar nicht, das nun wieder ein dritter Mensch mit da war, der neben dem Manne ihrer Liebe kniete.

Zöderam sagte:

„Mein Fräulein, wer hat das getan? Haben Sie jemand gesehen oder auch nur gehört?"

Als ob er eine fremde Sprache rede, so ohne jedes Ver­ständnis blickte sie ihn an.

Sie strich nur immer wieder über das stille Gesicht, sie beugte sich vor und küßte den fest geschlossenen Mund. Sie wußte nicht, wer der Fremde war. Es war ja auch ganz gleich, wer er war.

Zöderam hielt es für besser, nicht mehr zu fragen. Trotzdem, wenn die Behörde fragte, würde sie doch ant­worten müssen. Sie brauchte nichts gesehen zu haben, gewiß. Aber man würde sie doch in ein wahres Kreuz­verhör nehmen. Sie war nun einmal die, die in der nächsten Nähe gewesen war.

Qualvolle Zeit verging. Wo blieb nur der Arzt?

Zöderam sprang auf.

In fiebernder Unruhe blickte er auf die helle Land­straße hinüber.

Da — endlich!

Er lief ein Stück über die Wiese hinüber, winkte. Sie mußten ihn auf alle Fälle sehen, denn fast taghell beschien der Mond die Wiese.

Der Wagen hielt. Drei Herren stiegen aus. Zöderam sah Uniformen.

Polizei? Wie gut, daß der Chauffeur auch gleich daran gedacht hatte.

Die Herren kamen näher.

Zöderam ging ihnen entgegen, erklärte die Situation, so gut er es vermochte.

Die Beamten notierten sich sofort das Wichtigste. Der Arzt aber ging mit großen Schritten zu dem Bewußtlosen. Dort ging er sofort an eine Untersuchung. Er verbarg nur mühsam seine Erschütterung, als er den riesenstarken schönen Menschen wie einen gefällten Baum vor sich liegen sah.

Vorsichtig öffnete er die Kleidung. Er legte sein Ohr auf die Stelle, wo sonst das Herz stark und lebensbejahend geschlagen hatte.

Da ging ein Zucken über das Gesicht des Doktors.

„Ein ganz schwaches Lebenszeichen. Und - die Kugel steckt im Rücken. Einen berühmten Chirurgen, so schnell wie möglich! Wie aber? Professor Kranz in der Haupt­stadt wäre der richtige Mann. Doch wie..."

Zöderam erhob sich.

„Ich fahre selbst mit dem Auto. Der Professor kann in zwei Stunden da sein. Würde das genügen?"

„Ja _ aber — Sie setzen noch ein Menschenleben dabei aufs Spiel. Wissen Sie das, mein Herr?"

„Der Chauffeur bleibt hier. Er muß ins Schloß hin­über. Ich bin ein guter Fahrer. Es gilt, ein wertvolles Menschenleben zu retten."

Er lief davon.

Einer der Beamten holte auf des Doktors Bitte etwas Wasser herüber. Der Arzt wusch und verband dann die Wunde.

Der eine der Beamten mußte Handreichungen tun, mußte helfen, den Grafen mit auf die Seite zu legen.

Der Aeltere aber verhörte Verene. Wollte sie verhören, doch er brächte genau so wenig ein Wort aus ihr heraus, wie vorhin Zöderam. Aergerlich ließ er es endlich sein.

lFortsetzuna folot)