Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 162 Mittwoch, den 13. Juli 1932 82. Jahrgang
Nothilfe des Reiches
Reichskabinett berat Ausbauprogramm
Das Siedlungrproblem
Das Reichskabinett berät zurzeit Vorschläge zum wirtschaftlichen Wiederaufbau. Es soll ein Programm ausgestellt werden, das auf dem Wege einer neuen Notverordnung noch vor den Wahlen in Kraft gesetzt werden soll und die neuen Linien der Wirtschaftspolitik aufzeigen wird. Der Kanzler wird über die Grundgedanken dieses neuen Wirtschaftsprogramms dem Reichspräsidenten in Neudeck Vortrag halten. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, handelt es sich bei den jetzt zur Beratung stehenden Fragen um folgende drei großen Fragenkomplexe. 1. Arbeitsdienst Pflicht, die, wie sich schon aus dieser Bezeichnung ergibt, über den Charakter des freiwilligen Arbeitsdienstes hinausgeht, 2 die Heranziehung und Beschäftigung der jugendlichen Arbeitslosen in dem vor einigen Tagen angedeuteten staatlichen S i n n e und 3. die S i e d l u n g , für die jetzt das Reichser- nährungsministerium federführend ist.
Wie man sich erinnert, hat bei dem Rücktritt des Reichskanzlers Dr. Brüning gerade das Siedlungsprogramm eme- Rolle gespielt, das in der vorbereiteten neuen Notverordnung in Anlehnung an die vom preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun ausgearbeiteten Gesichtspunkte einen wesentlichen Bestandteil ausmachte. Die Frage „Großgrundbesitz oder bäuerliche Wirtschaft" war darin in der Hauptsache im Sinne der letzteren entschieden worden. Tatsache ist. daß in allen volkswirtschaftlichen und politischen Kreisen Einigkeit darüber besteht, daß gesiedelt werden muß. Dagegen ist man sich nicht einig über den Umfang der Siedlung, die Landbeschaffung, über die Anzahl der Menschen, die als bäuerliche Siedler angesetzt werden können. Mit der Klärung - dieser Fragen ergibt sich oder auf anderem Wege erreicht werden soll.
Grundsatz jeglicher Siedlungsform muß sowohl der soziale wie der volkswirtschaftliche Nutzen sein. Mit parteipolitischen Schlagworten kommt man der Lösung nicht näher. Vergleichsberechnungen, die man in Ost- und Mitteldeutschland einmal für Großbetriebe mit über 200 Hektar Betriebsgröße und zum anderen für Kleingrund^ besitz mit 5 bis 50 Hektar derselben Gegend und den gleichen Betriebscorausletzungen gemacht hat, haben ergeben daß der G e s a m t l o h n a u f iv a n d , der sich aus Barlohn Sozialversi ' erung, Wirtschaftshaushalt, Geldwert des Na- turallohns und Lohnanspruch des Besitzers zusammenfetzt für Betriebsgrößen von 5 bis 50 Hektar 747 769 000 RM beträgt, für Betriebsgrößen über 200 Hektar 747 264 000 Reichsmark Bon der kleinen Differenz von rund 500 000 Reichsmark abgesehen erbringen also 3.964 Millionen Hektar rund 750 Millionen Gesamtlohn gleichgültig, ob sie in Form des Groß- und Kleinbetriebes bewirtschaftet werden. Die entscheidende Tatsache der gleichen Lohnsummen in beiden Größengruppen beruht auf dem Prinzip der je nach Betriebsgröße verschiedenen Arbeitsverfassung.
Eine ebenso wichtige Feststellung erfährt man, wenn man eine Aufteilung des Arbeitslohnes vor- nimmt Vom Gesamtlohn gehen beim Großbetrieb 39.2 Prozent in den Naturalteil. und zwar 293.3 Millionen, beim Kleinbesitz aber erheblich mehr, und zwar 57 Prozent oder 435,2 Millionen Der Kleinbesitz verzehrt an seinem Tisch also für rund 142 Millionen mehr, während der entsprechende Lohnanteil vom Großbesitz in bar ausgezahlt wird, also erhöhte Kaufkraft darstellt. Außer dieser höheren Kaufkraft in Form des um 142 Millionen mehr ausgezahlten Barlohnes hat der Großbesitz noch einen absolut höheren Sachaufwand von über 204,4 Millionen, eine Tatsache die für die Düngemittel- und Maschinenindustrie von nicht unerheblicher Bedeutung ist. Es ist noch hinzuzufügen, daß beim Großbesitz durch die Eigenwirtschaft der Deputakarbei- ter zuzügliche Kaufkraft entsteht, die man auf 30 bis 40 Millionen Mark veranschlagen kann.
Im Gesamtergebnis ist also die volkswirtschaftliche Kaufkraft der Großbetriebe um 380 Millionen Mark höher als die der Kleinbetriebe. Die größere Kaufkraft der Großbetriebe ermöglicht etwa 180 000 Arbeitern in der deutschen Industrie Arbeit und Brot. Bei der Tatsache, daß der Lohnanteil aus landwirtschaftlichem Bedarf rund 70 Prozent beträgt, ergibt sich, daß der Großbetrieb etwa 260 bis 280 Millionen Mark an industriellen Löhnen mehr auf- bringt als der Kleinbetrieb, bei welcher Summe zu beden- ken ist, daß z. B. 1929 die gesamte Braunkohlenindustrie und der deutsche Erzbergbau 213 Millionen, die deursche Zellstoff-, Holzstoff- und Papierindustrie 348 Millionen Mark Löhne zahlten.
Dieses gewaltige Mehr an Kaufkraft, das der Großbetrieb ermöglicht, würde bei einer Ersiedlung dieser Fläche, die die Bevölkerung günstigstenfalls um 20 Prozent erhöht, um 30 bis 40 Prozent schrumpfen. Eine solche Verminderung der Kaufkraft' hat aber noch andere schädliche Begleiterscheinungen zur Folge.
Der Großgrundbesitz über 200 Hektar in Ost- und Mitteldeutschland liefert im Vergleich zum Kleingrundbesitz w-e- der vorausgesetzt, daß dieser auf der Großbesitzfläche wirtschaften würde, dem deutschen Verbraucher an landwirtschaft-
: Arbettsdienstpflicht - Siedlung - Beschi lichen Produkten mehr für etwa 280 Millionen Mark. Beide Besitzgrößen liefern nahezu den gleichen Wert an Milch- und Molkereiprodukten, und zwar der Kleinbesitz für 217 426 000, der Großbesitz für 217 893 000 Mk. Die Leistung differenziert allerdings stark nach den einzelnen Produkten" Der Großbetrieb verkauft.an Ackererzeugnissen für 460,6 Millionen mehr, nämlich für 803 063 000 RM. gegenüber 342 431 000 RM. des Kleinbesitzes, wohingegen seine V e r k ä u f e an Vieh,, die 554 776 000 Mark betragen gegenüber 724 903 000 RM. des Kleinbesitzes mit 170 127 000 Reichsmark zurückbleiben. Stellt man einer solchen Feststellung die Tatsache gegenüber, daß im Jahre 1931 der Einfuhrüberschuß an Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Mais Mehl, Graupen, Müllereierzeugnissen, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen und Linsen rund 204 Millionen RM., an lebenden Tieren, Fleisch, Speck- und Fleischwürsten aber nur rund 70 Millionen RM. betrug., so würde eine Totalaufsiedlung des Grundbesitzes in den genannten Gegenden, wobei die gleiche Produktionsrichtung der Betriebs'mßen wie bisher vorausgesetzt bleibt, bedeuten, daß unsere Einfuhr an Ackererzeugnissen mehr als verdreifacht werden müßte, während der für die innerdeutsche landwirtschaftliche Verkaufsproduktion an Vieh und Fleisch bereits nicht aufnahmefähige Markt einem Mehrdruck an Angebot ausgesetzt wäre, der dem 2t4fachen des Einfuhrüberschusses von 1931 gleichkommt.
Eine auf die Zerschlagung des Großbetriebes abzielsnde Siedlung würde also entscheidend unsere Getreidehandelslü- lanz verschlechtern und mir dem Mehr an Viehproduktion den nicht voll aufnahmefähigen Binnenmarkt stark belasten.
Einer Reichsregierung, die sich der Aufgabe des Wiederaufbaus der deutschen Volkswirtschaft verpflichtet fühlt, erwächst der Zwang, unabhängig von den Wünschen einzelner Interessengruppen eine Kernfrage der Krisenerscheinun- zu stellen. Damit wird auch die Siedlungssrage auf den ihr gebührenden zweiten Platz verwiesen und dem Problem die Erstrangigkeit zuerteilt, das Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft heißt.
Arbeitsdienst
Das Aufbauprogramm des Reichskabinetts / Rotberord-' nung noch in diesem Monat.
Berlin, 13. Juli.
Das Reichskabinett hat, wie wir erfahren, am Dienstag nachmittag mit der Beratung des Aufbauprogramms begonnen, und zwar ist zunächst der Arbeitsdienst behandelt worden. Das Kabinett hat sich über die grundsätzlichen Richtlinien dieses Problems ausgesprochen. Die Beratungen werden voraussichtlich bereits heute fortgesetzt werden!. '
Das Kabinett ist über eine grundsätzliche Aussprache nicht hinausgekommen. Das ergibt sich von selbst aus der Bedeutung und der Kompliziertheit des Arbeitsdienstes. Es wird als selbstverständliich angesehen, daß für den Arbeitsdienst vor allem
zwei Grundsätze
gelten müssen, nämlich, daß er nur für gemeinnützige Zwecke in Frage kommt und daß zweitens die Wirtschaft durch ihn noch mehr beeinträchtigt wird. Die Mittel, die für den Arbeitsdienst zur Verfügung stehen, berechnet man roh mit ungefähr 60 Millioneu,
Heute abend werden Reichskanzler und Reichsinnenminister nach Neudeck reisen, um dem Reichspräsidenten Bericht zu erstatten. Nach der Rückkehr des Reichsinnenministers und des Reichskanzlers sollen die Beratungen über das Aufbauprogramm mit aller Beschleunigung fortgesetzt werden, damit die bereits am Montag angekündigte Notverordnung noch vor Ende des Monats erscheinen kann.
Kein Reichskommissar für Preußen
Berlin, 13. Juli.
Die gestrigen politischen Beratungen im Reichskabinett haben irgendwelche Beschlüsse nicht gebracht. Nur über eines besteht Klarheit: die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen kommt nicht in Frage! Der Preußische Landtag hat sich bis nach den Reichstagswahlen vertagt, ohne daß vorher der ernsthafte Versuch gemacht worden wäre, eine 'parlamentarische Regierung zustande zu bringen. Das allein spricht nach Auffassung unterrichteter Kreise schon gegen die Einsetzung eines Reichstommi)- sars und macht sich im Augenblick sogar unmöglich.
Kampfzölle gegen Irland
, London, 13. Juli.
Auf Grund des Ermächtigungsgesetzes werden vom 14. Juli ab Wertzölle in Höhe von 25 Prozent auf folgende Einfuhren aus dem irischen Freistaat erhoben: lebende Tiere, Butter, Eier, Sahne, Speck und Fleisch aller Art, insbesondere Schweinefleisch, Geflügel und Wild.
igung der jugendlichen Erwerbslosen
EkWWU her ArdMsdieMMicht
Dr. Goerdeler über die praktische Gestaltung.
Leipzig, 13. Juli
Oberbürgermeister Dr. G o e r d e l c r sprach in der Aula der Universität Leipzig über die „Arbeitsdienftpslicht". Das Wesen der praktischen Arbeitsdienstoflicht kennzeichnete der Redner durch folgend? sechs Grundsätze:
1 Der Arbeitsdienst wird da wektvolle Wirkung leisten, wo er sich aus der Freiwilligkeil c ' vickelt Je umfassender, desto wohltätiger.' Eine Möglichk-n zur Befreiung vom Dienste am Volke etwa vom 18. bis 30 Lebensjahr dürfe nur körperliche cknfähigkNt barstelien Eine Form des Loskaufes dürfe es nicht geben. Erfaßt müßten werden alle Jugendlichen, nicht nur die Arbeitslosen im technischen Sinne. In der öffentlichen Verwaltung erhalte nur der einen Arbeitsplatz, der am Arbeitsdienst einmal teilgenom- men habe. ■
2. Der Dienst dürfe sich nicht beschränken auf körperliche Arbeit, eingeordnet müsse sein die geistige Erziehung. Dazu trete disziplinierte körperliche Bewegung, alles bei einfachster Lebenshaltung.
3. Die Führer der einzelnen Arbeitslager müßten aus dem Arbeitsdienst selbst heroorgehen.
4. Die Gruppen, deren Erfassung bei den Kreisen und Aemtern geschehe, dürften nicht mehr als 20 bis 40 Mann umfassen. Die Verwaltung müsse möglichst dezentralisiert sein.
5. Unter den drei technischen Formen, dem geschlossenen, offenen und örtlichen Lager, stelle die erstere eine kleine Schicksalsgemeinschaft dar.
6. Schließlich sei eine zweckmäßige technische Leitung nötig.
* ««-s-e Zweck aller A-MN müsse irgendwie der Volkswirt- schaft als Ganzem zugute kommen. Ausgeschlossen seien alle Arbeiten, die auf dem normalen Arbeiksmarkt ausgeführt werden könnten. Der Redner teilte mit, daß bis zum Ende dieses Jahres noch 200 000 Mann beschäftigt werden würden, von den dazu nötigen 60 Millionen RM Mitteln lägen
40 Millionen RM bereit.
Kein neues Aniformverbot Sozialdemokratische Parteiführer beim Reichsinnenminister.
Berlin, 13. Juli.
Der Reichsminister des Innern empfing auf ihren Antrag die Vorstandsmitglieder der SPD., die Abgeordneten Wels und Dr. Breitscheid, die dem Minister das von der Partei gesammelte Material über die politischen Zusammenstöße der letzten Zeit überreichten. Die Herren machten weiter darauf aufmerksam, daß sie die Lage in Deutschland im Augenblick als besonders ernst ansähen, und forderten Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ruhe und Sicherheit. Insbesondere stellten sie die Wiedereinführung des Uniformverbots als notwendig hin.
Der Minister erklärte, daß er Provokationen, von welcher Seite sie auch kämen, mißbillige und es auf das äußerste bedauere, daß es infolge solcher Provokationen zu blutigen Zusammenstößen gekommen sei. Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sei jedoch zunächst Sache der Landesbehörden. Das Reichskabinett werde, nachdem nunmehr der Reichskanzler zurückgekehrt fei, zu der inner- politischen Lage alsbald Stellung nehmen. Die Wiedereinführung des Uniformverbote lehnte der Minister ab.
SchKÄts Urteil über das Ergebnis von Lausanne.
Berlin, 13. Juli
Der frühere Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht setzt sich in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" mit dem Lausanner Ergebnis auseinander. Selbstverständlich entspreche es nicht unseren Wünschen; dennoch sönne kaum jemand dem Reichskanzler v. Papen die Anerkennung versagen, sehr viel erreicht zu haben.
Zu einer wirklichen Gesundung der Welt sei aber er- forderlich, daß in absehbarer Zeit auch der verzicht aus die Begebung der Obligationen ausgesprochen werde. Eine Erholung des deutschen Kredits sei anders nicht denkbar.
Die Reichsbank werde auch in Zukunft angesichts des Problems der privaten Schulden - Rückzahlung vor den schwierigsten Aufgaben stehen. Ein Wesentliches aber sei in Lausanne erreicht: die Ausmerzung des politischen Drucks auf die Wirtschaft und die Währung Dies und das Fallen der Sanktionsklausel habe den Kampf mit politischen Druckmitteln beendet.
Während aus dem wirtschaftlichen Gebiet der Kampf der wirtschaftlichen Vernunft beginne, gehe der politische Kampf um die Gleichberechtigung auf anderem Gebiet weiter. Ganz einerlei, welches Schicksal Lausanne im Reichstag erfahren werde, keine zukünftige Verhandlung könne hinter Lausanne zurückführen, es könne nur vorwärtsgehen.