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Um die Amnestie

Vor der Entscheidung im Preußenparlament. ,

Berlin, 6. Juli.

Der preußische Landtag tritt am heutigen Mittwoch zu !iner kurzen Tagung zusammen, die sich über vier Tage er- trecken soll. Das Hauptthema der Landlagsverhandlnngen ivird wieder die Amnestiefrage sein, zu der der Verfasfungs- russchuß des preußischen Staalsrates eine Vorschläge vor- lereitet hat, die der Staatsrat selbst am Donnerstag gut- zeihen soll.

Mehrheit für AutdedAng der AMierir»»»»«

Dem Hauptausschuß des Preußischen Landtags lagen Unträge der Nationalsozialisten gegen die Schlachtsteuer und der Deutschnationalen gegen die ganze preußische Notverord- wng vor. Die Nationalsozialisten zogen zugunsten des deutschnationalen Antrages den Schlachtsteuerantrag zurück.

Bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten und des Zentrums wurde der deutschnationale Gesetzentwurf ange­nommen, die preußische Notverordnung mit rückwirkender Kraft ab 1. Juli aufzuheben.

Verhaftung Grzefinskis

von den Nationalsozialisten verlangt.

Berlin. 2m Anschluß an die Vorgänge, die sich nach der Versailles-Kundgebung im Berliner Luft^ garten am 28. Juni abgespielt haben, hat die national-, sozialistische preußische Landtagssraktion einen Antrag ein­gebracht, die an den Ausschreitungen beteiligten Polizei­beamten ohne Unterschied der Rangstufe insgesamt so­fort zu entwaffnen und in die Gefängnisse der Repu-. blick einzuliefern. Sämtliche beteiligten Polizeibeamten sollen mit ihrem Einkommen und Vermögen für die Wie­dergutmachung des von ihnen bewußt herbeigeführten Schadens haften. Zum Schluß wird verlangt, daß der Berliner Polizeipräsident Grzesinski sofort verhaftet und einem deutschen Gericht zur Aburteilung vorgeführt wird.

Die Stellung der Beamtenschaft zu den politischen Parteien

Berlin, 6. Juli. '

Der Beamtenausschuß des Preußischen Landtages hatte sich mit Anträgen der Nationalsozialisten und der Kommu­nisten zu beschäftigen, die sich auf die Zugehörigkeit von Beamten zu diesen beiden Parteien beziehen. Der national­sozialistische Antrag ersucht das Staatsministerium um Auf­hebung des Beschlusses vom 26. Juni 1930, der mittelbar und unmittelbar Beamten die Zugehörigkeit zu politischen Parteien oder die Betätigung für sie verbietet, während der Antrag der Kommunisten die Aufhebung eines Runderlasses verlangt, durch den den Beamten die Zugehörigkeit zur KPD und die Unterstützung dieser Partei untersagt worden ist.

Der Ausschuß beschloß, dem Landtag vorzuschlagen, an Stelle der beiden Anträge folgenden Grundsatz für die Ver­waltung der Staatsangelegenheiten nach Artikel 29 der Ver­fassung anzunehmen:Den Beamten, Angestellten und 2lr- heitern Ws"^!aSt?s^^ec Gemeinden und Gemeindeverbände und der öffentlichen Körperschaften ist es erlaubt, jeder nicht verbotenen Partei anzugehören, sie zu unterstützen und sich für sie in jeder Weise zu betätigen."

Straserlab in Braunschweig

Der Hauptausschuß des Braunschweigischen Landtags verabschiedete auf Grund einer Vollmacht des Landtags ein von den Nationalsozialisten und der bürgerlichen Fraktion gemeinsam eingebrachkes Amnestiegesetz.

Danach soll Straferlaß gewährt werden für Straftaten, die ausschließlich oder vorwiegend aus politischen Beweg­gründen begangen worden sind, mit der Einschränkung, daß Straftaten, die die öffentliche Ordnung und Sicherheit ge­fährdeten oder klassenkämpferischen Motiven entsprangen, oder von besonders niederer Gesinnung zeugen, vom Straf­erlaß ausgeschlossen werden sollen. .. ..

Zu Gunsten der Landwirtschaft

Beschlüsse des preußischen Landwirkschaflsausschusse».

Berlin, 6. Juli.

Der Landwirtschaftsausschuß des Preußischen Landtags setzte die Beratung von Anträgen der verschiedenen Frak­tionen über Hilfsmaßnahmen für die Landwirtschaft fort. Durch Annahme eines Ausschußantrages wurde das Staats­ministerium ersucht, bis zur Wiederherstellung der Renta­bilität der Landwirtschaft bei einer Verschuldung über 50 v. H. des Einheitswertes Der Betriebe für Land- und Forst­wirtschaft, Obst-, Gemüse- und Weinbau sowie Geflügelhal­tung sämtliche staatlichen Steuern mit dem Ziel der Niederschlagung zinslos zu stunden. Aehnliche Maßnah­men soll auch das Reich treffen.

Ferner soll das Staatsministerium auf die Reichsregie­rung dahin einwirken, daß zur Schaffung von auskömm­lichen Preisen für die Landwirtschaft unverzüglich weitestgehend mit Einfuhrverboten vorgegangen wird. Han­delsverträge, die dem entgegenstehen, sollen zum nächstzu- lässigen Termin gekündigt werden, wie auch sofort in Ver­handlungen über Beseitigung dieser Hindernisse durch Ab­änderung bestehender Verträge eingetreten werden soll. Bis dahin sollen die Zwischenzölle mit sofortiger Wirkung besei­tigt werden.

Auf dem Wege über das preußische Staatsministerium soll durch das Reich auf die Düngemittelsyndikate in Rich­tung einer wesentlichen Senkung derDüngemittel- preise eingewirkt werden.

Zur Verhinderung eines übermäßigen Preisdrucks auf dem Getreidemarkt soll die Preußenkasse mit Hilfe der Reichsbank in den Stand gesetzt werden, die Einlösung der Düngerwechsel bis zum Februar zu verlängern. Besonders in den Grenzgebieten soll eine Frachttarifpolitik betrieben werden, die die Konkurrenz der ausländischen Er­zeugnisse möglichst erschwert. Schließlich wird Wiederher­stellung der Umsatzsteuerfreigrenze von 5000 Mark verlangt und eine Umsatzsteuer von 0,85 v. H., die für Getreide und Vetreideerzeugnisse gilt, auch für alle anderen landwirtschaft­lichen Erzeugnissen.

In Abänderung eines nationalsozialistischen Antrages -rsuchte der Ausschuß um Einwirkung auf die Reichsregie­rung dahin, daß Zwangseingriffe gegen Inhaber von landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen, gärtnerischen und Weinbaubetrieben, die unverschuldet in Not geraten sind, bis zum 1. Januar 1933 hinausgeschoben werden.

SchweLWvertrvg genial

Berlin, 6. Juli.

Wie die Abendblätter berichten, wird der deutsche Ge­sandte in Stockholm voraussichtlich sofort den seit dem 1. 8. 1926 in Kraft befindlichen deutsch-schwedischen Handelsver- irag nebst zwei Zusatzabkommen kündigen, und zwar vor­aussichtlich zu Ende Januar 1933.

Durch die Kündigung soll eine Zollerhöhung für Holz, Rindvieh, Schafe, Speck, Schmalz und Käse erreicht werden.

Die SeeadrWnWSstaM *

Englisch-amerikanische Meinungsverschiedenheiten.

Washington, 6. Juli

In amtlichen Kreisen werden die angeblichen englischen Abrüstungsvorschläge, die auf Abschaffung aller Kriegsschule über 10 000 Tonnen abzielen, abgelehnt.

Im Staatsdepartement ist man über einen derartigen Vorschlag sehr erstaunt, der nur als eine ungeheure Be­nachteiligung Amerikas angesehen werden könne. Er be­deute, daß England einen doppelten Kräftevoripru^ rar Amerika habe." Präsident Hoover ist gegen jede Aend ug der Tonnagehöhe der amerikanischen Schlachtschiffe und gegen die Abschaffung der U-Boote.

Kritik Reims an herriot

Gegen die französische Sicherheitspolitik.

Paris, 6. Juli

Anläßlich des amerikanischen Unabhängigkeitstages gab die amerikanische Handelskammer in Paris ein Essen, an dem neben sämtlichen in Paris anwesenden Ministern auch der französische Staatspräsident Lebrun und der ehemalige ame­rikanische Staatssekretär Kellogg teilnahmen. Der erste Bot­schaftsrat der amerikanischen Botschaft in Paris, Norman Amour, wandte sich in einer Rede an den Justizminister Renoult als Vertreter des Ministerpräsidenten Herriot. Er bat ihn, Herriot wissen zu lassen, mit welchem Interesse die Vereinigten Staaten von Amerika den augenblicklich in Lau­sanne stattfindenden Verhandlungen folgten:Wollen Sie ihm sagen, daß wir die Schwierigkeiten der augenblicklichen internationalen Verhandlungen voll verstehen, die er seit der Uebernahme seines wichtigen Postens führt. Wir hoffen, daß diese Verhandlungen zur Lösung derjenigen Fragen führen werden, die schwieriger sind als alle Probleme, mit denen sich die Welt bisher zu beschäftigen hatte. Von der Lösung dieser Fragen wird voraussichtlich die Zukunft der Zivili­sation abhängen,"

Der ehemalige amerikanische Staatssekretär Kellogg be- zeichnete die materielle und moralische Abrüstung als das einzig wirksame Mittel zur Lösung der augenblicklichen Weltkrise. Amerika nehme unter den Mächten eine bevor­zugte Stellung ein, weshalb es auch nicht immer leicht sei, die Verhandlungen der interessierten Staaten vom amerika­nischen Standpunkt aus zu beurteilen. Er wolle sich deshalb auch jeder Kritik an denjenigen Staatsmännern enthalten, deren Sorge um die Sicherheit ihres Landes sie zu Ver­teidigern eines Systems gemacht habe, das er als ein über­holtes politisches Ueberbleibsel der Vergangenheit betrachte.

Milderung der Wiener Finanzkrise

Dr. Dollfuß über die 300-Millionen-Anleihe.

Wien, 5. Juli.

Bundeskanzler Dr. Dollfuß machte in der Generalver­sammlung des Kauptverbandes der Industrie Mitteilungen über die Verhandlungen in Lausanne. Er sagte, die Anleihe werde 300 Millionen Schilling mit zwanzigjähriger Laufzeit betragen, wobei Oesterreich berechtigt sein werde, die Rück­zahlung früher vorzunehmen.

Der Bundeskanzler erörterte dann die in der Öffent­lichkeit zu wiederholten Malen besprochenen Schwierigkeiten internationaler Natur und führte hierzu u a aus: Das seit Dem 23. 6. innegehaltene Transfer für Auslandsschulden be­trachtet die Regierung als vorübergehende Maßnahme. Die Anleihe wird nicht für den Staatshaushalt, sondern, zur Rückzahlung kurzfristiger Verbindlichkeiten gegenüber der Rationalbank, der Postsparkasse usw. verwendet werden, um die Kreditsituation der Rationalbank zu erleichtern und Die Anleihe restlos der Wirtschaft zugute kommen zu lassen.

Bertrams Schneid angedrache»

Berlin, 6. Juli. Der deutsche Generalkonsul in Sydney ist beauftragt wordech^deevustralischen Bundesregierung den i Dank der deutschen Regierung auszusprechen für die Unter­stützung, die Australien bei Den Nachforschungen und der Rettung der vermißten deutschen Flieger Bertram und Claußmann geleistet hat.

Bertram hat eine weitere Nachricht nach Berlin gelan­gen lassen, aus der der unentwegte Wille des Piloten hsr- vorgeht, seine unfreiwillig unterbrochene Expedition weiter fortzusehen. Bertram will mit seinem Kameraden Elauß- manu nach Batavia zurückkehren und dort die beiden zurück­gelassenen Gefährten des Unternehmens aufnehmen. Die Reiseroute soll dann nach China fortgesetzt werden. Eine Meldung englischen Ursprungs besagt allerdings, daß die i beiden deutschen Flieger noch so erschöpft seien, daß sie bis­her nur flüssige Nahrung hätten zu sich nehmen können und m Kranlfenhauspflege genommen werden müßten.

RKI

Die vom Fliederhaus

L Roman von Gert Rothberg

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 1931

P [24

In Melenthin wurde es ruhig. Er hatte dem Grafen ' rmrecht getan, er wußte es jetzt. Es war wirklich alles so, wie dieser gesagt hatte. Schwer genug mochte es dem stolzen Kerl obendrein geworden sein, sich vor den Förstern sozusagen rein zu waschen.

Er hätte es gar nicht nötig gehabt. Hatte es aber doch getan. Hatte es um Verenes willen getan, soviel war klar.

Mißtrauen und Eifersucht waren noch immer in Melenthin, wenngleich die Vernunft mahnte: Du weißt ja jetzt, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Also gib dich zufrieden und gehe heute gegen Abend unbedingt ins Fliederhaus und hole dir Gewißheit I

Melenthin stampfte plötzlich mit dem Fuße auf.

Weshalb mochte Verene nicht mit ihm und Bertram gehen? Weshalb begab sie sich so herausfordernd unter den Schutz des Grafen? Hatte am Ende nur sie sich in den Grafen verliebt, und er nahm nicht einmal Notiz von ihr. Ah, wenn er doch nur endlich klar sehen würde I

Melenthin wußte, daß dieser Verdacht immer und immer in ihm sein würde, auch wenn sich noch alles zum Guten wandte. An dieses Zusammensein in der Schutz­hütte würde er nie denken dürfen, wenn er nicht ungerecht gegen Verene werden wollte.

Vielleicht nahm Verene seinen Antrag heute an, und sie war trotzdem einmal kurze Zeit die Geliebte des Grafen gewesen?

So von seinen Zweifeln hin und her geschüttelt, ver­abschiedete er sich von Bertram und dem Doktor, weil er jetzt unbedingt nach Hause mußte. Er wollte den Jagd- hüter ins Fliederhaus schicken. Der konnte nachsehen, wie es mit Frau Doktor Beringer stand. Herrgott, wenn das Schicksal es wollte, ging noch alles schief. Denn wenn

Frau Doktor Beringer starb, dann wer weiß wie dann noch alles kam!

Mit großen Schritten ging er dem Walde zu.

Der Arzt und Oberförster Bertram schritten neben­einander dahin. Sie politisierten ein wenig, und da kam bei Bertram sowieso kein anderes Gespräch mehr auf.

Es war auch gut so, denn wer weiß, ob er nicht doch noch eine Bemerkung fallen gelassen hätte!?

An der Pforte zum Fliederhaus stand Marie. Ihre Augen waren dick verschwollen. Ihre Hände schlangen sich verzweifelt ineinander.

Dieses Unglück heute, dieses furchtbare Unglück!

Ringsum lagen die Fliederbäume am Boden. Der Sturm hatte das halbe Dach Heruntexgerissen. Die alte Figur am Springbrunnen lag zerschlagen am Boden. Ein starker Baum hatte sie getroffen.

Ein Bild der Verwüstung bot der sonst so blühende, märchenhafte Garten.

Aber das war doch nicht das Schlimmste! Lange nicht!

Das Schlimmste war, daß Frau Doktor Beringer still und tot dort drinnen lag. Ein Herzschlag mußte ihrem Leben ein Ende gemacht haben. Marie hatte es nicht ein­mal bemerkt, so ruhig war alles vor sich gegangen

Und Verene kam nicht wieder. Der Arzt kam auch nicht. War das Kind vielleicht gar verunglückt in diesem entsetzlichen Wetter? Die alte Marie war immer wieder an das Tor gelaufen, aber das Wetter hatte sie immer wieder zurückgetrieben.

Und endlich hatte das Unwetter nachgelassen, war nun schon fast ganz gewichen. Und noch immer kam Verene nicht!

Ein Mann kam Dort drüben. Er trug irgend etwas.

Was ging der Mann sie an?

Krampfhaft spähte Marie den schmalen Weg entlang, ob nicht doch endlich eine schmale, junge Gestalt zu sehen sei. Vielleicht, nein, wahrscheinlich hatte man Verene nicht fortgelassen. Hatte sie während des furchtbaren Unwetters

irgendwo zurückgehalten, was natürlich um und recht war.

Aber wenn sie doch nun endlich kommen möchte!

Die alte Marie hielt es nicht mehr aus inmitten all der Verwüstung ringsum und mit der geliebten toten Herrin im Hause. Wenn nur wenigstens die Sorge um das Kind aus ihrem Herzen genommen würde! Wenn Verene endlich käme!

Der große, breitschultrige Mann kam auf das Haus zu.

Marie dachte: Was will er bei uns? Es ist doch nicht der Arzt? Und was trägt er denn da? Das ist doch...

Gnädiges Fräulein, das Unglück! Was ist denn nun hier geschehen?"

Nichts Hier haben Sie Ihr gnädiges Fräulein wohl­behalten zurück. Wenn ich einen guten Rat geben soll, Dann stecken Sie sie einige Stunden ins Bett, damit eine etwaige Erkältung keine nachteiligen Folgen hat."

Behutsam stellte Eschweiler Verene auf die Füße. Nun lächelte er auf sie nieder, die ihn scheu-selig ansah.

Mein Liebes, sehe ich dich morgen früh im Walde?" Willenlos nickte sie. Er sagte leise:

Gegen zehn Uhr am Waldrande beim Moor "

3a!"

Eine tiefe Verbeugung, dann ging er ra>ch davon

Verene sah ihm nach, jauchzendes Glück in den braunen, strahlenden Augen. Jäh wandte sie sich um, fiel der alten Getreuen um Den Hals.

Marie, nichts sagen! Wundern Sie sich auch nicht, Marie! Ich bin so glücklich, das genügt ja."

Marie machte sich los. In ihren Augen stand feind­selige Abwehr.

So mußte es also kommen. So! Das war doch der Gras? Der tolle Graf, der alle Frauen und Mädchen betört und sie dann wegwirft, wie er ebenso achtlos ein Paar alte Handschuhe wegwerfen mag?" sagte sie hart.

Marie, was erlauben Sie sich?" sagte Verene außer sich,'und es war ihr, als habe man der Dienerin doch viel zuviel nachgesehen in diesen laugen Jahren.

(Kortktiuna folat.)