Hersfe! öer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 154
Montag, den 4. Juli 1932
82. Jahrgang
Protest der kleinen Mächte
Gegen die endlose Verschleppung der Abrüstungskonferenz — Sofortige Durchführung eines Mindestprogramms gefordert
Deutschland lehnt ab
Lausanne, 4. Juli.
In einer eineinhalbstündigen Besprechung, die der Reichskanzler und der Reichsaußenminister gestern früH mit MacDonald hatten, wurden die deutschen Einwendungen gegen den Borschlag der fünf Gläubigermächte ausgiebig besprochen. Diese Vorschläge waren im wesentlichen im Verlaufe des Sonnabend abend bei der deutschen Delegation bekannt geworden und sind Sonntag früh von Mac Donald formell vorgelegt worden«.
Die Ablehnung der deutschen Delegation stützt sich vornehmlich auf drei Punkte:
1. Die Höhe der genannten Summe;
2. Die Frage der Sicherungen, die zugunsten Deutschlands in das gedachte System eingebaut sein sollen, um die Begebung von Teilen der geforderten Bonds von einem entsprechenden Stand der Wirt- schafts- und Finanzlage abhängig zu machen; und
3. die Sicherungsklausel in bezug auf die amerikanischen Gläubigeransprüche an die ehemaligen Alliierten.
Diese letztere Klausel soll allerdings in dem vorgeschlagenen Abkommen nicht mehr erscheinen, sondern, wie man hört, Bestandteil eines Protokolls oder eines ähnlichen zusätzlichen Schriftstückes werden.
Man glaubt, daß MacDonald sich den deutschen Argumenten nicht verschlossen hat, die gegen diese und andere Einzelheiten in entschiedener Verfolgung der bisherigen deutschen Haltung vorgetragen worden sind.
Lausanne, 4» Juli
Im Zusammenhang mit der Formulierung bestimmter Vorschläge von der Gegenseite, deren Verwirklichung eins Mitwirkung der BIZ. notwendig machen würde, ist am Sonntag abend der Präsident des Verwaltungsrates der BIZ., Mac Garrah, auf Einladung MacDonalds in Lausanne eingetroffen. Er hat bereits mit dem britischen Premierminister eine Besprechung gehabt.
In Verfolg der gestern vormittag abgehaltenen Besprechung statteten nachmittags der Reichskanzler, der Reichsaußenminister und der Reichsfinanzminister dem britischen Ministerpräsidenten MacDonald einen Besuch ab. Nach dessen Beendigung trat neuerdings der Ausschuß der fünf übrigen Mächte zu einer Beratung zusammen, die bis zum Abend noch andauerte. Gegenstand der Besprechungen sind die Einwendungen, die von deutscher Seite gegen den bekanntgegebenen Vorschlag erhoben worden sind und die Gegenäußerungen hierzu.
Der Gläubigervorschlag
Der Vorschlag der Gegenseite ist uns gewissermaßen inoffiziell zur Kenntnis gebracht worden. Er fordert vier Milliarden Goldmark, die der BIZ. als Treuhänder übergeben würden.
und von dieser nach Ablauf von drei Jahren auf den Markt gebracht werden könnten, wenn das nach der Kreditlage Deutschlands für möglich gehalten und ein Ausgabekurs von mindestens 90 Prozent für diese fänfprozen» ligen mit mindestens ein Prozent jährlich zu verzinsenden Obligationen erreicht würde. Der Erlös würde jeweils einem Spezialfonds
für den Wiederaufbau
zur Verfügung gestellt. Unter dieses Abkommen sollen ntd)t fallen die Verzinsung und Tilgung der P o u n g - und Dawesanleihen, die belgischen Markv er- pflichtungen und die Verpflichtungen gegenüber Amerika aus dem sogenannten mixed claims (41 Millionen) und den amerikanischen Besatzungskosten (25 Millionen), wohl aber der gesamte Rückstand aus dem Hoover- Iahr, also nicht nur die gestundeten und in zehn Jahresraten nachzahlbaren geschützten Beträge, sondern auch die ungeschützten Annuitäten, die in Form von Vorschüssen bisher als eine neu entstandene Schuld der Reichsbahn gestundet waren.
Nach deutscher Auffassung sollte mit diesem Abkommen die Gesamtheit der deutschen Reparationsverpflich- tungen abgeiöst und damit der Teil 8 des Versailler Vertrages erledigt sein.
(Anmerkung der Redaktion: Der Teil 8 des Versailler Vertrages über die „Wiedergutmachungen" umfaßt die Artikel 231 bis 244, beginnt also mit dem berüchtigten Kriegsschnldenartikel.)
MacDonald will zum Abschluß kommen
In englischen Konferenzkreisen verlautet, daß Mac Donald seinen Plan, morgen Lausanne zu verlassen, aufgegeben habe und seinen Aufenthalt um einige Tage verlängern werde, um die Konferenz zu einem Abschluß zu führen.
Kein neuer deutscher Vorschlag
In Lausanner Pressekreisen sind gestern abend, wie verlautet, aus französischer Quelle Einzelanggbep aus
einem angeblich von deutscher Seite überreichten Gegenvorschlag zu den promenierten Borschlägen der Gläubiger- machte verbreitet. Ein solcher Gegenvorschlag eristiert nicht; es ist von deutscher Seite kein neuer Plan vorge- (cgt, sondern nur zu den bekannten Vorschlägen Stellung genommen worden.
Erst Vereinigung der Separationen
dann Verhandlung über die Kriegsschulden.
Washington. Die Versuche gewisser Delegationen in Lausanne, die endgültige Lösung der Reparationsfrage von der Haltung der Vereinigten Staaten abhängig zu machen, werden in hiesigen amtlichen Kreisen als sehr unklug angesehen.
Von hoher Regierungsseite wird erklärt, es sei die übereinstimmende Ansicht von Regierung und Kongreß, daß Europa, zunächst die Reparationsfrage erledigen müsse. Erst dann könne Amerika sich mit den einzelnen Schuldnerstaaten über die Ordnung der Verpflichtungen dieser Staaten ins Benehmen setzen.
Jeder Versuch, die Reparationen und Kriegsschulden in eine so enge Verbindung zu bringen, würde eine äußerst ungünstige Wirkung in der amerikanischen öffentlichen Meinung haben und von der Regierung nicht als „endgültige Regelung" der Reparationsfrage betrachtet werden können.
Von der korrekten Haltung der deutschen Delegation wurde hier mit Befriedigung Kenntnis genommen. Die Bereitwilligkeit zu einer neuen Prüfung der Kriegsschulden nach den Novemberwahlen wurde mit dem Hinweis informell in Aussicht gestellt, daß beide Parteiprogramme die Neuregelung nicht ausgeschlossen hätten. Bedingung sei jedoch: Erledigung der Re ^rarionsfrage. WoNtzder kleinen M8ch1e
Die Abrüstungskonferenz darf nicht versacken.
Genf, 8. Juli.
Die Vertreter Spaniens, Belgiens, Hollands, Schwedens, Norwegens, Dänemarks, der Schweiz und der Dsche- chosl^wakei sind unter der Führung des holländischen Delegierten Professor Rütgers beim Präsidenten der Abrüstungskonferenz Henderson vorstellig geworden, um ihm Vorschläge für die Wetterführung der Konferenzarbeiten zv machen. Dieser Schritt der kleinen Mächte erklärt sich ane den Besorgnissen, die seit einiger Zeit angesichts der völligen Stagnierung der Konferenz bei einem großen Teil der Son- ferenzstaaten bestehen.
Weite Kreise befürchten, daß die Sommerpause bet Konferenz heranrückt, ohne daß über die grundsätzlichen Festlegungen, die die Konferenz in ihrem Anfangsstaoium bezüglich ihres Arbeitsprogramms vorgenommen hat, irgendwelche praktischen Abrüstungsmagnahmen beschlossen werden. Es sind augenblicklich zwei Strömungen innerhalb der Konferenz für den Abschluß der Sommerarbeiten zu beobachten.
Die Hauptrüstungsmächte, insbesortdcre Frankreich und England, scheinen mit dem Gedanken umzugehen, die Konferenz zu vertagen, und zwar mit der Annahme einer Entschließung, die sich im wesentlichen darauf beschränken würde, den bisherigen Verlauf zu schildern, die früheren Beschlüsse bezüglich der Arbeitsmethoden zu bestätigen und den Willen zum Ausdruck zu bringen, die Konferenz im herbst fortzu- setzen.
Gegen dies« einfache Vertagung der Konferenz wendet sich nun eine Reihe von Staaten. Die obenhenannten Län- oer haben nunmehr Henderson durch ihre Vertreter erklären lassen, daß die Konferenz sich nicht damit begnügen dürfe, mit irgendwelchen allgemein gehaltenen Erklärungen, auch nicht mit einer Geste zugunsten des HooverPlanes in die Ferien zu gehen. Die Konjerenz müsse wenigstens einige konkrete Ab rü st ungs Maßnahmen, die später in den allgemeinen Abrüstungsvertrag einzubauen seien, beschließen. Sie seien der Meinung, daß man über folgende Punkte schon jetzt Beschlüsse der Konferenz herbei- j'ühren könne:
1. absolutes Verbot des Bombenwerfens aus Flug- ;Cugen einschließlich der Uebungen und Vorbereitungen zum Bombenkrieg;
2. Beschränkung der Maximaltonnage für Militärflug- tenge auf 1600 kg.;
3. Beschränkung der Heeresausgaben;
4. Schaffung einer ständigen Rüstungskontrolle.
lieber andere Abrüstungsmaßnahmen sönne dann die Konferenz im Herbst weiter beraten. Die kleinen Staaten haben Henderson erklärt, daß sie sich mit den anderen Delegationen zur Besprechung ihrer Fragen in Verbindung setzen werden.
Nach den bisherigen Dispositionen will Henderson das Büro der Konferenz für Dienstag nachmittag einberufen. Das Büro dürfte sodann einen Beschluß über die Einberufung des Hauptausschusses fassen.
Gouverneur Roosevelt Präsidentschaftskandidat.
Der Demokratische National-Konvent Amerikas hat Gouverneur Franklin Roosevelt mit 311 gegen 170 Stimmen zuw demokratischen Präsidentschaftskandidaten gewählt.
„Ernste Schwierigketten" Herriots
Paris, 4. Juli.
Die in der Nacht zum Sonntag gefaßten Beschlüsse des Finanzausschusses der Kammer haben eine neue inner- politische Lage geschc f en.
ris angekommen ist.
Obwohl einzelne Blätter, vielleicht etwas voreilig, von einem K r i s e n z u st a n d sprechen, kann doch nid)t abgeleugnet werden, daß ernste Schwierigkeiten entstanden sind. Die Aenderungen, die die linksstehenden Ausschußmitglieder vorgenommen haben, beziehen sich u. a. bar« ruf, an Stelle der fünfprozentigen Herabsetzung der Per» sonalausqaben bei den militärischen Krediten eine fünf« prozentige Herabsetzung der Materialausgaben, verbunden mit einer Verwaltungsreform, einzuführen.
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Lausanne. Herriot wird wegen der Beratung seines Budgets und wegen der vielleicht schon am Dienstag statt» findenden Abstimmung kaum vor Mittwoch wieder nach Lausanne zurückkehren können. Die Vertretung der französischen Interessen liegt inzwischen hauptsächlich in Händen der französischen Minister Germain Martin und Bonnet.
Österreich-Anleihe in Flutz
Lausanne. In der österreichischen Anleihefrage wurden die vorbereitenden Arbeiten erledigt, worauf Bundeskanzler Dr. Dollfuß abreiste. Bereits am Montag soll die Sitzung des Genfer Kreditausschusses stattfinden, in der über die Durchführung der Anleihe verhandelt wird.
Die Verteilung der vorgesehenen Anleihesumme von 300 Millionen Schilling ist folgendermaßen gedacht:
England (bereits zugesagt): 100 Millionen; Frankreich (vorbehaltlich der Zustimmung der Kammer): 100 Mil- Honen; Italien: 30 Millionen; die Schweiz, Holland, Belgien unb Deutschland mit noch nicht ganz feststehenden Ziffern; ferner eine grundsätzliche Zusage Spaniens und voraussichtlich auch Schwedens.
Bezüglich der Sicherungen hat sich ebenfalls nichts wesentlich geändert.
Die formell erforderliche Zustimmung des Völkerbundrates dürfte noch in dieser Woche erfolgen.
Regierung Srschkitsch in Belgrad
Belgrad. Die neue Regierung, die am Sonnabend abend vorn König vereidigt worden ist, steht unter der Führung des bisherigen Innenministers Dr. Srschkitsch. Das Außenministerium ist von Marinkowitsch auf den bisherigen Hofminister Sefiic übergegangen. Innenminister ist Lazi, der als sehr tüchtiger Verwaltungsbeamter gilt. Der bisherige Handelsminister Krämer ist Minister ohne Portefeuille, während das Handelsministerium der bisherige Unterstaatssekretär Mohoric als Parteifreund Krämers übernommen hat. Zum Justizminister wurde Schu- menkowitsch ernannt. Die Besetzung der übrigen Portefeuilles ist unverändert.
Eisenbahnunglück in Böhmen
Neun Tote^ 30 Verletzte.
Prag. Zwei Züge einer Nebenbahn sind Sonnabend ibend bei Vene schau (Südböhmen) zusammengestoßen. Reun Personen wurden getötet und 30 verletzt, unter hnen zwölf schwer. Das Unglück ereignete sich während ines schweren Gewitters, das über dieser Gegend wütete