Hersfelöer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchbruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDZB.
Nr. J50
Mittwoch, den 29. Juni 1932
82. Jahrgang
Abbruch ober Vertagung in Lausanne?
Besprechungen wieder ergebnislos — Keine Aussicht auf Ueberbrückung der Gegensatze
^ompenlntionen
In diesen Tagen ist in diplomatischen und Pressekreisen viel von Kompensationen die Rede gewesen. Französische Pressevertreter wollten aus Redewendungen des Kanzlers vor der ausländischen Presse herausgelesen haben, daß Deutschland Frankreich das Recht auf Ersatz bei Streichung der Reparationen zuerkenne. Er soll sich bereit erklärt haben, bei völliger Streichung der Reparationen Kompensationen zuzusichern. Während sich der Kanzler auf der Fahrt nach Berlin befand, entwickelte sich aus diesem Gespräch Papens mit der Presse ein sensationeller Pressekampf. In französischen Kreisen herrschte Genugtuung darüber, daß es Herriot angeblich gelungen war, Deutschland zur Anerkennung gewisser französischer Ansprüche zu veranlassen. In Deutschland dagegen war man überrascht, wenn nicht bestürzt, daß der Kanzler den Franzosen Zusicherungen über künftige deutsche Leistungen gemacht haben sollte,.die bisher als unmöglich und undenkbar hingestellt worden sind. Nach einer Ankunft in Berlin hat der Kanzler die ihm unter- chobenen Worte wie auch den Sinn dieser Worte entschieden lamentiert. In Frankreich hielt man gleichwohl die Behaup- ung aufrecht, daß Herr von Papen sich in diesem Sinne geäußert habe.
Es ist verständlich, daß unter diesen äußeren Begleiterscheinungen die Wiederaufnahme der Besprechungen zwischen von Papen und Herriot in Lausanne in etwas gespannter Atmosphäre vor sich ging. Auch das Eingreifen MacDonalds als Vermittler hat nicht vermocht, diese Atmosphäre wieder auszugleichen. Soweit man als Außenstehender überhaupt in der Lage ist, sich ein Urteil von den Lausanner Vorgängen zu bilden, scheint des Rätsels Lösung darin zu suchen zu sein, daß die vom Kanzler gebrauchten Worte sich auf ganz andere Dinge bezogen haben, als die Franzosen es behaupten. Zu dieser Auffassung kommt man, »rmifeiWii^ laufen zwei Probleme in Lausanne nebeneinander her. Das eine bezieht sich auf die Reparations- streichung das andere auf die Frage der wirtschaftlichen. Zusammenarbeit. Diese an- sich getrennten Probleme stehen trotzdem in einem ursächlichen Zusammenhang zueinander. Die Reparationsfrage und der Versuch ihrer Beseitigung sind eine Angelegenheit der internationalen Politik, besser noch des guten Willens, der besseren Einsicht; die der wirtschaftlichen Zusammenarbeit aber ist eine solche der internationalen Wirtschaft, also des Ausgleichs, der Neugestaltung. Die Baseler Sachverständigen haben im Interesse vertrauensvoller wirtschaftlicher Zusammenarbeit die Lösung der Reparationsfrage durch die beteiligten Regierungen dringendst empfohlen. Es bedarf also einer politischen Willenserklärung der Gläubigerländer, damit eine.internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit sich wirkungsvoll gestalten läßt. Erst wenn diese unzweideutig vorliegt, kann die zweite Forderung der Baseler Sachverständigen in die Tat umgesetzt werden.
Diese Zusammenhänge zwischen politischer Forderung und wirtschaftlicher Folgerung will man in Frankreich nicht anerkennen Man möchte erst die wirtschaftliche Neuformung der Welt oder mindestens Europas vornehmen und sich je nach ihrer Gestaltung dann darüber klarwerden, in welchem Umfange man aud)’ politisch dieser wirtschaftlichen Neugestaltung Rechnung zu tragen gewillt ist. Das geht ganz klar aus dem belgischen Vorschlag hervor, der diese Neuformung durch Einrichtung einer Gemeinschaftskasse einleiten will Aus dieser sollen alle notleidenden Staaten Kredite erhalten, während die Gesamtheit in diesen gemeinsamen Wirtschaftstopf einzahlt.
Deutschland hat sich — und hieraus erklärt sich offenbar das Mißverständnis mit den Kompensationen — grundsätzlich bereit erklärt, sich an dem „gemeinsamen Tapst' für den Wirtschaftsaufbau Europas zu beteiligen unter der Voraussetzung allerdings, daß vorher das Tributkonto endgültig gestrichen ist. Herriot und seine Pressetrabanten haben aber daraus die Bereitschaft Deutschlands herausgehört, als wolle es für die Streichung der Reparationen über die Beitragsleistungen für den gemeinsamen Topf hinaus eine bestimmte Summe zahlen. Man hält eben immer noch daran fest, daß der Poungplan formell aufrechterhalten bleibt, und eine noch festzusetzende deutsche Restzahlung durch irgendwelche andere Abmachungen „kompensiert" wird. Jetzt hat sich Herriot in den neuen Lausanner Verhandlungen mit Mac- Donald und von Papen davon überzeugen müssen, daß von Sonderleistungen Deutschlands nicht die Rede war und nicht die Rede sein wird. Darüber tut man heute in der Pariser Presse äußerst entrüstet, spricht von ..blutiger Enttäuschung" und droht mit vorzeitiger Abreise. Nun. solche Diplomatentricks verfangen heutzutage nicht mehr. Auch in Frankreich ist man allmählich der Wirtschaftskrise, gegenüber empfind- lich geworden. Herriot hat soeben während seines Pariser Wochenends ein großes Spar- und Steuerprogramm aufstellen müssen, weil eben Frankreich stärker ab bisher in den Krisenstrudel Hineingezogen wird. Es liegt aber bei Herriot, ob sich durch- vernünftige Abmachungen in Lausanne der Strudel für Frankreich nur an der Oberfläche zeigt oder ob er mehr und mehr in die Tiefe geht. Mit neuen Kompen- sationsforderungen ist jedenfalls die Lage nicht zu meistern.
Unveränderte Lage in Lausanne
Der Verlauf der Dienstag-Besprechungen.
Lausanne. Ueber den Verlauf der gestrigen Bespre- sprechungen, die über fünf Stunden dauerten, erfährt WTB.: Es wurde versucht, aus den deutsch-französischen Besprechungen die bisherigen Standpunkte der beiden Parteien herauszukristallisieren.
Das französische Verlangen nach einer Restzahlung und das von neuem begründete deutsche Verlangen nach einer definitiven Annulierung der Reparationen standen sich unverändert gegenüber.
Man hat im weiteren Verlauf des Tages sich über einzelne Punkte unterhalten, besonders über die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Konstruktion, die ausschließlich erörtert worden ist
heute treten die Wirtschafts- und Finanzminister Deutschlands und Frarckreichs zusammen, um in dieser Richtung sich weiter auseinanderzusetzen. Die vorgesehene offizielle Sitzung der beiden Delegationen, in der von französischer Seite auf die Montag-Ausführungen des Reichskanzlers und des Reichsfinanzministers geantttmrtet werden sollte, fällt aus.
Am Nachmittag findet eine Sitzung der sechs einladenden Mächte statt, um dem Bedürfnis der an den deutsch- französischen Verhandlungen nicht beteiligten Mächte zu dienen, das auf eine Orientierung durch die zwischenzeitlichen Verhandlungen abzielt. MacDonald wird Bericht erstatten.
Pläne, wie sie von französischer Seite angedeutet wurden, wonach morgen die Delegationsführer und Finanzr- minister der beiden Mächte na chihren Hauptstädten abreisen würden, — was an sich von Herriot bereits früher beabsichtigt war, — zu dem Zwecke, sich über das Maß der möglichen Konzessionen bzw. formulierte Vorschläge mit ihren Kabinetten zu unterhalten, haben sich bisher jeden- ■iiWitiiMM^
den deutsch-französischen Verhandlungen erklärt, daß die Stimmung gedrückt und ernst feri. Es seien schwierige Besprechungen, die sich auch auf politische Fragen erstreckt hätten. Der Reichskanzler habe offenbar von Berlin ein „imperatives Mandat" mitgebracht. Seine Vorschläge seien ungenügend; Frankreich sei verständigungs- und versöhnungsbereit nach Lausanne gekommen, und es sei auch bereit, seine Geldansprüche aufzugeben, wolle aber den Rechtstitel behalten, um ihn zu gegeben erscheinender Zeit zu gebrauchen. Es wäre bereit, diese geldlichen Ansprüche auszutauschen gegen ökonomische Vorteile oder eine Vergrößerung der französischen Sicherheit, die das Volk verlange.
Gegenüber diesem französischen Versuch, die Verantwortung für ein etwaiges Scheitern der Konferenz auf Deutschland zu schieben, wird aus den Kreisen der deutschen Delegation darauf hingewiesen, daß die deutsche These zur Frage der Reparationen durchaus mit den Ansichten der italienischen und englischen Regierung übereinstimmt. Die Reichsregierung hat neben ihrer Erklärung zur Begründung der Forderung der Streichung auf Reparationen einen positiven Plan entwickelt, in dem im Rahmen des großen Wiederaufbaues Deutschland sich bereiterklärt, aktiv mitzuwirken und hat die französische Delegallon aufgefordert, ihrerseits dazu Stellung zu nehmen. Eine diesbezügliche Erklärung von französischer Seite ist bisher nicht erfolgt.
Versuchsballon des „Daily Telegraph"
Erfundene Kanzlererklärung über die Ostfrage.
Lausanne. Die Meldung des diplomatischen Mitarbeiters des „Daily Telegraph", wonach Reichskanzler von Papen den Wunsch habe, eine Verständigung mit Polen aus der Grundlage einer Internationalisierung des polnischen Korridors herbeizuführen, ist vollkommen frei er- iknnden. Von maßgebender Seite der deutschen Delegation wird hierzu mitgeteilt, daß die Einstellung der Regierung Kapert zu den Ostproblemen sich vollkommen mit dem Standpunkt decke, den alle deutschen Regierungen stets eingenommen haben. *
Lausanne. Dienstag nachmittag ist der Botschafter Gibson hier eingetroffen, um mit der englischen Delegation wegen einer eventuellen Einberufung des tzauptaus- schusses der Abrüstungskonferenz in der nächsten Woche Rücksprache zu nehmen.
i Auch Sir John Simon ist wieder eingetroffen.
Devtfchlavdr Sofortprogramm
zur Reorganisation der Weltwirtschaft.
s Angesichts der schwierigen Situation, in der sich die Tributkonferenz gegenwärtig befindet, erscheint eine Bilanz bedeutsam, die man von deutscher Seite über die bisheriger Verhandlungen zieht. Es wird u. a. erklärt:
Keine Konferenz stand vom ersten Tage an so stark unter dem Eindruck, daß es sich in Lausanne nicht nur darum handelt, endgültig das Verhältnis zwischen Gläubiger und
Schuldner zu bereinigen, sondern daß es darum geht, aus viele Jahre hinaus das Schicksal Europas und der Welt entscheidend zu bestimmen. Die ganze Entwicklung des Re- parationsproblems hat der ganzen Welt eindeutig zum Bewußtsein gebracht, daß die Reparationen nicht nur die deutsche Wirtschaft zerstören, sondern auch den wirtschaftlichen Wohlstand der Gläubiger und damit auch der übrigen Welt zu vernichten drohen. Es war also zwecklos, in Lausanne *ein neues System für Reparationszahlungen erfinden zu wollen, weil die gegenwärtige Weltkrise in Verbindung mit den sonstigen Erfahrungen der Nachkriegsjahre den völligen Zusammenbruch des Systems politischer Zahlungen nicht nur ür die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft erwiesn hat. Deutscherseits hat man in mehrfachen ganz einge= jenben Darstellungen alle bekannten Gründe vorgebracht. die gegen die Möglichkeit einer Fortführung des Repara- tionssystems sprechen. Die deutschen Vertreter auf der Re- parationskonferenz haben immer wieder darauf hingewiesen. daß durch das Verschwinden der Reparationszahlungen gerade die von allen Völkern so sehnlichst herbeigewünschte Beruhigung internationaler Wirtschaftsbeziehungen eintreten wird. Nur die Schaffung einer völlig eindeutigen, klaren und für die Zukunft übersichtlichen Lage vermag das Vertrauen wieder zurückzuführen, das allein den Wiederaufbau der Welt und eine rasche Beendigung der gegenwärtigen katastrophalen Krise ermöglicht.
Entgegen den bereits jetzt schon aus durchsichtigen Gründen im Ausland verbreiteten Versionen, als ob Deutschland sich in Lausanne rein negativ auf die Aufgabe der Reparationen beschränkt, haben die deutschen Vertreter auf der Re- paraiionskonferenz ganz im Gegenteil die tatkräftigste Mit-
Wirkung am wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas in Aussicht gestellt. Es ist deutscherseits ein Sofortprogramm vor geschlagen, das in erster Linie die wirtschaftliche und finanzielle Sanierung Oesterreichs und Süd- osteuropas herbeiführen soll. Darüber hinausgehend hat aber die deutsche Regieruua ihre Mithilfe an allen Mast. "nSfaSn^SeF^SeRvIrS^mf?"^^
gierung hat sich bereit erklärt, an einer Stabilisierung der internationalen Währungen aus einer internationalen kon- terenz, an der Aufhebung bestehender Handelshemmnisse und der Deviseneinschränkungen, an dem Abbau von prohibi- tiven Zöllen und ähnlichen Maßnahmen sofort mitzuwirken.
Eine besondere Rolle spielt in dieser Hinsicht die Idee eines sogenannten „Fonds c o m m u n", dessen Hauptaufgabe darin bestehen würde, durch Kredite den Ländern mit schwierigen Währungsverhältnissen eine zuverlässige Deckungsgrundlage zu 'schaffen. Auch hier hat die deutsche Regierung ihre Bereitschaft zur Prüfung und Mitwirkung erklärt. Bei den Bemühungen um eine Sanierung Europas komme Deutschland und Frankreich eine besondere Stellung zu. Eine Uebereinstimmung dieser beiden Länder bilde nach deutscher Auffassung die Grundlage für eine gedeihliche Fortentwicklung Europas. Deshalb wird es sich auch weiter darum handeln, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern fester zu knüpfen, als es zur Zeit der Fall ist.
Die Haltung der deutschen Regierung aus der Konferenz war vom ersten Tage an vollkommen konsequent. Es widerspricht vollkommen den Tatsachen, wenn behauptet wird, die Haltung der deutschen Regierung habe sich nach der Rückkehr des Reichskanzlers aus Berlin versteift. Die Ausführungen des Reichskanzlers und des Reichsfinanzministers in den letzten Tagen gingen immer in der Richtung, daß Vor-
Se für ein neues System von Reparationszahlungen un- ch sind und daß das deutsche Volk in seiner ungeheuren Hof jeden solchen Vorschlag nicht verstelln und einmütig ab- lehnen würde. Die deutsche These ist und bleibt, daß nur eine Streichung der Reparationen für alle Völker eine bessere Zukunft erhoffen lasse und daß in einer Zusammenarbeit im Rahmen des konstruktivsten planes der einzig mögliche Weg zu erblicken sei, der zum Wiederaufbau Europas und der Welt führe.
Auch in Genf wenig hossnuW!
Schluß der Abrüstungskonferenz Mitte Juli?
Genf, 29. Juni.
Der Außenpolitiker des Echo de Paris will aus Lausanne berichten können, daß der Präsident der Abrüstungskonferenz Henderson die Konferenz am 17. Juli zu schließen wünsche, wenn sich die Delegationen verpflichten, im November erneut zusammenzutreten. Bisher habe man behauptet, daß ein erster, wenn auch sehr eingeschränkter Ab- rüstungsvertrag Ende Juli zustandekommen würde. Der Hoover-Plan Abe die Angelegenheit jedoch verwickelt, und diese Hoffnung scheine dahinzuschwinden.
Die Mitteilungen der englischen Presse über die letzte Kabinettssitzung gehen ziemlich übereinstimmend dahin, daß die englische Regierung nach Verhandlungen mit den Dominien zu den Abrüstungsoorschlägen Hoovers, die sie als wertvoll anerkenne, einen neuen englischen A b rüst u n g s p l a n in Genf vorlegen werde, der möglicherweise noch weitergehen werde als der Hooverplan. Die Abrüstungskonferenz könne dann aus den verschiedenen Vorschlägen einen allgemeinen Plan ausarbeiten.