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Hersfelöer Tageblatt

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchbruckeret in Hersfeld, Mitglied des VDZV.

Nr. 149

Dienstag, den 28. Juni 1932

82. Jahrgang

Lausanne vor der Entscheidung

Deutsch-französische Aussprache auf dem Höhepunkt

Polen mw England

Die wachsende Unterordnung des polnischen Außenhan­dels unter rein politische Grundsätze hat in der letzten Zeit außerordentliche Fortschritte gemacht, wie nicht allein durch die starken Boykottbewegungen gegen Danziger und deutsche Waren in Polen selbst bewiesen wird, sondern auch durch zahlreiche andere Beispiele wie z. B. durch Auf­tragsentziehung gegenüber der Danziger Werft, was selbst in dem mit Polen verbündeten Frankreich starken Wider­spruch heroorrief mit Rücksicht auf die in der Danziger Werft investierten französischen Kapitalien. Dieses Verhalten muß bei der ungeheuren Wirtschaftsdepression in Polen um so weniger verständlich erscheinen, als die polnischen Außenhan­delsinteressen jetzt durch den sinkenden Absatz der landwirt­schaftlichen und Jndustrieerzeugnisse, insbesondere der pol­nischen Kohle, in weitgehendem Maße gefährdet sind. Wenn heute Polen, wie die meisten europäischen Länder, einen ab­soluten Rückgang seines Aus- und Einfuhrhandels aufzu- weisen hat, so ist dies neben anderen Gründen auch auf die folgerichtige Anwendung des Autarkiegedankens in verschie­denen Ländern Europas zurückzuführe-, dessen Grundsätze in fast allen europäischen Ländern immer mehr durchdringen und die Einfuhr fremder Waren nur im Austausch mit Hei­materzeugnissen zulassen wollen.

So ist auch der Rückgang des polnischen K o h l e n a b s o. tz e s auf den nordischen Märkten zum gro­ßen Teil darauf zurückzuführen, daß die nordischen Länder heute selbst auf den Absatz ihrer landwirtschaftlichen Erzeug­nisse in England gegen Austausch englischer Kohle bedacht sind; deshalb mußte schon aus diesem Grunde eine völlige Umstellung in der Kohlenversorgung zugunsten der englischen Kohle stattfinden, nachdem noch bis vor kurzem Polen der Hauptlieferant für die nordischen Länder gewesen ist. Die England immer noch über eine stärkere Kaufkraft verfügt als Polen und daher auch in der Lage ist, von den nor­dischen Ländern mehr zu kaufen.

Der Wunsch nach einem stärkeren Ausbau der polnisch­englischen Wirtschaftsbeziehungen wird Großbritannien zu einer kaufmännisch nüchternen Prüfung der bisherigen Ent­wicklung des Handelsverkehrs mit Polen veranlassen, wel­cher im Jahre 1931 ergeben hat, daß England als Abnehmer polnischer Erzeugnisse an e r st e r Stelle steht. So hatte der polnisch-englische' Außenhandel im Jahre 1931 einen Aus­fuhrüberschuß von 241,4 Millionen Zloty zugunsten Polens erbracht (gegenüber 116,6 Mill. Zloty im Jahre 1930). Dies ist besonders auf den stark gestiegenen Bacon- und Schinken­export Polens nach England zurückzuführen.

Als Hauptabnehmer Polens hat England nicht die ge­ringste Veranlassung, Polen aus politischen Gründen noch weitere handelspolitische Vorteile einzuräumen, zumal die derzeitige Lage Polens hinsichtlich seiner wirtschaft­lichen Zukunft wenig Vertrauen einflößen kann, nachdem es bis auf den heutigen Tag noch nicht dazu gekommen ist, mit den beiden größten feiner unmittelbaren Nachbarländer, nämlich Deutschland und Rußland, einen ge­ordneten Handelsverkehr herbeizuführen. Gerade auch bei der Frage der wirtschaftlichen Wiederaufrichtung der Do­na u st a a t e n hat Polen feine machtpolitischen Absichten in deutlicher Weise gezeigt, wenn es glaubte, durch Anschluß an eine Donauföderation eine wirtschaftliche Macht zu er­reichen, welche von der Ostsee bis zum Mittelmeer reicht. Großbritannien liegt keinesfalls an einer Verschärfung der bereits in" Europa vorhandenen Zollkriege, und wenn Deutschland erst vor kurzem, und zwar teilweise gegen seine eigenen Wirtschaftsinteressen. Handelspolitische Vereinba­rungen mit Polen getroffen hat, so hat es damit seinen guten Willen gezeigt, zu einer wirtschaftlichen Verständigung mit Polen zu kommen und einer fortschreitenden Verschärfung des Zollkrieges vorzubeugen.

Die m a n g e l n d e Einsicht P o l e n s, sich in die europäische Völkerfamilie auch mit seiner Wirtschaftspolitik einzugliedern, kann nicht dazu führen, daß Polen durch Großbritannien eine Unterstützung seiner politischen Absich- ten erfährt, die nur zu einer weiteren Zugrunderichtung der zerrissenen Wirtschaft Europas führen müssen. In diesem Zusammenhang ist auch das stark gesunkene Interesse Eng­lands am Hafen von Gdingen zu erwähnen. Bei einer Schiffahrtsgesellschaft, der Polnisch-Britischen Aktien- gesellschaft, mußte der polnische Staat vor kurzem seine An­teile von 75 auf 90 Prozent erhöhen.

Wenn jetzt in den europäischen Ländern ernsthafte Be­wegungen zum Wiederanschluß an die Weltwirtschaft und zur Abkehr von den Absperrungsmaßnahmen erwachsen, so müssen auch in Großbritannien diese Bewegungen trotz des dort herrschenden Schutzzollsystems mit größtem Wohlwollen ausgenommen werden.

Zur Ausdehnung politischer Machtsphären auf weitere Kosten der Wirtschaft wird sich jedoch Großbritannien, keines­falls hergeben, nachdem erst vor kurzer Zeit die polni­schen Absichten auf Danzig gezeigt haben, wie wenig sich Polen an die internationalen Verträge zu halten gedenkt. Auch hier war es zunächst die englische Presse, welche auf die Gefahren hingewiesen hat, die hier dem Frie­

den Europas drohen. Die englische Tradition, welche stets für die Förderung der eigenen Wirtschaftsinteressen ein­getreten ist, wird deshalb auch niemals den polnischen Macht­plänen ihr Ohr leihen, hinter denen die französische Politii steht, der in erster Linie an der Aufrichtung einer franzö­sischen Hegemonie in Europa und weniger an einer wirt­schaftlichen Wiedergesundung der europäischen Nationen ge­legen ist. Aus diesen Gründen wird auch der Gedanke eines Ostlocarno in England keinen ernsthaften Boden fassen, zu­mal da Großbritannien keine Garantien für die ungeregel­ten Ostgrenzen übernehmen kann.

Entscheidung in der Schwebe

Dir deutsch-französische Aussprache.

Lausanne, 27. Juni.

Nachdem Reichskanzler von Papen, in dessen Beglei­tung auch der Reichsernährungsminister Freiherr von Braun reiste, und der französische Ministerpräsident in Lau­sanne eingetroffen waren, begannen sofort bedeutsame Be­sprechungen zwischen den Delegationsführern, die zunächst einmal der Vorbereitung der inzwischen stattgefundenen großen deuksch-französischen Sitzung am Monkagnachmikkag galten. Weiter wurden zwischen den Delegationen das italienische Memorandum und die Pläne des Franzosen Avenolzur Belebung der europäischen Wirtschaft" eifrig besprochen. Es ist sicher, daß nunmehr die entscheidenden Stunden der Lausanner Konferenz herangekommen sind.

Das voraussichtliche Ergebnis läßt sich bei dem gegen­wärtigen Stand der Dinge nicht einmal mutmaßen. Deutsch­land ist selbstverständlich bereit, nach Kräften am wirtschaft- > lichen Wiederaufbau Europas mitzuarbeiten. Ob im Laufe j der Aussprache brauchbare Mittel und Wege gefunden wer-

Man fpncmdävon, daß sich notfalls ole Konferenztu Permanenz erklären" werde, um Zeit zu gewinnen, eine vrauchbare Lösung zu suchen.

Die deutsch - französische Besprechung hatte kurz nach 4 Uhr 30 Minuten begonnen. Deutscherseits nahmen- der Reichskanzler und die drei Reichsminister, die Staatssekre­täre von Bülow und Trendelenburg und etwa sechs Sach­bearbeiter teil; auf französischer Seite waren ebenfalls die Minister und im ganzen etwa 12 Teilnehmer im Verhand- lungsraum im Hotel Palace erschienen "

Bie mehr ein falsches Ja

Lausanne. Zu Beginn der gestrigen, fast vierstündigen deutsch-französischen Besprechung ergriff der Reichskanz- 1er das Wort. Er führte u. a. aus:

Die Konferenz berge unerhörte Chancen^ um die Irr­tümer der Nachkriegszeit zu beseitigen und dre Wett einent besseren Zustand zuzuführen. Die Reparationen müßten unter allen Umständen sämtlich fallen, da die Weiterfüh- rung eines solchen Systems in irgendeiner Form den wirtschaftlichen Ruin der Welt bedeuten würde.

Die deutsche Regierung werde keine Unterschrift unter ein Abkommen setzen, von dem sie jetzt schon überzeugt sei, es nicht halten zu können.

Die Regierung sei bereit, an konstruktiven Maßnahmen für einen Aufbau Europas mitzuarbeiten. In der Zu­kunft würden die deutsch-französischen Beziehungen in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle spielen. Die Welt befinde sich jetzt in einer ganz außerordentlich ernsten Stunde. Die Wiederherstellung des Vertrauens Siegerstaaten und nicht die Deutschlands.

Frankreich macht Vorbehalte

Ueber den Verlauf der deutsch-französischen Bespre­chung am Montagnachmittag, die drei Stunden dauerte, wurde folgender amtliche Bericht ausgegeben:

Die deutsche und die französische Delegation sind neu­erdings am Montag, den 27. Juni, nachmittags 16.30 Uhr, zusammengetreten. Der Herr Relchsfinanzminisler hat die Gründe auseinandergesetzt, die nach seiner Ansicht zugun­sten einer Streichung der Reparationen sprechen, sowie die ersten Maßnahmen, die für den Wiederaufbau Europas ge­geben seien. Der Herr Reichskanzler hat die Ausführungen des Herrn Reichsfinanzministers erläutert und vom allge­meinen Standpunkt aus behandelt.

Der französische Ministerpräsident hat die Vorbehalte gemacht, die er für nötig hielt. Die Unterhandlungen wer­den Mitlwochvormiltag 10 Uhr wiederaufgenommen werden.

Die ChristliH-Sozialen an den Kanzler

^ Der Christlich-Soziale Volksdienst hat an den Reichs­kanzler von Papen ein Schreiben gerichtet, in dem die Er­wartung ausgesprochen wird, daß die Reichsregierung das unbeugsame Nein gegenüber allen Tributleistungen durch- | sümpfe mit der moralischen Waffe des Widerrufs der Kriegs­chuldlüge, mit dem Nachweis, daß Deutschland seine Repa- cationsverpflichtungen längst erfüllt habe und mit der uner­bittlichen Forderung der wirtschaftlichen Vernunft.

Italiens »e

Allgemeinheit der Annullierungsverpslichtung nötig.

Italiens Abordnung in Lausanne veröffentlicht jetzt ihre reparalionspolitische Denkschrift. Aus ihr geht hervor, daß Italien zwar nach wie vor für die Schuldenstreichung ein- tritt, daß es aber im Hinblick auf die Opfer, die es bereits gebracht hat, nur verzichten zu können erklärt, wenn auch alle anderen Staaten aus ihre Tributanteile verzichten.

Es wird in ihr ferner die natürliche Verbindung zwi­schen Tributen und Kriegsschulden hervorgehoben. Die Ita­liener fordern, daß die Lausanner Konferenz die Entschlüsse fassen müsse, zu denen sie zusammenberufen sei. Ein weiterer Teil der italienischen Denkschrift betrifft den Aufbau d e r Währungen und der Wirtschaft der Donall­st a a te n. Eine geldliche Unterstützung könne diesen Ländern nicht gewährt werden, ohne daß die Geldfrage in ihnen ge­löst sei und ohne daß die Stabilität ihrer Zahlungsbilanzen sichergestellt werde. Italien erklärt sich zu einer währungs- politischen Hilfeleistung bereit, an der die Notenbanken teil- nehmen müßten, die gegebenenfalls die Garantie der Staa­ten zu finden hätte und die Mitwirkung der Internationalen Bank in Basel als höchst erwünscht erscheinen lasse.

Schließlich spricht sich die italienische Denkschrift für die allmähliche Herabsetzung der Zolltarife und gegen die ge­schlossene "^aft in den Donauländern aus.

Deutsche Delegation Mieden

Zu dem italienischen Memorandum, das in Form eines an MacDonald als Konferenzpräsidenten gerichteten Briefes von Grandi abgefaßt ist, wird erklärt, daß die Auffassung in den Kreisen der deutschen Delegation außerordentlich gün­stig ist.

Es wird wärmstens begrüßt, daß in dieser italienischen

femenei Vorbehalte gemacht und die Streichung der Repa­rationen als die unbedingte Voraussetzung für den wirt­schaftlichen Wiederaufbau bezeichnet wird. Auch die einzelnen in den italienischen Gedankengängen aufgeführten Punkte entsprechen durchaus den von deutscher Seite hervorgeho­benen.

Stäbtetag gegen helgildien Srebitplnn

Der Präsident des Deutschen Städtetages hat zugleich im Namen des Vorstandes des Deutschen Städtetages in einem Telegramm an den Reichskanzler auf die völlige Un­möglichkeit des von der belgischen Delegation in Lausanne betriebenen Kreditplanes hingewiesen

Alle müssen Opfer bringen!

Amerikas Standpunkt zum Reparationsproblem.

Washington. Im Staatsdepartement und im Weißen Haus herrscht starkes Befremden über die seit Beginn der Lausanner Verhandlungen immer häufiger werdenden Falschmeldungen aus gewissen europäischen Hauptstädten, die auf dem Umweg über Paris oder London angeblich authentische Aeußerungen der amerikanischen Regierung zur Schuldenfrage kolportieren, und damit Verwirrung, Mißtrauen und Verlegenheit' verursachen und einer ver­söhnlichen Erledigung des so großen Problems schweren Schaden zufügen.

Die amerikanische Regierung hat die feste Absicht, sich in die Lausanner Verhandlungen nicht einzumischen, und sie hat dies kategorisch in ihrer E-klärung vom letzten Sonnabend nochmals, und wie sie hofft, überzeugend und endgültig klargelegt. Amerika hat von Anfang an die Forderungn von Repara ionen für verkehrt gehalten und sich deshalb geweigert, Reparationen von Deutschland zu verlangen. Amerika lc' .t auch fernerhin den Versuch Europas ab, die Ke al setzung der alliierten Forderungen an Deutschland mit der Herabsetzung der alliierten Schul­den zu verquicken. Man stell hier vielme. r auf dem Standpunkt, baj erstens jede Nation Opfer bringen müsse und zweitens, die Erledigung der Re-aralionsfrage eine rein europäische Angelegenhc.t sei.

Konferenz der Läudermiaifter

Berlin, 28. Juni.

Die Pressestelle des Preußischen Staatsministeriums teilt mit: Die größte Anzahl der leitenden Länderminister ist auf Einladung Preußens in Berlin zusammengetreten, um politische Fragen von besonderer Bedeutung zu erörtern. Die Konferenz ergab eine erfreuliche besondere Ueberein­stimmung der Erschienenen. Weitere Sitzungen gleicher Art sind von Fall zu Fall je nach Bedarf in Aussicht genommen.

Neuwahl der Kommuualoertretuugen?

Berlin, 28. Juni.

Die Nationalsozialisten haben im Preußischen Landtag einen Gesetzentwurf eingebracht, wonach die Vertretungen der Gemeinden und Gemeindeverbände am 16. Oktober neu gewählt werden sollen, weil die jetzigen Vertretungen nicht mehr dem Willen der Wählerschaft entsprechen.