Hersfel-erTageblatt
Anzeigenpreis,: Die einspaltige 45 mm breite Petitzeile 15 Pfg., die Reklamezeile (90 mm breit) 50 Pfg. (Grundschrift Korpus). Bei Wiederholungen wird entsprechender Preis-Nachlaß gewährt. Ä Für die Schriftleitung verantwortlich: Franz Funk in tzersfelb Fernsprecher Nr. 608.
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher /tauiger für den Kreis Hersfeld
Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.35 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für tzersfeld 1.10 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reichs-Mark.
Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in tzersfeld, Mitglied des VDIV.
Nr. 123 (Erster Blatt)
Sonnabend, den 28. Mai 1932
82. Jahrgang
Katastrophale Lage der Sozialversicherung
Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen drücken den Beitragseingang bis zu 60 Prozent herab
tzindenburg greift ein
Vor acht Tagen erfuhr die deutsche Oeffentlichkeit durch ein amtliches Kommunique, daß das Reichskabinett seine Beratungen über die Gestaltung der neuen Notverordnung abgeschlossen habe, ihr Inhalt aber erst nach der Unterrichtung des Reichspräsidenten bekanntgegeben würde. Der Staatssekretär Dr. Meißner hat inzwischen den Reichspräsidenten mit den Plänen der Reichsregierung auf etat-, wirtschafts-, sozial- und steuerpolitischem Gebiet bekantgemacht. Eine amtlicherseits nicht dementierte Nachricht besagt, daß Dr. Meißner dem Reichskanzler eine Reihe von A b 8 n d e - rungswünschen des Reichspräsidenten zu den neuen Notverordnungsplänen der Reichsregierung überbracht habe, mit denen sich das Reichskabinett in seiner Freitagsitzung befaßte. Man hört, daß sich die Wünsche des Reichspräsidenten in erster Linie gegen eine weitere Kürzung der Bezüge der Kriegsverletzten und Kriegshinterbliebenen und gegen die Handhabung gewisser Bestimmungen des Ent- schuldungs- bzw. Enteignungsverfahrens gegenüber in Schwierigkeiten befindlichen landwirtschaftlichen Großbesitzen im Osten richteten. Nachdem auch gegen eine ganze Reihe anderer Punkte des Kabinettsentwurfs für die neue Notverordnung, vor allem gegen eine neue steuerliche Belastung der großen Masse entschiedene Einwände erhoben worden sind, wird man annehmen können, daß der Reichspräsident auch hier seinen Revisionsstift zur Anwendung gebracht haben wird.
Es ist wohl kaum ein Zufall, daß in Verbindung mit diesen Abänderungswünschen Hindenburgs sich in der Oeffentlichkeit die Nachrichten über eine Neugestaltung der Zusammensetzung des Reichskabinetts , wieder stärker. In den Vordergrund .gedrängt haben. Auch bell einzelnen ^abinettsmitgttebern natyettefcew halten eine grundsätzliche Aenderung der Kabinettszu - sammensetzung oder gar einen Kanzlerwechsel durchaus für möglich. Aus Kreisen, die dem Kanzler nahestehen. wurde auch erklärt, daß selbstverständlich der Kanzler angesichts der starken Kritik, die das von ihm vertretene neue Finanzprogramm in der ganzen Oeffentlichkeit und in den verschiedensten Kreisen der Wirtschaft und des berufsständi- schen Bürgertums gefunden hat, sein Verbleiben auf seinem Posten davon abhängig machen werde, ob der Reichspräsident noch mit seinem vollen Vertrauen hinter ihm steht
Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, stehen wir vor grundlegenden Entscheidungen in der Gestaltung unserer Innen- und Wirtschaftspolitik. Die Annahme ist naheliegend, daß dabei die Neugestaltung der Dinge in Preußen auf die Reichspolitik nicht ohne Einfluß bleiben wird. Schon sind die verschiedensten Interessenten bemüht, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß man schön alles beim alten lassen möge. Das wird aber kaum möglich sein, will man nicht den Eindruck aufkommen lassen, daß man den Problemen der Innen- und Außenpolitik aus dem Wege zu gehen trachtet. Man sollte sich auch davor hüten, die Lage zu verschärfen, wie es von jener Seite geschieht, die überall im Lande den Eindruck zu erwecken versucht, als bemühten sich die Leitung der Reichswehr oder einzelne Generale, die Wehrmacht in die Reichspolitik einzuschalten. Die Tatsache, daß Minister Groener von seinem Posten als Reichswehrminister zurückgetreten ist, hat ihre besonderen Gründe, die nichts zu tun haben mit machtpolitischen Bestrebungen der Reichswehr. Diese hat selbst immer den größten Wert darauf gelegt, aus dem parteipolitischen Kampf herausgelassen zu werden, wie sie es andererseits ebenso entschieden ablehnt, sich der Parteiparole und dem Parteiprogramm einzelner Parteien zu unterwerfen.
Nach all den Gerüchten über einen „Krieg im Dunkeln" und über angebliche gewisse Diktaturpläne kann nur das eine als feststehend gelten, daß der Reichspräsident sich für alle seine Entscheidungen sowohl in personeller wie in materieller Hinsicht freie Hand vorbehalten hat. Er wird am Sonn- taa nach seiner Rückkehr aus Neudeck den Kanzler zu eingehendem Vortrag empfangen. Die seinem Staatssekretär von Neudeck mitgegebenen Abänderungswünsche für die neue Notverordnung lasten jedenfalls die eine Ueberzeugung zu, daß er nicht kritiklos die Vorschläge mit seinem Namen zu decken gedenkt, die ihm vom Reichskabinett unterbreitet werden. Daß diese Vorschläge erst nach langwierigen Verhandlungen und nach zum Teil sehr heißen Kämpfen sich gestalten konnten, beweist, daß eine einheitliche Linie nicht gefunden werden konnte. Es handelt sich abermals um Kom- promiste, die aus neuen Zielen und alten Hemmungen her- ausgewachsen sind. Das Echo, das die bisherigen Andeutun- gen über den Inhalt der Regierungspläne in der Oeffentlichkeit gefunden haben, sagt deutlich, daß die neue Notverordnung, die wahrscheinlich wiederum nicht die letzte sein wird, keineswegs geeignet erscheint, irgendwo Begeisterung auszulösen. Wenn man den Bericht des Ministerialdirektors ©riefet über die Lage der deutschen Sozialversicherungen liest, dann versteht man eines nicht, daß die neue Notverordnung offenbar an einer wirklich wirksamen Reform auch in dieser Frage wieder vorübergeht. Es wäre hier, wie in den Fragen der steuerlichen Neubelastungen erwünscht, wenn sich das Eingreifen des Reichspräsidenten n«h weiter bemerkbar machte.
Abänderung der Notverordnung
Vor der Aussprache Brüning—Hindenburg.
Berlin, 28. Mai
Das Reichskabinett nahm am Freitag seine Beratuw gen zur Fertigstellung der neuen Notverordnung wieder auf. In den Beratungen spielten die Wünsche des Reichspräsidenten hinsichtlich der Kriegsrenten und der Siedlung eine besondere Rolle. Von unterrichteter Seite wird erklärt, daß die Wünsche des Reichspräsidenten berücksichtigt würden. Nach der Fertigstellung der Notverordnung soll der vorgesehene Vortrag des Reichskanzlers beim Reichspräsidenten am Sonntagvormittag stattfinden.
Wie verlautet, beabsichtigt der Kanzler, den Reichs- Präsidenten vor die Frage zu stellen, ob er noch das volle Vertrauen des Reichspräsidenten genieße, weil es sonst für ihn keinen Sinn habe, die Notverordnung, die auf lange Sicht berechnet sei, gegenzuzeichnen und durchzuführen. Welche Antwort oer Reichspräsident erteilen wird, Hängl selbstverständlich von dem Ausgang der persönlichen Aussprache zwischen dem Kanzler und dem Präsidenten ab. Man dars annehmen, daß der Kanzler in der Unterredung auch auf die große Bedeutung der bevorstehenden Lausanner Konferenz und auf die von ihm dafür geleistete Vorarbeit Hinweisen wird.
In einem Teil der Berliner Presse wird aus der Tatsache der Uebermittlung der Abänderungswünsche Hindenburgs zur Notverordnung die Absicht des Reichspräsidenten gefolgert. den übrigen Teil der vorbereitenden Vorlage zu unterzeichnen. Eine von anderer Seite ausgehende Information sieht in der Beratung der Abänderungswünsche Hindenburgs durch das Kabinett die Bestätigung, daß die K r i s e n gerächt e der letzten Tage endgültig überholt seien.
»~<iiMi||ug||^ ^^iiwj Unterredung
des Reichspräsidenten mit dem Kanzler auch die in der letzten Zeit mehrfach erörterten personellen Fragen, d. h. also die Frage einer Umbildung des Kabinetts eine Rolle. Von amtlicher Seite werden alle Nachrichten dementiert, die bereits bestimmte Persönlichkeiten nennen, die für die Umbildung des Kabinetts in Frage kommen sollen. So wurde behauptet, daß General Hasse, der Kommandeur des Truppenkommandos 1 das Reichswehrministerium übernehmen solle, daß für das Reichswirtschaftsministe- rium nun doch Dr. G o e r d e l e r in Betracht komme und daß das Reichsinnenministerium mit Dr. G e ß l e r besetzt werden dürfte. Dazu wird von unterrichteter Seite gesagt, daß es gewiß möglich sei, General Hasse in erster Linie mit der Leitung des Reichswehrministeriums zu betrauen, die Entscheidung darüber liege aber beim Reichspräsidenten. Von Dr Goerdeler glaube man zu wissen, daß er seinen eigenen Wünschen entsprechend für die Leitung des Reichs- wirtschaftsministeriums überhaupt nicht mehr in Frage komme. Im übrigen hebt man hervor, daß der Reichspräsident selbst von seinem Urlaub aus, starken aktiven Einfluß auf die Reichspolitik ausgeübt habe.
Minifterpräsidentenwahl verschoben?
Berlin, 28. Mai
In einer von der deutschnationalen Landtagsfraktion in Preußen ausgegebenen Mitteilung über eine Sitzung der Fraktion wird u. a. gesagt:
Mit Befremden wurde festgestellt, daß Zentrum und Nationalsozialisten nach ihren Erklärungen im Aelkestenrat zurzeit kein Interesse daran zu haben scheinen, die Wahl des Ministerpräsidenten sofort vorzunehmen und die ge- schäftsordnungsmähigen Unterlagen hierfür beschleunigt zu schaffen. Die deutschnationale Fraktion hält es dagegen für die dringendste Aufgabe, das Kabinett Braun auch als Ge- schäftsministerium so schnell als möglich zu beseitigen.
Alarmierende Krisenlolge
Sozialversicherung vorm Zusammenbruch.
Berlin, 28. Mai
3m Sozialpolitischen Ausschuß des Reichstages gab Ministerialdirektor Dr. ©riefet vom Reichsarbeitsmi- nisterium einen Bericht über die Lage der deutschen Sozialversicherung. Dieser Bericht stellt fest, daß die Mindereinnahmen der Sozialversicherung so katastrophal sind, daß die Regierung sich außerstande sieht, die laufenden Aufgaben und die Abzahlungen an die Post zu decken. Die Regierung konnte die Flüssighaltung der Kassen nur durch Verkauf von Wertpapieren aufrecht erhalten.
Im einzelnen stellt dieser Bericht fest, daß in der Knappschaftsversicherung im Jahre 1929 1 o. H. Beitrag aus der Lohnsumme 15 Millionen erbracht' haben; heute sind es nur noch 6 Millionen. Die Gründe lügen zu drei Vierteln im Abbau der Belegschaften, im übrigen in der Senkung der Löhne. 1925 betrug die Zahl der Bergleute in Deutschland noch 730 000. Sie sei heute auf 430 000 zurückgegangen, davon allein im Ruhrgebiet von 400 000 auf 190 000. Die heutigen Schwierigkeiten der Knappschaftsversicherung seien lediglich durch den schnellen
Absturz der Löhne verursacht worden. Heute müßten drei Bergleute aus ihren Beiträgen zwei Invaliden ernähren. Der Zuschuß des Reiches übersteige die Beitragseinnahmen. Im letzten Jahre habe das Reich 70 Millionen an Zuschüssen gegeben; bei gleichem Zuschuß würde für 1932 noch immer ein Fehlbetrag von 44 Millionen verbleiben, deren Deckung noch nicht gefunden ist.
Die Angestelltenversicherung verzeichne einen monatlichen Rückgang an Beitragseinnahmen von 5 Millionen RM. Dagegen stiegen die Pensionen nach Zahl und Wert auch in dieser Versicherung ständig.
Außerordentliche Schwierigkeiten bestünden auch in der Unfallversicherung. Manche Berufsgenossenschaften befanden sich in einer trostlosen Lage, z. B. die des Baugewerbes, wo 85 v. H. der Arbeiter erwerbslos seien. Von der durch die Notverordnung geschaffenen Ermächtigung, eine solidarische Haftung der Berufsgenossenschaften anzuordnen, habe die Reichsregierung bisher keinen Ge- brauch gemacht. Diese Ermächtigung lasse sich nur mit großer Vorsicht anwenden.
In der Krankenversicherung seien die Einnahmen, die 1929 noch 2,3 Milliarden betragen hätten, auf 1,6 Milliarden 1931 zurückgegangen. Zwar habe die Arbeitslosigkeit auch eine Verringerung der Versicherungsfälle verursacht, doch bereite die Notwendigkeit, einen Ausgleich zwischen Beitragseinnahmen und -ausgaben zu schaffen, den Krankenkassen außerordentliche Schwierigkeiten.
Die Behebung der Schwierigkeiten bei den Versiche- rungsträgern sei außerordentlich schwer. Ueber alles for« r male Recht hinaus hätten die Versicherten ein Notstands- 1 recht, auskömmliche Leistungen zu erhalten; auf der anderen Seite hätten aber auch die Versicherungsanstalten das Notstandsrecht, in ihrem Bestände erhalten zu bleiben. Dar- . ergebe sich, die Frage, wie ein Ausgleich zwischen der Notwendigkeit einer Erhaltung der Versicherung und dem Bedürfnis der Versicherten geschaffen werden könne. Von der Reichsregierung seien in dieser Hinsicht noch keine Beschlüsse gefaßt worden.
Der Kamps um die Reparationen
Verlängerung des hoover-Moratoriums für Deutschland untragbar.
Berlin, 28. Mai.
Je näher der Beginn der Lausanner Konferenz heran- rückt, um so verzweifelter sucht man in Frankreich nach einem Grund, sie zu vertagen oder ihren Aufgabenkreis zu verschieben. Die Lausanner Konferenz ist gleichsam die zwingende Folgerung jenes Baseler Sachverständigengutachtens, das den verantwortlichen Staatsmännern eine schleunige Bereinigung der politischen Zahlungen dringend ans Herz legte Das war im Dezember — heute schreiben wir fast Juni Ein halbes Jahr ist ins Land gegangen, ohne daß etwas geschehen ist — denn Frankreich stemmt sich gegen eine gerechte und vernünftige Lösung. Wie schon in der Vergangenheit, so versucht man dort das Reparationsproblem mit dem Schuldenproblem zu verkoppeln, was Amerika nach wie vor ablehnt. In Frankreich operiert man zudem mit dem Argument, daß Amerika das Schuldenproblem erst in Angriff nehmen werde, wenn die Präsidentenwahlen vorüber sind. Kurz, man kommt zu dem Schluß, daß man ernsthaft an die Tributfrage erst etwa im Dezember herangehen könne.
Die Schwierigkeiten, die dadurch entstehen, daß die Bestimmungen des koover-Moratoriums am 1. Juli d. 3. ablaufen, glaubt man in Frankreich dadurch umgehen zu können, daß man dann bis zum Dezember einfach eine Verlängerung der Bestimmungen des Hoover-Moratoriums um ein halbes Jahr vorschlägt. Da diese Ansicht auch außerhalb Frankreichs geäußert worden ist, muß deutscherseits festgestellt werden, daß alle derartigen Pläne der tatsächlichen Lage Deutschlands nicht gerecht werden. Die Bestimmungen des Hoover-Moratoriums gewähren Deutschland tatsächlich nur einen sehr kurzfristigen Zahlungsaufschub und befreien Deutschland nur zum Teil von den Lasten des Zoung-Pla- nes. Insbesondere wird das Hoover-Moratorium auch der Tatsache nicht gerecht, daß Deutschland nicht zahlen kann. Es kann daher als sicher gelten, daß die deutsche Regierung jedem Vorschlag auf Verlängerung der Bestimmungen des Hoover-Moratoriums für Deutschland um ein halbes Jahr ablehnend gegenübersteht.
Versuche der französischen Regierung, durch dieses Mittel eine Verlängerung des Hoover-Moratoriums und eine Vertagung der Endlösung in Lausanne zu erreichen, würden daher von vornherein die Konferenz in Lausanne zum Scheitern verurteilen. Eine Verlängerung des Hoover-Moratoriums würde z. B. nicht verhindern können, daß eine weitere Verschärfung der Krise erfolgt. Es dürfte daher deutscherseits verlangt werden, daß die Gegenzeichner des Poung-Planes der gegenwärtigen Lage Rechnung tragen und die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands für alle politi chen Schulden anerkennen, nachdem längst alle volkswirtschaftlich einsichtigen Kreise der Welt zu dieser Erkenntnis gekommen sind.