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HersfelöerTageblatt

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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDZB.

Nr. 116

Freitag, den 20. Mai 1932

82. Jahrgang

Herriot in den Spuren TardieuS

Erst Sicherheit dann Abrüstung!" Keine Ausgabeunbestreitbarer Reparationsrechte Frankreichs"

Ergebnis der Woche

Es kriselt.

R. P. Es kriselt heutzutage überall in der Welt. Die politische Atmosphäre ist gleichsam mit elektrischer Hoch­spannung geladen, die da und dort bereits elektrische Fun­ken aussprüht, so daß man fürchten muß, einer dieser Funken könnte ein irgendwo stehendes Pulverfaß zur Entzündung bringen In Tokio erzwingt ein politischer Mord die Um­bildung des Kabinetts. In Frankreich dürfte der durch die Wahlen gekennzeichnete Volkswillen einen Kurswechsel min­destens in innerpolitischer Beziehung zur Folge haben. Die belgische Regierung mußte wegen ihrer unnachgiebigen Ein­stellung in der Sprachenfrage ihren Rücktritt nehmen. Und auch die österreichische Regierung, die durch die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes und Staa­tes bisher vergeblich bemüht war, auswärtige Hilfe zu er­langen. sah sich gezwungen, diese Aufgabe neuen Kräften zu überlassen. Besonders Hellhörige wollen wissen, daß es auch in Deutschland kriselt. Die Wahlen des 24. April müssen zwangsläufig zu einer Umgestaltung der betroffenen Regierungen führen. In Preußen trifft man gerade die ersten Vorbereitungen, um parlamentarisch-orga­nisatorisch die ersten Schlußfolgerungen zu ziehen. Ob man gleich auch die Neuwahl des Ministerpräsidenten in der am 24. Mai beginnenden ersten Tagungsperiode des neuen Landtages wird vornehmen können, hängt von Umständen ab, die erst in den Fraktionszimmern geklärt werden müssen Wahrscheinlicher ist. daß man nur zu einer kurzen Sitzung zur Bildung des Landtagbüros zusammentreten wird, bis durch die notwendigen Verhandlungen zwischen den N a t i o- nalsozialisten und dem Zentrum Klarheit über die Regierungsbildung geschaffen ist. Aber auch innerhalb der Reichsregierung stehen Veränderungen bevor, wie sie dMh.deu LücktrUX-® roemers al^.Reichswehrmini ster und Warmbolds als Reichswirtschaftsminister zwangs­läufig geworden sind. Vorerst befaßt sich das Reichskabinett mit Fragen rein sachlicher Natur, während man angeblich die personellen Fragen zurückgestellt hat. Aus der Unter­redung des Kanzlers mit dem General von Schleicher und Dr. Goerdeler sind aber im In- wie im Ausland Schluß­folgerungen gezogen worden, die nicht ganz unbeachtlich sind. Der zuerst in der deutschen Presse aufgetauchte Ver­dacht, daß die Reichswehr oder mindestens ihre leitenden Ge­nerale versuchen, Einfluß auf die Reichspolltik zu gewinnen ist jetzt besonders in der französischen Oeffentlichkeit aufge griffen worden, und zwar in einem Sinne, der, wie nicht an­ders zu erwarten ist, Deutschland nicht gerade wohl will

Eile tut not.

Von MacDonald stammt das Wort, daß die Staats­männer sich beeilen müßten, die Friedensverträge abzuändern, weil sie sonst nicht durch die Waffen des Gei­stes, sondern durch die Waffen der Gewalt geändert wür­den. Man kann nicht behauvten, daß man in Paris der gleichen Meinung wäre. Jedenfalls lasten alle nach den Maiwahlen von maßgeblicher Seite oekanntgewordenen Verlautbarungen nicht darauf schließen, daß man t eine Aenderung der Verträge einzuwilligen bereit wäre. Der wahrscheinliche Nachfolger Tardieu», Herriot, ist zwar mit seinen Aeußerungen jetzt außerordentlich vorsichtig und zurückhaltend. Trotzdem kann man aus einem von ihm in derEre nouvelle" veröffentlichten Artikel entnehmen, daß er sich in der A b r ü st u n g s f r a g e den Standpunkt Paul- Boncours zu eigen macht. Dieser unterscheidet sich von dem Tardieus nur darin, daß die Forderung nach einer Völker­bundarmee nicht zutage tritt. Im übriaen aber stellt er sich mit Paul-Boncour und Tardieu auf den gleichen Stand­punkt: erst Sicherheit, dann Abrüstung! Wir haben auch gerade in diesen Tagen ein greifbares Beispiel für die unabänderliche Haltung Frankreichs in der Behand­lung Deutschlands mit der Ablehnung des deutschen An­trages hinsichtlich eines Verbots der Luftwaffe erlebt Der von Frankreich vorgeschobene belgische Delegierte Brouckere lehnte die deutsche These von der in den Versailler Bestim­mungen verankerten Forderung auf völlige Abschaffung der Militärluftfahrt, ferner aber auch auf Gleichberechti­gung und Gleichstellung der Rüstungen ab. Der franzö­sische Delegierte unterstrich die Ausführungen Brouckeres und damit die Unüberbrückbarkeit der Gegensätze in sämt­lichen Abrüstungsfragen. Denn mit dieser französisch-bel­gischen Erklärung,die ourch das AbsMNmungsverhältnis von 22:7 noch eine besondere Unterstreichung zugunsten der Abrüstungsgegner fand, wird zum ersten Male ganz offen die Gleichberechtigungsforderung Deutschlands in schroffster Weise abgelehnt. Es ist eigentlich nicht zu erkennen, wie nach dieser Gestaltung einer grundsätzlichen Abrüstungsfrage die Abrüstungskonferenz noch zu einem ihrer Aufgabe ent­sprechenden Ergebnis kommen soll.

In Genf fährt man langsam.

Zu den Aufgaben des Völkerbundes gehört die Nachprü­fung undurchführbarer Vertragsbestimmungen. Bisher hat man jedoch niemals davon Gebrauch gemacht, weil eine solche Nachprüfung regelmäßig den Zielen der Schöpfer des Der- sailler Diktats entgegenlaufen müßte. Die D a n z i a e r Re- gelun g ebenso wie der Korridor, der einen Teil deutschen Lande» willkürlich vom Gesamtkörper des Reiches trennt,

sind längst als unhaltbar und gefahrdrohend für den Welt­frieden erkannt worden. Niemand aber von all den Ge­waltigen der europäischen Politik hat bisher den Mut auf- gebracht, sinngemäß den Bestimmungen des Völkerbunds­statuts zu entsprechen. Die zahlreichen Beschwerden, Klagen und Eingaben aus diesen willkürlich vom Reich getrennten Gebieten an den Völkerbund sind unerschütterliche Beweise für die Notwendigkeit einer Vertragsrevision. Polens ge­heimes Ziel ist es seit Jahr und Tag, Danzig ebenso wie seinerzeit Wilna dem polnischen Reich einzuverleiben. Eine offene Annexion hat man bisher vermieden. Um so mehr hat man aber Mittel und Mittelchen angewandt, um dem Danziger Freistaat und der Danziger Bevölkerung das Leben so schwer wie möglich zu machen. Bei der Schaffung des Danziger Freistaatgebietes in Versailles hat man der Danziger Bevölkerung versprochen, daß sie in ihrer wirt­schaftlichen Verbindung mit Polen einewirtschaftliche Blüte" erlangen würde, wie es im Verband des Deut­schen Reiches bisher nicht der Fall war. Der Danziger Se- natspräsident Dr. Ziehm konnte dem Völkerbundsrat in die­sen Tagen ein Bild der wirtschaftlichen Zerrüt­tung durch die Loslösung vom Reich und die wirtschaft­liche Anlehnung an Polen entwickeln, wie es dunkler und er­schütternder nicht sein konnte. Für den Völkerbund kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Polen mit wirtschaft­lichen Maßnahmen Danzig auf die Knie zwingen, d. h. es veranlassen will, sich Polen wirtschaftlich und politisch rest­los zu unterwerfen. Eine durch solche Sabotierung der Danziger Wirtschaft aufgeworfene Streitfrage fand letzt in Genf dadurch eine scheinbare Lösung, daß Polen einem Vor- schlag des englischen Unterstaatssekretärs Eden zustimmte, womit sich Polen einer Entscheidung des Danziger Völker- bundskommissars unterwirft. Polen hatte allen Grund, es auf eine eingehende Nachprüfung der strittigen Punkte nicht ankommen zu lasten. Im übrigen hat es einige Er­fahrungen darin, -fettte Ziele aucy gegen den Boltervund damit zu erreichen, daß es sich einem Völkerbundsbeschluß unterwirft umihndannnichtauszuführen. Es gewinnt damit Zeit, und der Zermürbungsprozeß erleidet keine Unterbrechung. In Genf fährt man halt langsam. . .

Frankreichs AbrWungssabotage

kein Verzicht auf schwere Angriffswaffen.

Genf, 20. Mai.

Die fortgesetzt von französischer Seite verbreiteten Ge­rüchte über die Vertagung der Abrüstungskonferenz bis zum November werden von deutscher Seite auf das ent­schiedenste als jeder Grundlage entbehrend bezeichnet. Die französische Regierung, die sich zweifellos auf der Abrü­stungskonferenz in einer schwierigen Lage befindet, sucht durch die Vertagung allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen. Dagegen wird auf deutscher, italienischer und eng­lischer Seite an der weiteren Durchführung der Konferenz­arbeiten unter allen Umständen festgehalten. Man rechnet damit, daß der Hauptausschuß in 14 Tagen zu den Berichten der technischen Ausschüsse über die Begriffsbestimmung der Angriffswaffen Stellung nehmen wird.

Da Frankreich auf direktem Wege eine Vertagung nicht zu erreichen vermag, läßt es nunmehr auch offiziell seine Maske fallen und erklären, daß es niemals auf schwere An- griffswaffen verzichten werde. 3m heeresausschuß der Ab­rüstungskonferenz gab am Donnerstag der französische Ge­neral Aubert die Erklärung ab, daß eine Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungswaffen überhaupt nicht möglich fei Das Verbot der Angriffswaffen fei zwecklos, da ein zum Angriff übergehender Staat sich niemals an irgendein Waffenverbot halten würde. Ferner würde das Verbot der Angriffswaffen lediglich diejenigen Staaten tref­fen, die heute über die schweren Angriffswaffen verfügten, nicht jedoch die Staaten ohne derartige militärische Mittel. Das verbot der Angriffswaffen würde vor allem die gegen­wärtig bestehenden SicherhÄksverhältniffe vollständig um- stoßen und einen Zustand vollständiger Ungewißheit schaf­fen. Die französische Regierung werde niemals einer der­artigen Regelung zustimmen.

Die Erklärung Auberts hat in allen Kreisen einen außerordentlich peinlichen Eindruck hervorgerufen. Eine Er­widerung von deutscher Seite wird in der nächsten Sitzung erwartet.

Schlechte Aussichten für die Abrüstung

London, 20. Mai

Der englische Vizeadmiral Drury Löwe, der von der Abrüstungskonferenz nach London zurückgekehrt ist, erklärt in derNews Chronicle" die Abrüstungskonferenz könne nur dann einen Erfolg haben, wenn die Staatsleute den Mut aufbringen würden, ihre Friedensbesprechungen in die Tat umzusetzen und den Frieden zu organisieren. Die Ent­scheidung darüber, welche Waffen Angriffswaffen seien, müsse von den Politikern getroffen werde/ 1919 habe man keine Schwierigkeit gehabt, Deutschland feiner Angriffs­waffen zu entblößen.

Herriot bei Lebrun

Entscheidung über außenpolitische Fragen verschoben.

Paris, 20. Mai.

Der Präsident der Republik hatte eine erste Unterredung mit Herriot. Obgleich über den Inhalt der Besprechung amt- licherseits nichts verlautbart wurde, nimmt man in politischen Kreisen an, daß der Staatspräsident sich weniger über die Zusammensetzung der kommenden Regierung als über die Ansichten Herriots im Zusammenhang mit der Genfer Ab­rüstungskonferenz und der bevorstehenden Lausanner Kon­ferenz unterrichten wollte. In der kommenden Woche wird der Präsident mit Herriot eine neue, vielleicht entscheidende Besprechung haben. Lebrun hat den Wunsch, angesichts der gegenwärtigen außenpolitischen Lage das Regierungsinter- regnum möglichst abzukürzen.

Am Sonntag, den 29. Mai, wird Herriot in Chalons- fur-Marne bei einem Bankett eine politische Rede halten.

Herriots Standpunkt in der Frage der Abrüstung und der Reparationen ergibt sich aus einem Artikel, der soeben in derEre Nouvelle" von ihm veröffentlicht wird.

Die Stellungnahme der bisherigen Regierung in der Abrüstungsfrage, erklärt er, sehe nur die traditionelle Linie, wie sie Frankreich seit 1929 befolge, fort. Sicherheit, Schieds­gerichtsverfahren und Abrüstung feien ein Dreiklang, der in den Augen der französischen Republik seinen vollen Wert be­halte.

Allerdings füge Paul-Boncour hinzu, daß man kalt­blütig sein und ohne Demagogie untersuchen müsse, welche Rüstungsherabsetzungen bei der gegenwärtigen Lage und bei dem gegenwärtigen Stand der' internationalen Garantien möglich seien, um zu einer ersten Abrüstungsetappe zu ge­langen und Deutschland damit den Borwand zur Wiederauf­rüstung zu nehmen. Wenn man, meint Herrlot, den gegenwär­tigen Zustand Deutschlands beobachte, wenn man wisse, welche Gefahr eine starke Uebertreibung nach der einen oder nach der anderen Seite mit sich bringen könne, so würden patriotische Pazifisten, wie Paul-Boncour und er, hierin die Schwierig­keit erkennen.

herriot unterschreibt auch den Standpunkt, den paul- Boncour in seiner letzten Rede zurReparationsfrage eingenommen hat. Paul-Voncvur habe zwei unanfechtbare Grundsätze aufgestellt: 1. Aufrechterhaltung des französischen Willens zur europäischen Solidarität, 2. des Willens, unan­tastbare Rechte Frankreichs nicht veräußern und auf keinen Fall eine Trennung zwischen Frankreichs Gläubigeransprü­

chen und seinen Schuldenzahlungen vornehmen zu lassen.

Starke Enttäuschung In England.

Der diplomatische Äorrefoonbent desDaily Herald" meldet, daß die von Herriot abgegebene Erklärung über Re­parationen und Sicherheit in diplomatischen Kreisen Lon­dons einen niederschlagenden Eindruck gemacht hätte. Wenn diese Aeußerungen wirklich die Ansichten der neuen fran­zösischen Regierung darstellten, so würde die Lausanner Kon­ferenz höchstens eine Verlängerung des Moratoriums um einige Monate bringen.

Die Folge werde fein, daß im Verlauf von weiteren zwei Monaten Deutschland zwangsläufig tinTransfermora- torium' für feine wirtschaftlichen Schuldenverpflichlun- gen erklären müsse. Das sei die größte Gefahr, die heute

Europa bedrohe.

Da seit Beginn des Hoover-Moratoriums nichts zur Ver­besserung der Lage geschehen sei, so nähere sich jetzt schnell die zweite große Krise, so daß die Sachverständi­gen die größten Befürchtungen für den Monat Juli hätten. Wenn es wahr sei, daß Herriot keiner Herabsetzung der deutschen Reparationszahlungen ohne eine entsprechende Herabsetzung der Kriegsschulden zustimmen wolle, so sei das eine viel schärfere Haltung, als sie Tardieu und Flandin eingenommen hätten.

Dadurch, daß Herriot ein vorheriges Zugeständnis von Amerika verlange, stelle er eine unmögliche Bedingung. Das wisse er auch ganz genau. Unter diesen Umständen müsse Lausanne zu einem Fehlschlag werden. Herriots Politik be­deute den Zusammenbruch Deutschlands.

Kammer lehnt Treueid ab

Dublin. Die Kammer hat in dritter Lesung mit 87 ge­gen 69 Stimmen den Gesetzentwurf über die Ab-schaffung des Treueides angenommen. Der Gesetzentwurf geht nunmehr an den Senat.

Meyer und Becker werden frei

kowno. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, steht die Niederschlagung des Verfahrens gegen den Reichsdeut- fdjen Becker und Schulrat Meyer kurz bevor, falls die weiteren Ermittlungen des Untersuchungsrichters keine be­lastenden Momente mehr ergeben, was man für unwahr­scheinlich hält. Die Freilassung Beckers und Meyers dürfte nach der Rückkehr des Untersuchungsrichters aus Kowno, die für heute oder morgen zu »vrvavtm tkt. ertolaen.