Das Reichskabinett berät
Berlin, 18. Mai.
Das Kabinett, daß am Freitag vor Pfingsten 3um letzten Male getagt hatte, trat Dienstag nachmittag wieder zusammen um die Aussprache über den Etat und die damit zusammenhängenden Fragen weiter fortzuführen.
Hierzu gehören vor allem: Arbeitslosenproblem. Entlastung der Gemeinden von der immer drückender werdenden Wohlfahrtsfürsorge, Arbeitsbeschaffung und Siedlungsfrage. Da alle diese Dinge Geld kosten, was aber bekanntlich nicht vorhanden ist, so hängen sie wesentlich von dem Schicksal der vielgenannten steuerfreien Prämienanleihe ab. Außerdem gibt es aber noch eine Reihe von politischen Sorgen.
Präsidentenwahl in Anhalt
Die Nationalsozialisten stellen den 1. Präsidenten.
Dessau, 18. Mai.
In der ersten Sitzung des neugewählten Anhaltischen Landtages am Dienstag wurde mit den Stimmen der Rechten, der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. Nicolai aus Dessau zum Präsidenten gewählt. Erster Vizepräsident wurde der bisherige sozialistische Präsident Paulig, zweiter Vizepräsident der Deutschnationale Dr. Kraatz. Auf der Tagesordnung der Sonnabendsitzung steht die Wahl des Staatsminister. Zuvor muß jedoch der nationalsozialistische Antrag beraten werden, der eine Aenderung der Verfassung dergestalt ermöglicht, daß künftighin in Anhalt mit einem Minister regiert werden kann.
Die denssche Flagge in Hobolen
Ein Zeichen deutsch-amerikanischer Aussöhnung.
• New York, 18. Mai.
An dem Ehrenaltar für die Toten des Weltkrieges in der St.-Paul-Episkopalkirche in Hoboken wurde in Gegenwart von Vertretern englischer, französischer, italienischer, belgischer und aller hiesigen deutschen Veteranenorganisationen die deutsche Flagge neben den Fahnen der alliierten Mächte angebracht.
Generalkonsul kiep, der dem amerikanischen Admiral Eonh die Flagge überreichle, wies darauf hin, daß diese Kundgebung das gleiche Ziel verfolge wie die vorjährige Verbrüderung der amerikanischen Legion mit den deutschen Veteranen in New Park, wobei eine Entschließung gegen die Behauptung von der deutschen Kriegsschuld und gegen die Kriegsverträge gefaßt worden war.
Die deutsche Flagge wurde von General James Har - b o r d, dem Stabschef der amerikanischen Truppen im Weltkriege, mit einer Ansprache entgegengenommen. Der General erklärte, es sei Zeit, die Dinge zu verges- i sen, die die traditionellen Bande zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten brachen, und sich stattdessen daran zu erinnern, wieviele gemeinsame Bande Amerikaner und Deutsche verknüpften.
Die deutsche Flagge wurde durch den Newarker Bischof Starley eingesegnet. Während der Feier kreuzte das Flugschiff „Do. X" über der Kirche.
Sein Aeltestenrat des Reichstags,
Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. mitteilt, haben sich auch Deutschnationale und Nationalsozialisten dem kommunistischen Ersuchen angeschlossen, den Reichstag bereits zum 19. Mai wieder einzuberufen. Präsident Löbe läßt hierzu erklären, daß es sich hier um die gleichen Parteien handele, die schon in der letzten Sitzung des Ältestenrats verlangt haben, daß das Reichstagsplenum früher als zum 6. Jun: einberufen werde. Da dieser Antrag vom Aeltestenrat abgelehnt wurde, bestehe einstweilen kein Anlaß, den Aeltesten- raj in der gleichen Frage wieder zusammenzurufen.
Rechtsanwalt Dr. Frank II hat gegen das Urteil des Berliner Schnellschöffengerichts, durch das die nationalfozia- Ilstlschen Abgeordneten Heines, Stegmann und Weitzel zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt worden sind, sofort Berufung eingelegt.
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Roman von Marlise Sonneborn
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle । Saale)
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Früh am nächsten Morgen begann von neuem die hastige Suche.
Man sah in jedem Gemach des Schlosses nach — auch in denen, die während Brigittes Aufenthalt nie geöffnet worden waren und die man auch jetzt verschlossen bot« fand. Man ging sogar auf den Boden und öffnete jede Truhe, die groß genug war, einen Menschen zu fassen.
Alles umsonst.
Merkwürdigerweise war niemandem die in der Bibliothek aus dem Boden liegende Leiter aufgefallen. Henry selbst hatte sie wieder an Ort und Stelle gesetzt, wobei er noch nicht einen Meter von der so schmerzlich Gesuchten entfernt war.
Man suchte nirgends weniger als in diesem übersichtlichen Raum. Aber selbst wenn man gesucht hätte, was hätte es genützt?
Spät am Abend dieses zweiten Suchtages meldete sich ein Auto vor dem Tor. Aufgeregt telephonierte der Hausmeister, der zu öffnen geeilt war, durch das Haustelephon: „Der Herr Herzog..."
Der Herr Herzog kam aber nicht allein. Jim war mit ihm — Ellen, der Graf Albert und die Kammerzofe der Duchesse.
, Man begrüßte sich — von fetten der Neuankommenden zuerst mit ehrlicher Freude — von feiten der anderen voll schlecht zu verhehlender Nervosität.
Der Herzog erbleichte, als er die Kunde vom Verschwinden Brigittes vernahm.
Dann aber lächelte er fein.
„Sollte nicht dennoch die junge Dame uns einen Streich gespielt haben? Einen lustigen Racheakt? Wenn sie nun in Hamburg ihren Vater suchte, wie ihr Vater sie hier?"
Recht für das Memelland Ueberweisung des „Falles Meyer" an das zuständige Gericht gefordert.
Kowno, 18. Mai.
Die memelländischen Mehrheitsparteien haben die Unterzeichnermächte ersucht, die litauische Regierung zu veranlassen, den Prozeß gegen Schulrat Meyer nicht vor dem Kriegsgericht, sondern vor dem allein zuständigen memelländischen Gericht und auf Grund der im Memelgeviet herrschenden Gesetze stattfinden zu lassen. Diesem Schritt der memelländischen Mehrheitsparteien sind Vorstellungen bei der litauischen Regierung und beim Staatspräsidenten vorangegangen, die aber zu keinem Ergebnis führten.
Für den Reichsdeutschen Beckers konnte bisher noch kein Verteidiger außer dem Offizialverteidiger gefunden werden, da die in Frage kommenden Rechtsanwälte aus Kowno die Uebernahme der Verteidigung indirekt insofern ablehnen, als sie unermeßliche Honorarforderungen stellen. So z. B. soll der bekannte Rechtsanwalt Sleshevitchius für die Verteidigung nicht weniger als 30 000 Llt (13 000 Mk.) verlangen.
Der neue Gouverneur des Memelgebiets
Kowno, 18. Mai. Wie die Telegraphen-Union erfährt, ist die Ernennung des bisherigen Generalkonsuls in Lon don, Gylys, zum neuen Gouverneur des Memelgebiels bereits erfolgt. Gylys ist in Kowno eingetroffen und dürfte schon in den nächsten Tagen sein Amt übernehmen.
Gylys ist in der Konsularkarriere tätig gewesen. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit des litauischen Staates war er Kanzleichef im Ministerkabinett, dann litauische, Vertreter für Finnland und Estland in Helsingfors, später Konsul in Königsberg und Kopenhagen. Nach längere: Tätigkeit im Außenministerium wurde er 1930 zum Generalkonsul in London ernannt. Er steht im 46. Lebensjahre Politisch ist er bisher noch nicht hervorgetreten. Seine Ernennung bedeutet, daß die litauische Regierung in Zukunft den Posten des Gouverneurs so besetzen will, daß der Sou> oerneur nur ganz abhängig von der Zentralregierung wirken kann.
Velterreichr Siliern! ~
„Europa muß sich vor Frankreich schützen."
Wien, 18. Mai.
Zu dem Hilferuf der österreichischen Regierung an den Völkerbund erklärte Bundeskanzler Dr. Buresch einem Berichterstatter des „Morgen" folgendes: Der Schritt der österreichischen Regierung beim Völkerbund darf keinerlei Anlaß ' zu irgendeiner Beunruhigung geben. Es handelt sich keineswegs um die Einstellung von Zahlungen. Es wird nur die Umwandlung der Schilling-Zahlungen, die früher ebenso er- , folgt sind, in ausländische Valuten voraussichtlich nicht stattfinden können.
Oesterreichs Hilferuf hat in der ganzen Welt, vor allem in England, allerstärksten Eindruck gemacht. So sagt „Mor- ning Post" u. a.: Ein Zusammenbruch in Oesterreich würde voraussichtlich eine neue Lawine des Pessimismus entfesseln und gefährliche Rückwirkungen auf das bereits schwankende Kreditsystem der Welt ausüben. Ist es nicht Zeit, sich auf einen Arbeitsplan zu einigen, bevor noch Schlimmeres ein- tritt? — Der Vertrag von Versailles, so schreibt „Manchester Guardian" u. a., stieß Oesterreich mirtschgM'ch «r -in-
c 4-ug< ute msher nur Durch eine internationale Anleihe nach der anbere. aufrechterhalten wurde. Das Blatt zweifelt nicht daran, daß der Völkerbundsrat wieder eine zeitweilige Hilfe bis zur Laufanner Konferenz für Oesterreich zustande bringen werde, schließt aber: „Nach Lausanne darf es keine zeitweiligen Hilfsmittel mehr geben."
3m Zusammenhang mit dem österreichischen Schritt beim Völkerbund übt „Daily Expreß" in einem Leitartikel scharfe Kritik an der französischen Politik in Europa und sagt, Frankreich und seine Verbündeten in Süwesieuropa seien verantwortlich für Oesterreichs schlimme Lage. England habe Frankreich den Luxus erlaubt, den Diktator von Europa zu spielen. Aber das könne nicht so weiter gehen. Europa müsse sich vor den Franzosen schützen.
Henry und Holm schüttelten die Köpfe.
„Das tut Brigitte nicht", sagte Henry.
„Das steht meiner Tochter nicht ähnlich", sagte Holm. „Sie würde längst hierher Nachricht gegeben haben."
„Hier im Schloß kann aber doch niemand verschwinden", warf die Herzogin ein.
Die Dienerschaft hatte eilends ein Diner serviert.
Man aß in Reisekleidern. Kaum, daß man noch an Wahlkämpfe und -Verluste dachte — aller Herzen, aller Interessen waren bei der Verschwundenen.
„Dies fluchtragende Medaillon", seufzte der Herzog, als man im Salon den starken und ermutigenden Kaffee trank.
„Es kann das echte nicht sein, Vater. Ich erinnere mich genau, daß das der Ahnfrau außer den Diamanten Saphire hat, Brigittes aber hat Rubinen."
Goyle zuckte die Achseln.
„Das weiß ich wohl. Aber von einer Nachbildung habe ich nie gehört. Indessen ist es möglich, daß man die Steine ersetzt hat ... andere als die ersten aus irgendeinem Grunde eingefügt."
„Es trägt auf der Rückseite die Jahreszahl Siebzehn- hundertundsieben."
„Das ist das Jahr, in dem sich unser Zweig von dem älteren löste — Untertan der englischen Königin wurde!"
„Was in aller Welt hat es für eine Bewandtnis mit diesem Medaillon und seiner Bedeutung für Ihren Prozeß?" fragte Holm.
„Das war ein Geheimnis, solange ich meine Ansprüche an die Arlessche Erbschaft aufrechterhielt. Aber ich bin fest entschlossen, zu verzichten. Es kommt doch nichts dabei heraus, und selbst wenn das Medaillon, wie ich allerdings glaube, das echte ist — es ist noch ein weiter Weg bis zur Gewinnung des Prozesses. Mich aber —", und der Herzog lächelte ein gutes Lächeln, „hat die letzte Zeit mit ihren Ereignissen vor mir selbst gewarnt. Ich werde noch in den nächsten Tagen entscheidende Schritte tun. Meine Rechtsanwälte freilich sind anderer Meinung ..."
Der japanische Ministerpräsident 3nufai, der am Pfingstsonntag einem Revolveranschlag durch faschistische Offiziere zum Opfer fiel.
Der Korridor neuer Kriegsherd
Vielsagendes Urteil einer englischen Studienreise.
London, 18. Mai.
Der Sonderkorrespondent des „Daily Expreß" in Dan- zig, G r e e n w a l l, beginnt soeben mit der Veröffentlichung einer Artikelreihe, in der er das Ergebnis einer Studienreise nach Danzig und dem polnischen Korridor beschreiben will.
Er sagt, er wolle sich auf Mitteilung von Tatsachen beschränken, aber er wolle von vornherein erklären, daß diese klaffende Wunde im Osten Deutschlands, durch die zweieinhalb Millionen Deutsche von ihrem Mutterlanbe abgeschnit- ten seien, eine dauernde Gefahr für den Frieden Europas bilde. 3n dem Korridor hätten die Urheber des Friedens- vertrages das Schlachtfeld für den nächsten europäischen Krieg geschaffen.
D-Zug Köln-Hamburg in Bremen entgleist.
Am Pfingstmontag entgleiste beim Schwachhausener Tunnel vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof Bremen der Köln- Hamburger D-Zug 97. Unser Bild zeigt den Personenwagen, der gegen das Brückengeländer geworfen ist. Der Personenwagen hinter diesem Wagen ist die Böschung hinabgestürzt,
„Sind v i e nicht zu sehr persönlich interessiert, um eine Meinung von Wert haben zu können?" fragte Holm, vorsichtig mahnend.
Der Herzog zuckte die Achseln.
„Es sind doch gebildete Menschen mit Verantwortungsgefühl — ich möchte nichts Schlechtes von ihnen annehmen."
„Mein Vater ist ein unverbesserlicher Opttmist", seufzte Henry Clifford.
„Und mein Sohn", lächelte gewinnend die schöne Duchesse, „hat diese liebenswürdigste Eigenschaft seines Vaters geerbt."
„Aber der Herzog wollte von dem Medaillon und seiner Bedeutung erzählen", warf Gras Albert ein.
„Sind wir in der Stimmung, zu lauschen?" fragte die Herzogin. „Obwohl auch ich wirklich begierig bin, von dem Phantom Näheres zu hören, dem mein Mann nach- jagt, solange ich ihn kenne. (Und das unsere Ehe zerstört hat, ehe sie begonnen, setzte sie in Gedanken hinzu.) Aber wir sind doch alle mit Herz und Gedanken bei der Verschwundenen."
„WaS können wir heute abend noch tun?" seufzte Holm.
„Und was — was morgen noch?"
„Ihr habt den Turm doch untersucht, Henry?"
„Den Turm? Gewiß, Vater. Soweit es da etwas zu untersuchen gibt. Aber es ist kein Zugang vorhanden. Weder von dem Boden aus, der über der Bibliothek liegt und vollgepfropft ist von allerlei seltsamem Unrat, den der letzte Besitzer nicht fortgeschafft hat — noch von unten irgendwo. Wir sind rings um die Mauern herumgegangen — der Hausmeister und ich. Nirgends die Spur von einem Eingang."
„Ja", sagte der Herzog, „ein gänzlich nutzloser Bau. Und noch nicht einmal schön. Vielleicht werde ich ihn abreißen lassen — späterhin. Wer den hat aufrichtcn lassen, muß weder praktischen Sinn noch guten Geschmack gehab: haben."
r^ortleduna fötal.)