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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Nr. 109
Mittwoch, den 11. Mai 1932
82. Jahrgang
Opposition im Angriff
Grohe Aussprache im Reichstag — Verteidigungsrede des Ministers Groener
Deutscher Reichstag
Der Angriff der Opposition
Berlin, 10. Mai.
Reichstagspräsident Löbe gibt bei Eröffnung der Sitzung am Dienstag ein Telegramm bekannt, in dem der Präsident der französischen Kammer dem Reichstag den Dank ausspricht für die Beileidsbekundung zum Tode von Doumer und Albert Thomas. Die erste Beratung des Schuldentilgungsgesetzes wird fortgesetzt.
Abg. Bang (Dn.)
nennt es eine leere Farce, wenn der Etat dem Reichstag vorgelegt wird, obwohl die Regierung schon jetzt die Absicht verkündet, im Falle seiner Nichtännahme den Etat durch Notverordnung in Kraft zu setzen.
Unter einem wirklich parlamentarischen Regime würde die Ablehnung des Etats zum Rücktritt der Regierung führen müssen, Deutschland werde aber schon seit Jahren durch Notverordnungen am laufenden Bande regiert.
Unter dieser Diktatur der Reichsbürokratie klingt jene Notverordnung verdammt modern, die im Jahre 1837 der reaktionäre preußische Minister von Rochow erließ und in der es hieß: „Dem Untertanen ziemt es nicht, an die Handlungen der Regierung den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen!" (Sehr gut! rechts.) Mit dem verfassungsrechtlich nicht haltbaren Selbstbewilligungsverfahren des Reichsfinanzministers für die Kredite fallen wir zurück in die Zeit der Willkür und Unordnung vorkonstitutioneller Zeiten. Wir verlangen Vorlegung einer Zusammenstellung über alle bisherigen Selbstbewilligungen. Wir fordern Aufklärung über die Verwendung von, 5Q0 000 Mark für Wahlzwecke. Der jetzige Anleche^ErMächtigüngsplan wird unter keinen Umständen den Zusammenbruch des Haushaltswesens aufhalten. Insgesamt sind im Rechnungsjahre 1931 trotz aller Steuererhöhungen und Neubelastun- gen fast eineinhalb Milliarden weniger aufgekommen als im Vorjahre. Man hat deshalb von der Anwendung letzter und verzweifelter Mittel nicht zurückgescheut. Wir leben finanzwirtschaftlich in und von Luftspiegelungen
Das System von heute ist gewogen und zu leicht befunden. Seine Uhr ist abgelaufen. Das ist der Sinn dieser letzten und schwersten Krise unseres Volkes. Es bleibt heute nur noch ein Wunsch: Daß der Zusammenbruch dieses Systems nicht den endgültigen Zusammenbruch unseres Volkes bedeuten möge. (Lebh. Beifall rechts.)
Abg. Baltrulch (Bollsv. R.-Bgg.)
stimmt dem Schuldentilgungsgesetz zu. Im Vordergrund stehe die Frage: Wie können wir unsere beschäftigungslosen Volksgenossen wieder zum produktiven Schaffen bringen?
Ohne Abschaffung der Tribute kann unsere Wirtschaft nicht wieder in Gang gebracht werden. Wir erwarten, daß in Lausanne das „Rein" des Reichskanzlers auf- recht erhalten wird.
Eine Autarkie kommt für Deutschland nickt in Frage, denn sie würde den Lebensstandard des deutschen Volkes noch tiefer herabdrücken. Ohne Wiederbelebung der Unterneh- mungslust kann der Arbeitsmarkt nicht belebt werden. Das kann aber nicht erreicht werden, wenn dauernd auf neue Wahlen hingesteuert wird. Für den freiwilligen Arbeitsdienst muß mehr getan werden.
Abg. Straffer (Rat -Soz.)
Seit 1930 hat sich trotz der inzwischen aufeinander folgenden gewaltigen nationalsozialistischen Wahlsiege an der Reichspolitik gar nichts geändert. Die Regierung führt nur den Kampf gegen uns, nicht aber den Kampf für das deutsche Volk. Das ist staatspolitisch um so gefährlicher, als doch jedem klar ist, daß ohne die Nationalsozialisten eine erfolgreiche Reichspolitik nicht geführt werben kann.
Die als Allheilmittel gepriesene Arbeitszeitverkürzung bedeutet ohne Lohnausgleich einen 16pro^ntigen Lohnabbau und den Ausgleich auf die Weise, daß alle verhungern.
(Sehr wahr! bei den Nat.-Soz.) Die sozialdemokratischen Gewerkschaften haben auf ihrem Kongreß einen viel vernünftigeren Standpunkt eingenommen als die Sozialdemokratische Partei. Ueber das Arbeitsbeschaffungsprogramm dieser Gewerkschaften läßt sich reden. Wir sind bereit, daran mitzuarbeiten und sehen in dem im Organ der „Freien Gewerkschaften" dafür entworfenen Finanzierun^plan viele Gedanken, die unsere Gedanken sind. Den Regie- rungsplan der Sparprämienanleihe lehnen wir ab. Unsere Partei legt ein besseres Arbeitsbeschaffungsprogramm vor. Das betrachtet als seine Grundlage nicht das Gold, sondern die beiden ewigen Werte, die es gibt, die Bodenschätze und die Arbeit.
Falsch ist der Satz: „Kapital schafft Arbeit!" Richtig muh es heißen: „Arbeit schafft Kapital!" Für Arbeitsbeschaffung gibt es immer Geld. Es ist dafür besser angelegt, als für die Sanierung von Banken ,
Wir werden Arbeit schaffen durch die Schaffung von Eigew Heim-Siedlungen. An dem Tag, an dem wir die Regie runa übernehmen, wird der erste Spatenstich dazu gemacht (Lebh. Beifall). Kapital, das zur Arbeitsbeschaffung ver wandt wird, kann niemals fehlgeleitet sein, denn mit diese: Arbeit wird neue Arbeit und neues Kapital geschaffen.
Zweieinhalb Millionen Hektar Land in Deutschland muh drainiert werden. hier zeigt sich reiche Arbeitsmög- lichkeit. Roch immer sind viele Millionen Hektar Moor und Oedland urbar zu machen, hier könnte die Arbeitsdienstpflicht sich bewähren.
(Laute Zwischenrufe der Kommunisten). Die Kommunister empören sich über die Arbeitsdienstpflicht, nicht weil sie sie brutal finden, sondern weil sie fürchten, daß die bami verbundene Erziehung zum deutschen Staat ihnen ihre Zev setzungspläne zerstört (lebh. Beifall b. d. Nat.-Soz.). Wenr der Staat erst durch die Arbeitsvergebung den Motor angekurbelt hat, dann wird er in zwei Jahren von selbs: weiterlaufen, denn Arbeit erzeugt neue Arbeit. Ein staatliches Roggenmonopol wird sich nicht vermeiden lassen wenn wir endlich das Lohnproblem lösen wollen. Die Kontrolle der Lebensmittelpreise und die Ausschaltung der Spekulation mit notwendigen Lebensmitteln ermöglicht es dem Staat erst, dem Lohn eine wertbeständige Grundlage zu geben. Wir wollen die Finanzierung des Arbeitspro- gramms durch eine eigens dafür bestimmte Wirtschaftsbank durchführen.
Wenn wir hier unser Programm vorlegen, so erkennen wir an, daß Brüning an alle diese Probleme mit dem besten Willen herangegangen ist, aber es war ihm un- möglich, seine Pläne durchzuführen, weil er seine ganze Kraft darauf verwenden muhte, die heterogenen Parteien zusammenzuhalten, mit denen er regiert.
Mit einer Vielheit von kleinen Parteien kann man in !*j**g*ig*t*eeBe|e^
(Beifall b. d. Nat.-SoZ. — Unruhe). Regieren kann man nur mit einer Volksbewegung, die ihrem Führer unbedingtes Vertrauen entgegenbringt. So haben wir gegen Sir alle unsere Bewegung aus dem Nichts aufgebaut. Zur Erfüllung unserer Pläne erhoffen wir die Hilfe des Herrgotts, das Urteil überlassen wir der Geschichte (lebh. Beifall b. d. Nat.-Soz.).
Abg. hepp (Landooll)
schließt sich dem nationalsozialistischen Vorredner in der Kritik der Wirtschaftspolitik der Regierung in vielen Punkten an. In Deutschland gebe es keinen Menschen, der eine Fortzahlung der Reparationen für möglich halte. Das Verbot der nationalsozialistischen Sturmabteilungen und Schutzstaffeln werde von der Landoolkpartei in keiner Weise gebilligt. Die Schutzmaßnahmen für den bäuerlichen Verede- lungsverkehr hätten leider den erhofften Erfolg nicht ge- habt. Das fei auf die unglückliche Zusammensetzung des Kabinetts zurückzuführen.
Damit ist die erste Aussprache des Schuldentilgungsgesetzes beendet. Die Nationalsozialisten beantragen Ueber- Weisung der Vorlage an den Haushaltsausschuß. Dieser Antrag wird im Hammelsprung mit 264 gegen 209 Stimmen der Nationalsozialisten, Kommunisten und Deutschnationalen abgelehnt.
In zweiter Beratung wird das Schuldentilgungsgesetz gegen die Stimmen der RationalsoziaNsten, Kommunisten und Deutschnationalen angenommen.
Paragraph 8, der die Ermächtigung zur Sparprämien- Anleihe für die Arbeitsbeschaffung enthält, wird im Hammelsprung mit 245 gegen 224 Stimmen angenommen. In diesem Falle hat auch die Deutsche Volkspartei mit der Opposition gestimmt. — Es folgt nun die allgemeine
politische Aussprache
mit der die Mihtrauensanträge und die Anträge gegen das Verbot der kommunistischen Gottlosen-Organisation und gegen die Aufhebung der nationalsozialistischen Sturmabteilungen und Schutzstaffeln verbunden sind.
Abg. Grabmann (Soz.) verliest zunächst aus der Zeitschrift „Diktatur" die Sätze, in denen v. d. Goltz ausspricht, daß die Nationalsozialisten im Falle eines feindlichen Ueberfalls auf Deutschland sich dem Abwehrkampf nicht anschließen würden, so lange noch das jetzige Regierungssystem besteht. Der Redner polemisiert dann gegen die Ausführungen des deutschnationalen Abg. Bang und weist darauf hin, daß die verarmte deutsche Wirtschaft heute noch immer zweieinhalbmal so viel Direktoren beschäftigt wie in der Vorkriegszeit. 100 000 Aufsichtsräte beziehen ein Viertel der Summe, die vier Millionen Arbeiter und Angestellten an Lohn und Gehalt erhalten. In der jetzigen Zeit der akuten Not kann die Hilfe nicht von dem heute vorgetragenen nationalsozialistischen Programm kommen, dessen Verwirklichung viele Jahre in Anspruch nehmen würde.
Wir empfehlen Arbeitsbeschaffung in erster Linie durch Verbesserung des Straßennetzes, durch Kleinwohnungs- bau und Instandsetzung der allen Häuser.
Abg. Böring <Na».°Soz.)
Das Kabinett Brüning, das sich als „Kabinett der Frontsoldaten" vorgestellt hat, ist tatsächlich ein Kabinett der Illusionen. Diesem Kabinett, das auf allen Gebieten versagt und alle Hoffnungen enttäuscht hat, sprechen wir in seiner Gesamtheit unser Mißtrauen aus. Es ist nicht möglich, an internationalen Verhandlungen mit Erfolg teilzu- nehmen, wenn im Innern nicht eine kräftige völkische Politik gemacht wird. Die bei diesen Verhandlungen erreichte Isolierung Frankreichs ist nicht ein Verdienst Brünings, sondern sie ist trotz und gegen das Kabinett Brüning herbeigeführt worden.
Im Falle Danzig warnen wir die Mächte, die es an- geht. Solange wir Nationalsozialisten da sind, wird Danzig nicht in polnische Hände fallen.
(Lebh. Beifall b. d. Nat.-Soz.) Das Verbot der SA. und SS. betrachten wir als die moralische Abrüstung des nationalen Freiheitswillens durch die Regierung (Beifall b. d. Nat.-Soz.). Diese Sturmabteilungen und Schutzstaffeln sind keine Privatarmee, sondern sie dienten ausschließlich dem Schutz unserer Partei gegen den Mordterror der Gegner (Beifall b. d. Nat.-Soz., Unruhe und Zwischenrufe links). Wenn das Material Severings erst gerichtlich geprüft ist wird die Beschuldigung des Landesverrats gegen unsere Organisationen in nichts zerflattern. Wir wollen doch die Ressortgrenzen achten, für Landesverrat sind Sie (zu den Soz.) zuständig!
Diese Aeußerung führt zu stürmischen Protestkundgebungen der Sozialdemokraten. Mehrere Sozialdemokraten rufen: „Dieser Lump will uns beschimpfen!"
Vizepräsident Esser ruft den Abg. Göring wegen seiner letzten Bemerkung zur Ordnung. Einige Sozialdemokraten rufen: „Das genügt nicht, der Lump muß raus!" ‘WJmrrmHm^SnneriM^^
Nationalsozialisten werden Deutschlands Grenzen schützen, aber sie werden vorher mit den Verrätern im Innern aufräumen (lebh. Beifall b. d. Nat.-Soz.).
Reichsinnenminister Groener erklärt u. a.: „Gegen die Bemerkung des Abg. Göring, das SA.-Verbot bedeute die moralische Abrüstung des deutschen Freiheitswillens, lege ich auf das ernsteste Verwahrung ein. Abg. Göring hat in außerordentlich warmer Weise die Vaterlandsliebe der SA. gerühmt. Es war aber für die Staatsautorität nicht erträglich, daß 40 000 tatbegierige junge Leute nur ihrem Parteiführer zur Verfügung stehen und nicht dem Staat. Ich kann hier nicht das Material vortragen, das uns in die Hände gefallen ist, aber einiges muß einmal gesagt werden zur Erläuterung der Worte, die Hitler in Lauenburg gesagt bat. (Die Abgg. Göring und Frank II machen erregte Zwischenrufe.)
hier steht schwarz auf weiß: „Kleine polnische Banden sind abzuwehren. Sobald ein Aufmarsch regulärer Truppen erfolgt, rückt die SA. in die befohlenen Bereitstellungsräume." Als Grund ist angegeben: „Wir wollen unserem Führer unbedingt die SA. zur Verfügung halten."
(Zuruf von den Nat.-Soz.: „Na Ihnen doch nicht etwa!" — Von links wird geantwortet: „Das ist das Bekenntnis des Landesverrats!")
Wenn unsere Grenzen bedroht werden, dann müssen wir von jedem Deutschen verlangen, daß er sich dem Reich zur Verfügung stellt, einschließlich der SA. und einschließlich Hitler.
Das Verbot der SA. war im Interesse der Staatsautorität notwendig. Die Forderung eines Verbots dass „Reichsbanners" konnte dagegen nicht begründet werden, denn die SA. sind gegen den Staat eingestellt, das „Reichsbanner" dagegen für den Staat. (Lärm und Lachen b. d. Nat.-Soz.) Minister Groener verliest hierauf seinen Brief an den Reichspräsidenten, in dem er die Gründe darlegt, aus denen nach seiner Meinung ein Verbot des „Reichsbanner" nicht in Frage komme. Wenn Abg. Göring nur für seine Partei die Vaterlandsliebe in Anspruch nimmt, so ist das eine unerhörte Anmaßung. Die Vaterlandsliebe hat in allen Parteien ihre Stätte und ich will dafür wirken, daß sie im ganzen deutschem Volke immer stärker wird. (Beifall b. d Mittelparteien. — Lärm und Gelächter b. d. Nat.-Soz.).
Sitzung aufgesiogen
Abg. S t r a ß e r (Nat.-Soz.): Ich beantrage, daß diese Groener-Rede durch Schallplatten in Deutschland verbreitet wird (Heiterkeit) und daß eine Pause eingelegt wird, damit das Reichskabinett darüber entscheidet, ob dieser Mann weiterhin die öffentliche Sicherheit und die Armee in Deutschland in Händen halten kann.
Vizepräsident Lsser weist den Abg. Straßer wegen seines Angriffs auf den Minister aus dem Saale. Die Na- tionalsozialisien protestieren lärmend gegen die Maßnahme des Vizepräsidenten. Straßer bleibt im Saale und seine Freunde bringen laute Heilrufe aus.
3n dem ungeheuren Lärm verläßt gegen 6 Uhr Vizepräsident Lsser seinen platz und unterbricht dadurch die Sitzung, .