Hersfelöer Tageblatt
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Nr. JOT
Montag. den g. Mai 1032
82. Jahrgang
Brünings Appell an das Weltgewissen
Für Gleichberechtigung und Tributende — Verantwortungsbewußtsein oder Katastrophenpolitik?
Serhängnisvolle Schliffe
Die Schüsse des russischen Phantasten Gorguloff auf den Präsidenten der französischen Republik haben ihr Ziel erreicht. Paul Säumer ist am Sonnabendmorgen seinen schweren Verletzungen erlegen. Tiefbestürzt stehen nicht nur die Franzosen an der Bahre des Opfers eines der ver- abscheuungswürdigsten Verbrechen, die in den letzten Jahrzehnten begangen worden sind. Das Attentat auf Doumer spielte sich in einem Milieu ab, das die verwerfliche Tat in einem besonders tragischen Lichte erscheinen läßt. Sie wurde nämlich in dem Raum verübt, in dem die Schriftsteller, die ehemals Frontsoldaten waren, ihre Werke zur Ausstellung bringen. Diese Ausstellung lag dem greisen Präsidenten besonders am Herzen, denn er hat im Kriege von seinen fünf Söhnen vier verloren. Alles, was mit diesem Verlust tatsächlich oder literarisch im Zusammenhang steht, übte auf ihn selbstverständlich einen ganz besonderen Eindruck aus. Und nun hat, als der alte Mann in Gedanken bei seinen Söhnen weilte, ein geistig kaum völlig normaler, heimat- entwurzelter Russe die mörderische Waffe gegen ihn gerichtet.
Dr. Brüning über Außenpolitik
Berlin, 9. Mai.
Die Wahnsinnstat Gorguloffs forderte ein Opfer, in der Tat keinesfalls eine Zielscheibe der Feindschaft und des Hasses irgendwelcher politischer Leidenschaften abgeben konnte. Doumer übte sein Amt seit dem Juni 1931, von dem Tage an aus, an dem der ihm im Tode vorangegangene Aristide Briand von der Höhe seines Ruhmes überraschend stürzte. Doumer besiegte Briand, der alte rechtsstehende Senatspräsident den Kandidaten der Linken, den politischen Führer Frankreichs. Die Wahl Doumers war zunächst auch in Frankreich vielfach auf Widerstand gestoßen. Allein der neue Präsident erwies sich sehr bald als musterhafter Führer. Stets stellte er feine persönliche
an die Bestimmungen der Verfassung. Doumer gewa sich darum überall starke Sympathien,
■, das
möglich. Wer will die Verantwortung für weiteres Zaudern tragen? Sieht man nicht, daß aus den Gräbern vernichteter Völkerhoffnungen dämonische Geister der Verneinung und Zerstörung entstehen? Wir können nicht mehr warten, weil die Völker nicht mehr warten wollen und nicht mehr warten werden! Richt Konferenzen tun uns not, sondern beschleunigte und ganze Tat!
„Ich bin," so sagte der Kanzler am Schluß seiner von stürmischer Zustimmung und lebhaftem Händeklatschen wiederholt unterbrochenen Rede, „Optimist im Glauben an die unabhängige Zukunft unseres Volkes und unseres Reichs! Aber dieser Glaube kann nur in Erfüllung gehen, wenn ein geeinter und gestählter Wille des gesamten Volkes sich der Erreichung dieses Zieles stark und opferbereit weiht."
Der Berliner Verband der Auswärtigen Presse veran- staltete am Sonntag eine politische Matine, in deren Mittelpunkt eine große außenpolitische Rede des Reichskanzlers Dr. Brüning stand, die auf den Rundfunk übertragen wurde.
Dr. Brüning begrüßte es, Gelegenheit zu haben, sich vor so zahlreichen und maßgebenden Vertretern der deutschen Presse über die Sorgen und Aufgaben der Gegenwart aussprechen zu können. Er verwies dann auf die Vorwürfe, die ihm gemacht wurden, daß er das eine Mal zu wenig, und dann aber wieder zu viel geredet habe. Der Kanzler kommt hierbei auf das Moment zu sprechen, das ihn veranlaßt habe, im Interesse der Wiederwahl Hindenburgs überall in Deutschland Reden zu halten: Die Wahl des Staatsoberhauptes, das nach dem Willen und dem Geist der Verfassung das statische Moment gegenüber der oft stürmischen und schwer berechenbaren Dynamik der parlamentarischen Machtfaktoren darstellt, ist gerade auch außenpolitisch eine Handlung von entscheidender Bedeutung. Alle unbefangen urteilenden kreise unseres Volkes müssen es in dieser schwierigsten und verantwortlichsten vhase der Rachkriegsentwicklung im Kulminationspunkt entscheidender Auseinandersetzungen außenpolitischer Art als Glück bezeichnen, daß uns im Reichspräsidenten der berufene Sachverwalter beschert worden ist. Gerade als Außenminister des Deutschen Reiches war es für den Kanzjer oberste Pflicht, für dieses Ziel öffentlich in den Wahlkampf einzugreifen. Die Wiederwahl Hindenburgs hat eine Epoche von Konflikten und inneren Awistigkeilen beendet. Jetzt heißt es, sich einhellig hinter seine verehrungs- würdige Person zu scharen, um der internationalen Autorität seiner Persönlichkeit bei den kommenden außenpolitischen Aktionen die moralische Stoßkraft hinzuzufügen, die der einige Wille eines großen Volks-? dem Oberh
sprechen zu können. Er verwies dann au1
fer erklärt dann,
An der Matine nahmen zahlreiche führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teil, darunter Reichsminister Schiele und die Staatssekretäre Pünder, von Bülow, Trendelenburg, Seuter, Zweigert und Geib, Generalleutnant Hasse und der Chef der Marineleitung, Admiral Raeder, von der Preußischen Staatsregierung die Minister Severing, Steiger, Schmidt, Grimme und Klepper. Das diplomatische Korps war fast vollzählig vertreten.
Verlängerung des NedisKontKredlts
Basel, 9. Mai.
In inoffiziellen Besprechungen zur Vorbereitung der heutigen Verwaltungsralssihung der BJA. haben die Leiter der verschiedenen Notenbanken, unter ihnen auch Reichsbank- präsident Dr. Luther, prinzipiell beschlossen, den am 4. Juni fälligen Rediskontkredit der Deutschen Reichsbank um weitere drei Monate zu verlängern.
Paul Doumer hat ein arbeitsreiches Leben hinter sich. Als Sohn eines Arbeiters in dem kleinen südfranzöfischen Städtchen Aurillac geboren, wuchs er in den bescheidensten Verhältnissen auf. Mit 14 Jahren wurde er Lehrling einer Medaillenfabrik. Der stark entwickelte Ehrgeiz trieb den jungen Arbeiter dazu, seine Schulstudien fortzusetzen, und schon mit 20 Jahren wurde er Grammatiklehrer an einem Gymnasium. Der Weg in die Presse führte ihn zur Politik. Zunächst Leiter einer kleinen Provinzzeitung und dann Verleger eines scharf linksgerichteten Blattes, wurde er schon, nachdem er Kabinettschef des Kammerpräsidenten geworden war, 1888 im die Kammer gewählt. Er wurde Finanzminister, Generalgouverneur von Jndochina, Kammerpräsident, Senator, Senatspräsident, nachdem er zuvor wiederholt Minister gewesen war und als Krönung seiner Laufbahn schließlich Präsident der Republik. Es waren weniger glänzende Geistesgaben als zähe Arbeit, die ihn den weiten Weg von der kleinen Arbeiterwohnung in den Präsidentenpalast führte. Die Kugeln Gorguloffs haben ein wertvolles Menschenleben vernichtet.
Die Frage, ob die Mordtat in Parts politische Rückwirkungen haben wird, läßt sich im Augenblick noch nicht beantworten. Wir kennen aus der Geschichte die verheerenden Auswirkungen politischer Anschläge. Aber es ist in diesem besonderen Falle kaum anzunehmen, daß man versuchen wird, irgend jemandem die Verantwortung für diese Wahnsinnstat aufzubürden. Freilich will es scheinen, als ob etwas wie ein Amoklaufen einzelner entwurzelter Russen anhebt, die durch Gewalttaten das auf ihnen liegende Schicksal zu wenden oersucken wollen. Der Anschlag auf Doumer ist offenbar eine solche Demonstration. Er weck! die Erinnerung an den Anschlag auf den deuffchen Botschaftsrat von Twardowski in Moskau, Beide Verbrechen weisen überraschend zahlreiche gleichartige Merkmale auf In beiden Fällen scheint das gleiche Motiv den Mördern die Waffe in die Hand gedrückt zu haben. Die beiden Bluttaten mahnen an die furchtbare Tragödie Rußlands, die mit den Schüssen von Serajewo eingeleitet wurde.
ner Präsidentenwahl zur Behandlung außenpolitischer Probleme nach Genf gerefft sei, da deren großzügige und beschleunigte Lösung im Interesse Deuffchlands wie der der ganzen Welt liegt. Dr. Brüning unterstreicht hierbei, daß es ihm nur dann möglich fei, für Deutschland das Beste Herauszu- holen, wenn ihm gleichzeitig der überzeugende Nachweis ge- lingt, daß Deutschlands Ziele mit den wohlverstandenen Interessen der Welt zusammenfallen. Das ist ja gerade das
»■w- «SÄ» Die französischen Stichwahlen
“ESÄ* 9. M.
Unglück des Versailler Vertrages und der ihm nachgemodelten anderen Friedensschlüsse, daß man geglaubt hat, daß einzelne Länder sich alles Gute und Wertvolle dieser Erde sichern, während dem Unterlegenen nur das Unglück überlassen bleiben könnte. Von einer solchen ehrlich unwahren, naturwidrigen Friede" Konzeption geht alles Verhängnis aus; sie hat sich in der Rachkriegszet als vollkommen irrig erwiesen. Sie wird auch, wenn keim Aenderung eintritt, die Welt immer tiefer in das entsetzlich« Elend hinabstoßen, das unter dem Namen „W i r t f ch a f t s k r i s e", „Arbeitslosigkeit" zur Geißel aller Kul turstaaten zu werden droht. Die größten Wirtschaftssachverständigen der Welt haben es von einer ihrer Konferenzen zui anderen wiederholt, daß zur Herstellung normaler Verhältnisse Vertrauen und wiederum Vertrauen notwendig ist Und wie soll sich Vertrauen, die erste unabweisbare Grundlage zum Wiederaufbau, zur Herbeiführung besserer Zustände entwickeln, wenn noch immer die aufreizende Ungleich heit zwischen den Siegern und Besiegten oesteht?
Der zweite Wahlgang am Sonntag, der im ganzen Lande ruhig verlief, brächte die Entscheidung über 359 Kammersitze. Die Wahlbeteiligung soll etwa der Wahlbeteiligung des ersten Wahlganges entsprochen haben.
Bisheriges Wahlergebnis:
Nach der von Havas 1 Uhr morgens veröffentlichten Wahl- statistik sind bisher 220 Sitze neu besetzt worden.
teilung auf die einzelnen Parteien ist folgende:
Rechtsstehende Marin-Waginot-Partei Linksrepublikaner Rechtsstehende Radikale
Die Ver-
0, Gewinn 0, Verlust 0
41,
22,
25,
Radikale Richtung Herrlok 46, Sozialrepublikaner
Sozialisten
Kommunisten
20, SS, 15,
9, 7, 7, 27,
9, 30, 10,
18
24
24
8
16
3
Am kommenden Donnerstag wird Frankreich seinen „guten Bürger" zur letzten Ruhe bestatten. Aber schon am Dienstag wird der Kongreß in Versailles zusammentreten, um den neuen Präsidenten zu wählen. So will es Frankreichs Verfassung. Es wird diesmal keinen großen Kampf zwischen den Senatoren und Deputierten um die Nachfolge geben. Traditionsgemäß soll der jetzige Senats- Präsident Albert Lebrun den verweisten Präsidentensitz ein- nehmen. Man hatte schon aus Anlaß der letzten Wahl von seiner Kandidatur gesprochen, die ganz besonders von den Freunden PoincarLs und des inzwischen gleichfalls storbenen Maginot unterstützt wurde, da auch Lebrun Lothringer ist
ver-
Lebrun gehört seit dem Januar 1920 dem Senat an. Er war schon verschiedene Male Minister und ist von Beruf Bergwerksingenieur. Politisch bekennt er sich zur Republikanischen Bereinigung, der Fraktion PoincarS-Millerand. Das alte Parlament muß die Wahl vornehmen. Unterdessen hat sich am Sonntag das französische Volk eine neue parlamentarische Vertretung gegeben.
AaF Lehen geht seinen Gang .. .-.^^.o»^-
Reichskanzler Dr. Brüning kam im weiteren Verlauf seiner außenpolitischen Rede, die er vor den auswärtigen Pressevertretern in Berlin hielt, auf die Ungleichheit zwischen Siegern und Besiegten zu sprechen, die in der Frage der Sicherung der Heimat Deuffchland in einen Zustand minderen Rechts setze. Hiergegen bäume sich ganz Deutschland auf, und hierin liege die Bedeutung der Ä b r ü st u n g, die nun seit Februar einer Lösung entgegengeführt werden soll Deuffchland verlange die Beseitigung des Zustandes, der es auf den Stand der Wehrlosigkeit Herabdrücke. Dar vor wenigen Tagen aufgetauchte Gerückt von einer bevorstehenden Besetzung D a n z i g s durch sie Polen sei zwar unbegründet, hätte aber in Deuffchland eine tiefe Erregung heroorgerufen, die einzig und allein auf diesen Zustand der Ungleichheit zurückzuführen sei.
Was von der Abrüstungsfrage gelte, gelte im gleichen Maße von den Reparationszahlungen. Es fei längst allgemeine Ueberzeugung geworden, daß Deuffchland die ihm auferlegten ungeheuren Zahlungen nicht leisten könne, daß diese Zahlungen darüber hinaus den ganzen bis ins Unerträgliche gesteigerten weltwirtschaftlichen Wirrwarr herbeigeführt hätten. Deuffchland habe für den verlorenen Krieg schwer bluten müssen. Einmal aber müsse auch diese Rechnung als beglichen anerkannt werden, wenn wirklich der Kriegals beendet erklärt werden solle!
Von dem Ergebnis der Lausanner Konferenz, so fuhr Brüning fort wird es abhängen, welchem Geschick die Well entgegengehen wird. Die Krise geht mit Gigantenschritten ihren Weg. Schwerste Opfer häufen sich von Tag zu Tag. Wollen die noch zögernden Staatsmänner aus Scheu, die volle, wenn auch harte Wahrheit zu sagen, warten, bis nichts mehr zu bekennen sei, als daß die Hilfe bereits zu spät komme? Ohne DeMchlsn- ist eine Sanferuna Europas nicht
In Paris hat der radikale Kandidat den intimsten Freund Tardieus, den bisherigen Abgeordneten Louis Puech, geschlagen. Der ehemalige Finanzminister Lamoureux, der Unterstaatssekretär bei der Ministerpräsidentschaft Eathala sind wiedergewählt worden, der ehemalige Handelsminffter George und Bonnefous und der bekannte Industrielle Fran- cois de Wendel. Der Chefredakteur der kommunistischen „Humanste", Gabriel Pöri, ist in Versailles gewählt worden. Unterlegen sind die Kommunisten Cachin und Marty. Der Unterstaatssekretär für Fremdenverkehr, Caston Gerard, der der Fraktion Tardieu angehörte, ist in Dijon von einem Sozialisten geschlagen worden, obwohl er Bürgermeister dieser Stadt ist.
In Mülhausen im Elsaß ist der ehemalige sozialistische Abgeordnete Gr u m b a ch dem linksrepublikanffchen Gegenkandidaten Wallach unterlegen. Es scheint, daß die Stellungnahme Grumbachs zur Autonomiebewegung die Anhänger des regionalen Systems veranlaßt hat, für Wallach zu stimmen. In Erstem und Gruebweiler find regionalistische Kandidaten gewählt worden. In Straßburg siegte ein Sozialist über feinen regionalistischen Gegenkandidaten.
Der Aubel rollt
Russischer Millionenkredit für die Türkei.
Moskau, 9. Mai.
Die Telegraphenagentur der Sowjetunion teilt mit: Die Sowjetregierung eröffnete der Türkei einen langfristigen Kredit in Höhe von acht Millionen Dollar, der der Türkei den Ankauf russischer Maschinen ermöglichen soll und von der Türkeit in Jahresraten in natura abgegolten werden wird.
tu na Europas n
Albert Thomas f
Paris. Der Leiter des Internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund in Genf, Albert Thomas, ist im Alter von 53 Jahren gestorben.
Albert Thomas, der von Beruf Oberlehrer war, trat früh in die sozialistische Bewegung ein. Er war gemäßigter Richtung und hat sich von Anfang an der Gewerkschaftsbewegung gewidmet.