HersMerTageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
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Nr. 94
Freitag, den 22. April 1932
82. Jahrgang
Die Entscheidung reift heran
Die maßgebenden Männer der Machte sind in Genf zu den endgültigen Besprechungen versammelt
Ergebnis der Woche
Deutsches Schicksal.
Die populären Geschichtsbücher erzählen uns von der germanischen Reichen der Goten, Vandalen, Langobarden u. a., die sie auf den Trümmern des römischen Reiches ge- gründet hatten, sie seien an innerem Hader zugrunde gegangen. Die jungen Germanenstämme hatten die Kraft, sich Reiche zu erobern, aber nicht die Kraft, das Eroberte sich zu erhalten. Nur eines dieser deutschen Volksschicksale ist mit der plastischen Kraft eines großen Dramatikers ge staltet worden, und zwar das Schicksal eines der glänzendsten Germanenreiche, des Gotenreiches auf der spanischer Halbinsel. Lope de Vega, der Schöpfer des großen spanischen Dramas hat diese hadernden Goten mit der höchster plastischen Kunst auf die Szene gestellt in seinem „Könix Wamba". Ergriffen erleben wir ein deutsches Schicksa! der Zwietracht, die ein ganzes Volk, das zum Höchsten erkoren war, in den Untergang treibt. Wie von den Großen des Reiches nach dem Tode des Königs jeder für sich Sror verlangt; wie sie sich dann einem göttlichen Spruch beugen und den aufrechten gotischen Bauern — das Symbol der Volkskraft — Wamba zu ihrem Herrn erwählen, mit ein Teil von ihnen den kaum Erwählten, den er erst umschmeichelte verrät und ihm einen Griechen als Gegen- fürsten entgegenstellt, wie nach dessen Niederlage und Hinrichtung der treu gebliebene Teil den König selbst ermordet, nur um die Herrschaft zu erlangen, und trotz der göttlichen Verkündigung, daß nunmehr das Reich zugrunde gehen werde und der Araber m Spanien herrschen werde, das alles ist so lebenswahr hingestellt, die tiefe Bedeutung jeder Handlung so treffend hervorgehoben, daß jeder Leser erschüttert in diesen Szenen das deutsche Schicksal erlebt Nur ^A^^il^M^Mte^M modernen Verhältnisse übertragen und jeder, fast jeder Vers enthält eine Sentenz für unseren gegenwärtigen Hader. Wir hadern um die Führung des Staates und Reiches, während die Außenmächte schon zum Schlage ausholen, um unsere Volksmacht ebenso auszulöschen, wie einst die der germanischen Teilstaaten ausgelöscht wurde. Wollen mir nicht endlich aus dem Schicksal der deutschen Stämme lernen? Wollen wir nicht endlich erkennen, daß unser innerer Hader uns eines Tages dem Untergang preisgeben muß? Wir sollten endlich soviel Vernunft aufbringen.
An Frankreich sollten wir lernen!
Wir sollten soviel Vernunft aufbringen, über die gewiß nicht zu unterschätzenden innerpolitischen Auseinandersetzungen nicht das ganz zu vergessen, was uns trotz allem zu- fammenkittet. Deutschlands Schicksal ist unser aller Schicksal Es zum Guten zu gestalten, ist unsere vornehmste Aufgabe Wir sollten unseren schadenfrohen außenpolitischen Widersachern unsere Zwietracht nicht gar so offen zeigen. Vortrefflich haben sie es noch immer verstanden, unsere Schwächen für ihre eigenen Zwecke auszuwerten. Nichts wäre ihnen erwünschter, als daß die politischen Auseinandersetzungen im Reiche auf die Spitze getrieben, gewaltsam zum Aus- trag gebracht würden. Dann würden sie das in Versailles vergeblich erstrebte Ziel endlich doch erreichen: das ohnmächtige Reich wäre ein Trümmerhaufen, aus dem sie sich das mühelos sichern könnten, was ihnen selbst das Frie- oensdiktat nicht beschert hat. Statt Befreiung Deutschlands wäre Vernichtung und endgültige Versklavung das Ende Lernen wir doch an Frankreich! Auch dort ist der Wahlkampf in vollem Gange. Mehr als in früheren Jahren spielt in den Auseinandersetzungen zwischen den Parteien das Problem Deutschland eine große Rolle. Sowohl die Werbe- plakate wie die Aufrufe und die Wahlreden der Kandidaten enthalten Hinweise auf die Entwicklung in Deutschland. Vor allem sind es die Kandidaten der nationalistischen Regierungsmehrheit, die auf die Wählermassen einzuwirken versuchen, indem sie mit grotesken Uebertreibungen das Gespenst des nahenden deutschen Revanchekrieges an die Wand malen. Der Name Hitler kommt in fast jeder Rede der Anhänger Tardieus mehrmals vor, ja, er wird sogar als Haupttrumpf gegen die Linke ausgespielt, um die patriotische Notwendigkeit zu begründen, jedes ernsthafte Entgegenkommen auf der Genfer Abrüstungskonferenz zu ver- weigern. Die Linke bemüht sich, dieser Stimmungsmache dadurch entgegenzutreten, daß sie auf den Wahlerfolg und den großen Stimmenvorsprung des Reichspräsidenten von Hindenburg hinweist. Darauf antwortet die Rechte, daß Hindenburg und Hitler im Grunde genommen ein und dasselbe seien, daß beide auf den Revanchekrieg hinarbeiteten und daß alle deutschen Parteien in dem Willen zur Zerreißung des Versailler Vertrages einig wären; nur daß die nationale Opposition in Deutschland es lauter verkünde und offener zugebe als das Zentrum und die Sozialdemokraten Die Pariser Presse hat einen Schwärm von Sonderberichterstattern nach Deutschland entsandt, die den besonderen Auftrag haben, an der Hand der preußischen Wahlergebnisse die „deutsche Gefahr" recht gruselig darzustellen. Da die Ratio- nalsozialisten im bisherigen Landtag, der 1928 gewählt wurde, nur 6 Vertreter zählten, kann man sich schon jetzt eine Vorstellung machen, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Demagogie ''ie französische Reaktion für ihre eigenen Wahl- Zwecke . sogenannten Vergleichssatz len nach dem 24. April
ausschlachten wird. Tardieu wußte schon, was er tat, als ei es so einrichtete, daß die französischen Wahlen erst nach der preußischen Wahlen anberaumt wurden.
Die Nerven behalten!
Und was tun wir in Deutschland? Die Landtage von Anhalt, Bayern, Hamburg, Preußen und Württemberg sollen am Sonntag gemeinsam erneuert werden. Die politischen Leidenschaften schlagen hohe Wellen. In solchen Zeiten wird es meist mit der Wahrheit weniger genau genommen als wie mit den Zwecken der besonderen Parteiwerbung. Das alte Sprichwort, daß niemals mehr gelogen würde als während eines Krieges und vor einer Wahl, scheint sich auch jetzt wieder zu bewahrheiten. Und doch sollte gerade die Auseinandersetzung über die Ziele und Erfolge der einzelnen Parteien oder Bewegungen von nüchternster Sachlichkeit und strengster Wahrheitsliebe getragen sein. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Wirkungen im Ausland. Man mag nun über du Zielsetzung und die Arbeit der einen oder anderen Regierung sehr kritischer Meinung sein und glauben, daß man selbst es viel besser machen könne, wenn man nur einmal „oie Macht" in Händen habe. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß die Regierungsarbeit sich nicht lediglich auf innerpolitische Angelegenheiten beschränkt. Ein Blick aus Preußen ist dabei besonders aufschlußreich. Von Preußen wurde der größte Anteil der Gebiete gefordert, die durch das Versailler Diktat dem Reiche entrissen wurden Dafür hat der preußische Staat Dom Reichsfistus feine besondere Entschädigung erhallen. Es darf auch nicht vergessen werden, daß durch die Abtrennung der großen Gebietsteile im Osten gerade Preußen belastet wurde mit dem Zu trom zahlloser vertriebener Beamten und Lehrer, die in dem verringerten Staatsgebiet beschäftigt werden mußten und dadurch naturgemäß sonst für den Nachwuchs frei werdende Stellen verstopften. Rechnet man hinzu, daß t>«uBen aucy rm «besten »en sauersten Lert an Der W der Besetzung durch feindliche Truppen viele Jahre hindurch tragen mußte, daß auch heute noch das zu Preußen gehörige Saargebiet mit feinen Kohlengruben vom Mutterlande abgetrennt ist, so wird man auch in der Erregung des Wahlkampfes über solche Tatsachen icht stillschweigend hinweggehen können. Wenn Preußen in den schweren Nach- kriegsjahren das Gerippe seiner wirtschaftlichen Selbständigkeit außerordentlich gefestigt hat, so kann man über solche Maßnahmen verschiedener Meinung sein. Mit der Schaffung der Preußischen Bergwerks- und Hütten A.-G. (Preußag) und der Elektrizitätswerke (Preag) hat es sich bestimmt zu einem der größten Wirtschaftsfaktoren der Gegenwart gemacht. Eine andere Frage ist es, ob aber diese Verstaatlichungen auf wirtschaftlichem Gebiete — auch die Preußenkasse wäre hier noch zu nennen — sich in normalen Zeiten als zweckmäßig und mit den eigentlichen Aufgaben des Staates vertretbar erweisen werden. Älbstoer- ständlich unterstehen alle Handlungen und Unterlassungen einer Regierung der öffentlichen Kritik. Besonders wenn es sich darum handelt, durch allgemeine Neuwahlen eine andere Zusammensetzung des Landtages und möglicherweise der Regierung selbst herbeizuführen, ist es das naturgegebene Recht des Wählers und jeder Wählergruppe, die gesamte Politik der verantwortlichen Regierung zu betrachten und zu durchleuchten. Wenn diese Kritik sachlich geübt wird, kann sie dem Staats- und Volksganzen nur förderlich sein. Denn in einem parlamentarisch regierten Lande muß immer vorausgesetzt werden, daß eines Tages Regierungen wechseln können und daß die neuen Männer dann gleichfalls Wert auf fachliche Kritik legen werden.
BerWepplmgstalM in Genf
Die französische Gruppe sabotiert.
Genf, 21. April
Im Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz wurde die Aussprache über den englischen und jugoslawischen Entschcke- ßungsentwurf zur Frage der sogenannten paritätischen Abrüstung fortgesetzt.
Der französische Delegierte Paul-Boncour hielt eine längere Rede, in der er nach anerkennenden Worten für die Ausführungen des englischen Außenministers erklärte, es erscheine der französischen Delegation nicht möglich, sich dem englischen Antrag anzuschließen. Der französische Vorschlag entspräche nicht der Sorge um die eigene Sicherheit, sondern solle der allgemeinen internationalen Sicherheit dienen. Die Frage des Verbots gewisser Waffen biete eine einzigartige Gelegenheit, der internationalen Gemeinschaft mehr Wacht zu geben. Dieses Ziel sei erstrebenswerter als die bloße Zer- störung von Material, auf das die Abschaffung schlechthin hinauslaufen würde.
Nach Paul-Boncour hielt der amerikanische Botschafter Gibson eine mit großem Beifall aufgenommene Rede, die die verschiedenen Bedenken der französischen Gruppe entkräftete und ihnen den Gedanken der praktischen Arbeit ge- gegenüberstellte.
Der weitere Verlauf der Debatte brächte der englischame- rikanischen Initiative insofern einen großen Erfolg, als fast sämtliche Redner sich vorbehaltlos für das Prinzip der Abschaffung der schweren Angriffswaffen aussprachen.
Ez zeigt? sich, daß der offenkundige und in der Rede
Paul-Boncours wieder zum Ausdruck gekommene Widerstand der französischen Delegation gegen diesen Vorschlag in der Debatte nur von einer kleinen Minderheit geteilt wird.
Zum Schluß schickte die französische Gruppe einen ihrer rhetorisch geschicktesten Vertreter, den rumänischen Delegierten Titulescu, vor, der von einer Entschließung über die qualitative Abrüstung verlangte, daß sie einerseits der künftigen Beschlußfassung über die Methoden nicht vorgreife, andererseits aber nicht nur in einem platonischen Wunsch bestehen dürfe.
Lilwinow, der außerhalb der Rednerreihe das Wort ergriff, nannte die Resolution eine Jrr-Resolution und sprach sich lebhaft für die englische Entschließung aus, die den Weg auch zur qualitativen Abrüstung, der Hauptaufgabe der Konferenz, freilasse.
Immerhin wurde das taktische Ziel der französischen Gruppe insofern erreicht, als die Aussprache nicht beendet werden konnte.
Brüning und McDonald
Kurz nach 11 Uhr erschien der deutsche Reichskanzler Dr. Brüning und nahm den Platz des ersten deutschen Delegierten ein. Er wurde von mehreren Delegierten und besonders herzlich von Sir John Simon begrüßt.' Unmittelbar darauf folgte der englische Premierminister MacDonald, der ebenfalls von einzelnen Delegierten herzlich empfangen wurde
Man bemerkte, daß MacDonald und Brüning, die sich hier in Genf zum ersten Male seit ihrem letzten Zusammentreffen in Berlin sahen, besonders herzliche Worte der Begrüßung austauschten.
MacDonald nahm dann bei Sir John Simon Platz, der gleich darauf veranlaßte, daß mit Rücksicht auf das Augenleiden des englischen Premiers die großen Fenster des Sitzungssaales abgeblendet wurden.
Deutliche Worte Stimsons
Amerika erwartet Erfolg der Genfer Besprechungen.
Genf. Die Besprechungen Stimsons mit Tardieu Haber sich ausschließlich auf die Abrüstungsfrage bezogen Stimson hat jeden Versuch, auch die Reparations- frage zu erörtern, von vornherein mit der Bemerkung ab- gelehnt, daß es sich hier um eine rein europäische Frage handle.
Stimson betonte, er sei nicht gekommen, um einen neue« Plan vorzulegen. Diese Erklärungen konnte die französischen Befürchtungen wegen einer neuen amerikanischen Offensive auf der Abrüstungskonferenz zerstreuen. Sie bedeutete aber auch, daß Stimson sich auf keinerlei Bindungen in der von Frankreich immer wieder vorgeschobenen Sicherheitsfrage einlassen wolle. Stimson erklärte, daß Amerika gewiß kein Hindernis für eine regionale Organisierung der Sicherheit auf dem europäischen Kontinent sein wolle, daß aber die traditionelle Politik Amerika keine Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Kontinentes zulaffe. Auf die bestimmte Frage Tardieus, wie sich
Amerika im Falle einer Völkerbundsaktion zugunsten eines angegriffenen Staates verhalten würde, erklärte Stimson, das hinge davon ab, welche Stellung die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten einnehme.
Wenn die Genfer Verhandlungen zu keinem positiven Ergebnis führten, so werde das in der amerikanischen Oef- lentlichkeit einen katastrophalen Eindruck machen; es werde dann sehr schwer sein, Amerika von der Ehrlichkeit und dem guten Willen der europäischen Staatsmänner zu überzeugen.
Diese offene Sprache Stimsons und vor allem die Publizität, die man hier ihr in amerikanischen Kreisen gibt, scheint darauf hinzudeuten, daß Amerika sich für den Fall eines Mißerfolges der Konferenz keine Zweifel darüber lassen wolle, wo die Verantwortlichkeit zu suchen sei.
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In Konferenzkreisen wird das Gerücht verbreitet, daß
Staatssekretär Stimson sich anschicke, einen vollständigen Abrüstungsplan auf der Abrüstungskonferenz einzubringen. Auf Grund eingeholter Auskünfte wird erklärt, daß es sich nur um eine allgemeine Studie handele, die dazu bestimmt fei, die Komiteearbett zu erleichtern. Natürlich lägen dieser Studie die von dem amerikanischen Delegierten Gibson in öffentlicher Sitzung dargelegten Gedankengänge zugrunde.
Die Besprechungen des Kanzlers
Genf. Reichskanzler Dr. Brüning hatte am Donnerstag nachmittag mit Tardieu eine einstündiger Besprechung über die aktuellen Fragen. An der für heute nachmit» tag vorgesehenen Fortsetzung der Besprechung wird auch Staatssekretär von Bülow teilnehmen. Vorher hatte der Reichskanzler den belgischen Außenminister Hymans empfangen. Mittags nahm Dr. Brüning an einem vom englischen Luftfahrtminrster, Lord Londonderry, gegebenen Frühstück teil, bei dem außerdem noch einige Führer der Delegationen der Abrüstungskonferenz, unter anderem Mac Donald und Tardieu, anwesend waren. Am Freitag vormittag wird d^r Hakler eine l^e^rechun^ mit MacDonald