Die Aktion gegen die Nationalsozialisten
Material an den Oberreichsanwalt weitergeleitet.
Berlin, 5. April.
Von zuständiger Stelle wird mitgeteitt, es hätten sich aus dem bei der Nationalsozialistischen Partei beschlagnahmten Material Anhaltepunkte dafür ergeben, daß hoch- und landesverräterische Handlungen (Verrat militärischer Ge- Heimnisse durch Führer der Nationalsozialistischen Partei) vorgenommen worden seien.
Der Polizeipräsident in Berlin hat das entsprechende Material dem Oberreichsanwalt übermittelt. Einzelheiten können wegen der gesetzlichen Bestimmungen über die Strafverfahren in Landesverratssachen (§ 11 des Gesetzes vom 3. 6. 1914) nicht mitgeteilt werden.
Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, werden die Räume der SA. und SS. im Parkeihaus des Gaues Berlin der RSDAP. bis auf weiteres geschloffen. Die Gaubüro- Räume bleiben von dieser Maßnahme unberührt.
Der Polizeipräsident hat dem Gau Berlin der NSDAP. eine Verfügung zugestellt, in der unter genauer Beschreibung der einzelnen Räume, die der SA. zur Verfügung stehen, angeordnet wird, daß diese Räume bis zum 5. April mittags 12 Uhr zu räumen sind. Falls der SA. nunmehr andere Räume zur Verfügung gestellt werden sollten, würde der Polizeipräsident das ganze Haus der SA. einschließlich aller Büroräume usw. schließen.
Wünsche -er Rentner
Vertreter des Rentnerbundes beim Reichspräsidenten.
Berlin, 5. April
Reichspräsident von Hindenburg empfing eine von dem Bundesvorsitzenden Generalmajor a. D. Vogel-Kassel geführte Abordnung des Deutschen Rentnerbundes, welche über die Notlage der deutschen Rentner berichtete und dein Reichspräsidenten die Wünsche des Rentnerbundes nach einer besonderen, von der allgemeinen Fürsorge unabhängigen Versorgung der notleidenden Rentner, dem Erlaß eines Rentnerversorgungsgesetzes und bis dahin Milderung der den Rentnerstand besonders belastenden Notverordnungen vortrug.
Der Reichspräsident gab seiner Teilnahme an der schwierigen Lage der deutschen Rentner und seinem Verständnis für die vorgetragenen Wünsche Ausdruck und erklärte, er werde im Benehmen mit der Reichsregierung die ihm vorgetragenen grundsätzlichen Forderungen des Deutschen Rentnerbundes zum Gegenstand einer erneuten Prüfung machen.
Ende der Diktatur in Südslawien Rücktritt der Regierung.
• Belgrad, 5. April.
Ministerpräsident General Ziwkowitsch hat dem König Alexander auf Schloß Dedinjew bei Belgrad den Gesamtrück- tritt der Regierung unterbreitet. Der König hat den Rücktritt angenommen. ■„ .*.. erklärte General Ziwkowitsch, daß er sich aus dem politischen Leben zurückziehe. Er habe am 26. Januar 1928 in einem Augenblick höchster Gefahr für den Staat als neutrale Persönlichkeit die Regierung und damit die Pflicht übernommen, die Verhältnisse in Südslawien wieder zu normalisieren. Er glaube, daß er seine Pflicht erfüllt habe und trete daher von der Regierung zurück.
Die Rachricht von der Aufgabe der Militärdiktatur rief ungeheures Aufsehen hervor. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß der Minister des Aeußeren, Marinkowilsch, das neue Kabinett bilden wird. ^^»^
Memelsrage soll vor den Haag
Kowno. 5. April.
Räch einer amtlich nicht bestätigten Verlautbarung haben die Anterzeichnermächte die litauische Regierung davon verständigt, daß die ganze Memel-Angelegenheit einschließlich des Falles Böttcher infotae der Nichtbeachtung der
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Roman von Marlise Sonneborn
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle Saale)
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Vor allem aber galt es, die „Formfehler" zu reparieren.
So kam es, daß sich, wenige Stunden später, als er in Bormes eingetroffen, der „Duke of Goyle" bei Brigitte melden ließ.
„Ich bin nicht in der Lage, den Herrn zu empfangen, da ich ohne Kleidung bin", wies das junge Mädchen Frau Jules an. „Sagen Sie das dem Herrn. Bitten Sie ihn, unverzüglich die Polizei zu benachrichtigen und die beiden Schurken verhaften zu lassen."
Diese Nachricht bewies dem Duke, daß die junge Dame zwar nicht, wie er halbwegs gefürchtet, seelisch gebrochen — andererseits aber auch nicht gewillt sei, Fünf grade sein zu lassen.
Sein langes und schmales Gesicht wurde noch länger und schmaler. Es entging Frau Jules nicht, daß er erblaßte.
„Befindet sich ein einschlägiges Geschäft hier am Ort?"
„Hier? — Du liebe Zeit! Kaum einen anständigen Unterrock kann man hier bekommen."
Die Ratlosigkeit des unzweifelhaft reichen Herrn erkennend, fügte sie hinzu: „Ich könnte der Dame mit ein paar Stücken aushelfen. Aber die Herren, die sie her- brachten, haben es verboten."
„Die Leute", gestand der zerstreute Duke verräterisch, „sind von mir abhängig! Meine Befehle löschen die ihren! Kleiden Sie die Dame ein!*
Eine halbe Stunde später empfing Brigitte, in dem abgelegten Kleid der Pariser Schwiegertochter Madame Jules', das ihr, der groß und kräftig gewachsenen Hansea- tin, überall zu eng und zu kurz war, den Duke in ihrem ärmlichen Zimmer, y
bei dem letzten' gemeinsamen Schrift der Machte vorgehrach- ten Warnungen jetzt vor den Haager Gerichtshof gebracht werden würde.
Die litauische Presse hat sich bereits mit dieser Möglichkeit abgefunden und versucht nun, die Angelegenheit vor der Oeffentlichkeit so hinzustellen, als ob Litauen selbst die Initiative für eine Behandlung der Memelfrage vor dem Haager Gerichtshof ergreifen werde. In Wahrheit dürften innerhalb der litauischen Regierung aber noch Berhandlun- gen darüber geführt werden, ob die Angelegenheit in Verfolg der deutschen Beschwerde in Genf vor den Haager Gerichtshof gebracht werden oder ob sich Litauen mit den Unterzeichnermächten gemeinsam, gleichsam aus eigener Initiative heraus, an den Haag wenden soll.
Protest der Mehrheitsparteien
Die Mehrheitsparteien des aufgelösten Memelländifchen Landtages haben in einer dem Staatspräsidenten unterbreiteten Eingabe Protest gegen die vom Direktorium Si- maitis getroffen Maßnahmen, insbesondere gegen die Masseneinbürgerung von Großlitauern, die Unterdrückung des deutschen Schulwesens und die Beschränkung der Wahlfreiheit durch die zum größten Teil aus Litauern zusammengesetzten Wahlkommissionen erhoben. Wie verlautet, werden sich die memelländifchen Mehrheitsparteien, sofern ihr Einspruch nicht berücksichtigt wird, mit einer neuen Klage an den Völkerbund wenden.
MichspräfiäenKnwahl
Streiter Mahlgang.
Paul von Hinckenburg
Reichspräsident, Generalfeldmarschall, Berlin
Adolf Hitler Regierungsrat im braunschweigischen Staatsdienst, München
Ernst Thälmann
Transportarbeiter, Hamburg
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Neue Bölkerbundsanleihe liir Oesterreich
100 Millionen Schilling auf 3 bis 5 Jahre.
Wien, 5. April.
Wie von unterrichteter Seile verlautet, hat das Finanz, komitee des Völkerbundes sich eingehend mit der wirtschaftlichen und finanziellen Lage in Oesterreich befaßt und dem Völkerbundsrat empfohlen, für Oesterreich eine Anleihe im Betrage von 100 Millionen Schilling zu bewilligen.
Die Anleihe soll eine Laufzeit von drei bis fünf Jahren haben und wähvM^dieser Zeit in eine langfristige um- gewandelt werden.
Der Krieg in der Mandschurei Unruhen im Rordosten Koreas.
Mukden, 5. April.
Nach erbitterten Kämpfen ist es den japanischen Truppen gelungen, die chinesischen Freischärler, die die Stadt Runang besetzt hielten, in die Flucht zu schlagen. Die Japaner halten die Stadt umzingelt. Beide Seiten haben sehr starke Verluste zu verzeichnen.
An der nordöstlichen Grenze von Korea, wo chinesisches, japanisches und russisches Gebiet Zusammenstößen, sind schwere Unruhen ausgebrochen. Chinesische Truppen, Frei- schärler und kommunistische Organisationen haben sich zusammengetan, um den Un ' zfeldzug gegen den mandschurischen Freistaat zu unk rn. Die koreanischen Bauern in diesem Gebiet sind in 'zer Gefahr.
Frau Jules hatte für den Empfang ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellen wollen.
„Der Duke soll sehen, wie man mich behandelt hat", entschied Brigitte, ahnungslos, daß sie ihrem „Feinde" gegenübertreten sollte. Sie hielt ihn für einen Abgesandten Windermeres, die ihren Aufenthalt entdeckt hätten.
Goyle — im ersten Augenblick! — bemerkte nur einsr die dürftige Umgebung, das ausgediente Kleidchen. Sein böses Gewissen regte sich heftiger.
Brigitte sah einen würdigen alten Herrn, dessen Titel sie einen vollkommenen Gentleman erwarten ließ. Und so sagte sie ehrlich empört:
„Mylord, Sie sehen, wie man mich behandelt hat."
Und er, die Hand aufs Herz legend:
„Meine Dame, seien Sie versichert, daß meine Agenten ihre Befugnisse überschritten haben!"
„Ihre Agenten?"
Und das ehrwürdige Gegenüber verneigte sich:
„Die Beauftragten des Herzogs von Arles."
„Des Herzogs von Arles?"
„Ich vertrete die Interessen des Herzogs."
„So sind Sie...?"
„Sie dürfen darauf vertrauen, daß wir uns sehr bald geeinigt haben werden. Sie überlassen mir das Medaillon gegen einen Preis, den Sie nur zu nennen brauchen -— und ich führe Sie Ihren Verwandten wieder zu."
„Was geht Sie das Medaillon an?" riiWi
„Es gehört in meine Familie."
„Unmöglich! Niemals hat meine Verwandtschaft sich nach England oder gar Frankreich erstreckt! Wie sollte ein Gegenstand aus dem Besitz Ihrer Familie in die meine kommen?"
„Aber das Wappen?!"
„Irgendeine wunderliche, alte Gravierung ohne Sinn."
„Einerlei — ich muß es haben!"
„Sie werden es niemals bekommen! Außerdem habe ich es nicht mehr unter meinen Effekten. Ich rate Ihnen, lgssen Sie mich sofort nach Nizza, zur Lady Windermere,
Prozeß gegen den Attentöter Stern
Moskau, 5. April.
Vor dem Obersten Gerichtshof begann der Prozeß gegen die Attentäter Stern und Waffiljew, die einen Anschlag auf den deutschen Botschafter von Dirkfen planten, diesen aber verkannten und den deutschen Botschaftsrat von Twar- dowski verwundeten. •
Die Überraschung des ersten Verhandlungstages be-' stand darin, daß sich Widersprüche in den Angaben der beiden Angeklagten herausstellten. Während der Angeklagte Wassiljew alle Ausführungen der Anklageschrift über Zusammenhänge des Angeklagten Stern und der Terroristengruppe Wassiljews sowie eine Verbindung dieser Terroristengruppe mit polnischen Agenten zugibt, erklärte der Hauptangeklagte Stern, das Attentat sei seine persönliche Tat gewesen, und er habe aus keiner Verabredung heraus gehandelt und keinerlei Hilfe gehabt.
Die Anklageschrift stellt die Tat als das Ergebnis einer Verschwörung der Terroristengruppe dar, die in engem Zusammenhänge mit polnischen Bürgern stand. Mit Ausnahme der bis zum Jahre 1928 zurückreichenden Anfänge dieser Zusammenhänge und mit Ausnahme der Protokolle über ein Verfahren gegen die Polin Ljubarskaia, die wegen des Atten- tales gegen einen höheren Sowjetveamten seinerzeit er- schossen worden ist, wurden aus der Anklageschrift alle Stellen fortgelassen, die die Beziehungen zum Auslande betreffen. Das Gericht beschloß, diesen ganzen Fragenkomplex unter Ausschluß der Oeffentlichkeit zu verhandeln.
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Die Hintergründe des Moskauer Attentats sind bis jetzt noch ziemlich dunkel. Zwar machen die beiden Angeklagten Stern und Wassiljew aus ihrer gegenrevolutionären Einstellung kein Hehl und geben offen zu, daß sie durch die Ermordung des deutschen Botschafters — Twardowski wurde nur irrtümlich das Opfer der Attentäter — ein Eingreifen der europäischen Mächte in Rußland und im Zusammenhang damit den Sturz der Sowjetregierung herbeiführen wollten. Ueber ihre Anstifter jedoch hüllen sich die Angeklagten in Schweigen. Stern gibt an, außer Wassiljew kein anderes Mitglied der antisowjetistischen Organisation zu kennen. Der Mitangeklagte Wassiljew selbst verweigert bisher jede Aussage. Nach der Anklageschrift soll Wassiljew das mißglückte Unternehmen im Auftrage von im Auslande lebenden russischen Weißgardisten inszeniert haben. Und zwar glaubt die Moskauer Staatsanwaltschaft, daß es sich bei den Verschwörern um die gleichen Kreise handelt, die vor vier Jahren einen höheren Offizier der Roten Armee erschossen haben. Damals wurden als mutmaßliche Täter u. a. eine- Frau namens Ljubarskaja und ihr Verwandter Leo Ljubarskaja von der GPU erschossen. Ein Verwandter dieser beiden ist 1920 nach Polen ausgewandert, wurde dort Beamter im Finanzministerium und soll nach den Behauptungen der Staatsanwaltschaft der eigentliche Anstifter des neuen Attentat sein.
Brennende Litfaßsäulen
Ausschreitungen im Wahlkampf.
Berlin. Im Norden Berlins wurden Montag abend drei Litfaßsäulen in Brand gesteckt, die vermutlich vorbep
Sie bräunten lichterksh-ch^ unter, noch ehe die Feuerwehr sie ablöschen konnte. Man vermutet, daß Kommunisten den Brand angelegt haben, da die drei Säulen große Hitler-Werbeplakate trugen.
Außer den bereits gemeldeten Brandstiftungen von Litfaßsäulen sind im Laufe der Nacht noch an sieben weiteren Stellen Berlins Plakatsäulen in Brand gesteckt worden. Insgesamt sind also nach den bis jetzt vorliegenden Meldungen zehn Berliner Litfaßsäulen einer etwas sonderbaren Auffassung von der Strategie eines Wahlkampfes zum Opfer gefallen.
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In der neunten Abendstunde riefen Nationalsozialisten von einer Straßenbahn in Wilmersdorf beim Vorbeifahren an den Tennishallen, in denen Polizeipräsident Grzesin - s k i auf einer Kundgebung der Eisernen Front sprach „Deutschland erwache!" usw. Die Polizei hielt sofort die Straßenbahn an und nahm etwa 40 Nationalsozialisten fest
bringen — ohne Bedingungen und Verzögerungen. Sie verschlimmern Ihre Lage durch jede Stunde, die Sie mich in dieser unwürdigen Umgebung lassen!"
„Und wenn ich Sie freiließe?"
„Mein erster Gang wäre zur Polizei!"
„Sie werden mit sich reden lassen."
„Nein!"
„Sie werden einsehen..."
„Ich sehe bereits ein, daß man abscheulich mit mir umgeht! Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein alter, würdiger Herr — wie Sie — zu sein schienen, als Sie hier eintraten, sich mit einer Bande von solchen Gewalttätern, wie diese Burschen, die mich hierher verschleppt haben, zusammentun würde."
„Ich brauche das Medaillon."
„Der Lord Windermere wird mich zu rächen wissen."
„Das wird er gewiß", nickte der Lord philosophisch. „Aber nun ich mir diese abscheuliche Angelegenheit einmal eingebrockt habe, soll sie mir wenigstens auch einen Gewinn bringen."
„Das Medaillon?"
„Eben das..."
„Ich begreife nicht, was Sie an diesem harmlosen Schmuckstück haben; ich versichere Ihnen aber: auf diesem Wege erlangen Sie es nie. Und überhaupt — nachdem man mich ... oh, es ist abscheulich ..." Die Empörung rötete Brigittes Wangen und leuchtete aus ihren großen grauen Augen wie eine Flamme zu ihm herüber. „Windermeres — mein Vater — alle unsere Bekannten in Hamburg — wie werden sie sich ängstigen!" Sie sprachen englisch miteinander. Goyle wußte kaum ein Wort deutsch. Doch er kannte Hamburg, wo er zuweilen gewesen war, besonders vor dem Kriege.
„Wir werden nach Hamburg telegraphieren."
„Und an Windermeres. Wie heißt überhaupt der Ort, an dem ich bin?"
„Oooh! Machen Sie sich nichts daraus, den Namen nicht zu kennen — es ist ein ganz gleichgültiger und unbedeutender Ort an der SiM." (Fortsetzung folgt.) ,