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Die Perlen des Gottes Gchiwa.

Roman von F- Fuchs-Lienau

Schluß

Sie yov den Vorhang, um «inzutreten, und blieb wie angewurzelt stehen.

Berta sprach mit einem Inder, der bei dem Geräusch ihres Eintrittes verschwand.

War das nicht Abu Mogul?" fragte sie.

Nein," sagte Berta,es war Kasmo, der faule Schlingel lag hier und schlief."

Will drohte ihr mit dem Finger.

Berta, du flunkerst; Kasmo ist bet meinem Mann als Wache."

Dann war es Jupogi. Die braunen Teufel sehen ja alle egal aus. Doch dieser Faulpelz hat seine Bestellung nicht ausgerichtet. Dein Großvater läßt dir nämlich sagen, er habe am Meer für dich und deinen Mann ein Bungalow bauen lassen, und du möchtest während der heißen Zeit davon Gebrauch machen."

Unwillkürlich faltete Lilli die Hände. Gottlob, sie konnte fort unä fand dann ihre Ruhe wieder.

Auch Knut freute sich über die Abwechslung, und in kurzer Zeit war der Umzug bewerkstelligt. Dankbar emp­fand er die Fürsorge seines Weibes. Er streichelte ihr die Hand, und seine Stimme war rauh vor Erregung.

Will, sannst du je verzeihen, was ich dir tat?"

Sie deckte die flehend zu ihr erhobenen Augen mit der Hand und sagte leise:

Bleibe ruhig, Knut, und sorge dich nicht, es wird noch alles gut."

Sie trat an ein Fenster, und beinahe wäre ihr ein lauter Schrei des Entzückens entfahren. Vor ihr lag das Meer, sich schuppend unter einer schwachen Brise. Nur ein Stückchen Garten trennte sie von der weiten Wasser­fläche da draußen.

Sie blickte zu ihrem Mann hin. Er schien zu schlafen. Sie schlüpfte aus dem Zimmer und eilte in den Garten.

Wie schön war es hier. Duftende Blumen ringsum, und schattige Ecken und Nischen luden- zur Ruhe ein. Und dicht vor ihr lag das Meer.

Lange Zeit saß sie auf einem der Felsblöcke, die verstreut am Strande lagen, und ließ das Wasser durch ihre Finger gleiten.

So still war es um sie her. . . so märchenstill. Hier ließ sich träumen.

Lächelnd wandte sie den Kopf, als sich ein Schritt näherte.

Eine brennende Röte ergoß sich in ihr Gesicht. Der, an den sie gedacht hatte, kam langsam näher.

Ihr Herz klopfte in schweren Schlägen, doch tapfer bezwäng sie die Erregung und fragte:

Ist es nicht herrlich hier?"

Gefällt Ihnen dieses Plätzchen?"

Sie nickte eifrig.

Ich dachte es mir," sagte Fürst Amiran,deshalb schlug ich Ihrem Großvater vor, hier für Sie eine Woh­nung herrichten zu lassen."

So habe ich Ihnen auch zu danken," sagte Lilli- lächelnd und reichte ihm die Hand.

Da hallte ein Ruf, wutdurchbebt und voller Zorn:

Lilli!"

Hastig sprang die also Gerufene auf. Mit schreckens- starren Augen sah sie den Fürsten an und stammelte:

Was war das . . .?"

Da Hang noch einmal der Ruf, gellend, wie ein Schrei:

Lilli!"

Wie gehetzt rannte sie dem Hause zu und stürzte in das Zimmer ihres Gatten.

Angewurzelt blieb sie in der Tür stehen. Am Fenster stand, sich anklammernd, Knut und blickte sie mit haß­erfüllten Augen an.

Er hatte nicht geschlafen, als feine Frau ihn verließ. Er mußte ergründen, was sie trieb.

Wie furchtbar war die Qual, sich nicht helfen zu können. Auch die Schwelle war ihm nicht erreichbar, und sein Rufen wurde nicht gehört.

Hatte man ihn nur in dieses Haus geschleppt, um ihn allein zu lassen? Aber da irrten sich alle, er mußte Gewalt über die lahmen Glieder gewinnen.

Unter unsäglichen Mühen und Schmerzen gelang es ihm, das Bett zu verlassen. Die Beine versagten ihm den Dienst, sie knickten zusammen.

Aber immer weiter schleppte er sich, vom Bett zum Tisch, vom Tisch zum Fenster.

Und dort sahen seine Augen, daß alles eine Lüge war. Alles, was sein Weib ihm erzählt hatte von ihrem Großvater, war nicht wahr.

Der dort unten saß mit ihr zusammen, der war es, der alles gab.

Nun sah er mit eigenen Augen, daß sie ihn betrog. Da faßte ihn grenzenloser Zorn. Sie gehörte ihm und sollte er in Armut und Schande verderben, dann nahm er sie mit.

Die Verzweiflung faßte ihn, und er schrie ihren Namen hinaus:

Lilli!" und noch einmalLilli!"

Sie kam, und grenzenloses Staunen weitete ihren Blick.

Knut, wer half dir?" rief sie.

Ja, wer half mir?" höhnte er.Niemand tat es. Aus eigener Kraft kam ich hinter deine Schändlichkeit."

Was sagst du da?" fragte sie erstaunt und trat näher.

Ick sah dick doch mit deinem Großvater. Denkst du, so könntest du mich betrügen? Ich habe den Mann dort unten erkannt. . ."

Du hast richtig gesehen," gab sie zur Antwort,wenn du den Maharadscha von Kennapur meinst. Er war eben bei mir, und seiner Liebenswürdigkeit haben wir es zu verdanken, daß wir hier wohnen können."

DaS glaube ich, aber ich will nicht, hörst du?"

Da mußt du dich an meinen Großvater wenden, er bestreitet unseren Unterhalt."

Knut lachte verächtlich.

Binde das Marlein einem anderen aus!"

Lilli maß ihren Mann geringschätzig:Du irrst, Ü.rla kann es bezeugen.

Die alte Hexe steckt ja doch mit dir unter einer Decke." Knut, wäae deine Worte!" warnte Lilli.

Ich wüßte nicht, weshalb. Warum kommt der Vater deiner" Mutter nur mit dir zusammen und nicht mit mir? He . . . antworte. . . Nun?" schrie er, als Lilli schwieg

Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß der alte Mann ihn verachtete.

Er wollte dich wohl verkuppeln?" rief Knut zynisch, aber noch lebe ich."

Nein," sagte Lilli, und ein wehes Lächeln zuckte um ihren Mund,er wollte. . ."

Weiter kam sie nicht. Knut warf beide Arme hoch, er riß feine Jacke auf und schrie in Todesangst:

Lust! Ich . . ."

Ein Würgen, ein Röcheln er stürzte vornüber.

Lilli kniete neben ihm nieder. Sie sah Tränen des Schmerzens und der Not in seinen Augen. Leise und be- hutsam legte sie seinen Kopf in ihren Schoß und küßte ihn auf die Stirn.

Das Mitleid nötigte ihr dieses Tun ab.

Nicht weinen" flüsterte He.

Berta stürzte herein. Sie hatte den Fall gehör!.

Wat is vassicrt. Lilli?" fragte sie.

Da sah sie den Mann am Boden liegen. Ihre Hand legte sich auf seine Brust. Das Herz schlug nicht mehr.

Et is zu Ende," sagte sie leise.

Knut ruhte unter der Erde, und Lilli wartete auf Nachricht von ihrem Großvater. Aber er ließ nichts von sich hören.

Was sollte das bedeuten? Sie hatte ihm doch sofort mitteilen lassen, daß ihr Mann erlöst sei.

Die alte Berta trat zu der Sinnenden und sagte:

Da alte Herr scheint sich anders besonnen zu haben. Et hat also wenig Zweck, bat du hier bleibst. Deshalb komm' zurück an den Rhein, ich hab' genügend Geld, davon können wir beide leben."

Nein, Berta, nie würde ich deine Ersparnisse an- greifen, die gehören dir allein. Sollte ich hier keine Heimat finden, werde ich mit dir nach Deutschland zurück- kehren und mir dort Verdienst suchen. Einen Trost habe ich ja immer, du Liebe, Treue," wandte sie sich der Alten zu,wenn ich in Not bin, bei dir finde ich stets eine Heimat, wo ich ausruhen kann."

Es war einen Tag später.

Ein indischer Diener trat ein und meldete:

Der Sahib Sultamet von Rampur läßt bitten, ihn zu entschuldigen, Herrin, er war abwesend und hörte jetzt von deinem Verlust. Er erwartet dich in Sehnsucht."

Nun war Lilli geborgen.

Der alte Fürst wie auch Berta wetteiferten darin, ihr das Leben zu verschönern.

Und doch kam sie nicht zur Ruhe. Immer wieder grübelte sie, ob sie nicht schuld war an dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Das hatte sie nicht gewollt, lieber quälte, und in ihrer robusten Art, die doch nur Liebe zeigte, polterte sie los:

Nu is et aber genug mit der Kopfhängerei. Denk' nur ntt, du hättest einen Mord begangen. Dat Herz von deinem Mann war nach der Operation äußerst schwach, und et war eine Dummheit von dem Doktor, dir dat zu verheimlichen. Ich hab' jeden Tag damit gerechnet, dat plötzlich dat Ende da war. Laß etwa deswegen nit den Kopf hängen. Er hat sein' Ruh'."

Wie befreit atmete Lilli auf. Nun durften ihre Ge­danken einen anderen Weg gehen. Es war keine Sünde mehr. . .

Eines Morgens saß sie in einem der Gärten und sah dem Spiel der Tauben zu, als der alte Herr zu ihr trat.

Nun, mein Kind, wie hast du geruht?"

Sehr gut, Großvater. Aber sage mir, weshalb kommst du heute so spät zu mir?"

Ich hatte lieben Besuch. Fürst Amiran war bei mir."

Einen Augenblick stockte ihr Herzschlag, als sie so plötzlich den Namen hörte . Sie sah ihren Großvater er- wartungsvoll an, aber er sprach von anderen Dingen.

Sie wurde ganz bedrückt. Er war in ihrer Nähe ge­wesen und hatte sie nicht begrüßt und auch keinen Gruß ausrichten lassen! Hatte er sie vergessen, oder war sie für ihn abgetan?

Nichts hörte sie mehr von ihm. Sie wollte sich da­gegen wehren, wollte nicht mehr an ihn denken.

Aber je mehr die Zeit verstrich, desto stiller wurde sie.

Was ist dir?" erkundigte sich der alte Herr, sie aber antwortete ausweichend:

Mir fehlt nichts."

Er versuchte sie abzulenken und nahm sie mit in die Stadt der Eingeborenen.

Sie sah das Leben des reichen und des armen Hindu.

In der Wohnung des Reichen war alles ausgehäuft, was Reichtum nur herbcischaffen konnte an herrlichen Möbeln, kostbarem Porzellan, Gold und Silber. Abend- ländisches und indisches Hausgerät stand friedlich bei. sammen.

Und die Besitzer dieser Kostbarkeiten wußten über alles Bescheid, was auf dem ganzen Erdball vor sich ging. Wie die Aktien der einzelnen Industriezweige standen, wo neue Hilfsquellen entdeckt waren und wo Krieg und Frieden herrschte.

Wie so anders war das Leben der Armen. Da gab es keine prunkvolle Einrichtung; der kahle Boden diente als Lager.

An der Schwelle ihres Hauses lagen sie in der frischen Luft und schliefen, das Gesicht mit einem Zipfel ihres Ge- wandes bedeckt, zum Schutz vor Tau und Insekten.

Sandte das Licbt die ersten Strahlen, erhoben sie sich und begannen sich für den Tag zu säubern und zu schmücken.

Die verheiratete Frau bediente ihren Mann, indem sie ihn wusch, ölte und känlmte und ihm zum Schluß die Stirn bemalte mit verschiedenen senkrechten und wagerechten Linien in roter, blauer oder weißer Farbe, je nachdem er ein Bekenner Bramas, Schtwas ober Wischnus war.

Welcher Kaste gehörst du an?" wagte Lilli ihren Großvater zu fragen.

Ich bin sein Hindu mehr dem Glauben nach. Trotz­dem ist in meinem Hause der Tempel des Gottes Sckiwa.

um meinen Leuten nicht ihren Tempel zu nehmen. Ebenso handelt Fürst Amiran, denn als Anhänger der Religion des Landes durfte er es nicht verlassen, und war doch längere Zeit in Europa, wie du weißt."

Lilli grübelte immer wieder darüber nach, was es wohl sein mochte, daß er ihr fern blieb.

Der alte Fürst suchte nun auf eine andere Art seine Enkelin aufzuheitern.

Er veranstaltete eine Volksbelustigung, einEsels­rennen"» Aber vorher bat er sie:

Willst du nicht das Kleid der Trauer ablegen? In diesem Klima ist es nicht gesund, dunkle Stoffe zu tragen."

Und Lilli gehorchte und erschien in duftiger Heller Kleidung und beobachtete erwartungsvoll den Entschei- dungskämpl des Rennens.

Wohl drei Dutzend Männer hatten sich zum Wettlauf mit einem Esel aufgestellt, schwarze und braune, alte und junge.

Ein Pistolenschuß gab das Zeichen, und daraufhin rannte die ganze Gesellschaft fchreiend und schimpfend und sich gegenseitig stoßend los, daß die lose am Fuß sitzenden Pantoffel nur so flogen.

Aber der Esel war schneller, er überholte sie alle.

Also begann noch einmal der Wettlauf, denn auch die Pantoffel durften sie nicht verlieren.

Jetzt versuchten sie auf alle mögliche Art zum Ziel zu kommen. Einer aber faßte den Schweif des Tieres und ließ fich ziehen. Als der Esel sich wehrte, ließ er ihn plötzlich los und rannte vor ihm durchs Ziel.

Das sah so urkomisch aus, daß Lilli ganz selbstver­gessen in das Gelächter der anderen miteinstimmte.

Und es war, als hätte das Lachen sie befreit. Sie wurde fröhlich und munter, wenn auch in ihren Augen ein sehnsüchtiger Schein blieb. . .

*

Es war einige Wochen nach dem denkwürdigen Rennen, als Lilli plötzlich in einen Gang des Schlosses den Diener des Fürsten von Kennapur sah.

Abu Mogul!" rief sie freudig.

Dieser legte die Hand an die Stirn, verbeugte sich tief und blieb dann wartend stehen. Lilli zögerte und suchte nach Worten. Sie konnte doch den Diener nicht nach feinem Herrn fragen.

Memfahib, wann kommst du wieder?" hörte sie leise Abu Mogul fragen.Das Haus ist finster, seit der lieb­liche Ton deiner Stimme verstummt ist."

Sobald dein Herr es wünscht, komme ich," gab Lilli zurück.

Der Sahib Sultamet wohnt in Kalkutta," erklärte ihr Abu Mogul betrübt.

Lilli verlor einen Augenblick die Fassung. Also noch nicht einmal in ihrer Nähe wollte er bleiben.

Sie nickte Abu Mogul 4JjujiniL Ling in das nächste ^nnntrT.--~©Drr-irnWb sie lange am Fenster, ohne zu sehen, was sich dem Auge bot.

Er war damals hier gewesen und hatte sie nichtehen wollen und jetzt war er fort. Wofür hatte sie nun alle Angst und Not ausgestanden?

Sie glaubte einst in seinen Augen gelesen zu haben, daß sie ihm nicht gleichgültig war. - Und nun war fort und alles, was sie gesehen hatte, war nur Schein gewesen . . .

Abu Mogul stand vor seinem Herrn und gab ihm Bwt.

Ich habe bie Pistolen, wie du befahlst, Sahib Sul- tamet, nach Rampur gebracht und soll dir Dank dafür sagen."

Fürst Amiran sah Abu Mogul an, fragend, forschend. Dann wandte er sich ab . . . Er, der Fürst und Herr­scher, durfte doch sein Innerstes nicht preisgeben und seinen Diener fragen.

Da klang leise Abu Moguls Stimme an fein Ohr.

Ich sah auch die Herrin."

Fürst Amiran rührte sich nicht, er blickte starr vor sich hin.

Wenn du befiehlst, Sahib Sultamet, wird der Ton .ihrer Stimme wieder in deinen Räumen sein."

Noch immer stand der Fürst unbeweglich, nur ein Horchen war in ihm. . . Auf eine Botschaft wartete er ob sie der Diener nannte. . .?

Sie sah lieblich aus wie eine Blume am Morgen, denn bie Farbe des Todes betrübte nicht mehr ihre Augen."

Da reckte sich die Gestalt des Fürsten hoch aus. Seine Augen leuchteten.

Jetzt durfte er sich ihr nahen, denn sie trauerte nicht mehr.

*

Lilli," wandte sich der Fürst an seine Enkelin,du wirst morgen mit mir fahren, ich ivill mir im Hafen eine neue Jacht ansehen und ii möchte dein Urteil hören."

Leise schaukelnd lag das schmucke Fahrzeug tm Wasser. Lilli war begeistert.

Großvater," rief sie ihm während der Besichtigung zu,wie wundervoll ist das Schiff!"

Kaum merklich erzitterte es, als es aus dem Hafen fuhr, hinaus in die offene See.

Hast du es gekauft?" erkundigte sich Lillt.

Nein, mein Kind," entgegnete der alte Herr,es gehört mir nicht, Fürst Amiran hat es bauen lassen für seine Braut."

Für seine Braut?" stammelte Lilli und wich mit tobblaffem Gesicht zurück.

Ein Gefühl trostloser Verlassenheit überfiel sie. . . Allein war sie nun für immer, denn er hatte sie ver­gessen. Ihr Herz brannte in tausend Schmerzen. Er, der ihr alle Seligkeit beoeutete, hatte eine andere Frau an sein Herz genommen.

Und sie sollte Zeuge sein seines Glückes? Nein ... das konnte und wollte sie nicht. . . Lieber machte sie ein Ende. . .

Ein ächzendes Stöhiien kam aus ihrer Brust. Das durfte ja nicht sein. . . Sie mußte ja leben, sie durfte den alten Herrn nicht verlassen. . .

Sie sah eine Pinasse die Wellen durchschneiden. Eine