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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDJB.

Nr. 75

Donnerstag, den 3). März 1932

82. Jahrgang

Donau Konferenz erst in Genf

In London soll in der kommenden Woche nur eine klärende Aussprache der Machtevertreter stattfinden

MMMg in Der Krise

Wie in jedem Jahre an Ostern, so wurden auch In diesem Jahre die Berufsberatungsstellen der Arbeitsämter und der Arbeitnehmerverbände von den Jugendlichen und ihren Eltern aufgesucht, um Rat und Auskunft in den Fra­gen der Berufswahl zu erhalten. Dem Berufsberater find durch die Krise zahlreiche neue Aufgaben gestellt worden mit denen er fertig werden muß. Manche Jugendlichen haben aus eigenen Eindrücken keine direkte Verbindung mehr zu dem Berufsleben, und sehr oft konnte man auch auf Fragen nach der späteren Berufswahl die Antwort er­halten:Stempeln gehen". Alle diese Kinder sehen bei ihren Vätern, Brüdern und Schwestern teilweise schon jahre­lange Erwerbslosigkeit, und der BegriffStempeln gehen" ist für sie zum Inhalt der täglichen Beschäftigung des er­wachsenen Menschen geworden. Darum wird der Berufs­berater Aufklärungsarbeit zu leisten haben, um dem weit­verbreiteten Pessimismus entgegenzuwirken. Dieser Pessi­mismus bedroht die Berufsfreude und die Leistungsfähig­keit des Nachwuchses. Zwar haben manche Rundfragen bei den zur Entlassung kommenden Jugendlichen ergeben, daß auch sie trotz aller Schwierigkeiten, die dem heutigen Be­rufsleben gegenüberstehen. noch genügend freie Entschluß­kraft sich bewahrt haben, um sich durch die gegenwärtige Arbeitsmarktlage nicht entmutigen zu lassen. Sehr oft muß bei allen Gesprächen mit Jugendlichen darauf hingewiesen werden, daß die Arbeitsmarktlage, wie sie sich jetzt in ihren über sechs Millionen Arbeitslosen darstellt, nicht als normal und unabänderlich anzusehen ist. Zusammen mit den Eltern und der Schule gilt es, Einfluß zu nehmen, damit die Her­anwachsende Jugend nicht mutlos und unsicher an die Be­rufswahl herangeht, sondern in nüchterner Klarheit und mit u tMLU^Meu^iäErdLnEintrüi in das Berufsleben vorbereitet. Dabei wird es nicht immer möglich sein, der Jugend Wege zu weisen, die in glatten, einfachen Bahnen verlaufen und deren Entwicklung staat­lich geregelt ist. Es gilt auch bei der Berufswahl und für den ferneren Berufsweg, ein Risiko auf sich zu nehmen, das aber nur getragen werden kann, wenn schon bei der Aus­wahl des Berufes das Eignungsprinzip in den Vordergrund gestellt wird.

Eine sorgfältige Berufsauslese in der heutigen Zeit ist notwendiger denn je. denn die Anforderungen an alle Be- rufstätigen sind in der Krise stets größer als in normalen Zeiten In normalen Zeiten gelingt es auch minder Tüch­tigen. in jedem Beruf aufgenommen zu werden, aber die Krise schafft eine Auslese, die für den Nachwuchs aller- schärfste Eignung voraussetzt. Aber die Berufsberatung dieser Tage muß sich nicht nur mit dem schulentlassenen Ju­gendlichen beschäftigen, sondern auch mit dem ungelernten Jugendlichen, der schon durch eine langfristige Arbeitslosig­keit der Arbeit vollständig entfremdet ist Fehlende Berufs­arbeit und fehlende Berufserziehung in den entscheidenden Jahren der Entwicklung haben hier Gefahren für den Cha­rakter. die Arbeitsfähigkeit und Arbeitsdisziplin Heraufbe- schworen die nur durch ernste Beschäftigung in einem Beruf gebannt werden können. Darum arbeiten die Berufsbera­ter daran diese jugendlichen ungelernten Arbeitnehmer einer Lehre zuzuführen. gleichgültig ob durch die« Lehre eine ge­wisse Einseitigkeit der Ausbildung unter Umständen erzielt wird. Erstes Erfordernis ist, den Jugendlichen von der

Straße hinwegzubringen und ihm wieder eine geregelte Be­rufsarbeit zuzuweisen.

Die besonderen Schwierigkeiten für den Berufsberater liegen heute darin, daß er bei seinen Ratschlägen Konjunk­turschwankungen und grundlegende Veränderungen in den beruflich wirtschaftlichen Verhältnissen genau unterscheiden muß. Wie in jeder Krise, so sind auch in dieser Krise neben den Konjunkturschwankungen zahlreiche grundlegende Ver­änderungen sowohl in der Erzeugung wie im Verbrauch fest­zustellen, und neben neu aufkommenden Gewerbezweigen sterben alte Gewerbezweige ab. Standorte verschieben sich, und auch in der Größe der Betriebe finden grundlegende Wandlungen' statt. Diese Wandlungen sind begleitet von einer Aenderung der Bevölkerungsstruktur, in der Alters­gliederung, im Altersaufbau der einzelnen Berufe und in der sozialen Schichtung sowie jetzt sehr stark in einer Ver- änderung der Berteilung der Bevölkerung auf Stadt und Land. Alle diese Dinge muß der Berufsberater beachten und dabei auch sehr wohl überlegen, wie weit die Wirkun- aen der Rationalisierung in den einzelnen Gewerbezweigen Zahl und Größe der Betriebe verändert haben.

Es ist in der letzten Zeit üblich geworden, daß von den Jugendlichen sogenannte Modeberufe als Berufslauf­bahn gewählt werden. Eine solche Auswahl hat aber immer sehr schnell zu einer Ueberfüllung derartiger Modeberufe geführt. Darum haben sich die Berufsberater darauf ein- gestellt, nach Möglichkeit von der Wahl solcher Berufe ab- zuraten. Bei ihren Ratschlägen richten sie darum ihr Augenmerk auf Berufstätigkeiten, die noch in der Entwick­lung begriffen sind, und auch auf Berufe in manchen Zwei­gen der Textilindustrie, in denen bei anziehender Konjunk­tur erfahrungsgemäß ein Mangel an Fachkräften auftritt Eine ganz besondere Aufgabe ist der Berufsberatung da­durch gestellt, daß diejenigen Berufszweig« herausgefun­

den werden müssen, in denen aus Mangel an deutschen Facharbeitern heute noch Ausländer beschäftigt werden. Es gibt eine ganze Reihe von kleineren Berufszweigen, die im einzelnen zahlenmäßig eine sehr geringe, in ihrer Ge­samtheit aber eine ziemlich erhebliche Bedeutung auch heute noch haben.

In den letzten Jahren hat sich in der Berufsauswahl sehr deutlich die Tendenz nach einem höheren Berufe her­ausgebildet. In diesen sogenannten höheren Berufen herrscht heute ein übermäßiger Andrang, und es wird immer mehr die Aufgabe der Berufsberater gemeinsam mit den Eltern und der Schule werden, gerade intelligente Jugendliche für Berufe mit Handarbeit zu gewinnen, wenn sie auch durch den Uebergang auf höhere Schulen diesen Berufsgruppen allzu leicht entfremdet worden sind. Die Rückführung ist um so wichtiger, als die geistigen Berufe in besonders ho­hem Maße überfüllt sind, und es volkswirtschaftlich bedenk­lich ist, wenn den praktischen Berufen mit den ihnen eigen­tümlichen Aufstiegsmöglichkeiten die Intelligenzen entzogen werden. Erstarrte und überholte Auffassungen von der gesellschaftlichen Angemessenheit und Sicherheit der Berufe sind auf das nachdrücklichste zu bekämpfen.

Gerade die Wirkungen der Krise auf den allzusehr spezialisierten Arbeitnehmer haben gelehrt, daß für die Ju­gendlichen eine möglichst breite Berufsausbildung durchge­führt werden muß. Auf der Grundlage einer solchen brei­ten Berufsausbildung können sie sich alsdann als Arbeit­nehmer erfahrungsgemäß eher den wechselnden Bedürfnissen des Arbeitsmarktes anpassen. Dabei sind schon bei der Aus­wahl Berufe zu bevorzugen, die eine vielseitige Verwendbar­keit in den verschiedensten Gewerbezweigen ermöglichen. Zwar ist es richtig, daß der Bedarf an vielseitig vorgebil­deten Facharbeiter in einer Reihe von Industrien gesunken ist. Aber diese Entwicklung ist keineswegs einheitlich, und der Verminderung der Zahl der Facharbeiter in der Pro- outnsn ire-r Uletsacy eine.

Reparaturhandwerker, der Einrichter" und Werkzeugmacher gegenüber. Auch im Handel nimmt mit steigender Arbeits­teilung zwar die Zahl der nur mit Teilaufgaben Beschäf­tigten zu, doch werden in den mittleren und kleineren Be­trieben, aber auch in den Großbetrieben noch nach wie vor vielseitig ausgebildete Arbeitskräfte benötigt. Im allge­meinen hat der vielseitig Ausgebildete vor dem nur für einzelne Teilverrichtungen Angelernten die mannigfaltigere Verwendungsmöglichkeit voraus. Vielseitigkeit und rasche Anpassungsfähigkeit an wechselnde Arbeitsaufgaben sind ein entscheidender Vorteil gerade in einer Zeit, die wie die heutige so wenig sichere Voraussagen für die wirt­schaftliche und technische Entwicklung zuläßt.

Gens bringt die Entscheidung

Bülow fährt zur Vorkonferenz nach London.

Berlin, 31. März.

6s sieht nunmehr fest, daß Deutschland auf der sage nannten Donaukonferenz in London durch den Ktaatssekreta, von Bülow vertreten sein wird. Der Staatssekretär vor Bülow wird sich voraussichtlich Mitte nächster Woche naä London begeben.

Der Reichskanzler war zwar bereit, seinen Osterurlaut zu verkürzen, um noch in dieser Woche nach London 31 fahren und hat dies auch zu erkennen gegeben. Diesei Vorschlag ist jedoch nicht annehmbar gewesen, weil der ita lienische Außenminister erst nach dem 3. April wieder ir Rom eintrifft. Zu einem späteren Zeitpunkt ist der Kanz^ ler jedoch infolge des Kampfes um die Reichspräsidenten, mahl in Deutschland unabkömmlich

Zu Berll ier unterrichteten Kreisen mißt man der Lon . banet Vorkonferenz keine entscheidende Bedeutung zu. Mac unterstreicht, daß es sich nur um eine Vorkonferenz handele | während die eigentlichen Entscheidungen über die hcl smaß nahmen für die Donaumächte voraussichtlich erst auf eine« Konferenz in Genf Mitte des Monats fallen dur ten, z» der voraussichtlich sich dann auch der Reichskanzler begeber wird.

Die Londoner Besprechungen Tardieus und MacDv nalds hält man im übrigen in unterrichteten Kreisen auä nicht für übermäßig bedeutungsvoll. Nach dem 9an3er Stand der Sachlage wird angenommen, daß diese Be> sprechung lediglich zu einer Herstellung des persönlichen Kom taktes zwischen Tardieu und MacDonald dienen wird abei kaum zu irgendwelchen praktischen politischen (Ergebnissen führt.

Paris befriedigt

In französischen politischen Kreisen herrscht allgemeine Befriedigung darüber, daß es der französischen Regierung entgegen den ursprünglichen britischen Absichten 9e langen sei, die Viermächtekonferenz über das Donaupro- blem hinauszuschieben und die französische Beteiligung ge­wissermaßen von einer vorherigen Einigung mit Englanc | abgängig zu machen. In England scheine man von dieser Wendung der Dinge wenig begeistert-zu sein, doch habe man sich immerhin veranlaßt gesehen, den franzosljä>eii Wünschen zuzustimmen.

wenn auch von derMnisterbegegnung kein« allzu

großen pounscyen crrgevmne zu erwarten seien, jo yanen die französischen Minister doch die Möglichkeit, ihren Stand­punkt ihren englischen Kollegen gegenüber klar zu erläutern und einen Ausaleich anzubahnen. Nachher werde man mll sehr viel größerer Ruhe und klareren Richtlinien sowohl an die Donaufrage wie an die Lausanner Konferenz herantreten können.

Selbstverständlich toerbe sich die Aussprache Tardieus mit MacDonald nicht einseitig auf die wichtigsten (Eintel- fragen beschränken, sondern alle schwebenden politischen Fragen in einem freundschaftlichen Geiste behandeln. Es sei nicht anzunehmen, daß die britische Regierung den in einer gewissen englischen Presse hervortretenden kritischen und sogar feindseligen Standpunkt gegenüber Frankreich und seiner Politik teile.

In Deutschland herrsche allerdings bittere Enttäuschung, nachdem man sich zuvor großen Illusionen hingegeben und bereits in der Presse einen Sieg über die französische Diplo­matie gefeiert habe (?). Die deutsche Nervosität (?) sei voll­kommen zwecklos, da MacDonald bereits amtlich zugestimmt habe, die französischen Minister mindestens 48 Stunden vor der Vier-Mächte-Konferenz zu empfangen.

Reichstag im Mai

Nochmalige Vereidigung des Reichspräsidenten?

Berlin, 31. März.

Da an der Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hin- denburg kein Zweifel besteht, so wird in dem Reichsinnen­ministerium als dem Verfassungsministerium zurzeit die Frage geprüft, ob nach der endgültigen Wahl eine noch­malige Vereidigung des Reichspräsidenten von Hindenburg erfolgen muß. In maßgebenden Kreisen wird die Aus- sasfung vertreren, oa^- eine erneute Eidesleistung unnötig ist und daß die Eidesleistung des Reichspräsidenten von Hindenburg vom 12. Mai 1925 vollkommen genügt. Diese Auffassung stützt sich auf den Artikel 42 der Reichsver­fassung, wonach der Eid bei der Uebernahme des Amts des Reichspräsidenten zu erfolgen hat. Sollte die ander« Auffassung Platz greifen, die dahin geht, daß nach dem Ende der Amtsdauer am 5. Mai eine erneute Amtsüber­nahme vorzunehmen ist, so wäre für diesen Fall mit einer Einberufung des Reichstages zu rechnen, da nach dem Ar­tikel 42 die Eidesleistung vor dem Reichstag zu erfolgen hat.

Unabhängig aber von der Frage der Eidesleistung kann angenommen werden, daß der Reichstag bei der Amtsüber­nahme des Reichspräsidenten von hindenburg versammelt sein wird. Ein Termin für den Zusammentritt ist zwar noch nicht bestimmt, doch ist die Reichsregierung bemüht, den Haushaltsplan für 1932 so bald als möglich fertigzu- stellen und dem Reichsrat und dem Reichstag vorzulegen. praktisch dürfte der Zusammentritt des Reichstages wohl erst nach den Wahlen der Länderparlamente am 24. April erfolgen.

Die Londoner Vorkonferenz.

Unser Bild zeigt von links nach rechts oben: den englischen Außenminister Sir John Simon, Staatssekretär von Bülow; unten: Außenminister Grandi, Finanzminister Flandin. j