Einzelbild herunterladen
 

Die Perlen des Gottes Gchiwa.

Roman von F. Fuchs-Lienau

10. Fortsetzung

,A'iIH!" kam es wie ein Hauch über seine Lippen.

Aber die junge Gattin sah nur für eine Sekunde auf. Gelenkten Blickes neigte sie dann grüßend das Haupt.

Kaum hatte der Wagen den Wald erreicht, als ihm in gestrecktem Galopp ein Reiter folgte. Es war Abu Mogul.

Er parierte sein Pferd und überreichte stillt einen Brief.

Der Sahib Sultamet läßt dir bestellen, Herrin, du habest dies vergessen."

Dann wandte er sein Pferd und verschwand zwischen den Bäumen. Fahle Blässe hatte die Wangen der jungen- Frau überzogen, als sie ihre eigene Schrift erblickte. Es war der Brief an ihren Schwiegervater, den sie Abu Mogul anvertraut hatte, ihn zu befördern.

Warum hatte er ihn nicht abgesandt? Wie durfte er dergleichen tun?

Lilli, wat is dir?" fragte Berta besorgt.

Diese erzählte ihr den Sachverhalt und die Alte meinte:

Da lange Mogel hat et doch sicher nit aus sich selbst getan, sein Herr hat et wohl bestimmt. Vielleicht ts et aber ganz gut so, denn sieh mal, dein Mann hat ver­sucht, sich bat Leben zu nehmen. Warum, wissen wir noch nit. . . Wär' Brief nu an die richtige Adresse ge­kommen, hatt' Schwiegervater womöglich gesagt, du wärst die Schuld... So denkt er jetzt gar nit an so wat. . . Unb sollt' dein Mann nun nit leben können, würdest du mit ganz andern Augen angesehen, wenn du zurück in die Heimat kämst. Müßt' aber alte Herr, dat du dich scheiden lassen wolltest, kriegtest du dat immer aufs Brot gestrichen, denn et is immer sein Sohn . . ."

Gequält blickte Lilli die treue Alte an.

Ach, Berta, wie grausam ist doch das Leben."

Nur nit unterkriegen lassen," tröstete Berta,ich bleib bei dir und helf dir, wat auch kommen mag."

Der Wagen hielt vor dem Krankenhause in Kalkutta. Lilli betrat das Haus, gefolgt von Berta.

Sie ließ sich der Oberin melden. Teilnehmend streckte diese ihr die Häude entgegen und sagte mit bewegter Stimme:

Meine arme Frau Dittmar, nun sehen Sie ,^hren Gatten auf dem Schmerzenslager wieder."

Lebt er . . .?" fragte Lilli bebend.

Ja. .. Die Operation ist gut verlaufen, oie Kugel steckte im Rücken und konnte entfernt werden."

Darf ich meinen Mann sehen?"

Wenn Sie sich still verhalten, will ich Sie einen Augenblick zu ihm führen. Aber nichts sprechen," mahnte sie.---

Lilli folgte der Oberin und sah Knut vor sich liegen, totenähnlich, mit geschlossenen Augen.

Leise zogen sich die Frauen zurück...

Wie kam das Unglück?" wollte Lilli Einzelheiten wissen. MWWW .WWWWWWWWWWWWWWW

Ich' weiß es nicht. Ihr Gatte hat wohl eine Schuß­waffe probiert, vermute ich, und das Geschoß löste sich. Der Chef Herrn Tittmars telephonierte an... er hat ihn gefunden."

Ich möchte bei meinem Manne die Pflege über­nehmen," forderte Lilli.

Nein, Frau Dittmar, das ist ausgeschlossen. Sie sind zu zart dafür und selbst der Ruhe bedürftig. Der Kranke ist hier in guten Händen. Sobald er nach Ihnen verlangt, lasse ich Sie ruchm."

Ich bitte darum, Schwester Oberin."

Lilli verabschiedete sich und begab sich nach ihrer Wohnung, ivo Berta gleich das Regiment in die Hand nahm.

Am nächsten Morgen hatte Lilli bei ihrer Anfrage im Krankenhause denselben Bescheid, wie am Tage vorher. Es. blieb ihr nun Zeit genug, den Chef ihres Mannes auf- zusuchen.

Aber ehe sie ihren Entschluß ausgeführt hatte, ließ sich tiefer bei ihr melden.

-Herr Surter," begann Lilli, nachdem der Chef ihres Mannes Platz genommen hatte,die Oberin sprach mir davon, Sie hätten meinen Mann gefunden?"

Ja, Frau Dittmar, das entspricht der Wahrheit. Ich hatte mit ihrem Gatten eine Unterredung, die etwas stürmisch verlief."

Dürfte ich deren Inhalt wissen?" fragte Lilli zaghaft.

Der alte Herr senkte den Blick. Er legte die Hände in­einander und sah nachdenklich darauf nieder.

Endlich meinte er:

Sie würden die geschäftliche Angelegenheit doch nicht verstehen, also sprechen wir nicht davon . . . Aber ein Verbleiben Jbces Gatten in meinem Hause war unmög­lich nach diesem Auftritt. Kaum verließ ich ihn nun, als ich einen Schuß fallen hörte. Ich eilte zurück und fand ihn an der Erde liegen . . ."

Der alte Herr faßte Lillis Hand.Nicht an mir liegt die Schuld, Frau Dittmar," sagte er eindringlich,ich weiß nicht, was ihn trieb zu diesem Schritt . . . Er sprach mir noch davon, er wolle sich selbständig machen. Deshalb ist es mir unverständlich . . ."

Mein M mn . . .?" fragte Lilli voller Staunen.Mit welcben Mitteln denn? . . ."

Da fiel ihr noch zur rechten Zeit ein. sie war ja nicht zugegen gewesen und konnte nicht wissen, was sich während ihrer Abwesenheit ereignet hatte.

Deshalb sagte sie gleich wieder:Mein Mann wird ja mit mir darüber sprechen, sobald sein Zustand es gestattet."

Nach Tagen endlich war Knut bei voller Besinnung und verlangte nach seiner Frau.

.Als Lilli in das Krankenzimmer trat, streckte er ihr die abgezehrte Hand entgegen und bat:

Lilli vergib . . ."

Ruhig sagte sie, da die Schwester ihr eingeschärft hatte, jede Aufregung zu vermeiden:

Ich habe dir nichts zu verzeihen."

llnruhig warf sich der Patient hin und her, Lilli beugte sich über ihn.

Was ist dir? Was quält dich?" fragte sie sorgend.

Du hast ja nichts zum Leben . . . Der Chef hat mich wegen einer unterlassenen Eintragung fristlos entlassen, dabei war das Geld dock da."

Sorge dich nicht darum, Knut, wir brauchen niemand."

Ja, aber woher das Geld nehmen? . . ." fing Knut wieder an.

Beruhige dich, ich habe genug."

Hat der Fürst dir eine Summe geschenkt? .

Lilli verlor alle Farbe. So niedrig dachte er selbst in seinem jetzigen Zustand? Eine heftige Entgegnung schwebte ihr auf der Zunge, aber sie unterdrückte sie und sagte lächelnd:

Die alte Berta ist gekommen. Sie brächte mir Nachricht von Hause und eine größere Summe. Außerdem hast du recht, es hilft mir ein Maharadscha, aber nicht Fürst Amiran, sondern der Maharadscha von Rampur, er ist, wie sich jetzt herausgestellt hat, der Vater meiner Mutter."

Die Augen Knuts wurden groß.

Was sagst du?" stammelte er.Wer hilft uns?. ."

Der Vater meiner Mutter."

. . . Und das ist ein indischer Herrscher?"

Ja . .

Beschämt ließ Knut die Lider sinken. Ein Fürstenkind war sein Weib und er hatte sogar die Hand gegen sie er­hoben.

Die Tage vergingen, aber keine Nachricht kam von Kennapur.

Lilli hatte ihrem Mann nicht die ganze Wahrheit ge­sagt, um jede Aufregung zu verhindern. Ganz fest war es keinesfalls, daß sie den alten Herrn als Verwandten an- erkennen durfte, wenn es auch den Tatsachen entsprach. Aber würde der Herrscher von Rampur die Schmach ver­gessen können, die ihm einst seine Tochter, sein eigen Fleisch und Blut, angetan hatte?

Fürst Amiran hatte versprochen, alles in die Hand zu nehmen, und nun hörte sie überhaupt nichts.

Wenn er sie nun nicht anerkennen würde als Enkelin, dieser indische Fürst? Was dann? . . .

Durch die Krankenkosten ging das Geld rapide zur Neige, und ehe erst Hilfe aus Hamburg kam, hatte sie schon lange nichts mehr und war gezwungen, Schulden zu machen . Knut jedenfalls durfte nichts davon ahnen.

Grübelnd saß Lilli im Lehnstuhl und hielt Wache bei dem Kranken. Es klopfte.

Die alte Berta, die bei der Pflege half, sah nach und meldete: lange Mogel ts da."

Abu Mogul trat ein, legte die Hand an die Stirne und verbeugte sich tief.

Er reichte der jungen Frau einen Brief und sagte leise, um den Kranken nicht zu stören:

Der Sahib Sultamet läßt dir sagen, daß alles bereit ist, dich an den Ort deines Glücks ^zu bringen."

Lilli öffnete das Schreiben und las:

Ein Glücklicher möchte seiner Sehnsucht Flügel ver­leihen, um das Kind seiner Tochter in seine Arme zu schließen. Alles Gute. inJut.«mn ^ehfrtrTTOffW Zynen

Amiran

Fürst von Kennapur."

Sie starrte aus das Papier in ihrer Hand. So kalt und sachlich schrieb er, kein Wort von sich selbst.

Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. . .

Sie erschrak in ihrem Innern. . . Wohin verirrten sich ihre Gedanken? Er durfte ihr doch nichts sein. Dort auf seinem Schmerzenslager ruhte der Mann, dessen Namen fie trug.

Sie wandte sich Abu Mogul zu:

Hast du besondere Befehle?"

Die Gedanken des Sahib Sultamet klingen in mir wieder, dir den Weg zu ebnen und dich zu ae> hütyen und dich dort hinzubringen, wohin du besieh! p

Knut nurhe unruhig und Lilli eilte sosor' ne Seite.

Was will der Fürst von dir?" stieß er hervor.

Er gibt mir Nachricht, daß der Vater meiner Mutter mich empfangen will.

Und du wirst Hinreisen?"

Erstaunt blickte sie den Fragenden an.

Es ist doch meine heilige Pflicht."

Und ich . . .?"

Da trat die alte Berta neben sie und bestimmte: Lillichen, du reist zu deinem Großvater, und ich bleibe hier."

Nein," wehrte sich Knut,du bleibst jetzt hier, erst wenn ich gesund . . ."

Gebieterisch streckte da Berta die Hand aus und befahl:

Hier wird Ruh' gehalten. . . Ihre Eifersucht ist nit am Platze. Wovon wollen Sie denn leben, wenn Ihre Frau die Verwandten nit sehen soll, die ihr helfen können und wollen!"

Nein, Berta, deshalb gehe ich nicht hin," wehrte Lilli.

Ich weiß dat, Lillichen, du denkst anders, du sehnst dich nach jemand, der Blut von beinern Blut ist, aber wann die Mannsleut' so unvernünftig sind, muß man ihnen doch die Meinung sagen."

Knut, bleibe ruhig," bat Lilli,ich komme, so schnell es geht, wieder zurück."

Berta packte das Nötigste für sie ein und einige Stunden später fuhr die junge Frau, von Abu Mogul geleitet, der neuen Heimat zu.

10. Kapitel.

Nach stundenlanger Fahrt sah Lilli endlich, den Berg hinaufgebant, in riesiger Ausdehnung ein Schloß liegen, dem ein großer See vorgelagert war. Eine breite, gut gepflegte Straße führte zum' Eingang.

Leib an Leib, dicht aneinander, standen zu beiden Seiten der Straße abwechselnd Schwadronen von Pser- den und Elesanten.

Regungslos saßen die Reiter, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, und sobald das Auto in Sicht kam, neigten sie grüßend den Degen.

Ein riesiges Tor öffnete sich, und der Wagen fuhr in einen großen Vorhof. Dort hielt er.

Lilli stieg aus und betrat eine hohe Halle. Hier trat ihr ein hochgewachsener Greis entgegen und sah sie prüfend an. Dann zog er sie in seine Arme.

Du Kind meines unvergeßlichen Kindes, ich heiße dich willkommen."

Er nahm ihren Kopf in seine Hände und küßte sie auf den Mund.

Du mein Kleinod, du geliebtes Ebenbild deiner Mutter,, bleibe meinem Herzen nahe."

Lilli lächelte unter Tränen.

Wenn ich bei dir bleiben darf. . ."

In meinem Hause sollst du die Herrin sein."

Leider kann ich fürs erste aber nur kurze Zeit blei­ben," erklärte Lilli,denn mein Mann liegt krank im Hospital."

Ich weiß alles . . . und weiß auch, daß er andere Wege ging und dich, das Kind einer Fürstin, allein ließ. So trifft ihn jetzt dasselbe.--Auge um Auge Zahn um Zahn . . ."

Wir Europäer denken anders," verteidigte sich Lilli, ich habe meine Pflicht zu tun, mag gewesen sein, was wollte; mag kommen, was mag. Er ist nun krank und hilflos, und da darf ich nicht von ihm fort. Wohl will ich, so oft es meine Zeit erlaubt, zu dir kommen, aber anders kann ich nicht handeln."

Ruhig sagte der alte Fürst:

Mein Haus und mein Herz sind stets offen für dich. Aber nur für dich, der Mann, der dich behandelte, als seist du ausgespien von Wiwon, der Bösen und Nieder­trächtigen. wird die Schwelle des Schlosses nie betreten."

Zwei Tagc blieb Lilli, dann trieb die Unruhe sie zurück. Erst mußte Knut gesund sein, dann war sie frei von ihm; bis dahin hieß es aushalten.

Die Besserung in Knuts Befinden machte sehr langsame Fortschritte. Woche reihte sich an Woche, ehe er zum ersten Male das Bett verlassen durfte.

Und da stellte es sich heraus, daß er nicht mehr Herr seiner Glieder war. Die Kugel hatte das Rückgrat verletzt . . . er war gelähmt.

Für immer, in der Vollkraft der Jahre, ein kranker Mann . . . abhängig von andern.

Aber auch Lilli traf die Nachricht bis ins Innerste. Ihr ganzes Leben an ihn gebunden . . .

Und so war ihr auch die völlige Vereinigung mit ihrem Großvater versperrt unb weiter . . .

Weiter wagte sie nicht zu denken Das Antlitz von Tränen überschwemmt, durchmaß sie, die Hände ringend, das Zimmer. Härter denn je war die Kette, die sie band.

Knut weigerte sich, im Fahrstuhl au -ahreu, aber der Arzt verlangte von ihm den Aufenthalt in frischer Lu.it. --

Lilli war machtlos. Jedes noch so gute Wort der Ueberredung scheiterte.

Ich will nicht das MiU.id der Menschen sehen," war seine stete Entgegnung. _

^-Ju au ihrer Not kam ein indischer Diener und meldete: ^^hDerSahiv Sultaniet von Rampur ist im Schlosse des Fürsten Amiran und wünscht die Herrin dort zu sprechen."

Im ersten Augenblick jagte sie freudig zu. Aber kaum war der Diener fort, fiel ihr ein, Knut würde sich wieder aufregen Er wollte sie nicht von seiner Seite lassen. War sie fort, quälte er sich und sie bei der Rückkehr mit allerhand Vorstellungen, die seine Einbildung ihm vor- gaukelte.

Aber sie mWte doch gehen, er durfte sie nicht hindern.

Sie atmete auf, als sie von Berta hörte, daß er schlief, und so stieg sie schnell in den Wagen, als dieser vorfuhr.

Mit offenen Armen empfing sie der alte Fürst.

Deine Augen haben die Klarheit verloren," gab er seiner Beobachtung Ausdruck.

Und Lilli gestand ihm ihre Not.

Knut ist so eigensinnig: er soll im Garten sitzen und will nicht."

Wird er gesund werden, mein Kind?"

Lilli schüttelte den Kopf und sagte leise:

Ich glaube es nicht. . . Vielleicht, wenn er in an- derer Umgebung ist, aber hier, wo ihn jeder quäl! mit seinen Ratschlägen, kommt er nie zur Ruhe."

Tröstend meinte der Fürst:

Es wird sich schon ein Ausweg finden."

Als Lilli fragend zu ihm aufsah, erklärte er ihr:

,,Jch habe diesen Palast gekauft und stelle ihn dir zur Verfügung. Große Gärten befinden sich in ihm, und hier ist dein Mann vor jedem Blick gesichert."

Sie schmiegte sich an den alten Mann und sagte voller Dankbarkeit:

Du bist so gut, und ich kann es dir so wenig ver­gelten."

Der Gott des Lichts erleuchte dich und helfe dir, dein Joch zu tragen."

Knut war einverstanden mit dem Wohnungswechsel und schon am nächsten Tag siedelten sie in den Palast über.

Nun war sein Wunsch erfüllt, nun war er ein reicher Mann, wie er es erstrebt hatte mit allen Sinnen; nein .... hundertmal reicher noch, wie er es je erträumt.

Diener standen ihm zur Verfügung; jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Und doch seine Gesundheit war vernichtet... Er blieb ein Krüppel.

Durch eigene Schuld. . . durch eigene Schuld. . .

Lilli aber fühlte sich nicht wohl im Schloß. Jeder Raum, jeder Gegenstand erinnerte sie an einen andern.

Hub sie durfte nicht an diesen andern denken. Warum kam er nicht? Nur ein einziges Mal.

Sie schrak jedesmal zusammen, wenn plötzlich einer der Diener vor ihr auftauchte. Das braune Gesicht, die dunklen Augen . . . alles erinnerte sie an ihn.

Wieder saß Lilli an der Seite ihres Gatten im schat­tigen Garten. Dort gehörte sie hin. Alles andere durfte für sie nicht vorhanden sein. Unb doch. . . Die Ge- danken wanderten . . .

Sie sah, daß Knut die Augen zufielen. Er schlies. Leise erhob sie sich und ging in das Haus. Es zog sie immer wieder in ein besonderes Zimmer. Dort hatte der Fürst bei ihrem ersten Aufenthalt in seinem Hause mit ihr eine Zeit allein geweilt und ihr erzählt, daß er sich hier am wohlsten fühle.

Fortsetzung folgt.