HersfMerTageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 61 Erstes AM)
Sonnabend, den 12. März 1932
82. Jahrgang
Vor der Entscheidung
Nach einem heftigen Wahlkampf kürt das deutsche Volk sein Reichsoberhaupt
Wahl und Zahl
Statistische Randbemerkungen zur Reichspräsidenkenwahl
Von Reichswahlleiter Geh. Regierungsrat Professor
Dr. Ernst Wagemann.
Die große Aufgabe, die in tausendfache Interessen, Ziele und Ideale gespaltenen Millionenmassen eines Volkes zu einheitlicher Willensbildung und eindeutigen politischen Entscheidungen zusammenzufassen, wird durch eine gewaltig« Wahlapparatur bewältigt. Man mag über die Zweckmäßigkeit eines bestimmten Wahlsystems streiten, man mag beklagen, daß bei einer Wahl die Stimmen wohl gezählt, aber nicht gewogen werden; eine gewisse Bürgschaft gibt es dafür, daß die Wahlergebnisse in ihrer Gesamtheit dem Bereich blindwütigen Zufalls entrückt werden: Das ist das statistische Gesetz der großen Zahl. Nach diesem Gesetz gleichen sich zufällige Abweichungen in der einen oder anderen Richtung gegenseitig aus, wenn nur die Anzahl der Fälle — hier also der abgegebenen Stimmen — genügend groß ist
Vor dem Kriege beschränkte sich die Wahlbeteiligung bekanntlich auf die Männer über 25 Jahre. Diele machten bei der Wahl vom 10. Januar 1874 20 Prozent der Bevölkerung aus; da von ihnen nur 62 Prozent ihr Wahlrecht ausübten, repräsentierte der damals gewählte Reichstag statistisch nur etwa 12 Prozent des deutschen Volkes.
Wie sehr das politische Interesse im Lauf der Jahrzehnte gewachsen ist, zeigt die folgende Zahlenreihe:
Wahlbeteiligung in %
3 März 1871......51,0
10. Januar 1874 . . . , . 62,1
27. Oktober 1881 ..... 56,3
28. Oktober 1884 ..... 60,6
21. Februar 1887 .... 77,5
21. Februar 1887 ..... 77,5
20. Februar 1890 ..... 71,6
15. Juni 1893 ...... 72,5
16. Juni 1898 ...... 68,1
16. Juni 1903 .;..,. 76,1
25. Januar 1907 . . - . . 84,7
12. Januar 1912.....84,9
Als nach dem Kriege das Wahlrecht auf alle männlichen und weiblichen Erwachsenen über 20 Jahre ausgedehnt wurde, erhöhte sich die Zahl der Stimmberechtigten auf fast zwei Drittel der Bevölkerung (1925 gleich 63,8 Pro zent), von denen über drei Viertel von ihrem Wahlrecht
Gebrauch zu machen pflegen. Heute geht also etwa die Hälfte der Bevölkerung zur Wahlurne.
Bevöl. kerung
Stimmbe- abgegebene
Wahlbeteiligung %
rechtigt» Millionen
Stimmen
19. Jan. 19191)
62,9
84,0
28,8
83,0
6. Juni 1920
60,0
85,9
28,5
79,2
4. Mai 1924
62,0
88,4
29,7
77,4
7. Dez. 1924
62,0
' 89,0
30,7
78,8
29. März 1925«)
62,4
89,2
27,0
68,9
26. April 19253)
62,4
89,4
30,6
77,6
20. Mai 1928
63,6
41,2
31,2
75,6
14. Sept. 1930
64,4
43,0
85,2
82,0
Sicher vermag die Statistik die Bestrebungen, die Ideale, die Interessen, die die einzelnen Bevölkerungs- gruppen bewegen, unmittelbar nicht widerzuspiegeln. Sie gewährt aber gewisse Einblicke in die politischen Grund- einstellungen einer Bevölkerung, soweit sie sich aus ihrer Struktur ergeben. Dabei sind von besonderer Bedeutung das Zahlenverhältnis der männlichen und weiblichen Stimmberechtigten, der Anteil der^Ältersklassen und der Anteil der Stadt- und Landbevölkerung.
Das Zahlenverhältnis der m ä n n l i ch e n und weiblichen Stimmberechtigten hat sich während der letzten Jahre stark verschoben; in dem Maße, wie die von den Kriegsverlusten nicht betroffenen Jahrgänge das wahlberechtigte Alter erreichen, ist der Prozentsatz der Frauen an der Gesamtzahl der Wahlberechtigten zurückgegangen. Die Wahlberechtigung verteilte sich wie folgt:
Männer in % der
Frauen Gesamtzahl
1920 .
. 46,3
53,7
' 1924 .
. 47,0
53,0
1925 .
. 47,0
53,0
1928 .
. 47,2
52,8
1930 .
. 47,4
52,6
1932 .
» e e e
47,5
52,5.
Gegenüber der Reichspräsidentenwahl im Jahre 1925 hat die Zahl der wahlberechtigten Frauen anteilsmäßig um 0,5 Prozent abgenommen. Wenn die Behauptung richtig ist, daß die Frauen im allgemeinen gemäßigter und konservativer sind als die Männer, so ist also in diesem Punkte eine verstärkte Tendenz zu radikalen Lösungen zu erblicken.
( In umgekehrter Richtung wirkt jedoch vielleicht die Tatsache, daß Die jugendlichen Wähler diesmal einen
geringeren Anteil an der Gesamtzahl der Wahlberechtigter haben als in früheren Jahren. Nach dem Kriege hat zwar die Zahl der jugendlichen Männer (20 bis 30 Jahre) zunächst stark zugenommen, da die von den Kriegsverlusten nicht betroffenen Altersklassen mehr und mehr in das wahlfähig« Alter aufrückten. Dann aber hat sich der schon vor dem Kriege einsetzende Geburtenrückgang so stark ausgewirkt daß die jüngeren Altersklassen anteilsmäßig immer schwächte besetzt sind:
Anteil der 20—30jährigen beiderlei Geschlechts bei der Wahl
1920 27,8 1928 28,9 1924 28,6 1930 28,4
1925 28,6 1932 27,9
Die Verteilung der im wahlberechtigten Alter befindlichen Bevölkerung auf S t a d t u n d L a n d hat sich seit dem Jahre 1925 infolge der Land-Stadtwanderung nicht unbeträchtlich geändert. Im Jahre 1925 wohnten 29,3 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung in den Großstädten, während gegenwärtig — trotz des in den letzten Jahren festzustellenden Wanderungsoerlustes — dieser Prozentsatz mi. etwa 33 Prozent berechnet werden kann. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, daß dies teilweise nur äußerlich, nämlich durch die Eingemeindungen bedingt ist. Der Zuwachs bei Großstadtbevölkerung ging zum größten Teil auf Koster der Bevölkerung des flachen Landes. Daß die stärkerer Großstadteinflüsie im Sinne der Radikalisierung wirken ist sehr wahrscheinlich.
Freilich sind wir noch weit davon entfernt, aus derartigen statistischen Beobachtungen Schlüsse ziehen zu können, die einen entscheidenden prognostischen Wert für die Beurteilung der Wahlaussichten hätten. Die politisch« S t a t i st i k steckt noch in den ersten Anfängen. Ihr Ausbau aber wäre sehr wohl denkbar. Vielleicht wird man es einmal für der Mühe wert finden, .durch genaue Beobach- tung politisch relevanter Rechen (z. B. Zugang und Ab gang von Mitgliedern der politischen und wirtschaftlichen Verbände, Abonnentenzahl von Zeitungen und anderen publizistischen Organen) das politische Leben des Volkes zu verfolgen und der Bevölkerung damit sozusagen fortlaufend den politischen Puls zu fühlen.
*) Wahl zur Nationalversammlung.
2) Reichspräsidentenwahl, 1. Wahlgang.
*) Reichspräsidentenwahl, 2. Wahlgang.
Bom Wahlkamps
Hindenburgs Rundfunkansprache wird wiederholt.
Die Ansprache des Reichspräsidenten v. Hindenburg an das deutsche Volk, die aus Schallplatten ausgenommen wurde, wird am heutigen Sonnabend um 8 Uhr abends zum zweiten Male übertragen.
Brüning rechnet ab
„In 14 Tagen hätten wir die Inflation, wenn ..."
Berlin, 12. März.
In der großen Kundgebung im Sportpalast für die Wahl Hindenburgs hielt am Freitag Reichskanzler Dr. B r ü n i n z eine Rede an das deutsche Volk, in der er etwa folgendes ausführte:
„Wir stehen in einer Stnude von geschichtlicher Bedeutung. In diesem Augenblick höchster außenpolitischer wirtschaftlicher und finanzieller Schwierigkeiten wäre es notwendig gewesen, das deutsche Volk zu einer Einheit zusam- menzuschweißen um nach außen hin zu dokumentieren, daß das deutsche Volk in einer Schicksalsstunde von größter Bedeutung endlich einmal nach außen hin beweisen will, daß es sich zu einer großen Persönlichkeit zusammenfinden kann. Der Reichskanzler kam in diesem Zusammenhang auf die hierauf abzielenden Bemühungen zu sprechen.
Die Verhandlungen, die mit den Rechtsparteien geführt wurden, seien nicht ins Blinde hineingegangen. Lange vor. Her hätten Fühlungnahmen stattgefunden, die den Glauben und die Zuversicht hätten geben können, daß die Parteien der Rechten in ihren Führern zu solchen Entschlüssen bereit- gewesen wären. Aber vom ersten Augenblick an, so fuhr der Kanzler fort, wo die offiziellen Verhandlungen begannen, war klar zu erkennen, daß ein faktisches Ziel der beiden Rechtsparteien gegeneinander einsetzte, das an sich mit der Reichspräsidentenwahl nichts zu tun hatte, sondern das aus einseitigen parteiagitatorischen Momenten geboren war. So war eine Einigung nicht zu erzielen.
Meine Person ist kein Hindernis gewesen, daß sich die Rechtsparteien zu dem Feldmarscholl bekennen konnten.
Ich habe dem Reichspräsidenten wiederholt meine Demission angeboten. Der Reichspräsident hat sich entschlossen, sich nicht auf parteipolitische Bedingungen einzulassen. Aber er hat es gestattet, — und ich als verantwortlicher Reichskanzler habe dem zugestimmt — daß ohne mich Verhandlungen mit den Rechtsparteien geführt wurden, um zu einer Klärung der Situation zu kommen.
Aber in diese« 14 Tagen dex Verhandlungen hat es sich
herausgestellt, daß nicht einmal diese Parteien sich über irgendeinen Punkt des Regierungsprogramms bzw. Besetzung eines Ministerstuhles einigen konnten.
Es ist von großer Bedeutung, das immer und immer auszusprechen: es gibt keine einheitliche Front auf der Rechten, das System der Parteidoktrin ist noch nie so stark gewesen, wie auf dieser Seite in diesen Tagen. Für eine Persönlichkeit von so monumentaler geschichtlicher Bedeutung wie die des Herrn Reichspräsidenten sei es daher ausgeschlossen, für jetzt und für alle Zeiten sein Amt entgegenzunehmen auf Grund politischer Bedingungen.
Wenn der Reichspräsident von der Opposition wegen der Notverordnungen angegriffen wird mit dem Schlagwort: Kampf gegen das System, so wolle man uns endlich einmal sagen, wie man sich zu der Frage stellt: „Stabile Währung oder Inflation?". Darauf hat man uns bis heute noch keine klare Antwort gegeben.
Wenn man alles, was man in diesen Tagen und in den vergangenen Monaten verschiedensten Schichten und Berufen des Volkes versprochen hat, halten würde, hätte man in 14 Tagen die Inflation in Deutschland?
Man erklärt, man will kein Programm, man will die Macht haben. Aber unter der Hand geht man hin in Arbeiterversammlungen und man verspricht den Arbeitern die schönste und beste Zukunft, um nachher in verschlossenen Räumen ausschließlich vor Führern der Industrie zu sprechen.
Man spricht von der Notwendigkeit einer umfassenden Siedlung im deutschen Osten. Aber in gewissen Kreisen sagt man ebenso verschämt wie bescheiden, daß man ein solches Programm nicht im Handumdrehen durchführen könne.
Die Angriffe, die von der Agitation gegen den Reichspräsidenten wegen seines hohen Alters erhoben werden, zeugen von einer Gesinnung, mit der es für immer kein Paktieren mehr geben wird.
^a- *noc^i*$ ^nu ürd«ur, der W fet gleichen
Weise in der Lage ist, die Dinge scharf und schnell zu durchschauen und ihnen in wenigen Sätzen eine klassische Formulierung zu geben, wie Reichspräsident von Hindenburg Schweigen und verstummen sollte die Kritik an diesem Manne deswegen, weil es schon eine Schande des deutschen Volkes gegen die Geschichte sein wird, daß überhaupt solche Angriffe gegen den Reichspräsidenten, gerichtet werden.
Ich appelliere in dieser Stunde an die deutschen Frauen, daß sie feine Entbehrung des deutschen VoIfß dadurch zulassen, daß einem Manne, wie dem Reichspräsidenten, die Treue nicht gehalten wird, und daß sie ihre Kinder mit in dem Glauben an eine monumentale, historische Größe erziehen.
Ich richte an Sie alle die inständige Bitte, die letzte Kraft und Energie einzusetzen, daß der 13. März für den Reichspräsidenten zu einem entscheidenden Siege wird, der auch ein entscheidender Sieg für Deutschland sein wird.
„Erst gesunde das voll"
Hitler in Dortmund.
In einer nationalsozialistischen Wahlversammlung in der Westfalenhalle in Dortmund sprach Adolf Hitler. Nach einem längeren Rückblick auf die Entwicklung des Deutschen Reiches der Vorkriegszeit führte er u. a. aus: „Wir hätten geglaubt, daß die Sozialdemokratie, die Demokraten und das Zentrum einen besonderen Kandidaten aufstellen würden, und niemand von uns dachte daran, daß der Generalfeldmarschall von Hindenburg aufgestellt würde. Wir waren verblüfft zu sehen, daß das System, das ihn einst bekämpfte, ihn jetzt als Kandidaten ausstellte, selbstverständlich in der Hoffnung, dadurch dem Sturz zu ent» gehen. Man hat mir Vorwürfe gemacht, daß ich nichts anderes getan hätte, als vom grünen Tisch aus Rezepte zu schreiben. In den 13 Jahren habe ich gegen eine Welt von Widerständen etwas aufgebaut, das nicht mehr zusammen- brechen kann.
Mein Programm lautet: Erst gesunde das Volk, dann wird in dem gesunden Volk auch wieder eine gesunde Wirtschaft entstehen können. Die Wirtschaft ist bei uns nicht zusammengebrochen, sondern Deutschland als Volk und als Staatsbegriff. Wenn wir in Deutschland zu einer blühenden Wirtschaft kommen wollen, dann muß die Nation erst saniert werden. Die letzte Entscheidung liegt ausschließlich darin, ob es uns gelingt, Demokratie und Pazifismus aus Deutschland auszurotten. Wenn die Neubildung der Nation gelingt, dann wird die Folge ähnlich sein, wie einst die $o(ge der Ueberwindung der staatspolitischen Uneinigkeit: Die große deutsche Macht und damit auch die große deutsche Blüte."
„Sozial handeln"
Duesterberg in Stulkgark.
Der Kandidat des „Schwarz-Weiß-Roten Wahlblockes" Oberstleutnant a. D. Duesterberg sprach in Stuttgart im Festsaal der Liederhalle. Unter den Klängen des Präsentier- Marsches betrat Duesterberg den Saal, von der Meng« stürmisch begrüßt. Nach dem Einmarsch der Stahlhelm-