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Hersfelöer Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDJB.

Nr. 57 Dienstag, den 8. März 1932

82. Jahrgang

Aristide Briand t

Kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres starb in Paris der bedeutendste sranzösische Politiker der Nachkriegszeit

Aristide Briand f

Paris, 7. März.

Aristide Briand ist heute mittag um 13.30 Uhr französischer Zeit in seiner Wohnung in der Avenue Kleber gestorben.

*

Wenige Wochen vor Vollendung seines 70. Lebens­jahres er war am 28. März 1862 als Sohn eines Gast­wirts in St. Nazaire geboren ist Briand dem Leiden er­legen, das ihn im vergangenen Jahre wiederholt aufs Krankenlager geworfen hatte. Als er im vorigen Sommer in Berlin weilte, hatte er sich von einem ersten schweren Anfall seines Herzleidens noch kaum erholt, und wer den alten Fechter zuvor auf der Kammertribüne oder in der Völkerbundsoersammlung mit der ganzen Lebhaftigkeit feines gallischen Temperaments als Redner gehört hatte erkannte den stillen und gebeugten Greis kaum wieder.

Briand begann als Rechtsanwalt in Nantes und wurde dann bald Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Im Jahre 1906 wurde er zum erstenmal Minister. Elfmal hatte er die Bürde des Ministerpräsidenten getragen, 25mal ein Ministerportefeuille verwaltet, seit er im März 1906, in den Tagen des Kampfes um die Trennung von Staat und Kirche, von Sarrien zum erstenmal als Unterrichtsminister in ein Kabinett berufen worden war. 1909 war er als Nachfolger Clemenceaus Ministerpräsident ^worden. In der f lge amtierte er unter PoincarS, Viviani und nach dem Kriege unter Leygues, PainlevS und anderen. Bei Kriegsausbruch war er Justizminister, vom 29. Oktober 1915 bis 7. März 1917 selbst Ministerpräsident. Damals

- *4 - dit^Uoi%iii»ü£peauu)n gegen Den Willen Cle­menceaus.

Nach der Konferenz von Cannes, wo er zum ersten Male nach dem Kriege international in den Vordergrund trat und von Poincare gestürzt wurde, zog er sich drei Jahre lang vom politischen Leben zurück, auf sein Muster­gut Cocherel in der Normandie, das er bis zu seinem Tode zärtlich liebte. Denn seine Tierliebhaberei und der Angel­sport waren die einzigen Vergnügungen, die sich der alternde Junggeselle gönnte, und aus denen er neben geist­reichen Unterhaltungen immer von neuem die Kraft für seine Arbeit zog.

Trauertundgebung der Kammer

Die Kammer, die zur Fortsetzung der Budgetberatung zusammentrat, hat sich auf die Mitteilung von dem plötzlichen Tode Briands hin, zum Zeichen der Trauer vertagt. Vor der Vertagung der Kammer widmete Tardieu Briano einen Nachruf, in dem er sagte:

Der Ruhm, den Briand der französischen Trikolore ein­gebracht hat, seine Anteilnahme an dem schwierigen und mitunter ungewissen Werk der Organisierung der Welt nach der größten Erschütterung, die die Welt jemals gekannt hat, nötigen heute sogar denen, die Briand bekämpft haben, An­erkennung und Achtung auf.

Die Anteilnahme des Völkerbundes

Im Hauptausschuß der Völkerbundsversammlung in Genf machte der Vorsitzende Hpmans Mitteilung ygu hem

Tode Briands. In bewegten Worten würdigte er die Ver­dienste des Verstorbenen, der eine bewunderungswerte Ver­körperung des Ideals des Friedens gewesen sei. Der fran­zösische Delegierte Paul-Boncour als einer der engeren Mit­arbeiter Briands sprach den Dank seiner Regierung aus für die Anteilnahme des Völkerbundes. Leider habe Briand den Erfolg seiner Anstrengungen um die Organisierung des Friedens nicht erlebt.

Staatsbegräbnis für Briand

Paris, 8. März.

Der Ministerrak, der gestern nachmittag unter dem Vor- sitz Doumers zusammentrat, beschloß im Einvernehmen mit den Angehörigen des Verstorbenen, Briand durch ein Staats­begräbnis zu ehren. Die sterblichen Ueberreste Briands wer­den im Außenministerium aufgebahrt werden. Die Beisetzung wird voraussichtlich am Donnerstag erfolgen.

Das Beileid der Reichsregierung

Der deutsche Geschäftsträger hat dem Generalsekretär am Quai d'Orsay das Beileid der Reichsregierung zum Ab­leben Briands zum Ausdruck gebracht.

Reichskanzler Dr. B r ü n i n g sandte ein Beileidstele­gramm, in dem er mit der deutschen Regierung in Briand den Mann betrauert, dessen Streben es war, die Verständi­gung zwischen Frankreich und Deutschland zu fördern und der Idee des Friedens in der Wett zu dienen.

Die Trauer -es Auslands

London. Der unerwartete Tod Briands hat überall tief­stes Bedauern ausgelöst. Die Blätter nennen den Derftorbe- nenAsottel, &sJjUjjgten&:, uud ^d»». i*iw-*eti>ten|ie um Frankreich und Europa hervor. MacDonald richtete an den französischen Präsidenten ein Beileidstelegramm, das mit den Worten schließt:Briand war der Baumeister des Friedens und sein Verlust wird nicht nur in Frankreich, son­dern bei jedermann, der guten Willens ist, tief empfunden werden."

Washington. Staatssekretär Stimson erklärte zu Briands Ableben in einem Telegramm an Tardieu:Seine unermüdlichen Bemühungen um Frieden und feine Lei­stungen werden ein Denkmal für sein Andenken und eine Inspiration für die Menschheit bleiben. Die ganze Welt fühlt mit Frankreich diesen schweren Verlust. Ich beklage den Tod eines engen Freundes und früheren Kollegen, für den ich größte Bewunderung und Verehrung fühlte."

Das Moskauer Attentat

Terrorakt im Auftrage gewisser ausländischer Staatsbürger'

Moskau, 8. März.

(Meldung der Telegrafenagentur der Sowjetunion.) Laut Mitteilung der Untersuchungsbehörden gehört Stern, Ser den Revolveranschlag auf Botschaftsrat von Twardowsky verübte, einer Terroristengruppe an, die im Auftrage gewisser ausländischer Staatsbürger Terrorakte ausführten.

Nach dem Geständnis Sterns halte das Attentat den Zweck, eine Spannung zwischen der Sowjetunion und Deutschland hervorzurufen und dadurch die internationale Lage der Sowjetunion zu verschlechtern. Die Untersuchungs­behörden hoffen, daß die Untersuchung in den nächsten Tagen abgeschlossen werden kann. <

Das Befinden des Botschaftsrats vonTwardowsky ist gut. Der Patient hat die Nacht zum Montag befriedigend verbracht.

Botschaftsrat von Twardowski, auf den in Moskau ein Attentat verübt worden ist. ,

Aursuhrablommeu 3talien-Uugarn

Budapest, 8. März.

Die ungarische und die italienische Regierung haben in Rom ein Abkommen unterfertigt, das den Zweck verfolgt, den Warenverkehr zwischen Ungarn und Italien zu fördern.

Auf Grund der Vereinbarung werden die beiden Regie­rungen zur Regelung der Eisenbahntarife einen gemein­samen Ausschuß errichten, Frachtbrief- und Durchgangsver­kehrserleichterungen einführen und zur Förderung der gegenseitigen Ausfuhr die Möglichkeit von Krediterleichte­rungen schaffen.

Arbeitsplan der Abriiftuugsloaserenr Die deutschen Forderungen.

Genf, 8. März.

Das Präsidium der Abrüstungskonferenz hat in einer mehrstündigen bewegten Sitzung, in der die deutschen For­derungen von dem stellvertretenden Führer der Abordnung, Staatssekretär z. D. von Rheinbaben, mit großem Nachdruck vertreten wurden, schließlich einen Arbeitsplan für die große politische Aussprache im Hauptausschuß aus- gearbeitet. Der Arbeitsplan, der sich auf einen neuen schriftlichen Bericht des Hauptberichterstatters Benesch stützt, sieht die Behandlung der grundsätzlichen Fragen der Ab­rüstung in folgender Reihenfolge vor:

1. Der Grundsatz der allgemeinen Abrüstung: a) Durch­führung der Abrüstung durch ein einziges Abkommen b) Durchführung in Etaopen (deutsch-türkisch-sowjetrussischer > Antrag).

l 2. Die Kriterien

3. Verbot der Angriffswaffen, qualitative und quanti­tative Abrüstung (italienischer Antrag).

4. Die französischen Sicherheitsvorschläge: a) politische Bedingungen (internationale Streitmacht), b) juristische Be­dingungen (Organisation der Schiedsgerichtsbarkeit, gegen­seitige Hilfsmaßnahmen, Sanktionen, Anpassung des inter­nationalen Regimes).

5. Allgemeine Abrüstung nach den in den internationa­len Verträgen bisher den besiegten Staaten auferlegten Ent- waffnungsbestimmungen: a) die Entwaffnungsbestimmun- gen der internationalen Verträge als Richtlinien der allge­meinen Abrüstung (deutscher Antrag), b) gleiche Methoden der Abrüstung für alle Staaten (deutscher Antrag), c) Gleich­berechtigung aller Staaten und Rüstungsgleichheit (italieni­scher Antrag), d) Regelung der Abrüstungsfrage ausschließ­lich auf Grund des Artikels 8 des Sölterhunbspattes und Wegfall der bisher in den internationalen Verträgen festge­legten einzelnen Bestimmungen für die Entwaffnung einzel­ner Staaten (ungarischer Antrag).

Der Arbeitsplan legt fest, daß die grundsätzlichen deut­schen Forderungen auf allgemeine Abrüstung gleich zu Be­ginn der großen Aussprache zur Behandlung gelangen, und zwar vor Behandlung der französischen Sicherheitsvorschläge. Die deutschen Abrüstungsanlräge kommen in den Punk­ten 1 und 5 der Tagesordnung zum Ausdruck. Somit wird der Hauptausschuß zwangsläufig die von Deutschland ge­forderte Klärung über die Frage der allgemeinen vollständi­gen Abrüstung und der Gleichberechtigung aller Staaten gleich zu Anfang vornehmen müssen.

Deutschlands Srundeinstellung

Es muß tatsächlich abgerüstet werden.

Der Führer der deutschen Abordnung auf der Ab­rüstungskonferenz, Botschafter Nadolny, ist wieder nach Genf zurückgereist, nachdem er dem Reichskanzler und dem Reichspräsidenten über den Stand der Genfer Verhandlun­gen Vortrag gehalten hatte. Der Vortrag ist erfolgt, weil die Konferenz, nachdem sie bisher nur die programmatischen Reden der Hauptaussprache und die Aufstellung des Arbeit»- Programms zum Gegenstand hatte, nunmehr in die eigent­lichen sachlichen Verhandlungen eintritt.

Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, ist die von der Abordnung schon bisher eingehaltene und auch weiter einzuhaltende Linie, unter unbedingtem Festhalten an der deutschen Grundeinstellung möglichst den guten willen Deutschlands zur Mitarbeit an einer positiven Lösung zu zeigen, vom Reichspräsidenten und der Reichsregierung ge­billigt worden. Formale Fragen sind nicht als ausschlag­gebend zu behandeln; es kommt darauf an, daß tatsächlich abgerüstet wird und daß für Deutschland ebenso wie für alle anderen Staaten nur noch die abzuschließende Konvention maßgebend ist. Eine andere Lösung wäre in Deutschland unannehmbar. Diese Auffassung hat auch offenbar in Genf sehr an Boden gewonnen.

Attentat auf Berns BrWdentea

Lima, 8. März.

Auf den Präsidenten Sanchez Terra wurden in einer Massenversammlung von einem Mitglied der Oppositions­partei fünf Schüsse abgegeben. Der Präsident wurde an der Schulter leicht verletzt. Der Täter wurde verhaftet. _