«Bittritt Böttchers
Memel, 24. Februar.
Präsident Böttcher hat an Gouverneur Merkys folgendes Schreiben gerichtet, in dem er seine Bereitwilligkeit, sein Amt niederzulegen, ausdrückt:
„Die Verhandlungen des Völkerbundsrakes haben ergeben, daß es noch Monate dauern kann, bis eine Enlfchei- duna darüber fällt, ob der Gouverneur das Recht hat, den Präsidenten des Direktoriums abzuberufen oder nicht. Es liegt im Interesse des Memelgebietes, datz möglichst bald wieder ein dem Statut entsprechendes Direktorium in Tätigkeit tritt. Um mit meiner Person kein Hindernis für etwaige Verhandlungen der Mehrheilsparteien über ein neues Direktorium zu bilden, erkläre ich, daß ich mein Amt als Präsident des Direktoriums hiermit niederlege. gez. Böttcher."
Die Abrüftungsdebatte
Lateinamerikas praktische Rüstungsbeschränkung.
Genf, 24. Februar.
In der Dienstag-Vollsitzung der Abrüstungskonferenz sprachen die Vertreter der lateinamerikanischen Staaten Guatemala, Venezuela, Bolivien und Kolumbien. Sie erklärten übereinstimmend, ihren bescheidenen, aber ehrlichen und positiven Beitrag zur Abrüstungskonferenz leisten zu wollen.
Russischer AbrWungsoorschlag
Die sowjetrussische Abordnung hat einen Entschließungs- entwurf eingereicht, wonach die vollständige und allgemeine Abrüstung die Verhandlungsgrundlage bilden soll.
Armeen bis 30000 Mann bleiben außerhalb jeder Beschränkung der Rüstungen, Armeen von 100 000 Mann werden um 20 v. h., Armeen über 200 000 Mann um 50 v. h. herabgesetzt. Flotten bis 100 000 Tonnen Gesamttonnage bleiben von der Herabsetzung unberührt, Flotten von 500 000 Tonnen an werden um 50 v. A herabgesetzt.
Italien
Ferner hat die italienische Abordnung dem Präsidium der Konferenz einen Vorschlag überreicht, in dem die sofortige Erörterung folgender Fragen gefordert wird: Abschaffung der Grohkampfschiffe, Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe, der schweren Artillerie, Tanks, Bombenflugzeuge und aller chemischen und bakteriologischen Waffen, ferner Revision der internationalen Vereinbarungen zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Japan
Die japanische Abordnung hat dem Präsidium der Konferenz gleichfalls einen Abrüslungsvorschlag übermittelt, in dem auf der Grundlage des Abkommensenlwurfs des Völkerbundes Verbot des chemischen und bakteriologischen Krieges, der Bombardierung von Städten, des Angriffs auf die Zivilbevölkerung, Herabsetzung der Flotten nach Tonnage, der Schiffseinheiten und der Schiffsgeschütze, Beschränkung und, Herabsetzung der Land- undLuftrüstungen unter Be- Län^^^^^W^I^^tfür d^i Schutz der an dem allgemeinen Abrüstungsabkommen beteiligten Staaten gegen Bedrohung durch diejenigen Staaten, die dem Abkommen nicht beigetreten sind, oder die die internationalen Verpflichtungen nicht einhalken, gefordert werden.
Britische Pläne in Genf
Der Ostkonflikt muß gelöst werden!
London. In englischen Regierungskreisen vertritt man den Standpunkt, daß jetzt alles geschehen müsse, um im Völkerbund eine Einstellung der kriegerischen Operationen im Fernen Osten zu erreichen. Man verhehlt sich nicht, daß, falls dies dem Völkerbund nicht gelänge, fein Prestige schwere Einbuße erleiden würde. England wolle sich in den Dienst des Friedensgedankens stellen und alles versuchen, um den Konflikt im Fernen Osten zu lösen. Die britische Regierung sei deshalb bereit, mit den Vereinigten Staaten,
unabhängig vom Völkerbund,
oder mit anderen Staaten innerhalb des Völkerbundes, zu diesem Zweck wirksam zusammenzuarbeiten. Im Zusammenhang mit diesen Plänen der englischen Politik steht die vorzeitige Abreise Sir John Simons nach Genf, wo der Außenminister mit Tardieu und Grandi zusammentreffen wird.
Von unterrichteter britischer Seite wird zur Reise Simon weiter betont, daß die britische Politik auch darauf ab- ziele, in Genf eine endgültige Lösung in der Frage der Re- parakionen und Kriegsschulden zu erreichen. Es wird anerkannt, daß eine befriedigende Neugestaltung des Reparations- problems die unmittelbarste und dringendste Aufgabe des Tages ist. Die Bindungen zwischen Reparationen und Kriegsschulden werde man gleichsfalls lösen können, wenn Europa in der Lage sei, eine günstige Wendung in der Re- paratiönsfrage zustande zu bringen.
Zur A b r ü st u n g s f r a g e gibt die britische Regierung ihrer grundsätzlichen Ansicht Ausdruck, nämlich, daß eine erfolgreiche Verminderung der Rüstungen durchgeführt werden müsse. Vor allem denke man an eine Beschränkung der Militäretats, um auf diese Weise eine bessere Kontrolle über den Rüstungsstand der einzelnen Staaten zu haben.
Pause in Geul
Genf, 24. Februar.
Das Büro der Abrüstungskonferenz hat beschlossen, die Arbeiten vom 19. März bis zum 4. April zu unterbrechen.
Nach dem Abschluß der Generaldebatte werden sich die Konferenzarbeiten bis auf weiteres innerhalb des aus den Führern sämtlicher Delegationen gebildeten Hauptausschusses abspielen.
Englands Handel wehrt sich
London. Das Unterhaus hat den 2. Artikel des Gesetzentwurfes über die Einfuhr angenommen, der dem Handelsministerium das Recht gibt, die Erhebung gewisser Zusatz- abgaben für den Fall anzuordnen, daß die britischen Waren im Auslande einer schlechten Behandlung unterworfen werden sollten.
Aus der Heimat.
Hersfeld. Gestern Nachmittag ereignete sich in der Klausstraße ein schwerer A u t o u n s a l l, bei dem leider ein 5jähriger Junge schwer verletzt wurde. In der Nähe der Tankstelle Schmitt spielten mehrere Jungen auf dem Bürgcrsteig. Als einer derselben über die Straße wollte und hinter einem gerade tankenden Auto hervorkam, lief er einem vom Klaustor kommenden hiesigen Personenwagen direkt in die Fahrt. Der bedauernswerte Junge wurde überfahren und erlitt dabei einen Bruch beider Beine, sowie innere Verletzungen, die seine sofortige Ueberführung in das Landeskrankenhaus nötig machten. Den Fahrer des Autos trifft keine Schuld, da er den Jungen erst im allerletzten Augenblick sehen und den Unfall nicht mehr verhüten könn e, obwohl er den Wagen auf die kürzeste Entfernung zum Stehen brächte. — Möge der Vorfall für alle Eltern eine Warnung sein, ihre Kinder beim Spielen auf der Straße zur größten Vorsicht zu ermähnen, und sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die ihnen durch den heutigen Verkehr drohen.
Hersfeld. In der Aula des Gymnasiums sprach gestern abend Herr Oberstudiendirektor Dr. Herzfeld über „Albert Schweißer als Denker und Menschenfreund". Herr Dr. Herzfeld zeichnete ein Bild des großen Philosophen und Ethikers, der auch ein berühmter Orgelspieler und Bachkenner ist. Aus einer glänzenden Laufbahn heraus wird Albert Schweißer, nachdem er mit 30 Jahren noch Medizin studiert und seinen Doktorgrad erreicht hat, Missionsarzt in Sambarene (Kongogebiet), weil er in tätiger Nächstenliebe dienen will. Herr Studienrat Elgert-Eggers (Klavier) und Herr Sauerwein (Geige) erfreuten durch den Vortrag Bach'scher Musik.
Hersfeld. (Wie wird das We tter?) Deutschland liegt zum größten Teil noch im Bereiche der milden ozeanischen Luftwaffen, die uns als Nordwestwinde von der Nordsee kommend erreicht haben. Anhaltender Luftdruckfall über England und Frankreich schwächt das dortliegende Hochdruckgebiet immer mehr, während gleichzeitig durch Luftdruckanstieg über Osteuropa das östliche Tiefdruckgebiet aufgefüllt wird. Die Luftdruck- gegensätze gleichen sich somit aus und es entwickeln sich flache Tiefbruckstörungen über Zentraleuropa, die vorübergehend auch eine Zufuhr kälterer Luftmassen aus Osten bringen können. Die Witterung bleibt aber überwiegend doch unter dem Einfluß wärmerer Winde. — Vorhersage bis Donnerstag Abend: Vielfach neblig, wechselnd bewölkt, noch zeitweise Niederschläge, Temperaturen etwas niedriger.
Fulda. Der Bischof von Fulda kann in diesem Jahre das goldene Pristerjubiläum (19. März) begehen. Mit Rücksicht auf die gegenwärtige Notzeit hat der Bischof jede äußere Feier entschieden abgele' nt. Er*
des Bischöflichen Palais entgegenzunehmen, auch am 9. Juni unter Teilnahme von Vertretern des Diäze- sanklerus ein Pontifikalamt zu halten.
Storck (Kr. Fulda). Nachts gegen 2 Uhr brach in der hiesigen Schule ein Brand aus, der den ganzen Dachstuhl und den oberen Teil des ersten Stockwerkes zerstörte. Glücklicherweise gelang es, die gesamte Wohnungseinrichtung des Lehrers zu retten. Der Brand soll auf den im Badezimmer ausgestellten Badeofen zurückzuführen sein.
Hauau In der Nähe des Kinzigheimer Hofes bei Hanau ist der 35 Jahrs alte Arbeiter Wilhelm Burkhardt aus Mittelbuchen, der mit einigen weiteren Einwohnern aus Mittelbuchen mit Holzmachen beschäftigt war, tödlich verunglückt. Durch einen herunterbrechenden Ast wurde der Unglückliche derart heftig auf den Kopf getroffen, daß er mit einem schweren Schädelbruch auf der Stelle tot liegen blieb. Der Vater und zwei Brüder des tödlich Verunglückten waren Augenzeugen des Geschehens.
Holzhausen (Reinhardswald). Schon mehrfach wurde der hiesige Gutsbesitzer Heinrich Robrecht von Dieben heimgesucht. So wurde auch in der Nacht vom 22. zum 23. wieder eingebrochen. Die Diebe hatten es nur auf Geflügel abgesehen und ließen 24 Hühner, 4 Hähne und 6 Puten mitgehen, die sie an Ort und Stelle abschlachteten. Von den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur.
Vollversammlung der Kasseler Landwirtschaftskammer.
Schwere Notlage der Landwirtschaft. — Schutzzoll gefordert.
Kassel. Die 42. Vollversammlung der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel wurde durch den Präsidenten, Rittergutsbesitzer und Landrat a. D. v. K e u - dell, Eschwege, im großen Sitzungssaal des Ständehauses eröffnet. Die Staatsregierung war durch Regierungspräsidenten Dr. Friedensburg und den neuen Vizepräsidenten S ch u n k vertreten. Außerdem hatten das Landesfinanzamt, das Landeskulturamt, die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer und zahlreiche andere Organisationen Vertreter entsandt.
Präsident v. Keudell wies in seinem Vortrag auf die große Notlage im Regierungsbezirk Kassel hin, die besonders durch die katastrophale Lage der Landwirtschaft verschärft worden sei. Die langandauernden Niederschlüge hätten die Landwirte um den Ertrag ihrer Ernte gebracht, so daß weite Gebiete des Kammerbezirkes vor der Hungersnot ständen. Deshalb habe der Vorstand der LandwirtsäMfts- kammer beantragt, diesen Teilen des Regierungsbezirks dadurch besondere Zuweisungen der Staatsregierung zu ermöglichen, daß sie zu Notstandsgebieten erklärt würden. In Berlin seien jedoch diese Anträge aus Mangel an verfügbaren Mitteln abgelehnt worden. Der Redner kam dann auf die schwere Lage der Viehwirtschaft zu sprechen, die durch den Preissturz verursacht worden sei. Für die notleidenden Obstplantagen und Geflügelfarmen forderte der Präsident eiyen Zollschutz. , A
Eine japanische Niederlage
Schanghai, 24. Februar
Es bestätigt sich, daß die Chinesen gegen die nördlich von Kiangwan vorrückenden Japaner einen Sieg erfochten haben. Die Chinesen überschritten in einer flankierenden Bewegung den Wusungbach vom Norden her und gelangten hinter den rechten Flügel der japanischen Stellung. Diese wurde darauf zurückgenommen und die Chinesen eroberten das Dorf Miachongtschen nordwestlich von Kiangwan zurück.
Wie ein Augenzeuge berichtet, setzen die Japaner ihre verzweifelten Angriffe auf Kiangwan fort, rber die Chinesen halten das wiedergewonnene Gelände. Die Beschießung durch Artillerie und Flugzeuge nimmt an Heftigkeit zu. Die Japaner führten einen neuen Luftangriff auf den Flugplatz Hongjao aus. Dieser ist vollkommen zerstört. Die gegenseitige Beschießung an der Front von Schapei, die die Nacht hindurch dauerte, hat jetzt ganz aufgehört. Ein europäischer Polizeibeamter wurde in der internationalen Konzessions- zone durch die Explosion einer Bombe verletzt, die am Eingang eines Gebäudes versteckt war.
Die Japaner erwarten Verstärkungen
Die Japaner haben ihre militärischen Operationen auf der ganzen Kampffront eingestellt. Sie werden die Opera- tionen vor dem Eintreffen neuer Verstärkungen voraussichtlich nicht wiederaufnehmen. Dieser aufsehenerregende Entschluß des japanischen Oberkommandos ist in erster Linie auf den chinesischen Vorstoß im Norden von Kiangwan zurückzuführen.
Der Chef der japanischen Flotte auf dem Jangtse hatte den Marineminister in einem Telegramm um die sofortige Entsendung von Kriegsschiffen nach Schanghai gebeten, die sich an der Beschießung von Wusung beteiligen sollen. Daraufhin sind zwei Flugzeugmutterschiffe von Sasebo nach Schanghai ausgelaufen. Weiter ist eine neue Division nach Schanghai unterwegs.
Oberbefehlshaber Uyeda Kaltgestellt?
Schanghai. In gutinformierten japanischen Kreisen hört man, daß mit den zwei Divisionen, die nach Schanghai unterwegs sind, ein General erwartet werde, der das Kommando von Generalleutnant von Uyeda übernehmen soll.
General Uyeda hebt in seinem letzten Tagesbefehl den Opfermut dreier japanischer Zivilisten hervor, die Explosivstoffe um ihre Körper gebunden und sich gleich menschlichen Bomben in die Drahtverhaue der Chinesen gestürzt hatten. Sie schlugen so eine Bresche, durch die die Truppen nachfolgen konnten.
„Nationale Einigung" in China?
Es hat den Anschein, als ob die Kriegsstimmung, von der China erfaßt ist, und die Kämpfe um Schanghai zu einer Annäherung zwischen den zahlreichen chinesischen Armeeführern, die bisher sich gegenseitig befehdet hatten, führen sollten. Man hört, daß sie ihre Truppen vereinen, um gegen den gemeinsamen Feind vorzugehen. General Den Hsi-Schan wurde erneut das Kommando über die Schansi- Armee übertragen. General Tschang Fa Kuei marschiert mit feinen Soldaten auf Wutschang zu. Der Finanzminister zÜdeWhmW Er sagte, Ehkna stehe am Wendepunkt feiner Geschichte.
Die Führer der Kantoner Regierung haben einen Aufruf an das chinesische Volk erlassen, in dem sie erklären, daß sie in dieser Schicksalsstunde Chinas ihren Kampf gegen Nanking aufgeben. Sie stellten ihre Truppen in den Dienst der chinesischen Republik und erwarteten, daß es jeder Chinese als nationale Pflicht betrachte, die japanischen Truppen zu bekämpfen. Es gehe jetzt nicht um das Schicksal Schanghais, sondern um das Schicksal Chinas. Der Aufruf ist von sämtlichen Führern der chinesischen Nationalbewegung in Kanton unterzeichnet.
Falsche Gerüchte schäbigen den deutschen Hanbel
Von zuständiger Stelle wird erneut die Meldung aus Ostasien dementiert, daß ehemalige deutsche Offiziere, sogenannte Militärberater, auf chinesischer Seite an den Kämpfen bei Schanghai teilnehmen. Die Gerüchte liefen aber leider in Ostasien um und hätten bei verschiedenen Staaten, vor allem bei Japan, stark verstimmt. Von japanischer Seite sei gegen deutsche Kaufleute bereits mit Boykott gedroht worden. Teilweise seien die Drohungen bereits tn die Tat umgesetzt worden.
Großer Andrang vor dem Reichstag.
Der Reichstag war am Dienstag von einer großen Menschenmenge umlagert. Ein starkes Polizeiaufgebot hielt die Zufahrtsstraßen frei und verhinderte Demonstrationen.
Vom Büchermarkt.
Das „Gespräch der neuen Woche". Die Woche gibt ihren Lesern wieder einmal Einblick in das Schaffen eines bedeutenden Erfinders: Der Erbauer des Königs- wusterhausener Funkturms, Hermann Honnef, ist von der Woche über sein großes Windtraftwerk-Projekt interviewt worden. — Rolf Brandt erzählt vom deutschen Flugplatz in Windhuk, — andere tragen viele interessante Bilder und Tatsachen aus aller Welt zusammen. Das neue Heft überall für 40 Pfennig.