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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger Dr den Kreis Reisfeld
Nr. 44
Montag, den 22. Februar 1932
82. Jahrgang
Litauens Rechtsbruch vor dem Rat
Scharfe Anklagerede des deutschen Vertreters — Rechtfertigungsversuch Litauens —
Erricht Wer Litauen
Deutsche Anklage vor dem Rat — Haager Urteil im Memelkonflikt?
Genf, 21. Februar.
In der Aussprache im Völkerbundsral über die Memel. frage verlangte der Berichterstatter, Eolban. in feinem Vorschlag an den Rat Feststellung der jetzigen anormalen Lag« im Memelgebiet, dringende Maßnahmen, um eine weitere Verschärfung der Lage zu verhindern, und sofortige Bildung eines verfassungsmäßigen Direktoriums auf der Grundlagi des Vertrauens des Landtags. Dieses Direktorium müsse sich unverzüglich dem Landtag vorstellen. Der Rat müsse darauf dringen, daß endlich der gesetzliche Zustand im Memelgebiet wiederhergestellt werde entsprechend den Bestimmungen des Memelabkommens. Iur Klärung der Rechtsfrage schlug der Berichterstatter vor, ein Gutachten des Haager Gerichtshofs einzuholen.
Der litauische Außenminister Zaunius lehnte den Bericht ab. Er behauptete, die gegenwärtige Mehrheit im Landtag stände unter fremdem Einfluß. Die litauische Regierung werde daher zu einer Auflösung des Landtags schreiten müssen.
Steatsfefreter von Bilaw
gab dann in ungewöhnlich scharfem Ton eine längere Erklärung ab, in der er darauf hinwies, daß '.ohne jede rechtliche Begründung seit Jahren im Memelgebiet ein Kriegszustand herrsche, daß die litauische Regierung die in der Autonomie festaeleate Presse-, Versammlung- und persön-
Freiheit eingeschränkt habe und Schutztruppen aus landfremden Elementen gebildet worden seien, die nur ein Machtmittel in den Händen des Gouverneurs seien, um die Bevölkerung dem Willen des Gouverneurs gefügig zu machen. Von Bülow nannte dann den Namen des Panzerwagens, den die litauische Regierung in Memel zur Einschüchterung der Bevölkerung benutze. Seit Jahren liegen fortgesetzte planmäßige Eingriffe der litauischen Regierung gegen die Memelautonomie vor.
Unter der Gewalt Sounds
Das Verbot der Reife der Mitglieder des Landtags nach Genf fei ein deutlicher Beweis dafür, daß die litauische Regierung offensichtlich alles Interesse habe, den wahren Zustand im Memelgebiet zu verschleiern. Leider habe der Völkerbund es nicht für notwendig gehalten, sich für diese Frage zu interessieren. Völlig unhaltbar sei der gegenwärtige Zustand im Memelgebiet. Die finanziellen Beziehungen zwischen Litauen und dem Memelgebiet seien seit Jahren in Unordnung. Der Rat müsse jetzt also auch diese Frage in Ordnung bringen. Die Bildung des verfassungsmäßigen letzten Direktoriums fei nur unter dem Druck des Rats erfolgt. Obwohl das Direktorium vom Landtag gebildet worden sei, habe die litauische Regierung, ohne ein Verfahren einzuleiten, den Präsidenten des Landtags verhaftet, die Mitglieder ihres Amtes enthoben. Die Erklärung des litauischen Außenministers, daß Neuwahlen vorgenommen werden müßten, stelle einen neuen Bruch der Memel-Autono- mie vor. Er müsse in aller Form Verwahrung gegen diese Absicht einlegen.
Der Berichterstatter habe einen Bericht vorgelegt, in dem der Ernst der Lage im Memelgebiet und die Dringlichkeit der Abhilfe anerkannt werden.
Verletzung des Memelstatuks
In dem Vorgehen der litauischen Regierung liege zweifellos eine Verletzung des Memelstaluts. Die Weigerung Litauens, diese Frage der Entscheidung der höchsten Instanz w unterbreiten, flehe mit jedem Rechtsempfinden in Widerspruch. Abgesehen oavdn, daß die Haltung Litauens kein Beweis für die Richtigkeit der litauischen These zu sein scheine, müsse er entschieden Verwahrung gegen diese Haltung der litauischen Regierung einlegen. Dem Völkerbund komme nach Artikel 17 Absatz 1 des Statuts die Rolle eines Hüters des Statuts zu. Er sollte danach in der Lage sein, geschehenes Anrecht wiedergutzumachen, wenn der Artikel 17 nicht bloß ein Trugbild sein solle.
Die Voraussetzungen des Artikels 17 Absatz 1 liegen vor. Sollte infolge wirklicher und vermeintlicher Mängel des Statuts der Rat außerstande sein, die Aufgabe zu erfüllen, die ihm das Statut zuweist, mehr noch, sollte* er außerstande sein, eine Aufgabe zu erfüllen, die die Weltöffentlichkeit von ihm erwartet, die Erfüllung der Verträge zu gewährleisten, gefährdete Volksteile vor Entrechtung zu schützen, Rechtsbrüche wiedergutzumachen? Es hat keinen Zweck, daß wir uns über den Ernst der Lage täuschen. Wir haben einen ausgezeichneten Berichterstatter gewählt, der zur Beurteilung der vorliegenden Frage berufen erscheint und dem die hervorragendsten Juristen der Unterzeichnermächte zur Seite gestanden haben, die, wie wir wissen, die größte Mühe haben, der Sache Herr zu werden. Es ist ihnen offensichtlich nicht gelungen, und das ist nicht ihre
Warnung an den Völkerbund
Ich warne dringend davor, sich mit einem solchen Versagen des Völkerbundsmechanismus und des Memelstatuls abzufinden. Es hat keinen Zweck, daß wir die Auswirkungen eines derartigen Mißerfolges beschönigen. Wir würden damit weder uns noch die Oeffentlichkeit oder wenigstens die unmittelbar davon Betroffenen, die Memelländer, täuschen, wir dürfen uns aber nicht dabei beruhigen, daß es etwa bei einem solchen negativen Ergebnis sein Bewenden behalten kann. Das wäre für den Völkerbund fast ebenso niederschmetternd wie für die Memelländer, die so gut wie restlos der Willkür einer ihr nicht wohlgesinnten Obrigkeit ausgesetzt wären. Die vier alliierten Hauptmächte, deren Unterschrift dieses unzulängliche Memelstatut deckt, das sich in das Gegenteil ihrer Absicht verkehren läßt, haben eine schwere Verantwortung auf sich geladen. 3m Interesse des Friedens und des guten Einvernehmens zwischen den Völkern, im Interesse von Recht und Gerechtigkeit wende ich mich jetzt hier an die vier Unterzeichnermächte mit der Bitte, daß sie der Verantwortung Rechnung tragen, die sie über rammen haben und daß sie von ihren Rechten gegenüber Litauen Gebrauch machen,
Lttauilche Entgleisung
Auf die in der Form sehr abgewogene, sachlich aber sehr scharfe Rede des deutschen Vertreters erwiderte der litauische Außenminister Zaunius mit einigen Ausführungen, die seine völlige Unsicherheit klar erkennen ließen. Dies ging auch daraus hervor, daß er zum größten Befremden der Versammlung sogar die bei solchen Auseinandersetzungen übliche Form verletzte und dem deutschen Vertreter in einer Weise entgegentrat, die die einfachsten Gebote der internationalen Höflichkeit außer acht ließ, indem er die deut-
Zaunius protestierte dagegen, daß der Vertreter Deutschlands sich im Rate für die memetländische Bevölkerung einsetze. Die Sorge für das Wohlergehen dieser Bevölkerung liege allein den zuständigen Behörden in Litauen ob. Er protestierte auch dagegen, daß man der litauischen Regierung vorwerfe, daß sie sich gegen die Anerkennung der Rechtsprechung des internationalen Gerichtshofs wende. Die Behauptung des deutschen Vertreters, daß Litauen nicht das Vertrauen rechtfertige, das der Rat ausgesprochen habe, greife die Ehre Litauens an.
Die Stellungnahme der Siguatarmachte
Der peinliche Eindruck, den die Ausführungen des litauischen Außenministers machten, fand feinen Widerhall in dem darauffolgenden Ausführungen der Vertreter der Signatarmächte der Memelkonvention. Der Vertreter Großbritanniens Londonderry betonte nochmals die Notwendigkeit, daß in Litauen ein verfassungsmäßiges Direktorium gebildet werde und gab seinem Bedauern Ausdruck, daß der litauische Außenminister den Vorschlag, beim Haager Gerichtshof ein Gutachten über die Frage einzuholen, nicht angenommen habe. Er werde nicht verfehlen, seiner Regierung von der Anregung des Berichterstatters Kenntnis zu geben, daß die Signatarmächte sich mit der Angelegenheit befassen möchten. Der Vertreter Italiens Pilotti schloß sich den Ausführungen des englischen Delegierten an. In demselben Sinne sprach sich der Vertreter Japans Sato aus. Paul-Boncour schloß sich den Ausführungen der übrigen ^Vertreter der Sianatarmächte an. Bezüglich des Berichts regte er an, daß Litauen es bei der Aufnahme feiner Vorbehalte gegen die Punkte 5 und 6 (Feststellung der anormalen Lage in Memel und sofortige Berufung eines Direktoriums, das vom Vertrauen des Landtags getragen wird) in das Protokoll bewenden lasse, damit der Bericht als einstimmig angenommen gelten könne. Zaunius stimmte dieser Anregung zu. Nach einigen Bemerkungen des spanischen Delegierten de Madariaga, der es lieber gesehen hätte, wenn der Haager Gerichtshof nicht mit einer teilweise politisch gefärbten Tatsachenfeststellung betraut worden wäre, konnte der Ratspräsident die einstimmige Annahme der Entschließung des norwegischen Berichterstatters feststellen.
Die Vorschläge des Berichterstatters Colban bestehen in der vom Rat unter litauischem Vorbehalt genehmigten Form aus folgenden vier Punkten:
1. Gewissenhafte Einhaltung sämtlicher internationaler Verpflichtungen der für das Memelgebiet in Frage kommenden Bestimmungen.
2. Die Lage im Memelgebiet .ist außerordentlich ernst; dringende Maßnahmen zur Vermeidung jeder Verschärfung der Lage müssen sofort ergriffen werden..
3. Sofortige Bildung eines rechtmäßigen Direktoriums, das sich dem Landtag vorstellen und sein Vertrauen haben muß.
4. Klärung der Rechtsfrage, ob die Abberufung des Präsidenten Böttcher rechtmäßig war oder nicht, durch den Haager Gerichtshof.
Der Haager Gerichtshof hätte also folgende Fragen zu behandeln:
1. Haben die litauischen Behörden das Recht, und unter wel- , chen Umständen, das Direktorium des Memelgebiets abzuberufen?
2. In bejahendem Falle: haben die litauischen Behörden in dem vorliegenden Fall der Abberufung des Präsidenten Böttcher und der übrigen Mitglieder des Direktoriums entsprechend diesem Zecht
Der Haager Gerichtshof soll entscheiden
Rechtskabinett in Frankreich
Tardieu reift Mittwoch nach Genf.
Paris, 22. Februar.
Tardieu hat nach Mitternacht fein Kabinett gebildet. Es ist ein ausgesprochenes Rechtskabinett. Das Außenmini- fterium hat Ministerpräsident Tardieu selbst übernommen. Finanzminister blieb F l a n d i n, Innenminister wurde Senator Mah ieu (demokratisch-radikale Vereinigung). Ju- stizminister R e y n a u d (Demokratisch-soziale Aktion). Das neugebildete Ministerium für nationale Verteidigung, das die bisherigen Ministerien für Heereswesen, Kriegsmarine und Militärluftfahrt vereinigt, übernahm der linksrepublikanische Abgeordnete P i e k r i. Der frühere Ministerpräsident L a - v a l ist als Arbeitsminister in das Kabinett Tardieu eingetreten.
Das neue Kabinett tritt morgen vor das Parlament. Tardieu beabsichtigt, am Miikwoch wieder nach Genf ab- zureisen, um die Führung der französischen Delegation auf der Abrüstungskonferenz wieder zu übernehmen.
Die neue Delegation werde sich, nach einer Erklärung Tardieus, nicht wesentlich von der alten Delegation unterscheiden. Paul-Boncour werde der Delegation angehören.
Die Tatsache, daß Tardieu das Außenministerium übernimmt, beweist, daß sich außenpolitisch nichts ändern wird, und daß in der Reparationsfrage ein Frontwechsel vorläufig nicht zu erwarten ist.
Die Ministerliste
Die einzelnen Ministerien weisen folgende Besetzung auf: Ministerpräsident und auswärtige Angelegenheiten: Tardieu; Justizminister und Kontrolle der öffentlichen Verwaltung: Reynaud; Inneres: M ah ieu-, Finanzen: Ftanoin; RatwnAieHLkiewigung: Pietr.; Oestem- lichsr Unterricht: Mario Roustan; Pensionen und befreite Gebiete: Champetier d e R i b e s; Arbeit: L a v a l; Oeffent- liche Gesundheitspflege: Blaifot; Oeffentliche Arbeiten, Verkehrswesen und Handelsmarine: G u e r n i e r; Landwirtschaft: Dr. Chauveau; Handel, Post und Telegrafenverwaltung: Roll in; Kolonien: deChappede- l a i ne.
Dem neuen Kabinett, das sieben Mitglieder weniger zählt, als das vorausgegangene Kabinett, gehören u. a. an: ein Sozialrepublikaner und ein Unabhängiger, drei Mitglieder der Radikalen Linken, sechs Linksrepublikaner, zwei Mitglieder der Fraktion Franklin-Bouillon, ein katholischer Demokrat, zwei Mitglieder der Demokratisch-Sozialen Aktion (Fraktion Maginot) und zwei Mitglieder der Demokratisch- Republikanischen Union (Fraktion Marth).
Die Opposition
Das Kabinett Tardieu wird von der Presse der Mehrheit und von den großen Nachrichtenblättern mit Freuden begrüßt. Ein Teil der linksstehenden Presse nimmt das Ministerium Tardieu mit Resignation auf.
Einige radikale Blätter sowie vor allem auch der sozialistische „populaire" erklären jedoch, daß es sich um ein fiampftabinett handele und daß die Mehrheit des Senats dieses Ministerium als Herausforderung deuten müsse. Der Kampf der Opposition gegen das Kabinett gehe fort.
Die ernstlichen Bemühungne des Präsidenten der Republik um eine Entspannung haben also, wenn nicht alles trügt, dazu geführt, daß der Riß zwischen Links und Rechts statt verkleinert, noch vergrößert worden ist. (D. Red.).
Amerika und Kriegsschuldenproblem
Washington, 22. Februar.
Dem Vernehmen nach ist eine offizielle amerikanische Aeußerung zur Frage der Reparationen und Kriegsschulden in den nächsten Tagen zu erwarten. Die Genfer Abrüstungskonferenz wird in Washington sehr sorgfältig verfolgt.
Hindenburgwahl-Kuratorium
Berlin. Es hat sich ein Kuratorium der Hindenburg- ausschüsse gebildet, dem folgende Persönlichkeiten angehören:
Oberpräsident a. D. von Batocki, Königsberg i. Pr.; Franz Behrens, Vorsitzender des Verbandes ländlicher Arbeitnehmer, Berlin; Robert Bosch, Stuttgart; Geheimrat Duisberg, Leverkusen; General der Infanterie a. D. von Eisenhart-Rothe, Berlin; Forstrat a. D. von Escherich, München; Landrat a. D. Gereke (M. d. R.); Oberbürgermeister Dr. Sahm, Berlin; Oberst a. D. von Seißer, München; Reichsgerichtspräsident a. D. Simons, Berlin; Graf Westarp (M. d. R.)> Berlin; Freiherr von WilmowsH), Marienthal; Generalmajor a. D. von Winterfeldt, Berlin.
Das Kuratorium wird sich heute konstituieren und einen geschäftsführenden Ausschuß bestimmen, dem die Durchführung der Wiederwahl Hindenburgs obliegt.
Der Reichspräsident zur Washington-Feier.
Zum 200. Geburtstag von George Washington hat der Reichspräsident an den Präsidenten Hoover ein Telegramm gerichtet.