Dr. 43.
Umfelder Tageblatt
2. Blatt.
„Invictis Victi Victuri“!
Zum Volkstrauertag 1932.
„Vergiß die teuren Toten nicht," so hatte einst der Dichter der Freiheitskriege seinem Volke zugerufen. Und als dann der Wunsch naa) einem Gefallenengedenktag sich immer mehr und mehr geltend machte, bestimmte man den letzten Sonntag des Kirchenjahres dafür, den „Totensonntag", der dann allmählich zu einem allgemeinen Totengedenktag wurde, wie er es heute noch ist.
Ist es zu verwundern, daß jetzt nach dem Weltkrieg mit seinen noch viel größeren Opfern wieder der Wunsch nach einem besonderen Gedenktag der Gefallenen lebendig geworden ist? Und haben nicht unsere zwei Millionen Kriegs- gefallenen einen Anspruch auf ein besonderes Gedenken? „Reminiscere", d. h. „Gedenke", so ruft der heutige Pas- sionssonntag uns auch zu. Aber wie wollen wir gedenken?
In dem stillen Garten der Berliner Universität, unt rauscht von seinen köstlichen alten Bäumen, steht ein Denk mal für die Gefallenen der akademischen Bürgerschaft. In grauen Granit sehen wir dort das Bild des wieder 31 neuem Ringen erstarkten deutschen Helden. Rechts und link; flankieren je zwei hochragende Pylonen das Denkmal Gleich mächtigen Ausrufungszeichen stehen sie da, mit den Eisernen Kreuze geschmückt, ihre Flächen tragen die Namen der gefallenen Helden. Der Sockel der Hauptfigur abei trägt den SirMspruch: „Invictis Victi Victuri", d. h. den Un besiegten die zwar Besiegten, die doch die Sieger der Zukunft sein werden.
„Dies Kunstwerk ist ein Bild des deutschen Volkes. Du Entscheidung des unerbittlichen Schicksals hat uns zu der „Victi" gemacht. Wir haben uns vor dem Schicksal beuger müssen. Vor unsern unbesiegten Helden, vor den „Invictis" denen wir in deutscher Treue buldigen, deren unsterblicher Taten wir den Schutz, die Eryaltung der Heimat verdanken, bekennen wir uns in ihrem Geiste als „Victuri", wi> wollen, wir werden leben. Aber leben ist ringen, ist kämp- fen. Für uns, die wir leben wollen, ist es das Gebot: mit unsere Helden alle Kräfte aufbieten und anspannen im Daseinskampfe des deutschen Volkes, im Ringen um sein Recht um sein Leben. Kämpfen heißt es, um durch Siegen zu leben. Sieger wollen wir sein im Kampf gegen deutsche Zwietracht, gegen deutschen Parteihader und lähmenden Parteidoktrinarismus, Sieger wollen wir sein im Ringen geger das Ueberwuchern des Materialismus, gegen alles in uns was deutsche Kraft zersplittert und hemmt. Dann werden wir leben im Kreise der Völker an dem Platze, der uns nach unserer Geschichte, nach unserer Art gebührt."
Diese Worte aus der Weiherede für jenes Denkmal gelten auch heute noch mit unverminderter Kraft für unser ganzes Volk und seine Gefallenen. Furchtbar lastet noch immer auf dem deutschen Volk und Land der Fluch der Niederlage, der Selbsterniedrigung und erzwungenen Selbst- entehrung. Die Feinde haben es nur zu gut verstanden, wie man ein Volk seine Größe vergessen macht, indem man ihm durch stetige Beschuldigungen und Beschimpfungen, durch Entbehrungen und Entehrungen allmählich das Rückgrat bricht, so daß selbst das Andenken seiner Gefallenen in widernatürliche Selbstdemütigung verkehrt wird, die ganz ent- gegengesetzt ist dem, wofür sie einst kämpften und stürben. Und an dem Maße, in dem dies Widernatürliche immer noch anhält, werden wir immer am besten erkennen, wie weil wir noch entfernt sind von wahrhaft nationaler Genesung und Gesinnung, wie fern wir noch sind von der Wahrheit und Würde des Wortes: „Invictis Victi Victuri"!
Darum mehr wirkliche, ernste, „stolze" Trauer! Du, Mutter, denke mit aller Liebe und mit allem Stolz an dein Kind, du, Vater, an deinen Sohn, du, Frau, an deinen Gatten! Erschütterndes Leid ist es immer noch. Und denke daran, wie sie gestorben sind! Wir konnten sie nicht aus die Schultern heben und in die deutsche Heimat tragen, wir konnten ihnen nicht einmal einen Sarg geben . . . Aber in einen herrlicheren Schrein wollen wir sie heute bergen, in den Schrein des deutschen Herzens. Wir suchen sie heute nicht in den Gräbern da draußen, wir wissen sie in den Herzen drinnen. Das soll uns ein Trost sein!
Freilich, manchmal möchte es fast scheinen, als ob es nicht mehr so ist, als ob unsere Jünglinge, unsere Töchter und Frauen nicht mehr wissen, was uns der Kampf und der Friede gekostet hat. Dann ist für uns die Stunde ge- kommen, wo wir die Särge öffnen und einem undankbaren Volk unsere Toten, ihre Wunden und ihre Schmerzen zei- aen müssen. Dann müssen die Gefallenen den schwersten Kampf kämpfen, den Kampf gegen das eigene Volk, das die Wunden des Krieges nicht mehr in feiner Seele und in seiner Gesinnung tragt.
Das soll uns zur Treue mahnen. „Gedenket" der Toten und ihrer Treue, aber auch der eigenen Treue. „Die Treue steht zuerst, zuletzt im Himmel und auf Erden, wer aanz die Seele drangesetzt, dem kann die Krone werden. Gedenket in dieser doppelten Passionszeit aber auch des größten Treuen, der für uns ans Kreuz und in den Tod ging. Laßt uns unser Leid zusammendenken und tragen mit seinem Leid. Darf es dann noch so viel Mißmut und Murren, Hader und Streit geben? „Die Marterwoche laß still vergehen, dein Heiland wird schon auferstehn." Dann wandelt sich unsere Trauer 8» Trost und Treue.
Dann wird schließlich aus der Treue auch das aller- wichtigste kommen, die Tat. Dann ist der heutige Tag, der den Gefallenen unseres Volkes gilt, nicht bloß ein Tag der Trauer und der Tränen, des Trostes und der Treue, sondern auch ein Tag quellenden Lebens, neuer Hoffnung, neuer Aufgaben. Sie haben ihr Werk getan, wir müssen das unsere noch tun. Sie sind gestorben, wir müssen leben! Wertlos blieb das Vergangene, wenn in ihm nicht Kräfte lägen für die Zukunft, tot bliebe das Gedächtnis, wenn nicht in ihm wäre lebendiges Gelöbnis für das Kommende. „Victi", Besiegte, blieben wir für immer, wenn wir uns nicht durch die „Invicti", die unbesiegten Gefallenen, machen ließen zu „Victuri", lebendigen Siegern der Zukunft.
Volks t r a u e r, Volks treue, Volks t a t! So wollen wir unserer Gefallenen gedenken!
Reinhold Michaelis-Berlin.
Der Kriegsblinde
Ich gab dir so unendlich viel, Mein Heimatland.
Der Feind nahm mein köstlichstes sich zum Ziel Mit frevler Hand.
Das goldne Schlürfen, das heil'ge Schau'n, Des Lebens Sinn
Ist all versunken in Nacht und Grau'n Dahin, dahin! —
And doch — wie leuchtet so glücksbewußt Mein Angesicht,
Sie gaben jauchzend die junge Brust, Ich gab das Licht.
And seherisch schau ich des Vaterlandes Dereinstige Macht;
Dann sonnt es mit seinem Ruhmesglanz Durch meine Nacht.
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Einer von zwei Millionen
Erinnerung zum Volkstrauertag.
Von Mario Heil.
Volkstrauertag. — Im Getriebe des Alltags besinnen wir uns einen Augenblick der vielen, die einmal um uns waren, und die plötzlich, unerwartet, von der Bühne dieses Lebens, auf der wir alle nach besten Kräften unsere Rolle darzustellen haben, abtraten — ohne Gruß — ohne ein letztes Wort, das Menschen miteinander verbindet, auch auf die weitesten Entfernungen hin.--
Ich krame in alten Briefen und Erinnerungsstücken. Ein kleiner Zeitungsausschnitt fällt mir in die Hände. Irgend etwas darauf ist rot angestrichen — mitten in der Sterbechronik. Es sind ganz kleine, bescheidene Zeilen. Hier sind sie alle brüderlich beisammen, die im Leben nichts miteinander gemein hatten — die Toten einer großen Stadt. Jetzt fällt es mir wieder ein: Egon ist tot.
Er war Student gleich mir, war ein blonder, verwegener Gesell, der sich nur auf Skibrettern wohl fühlte oder an den steilen Flanken der Schweizer Berge. — Ich weiß nicht, woher er die Mittel nahm, aber er war immer draußen, und wenn er wiederkam, konnte ich dem wettergebräun- ten Gesellen sekundenlang, wie einem Mädel, in die hellen Augen schauen, und es war mir stets, als habe er ein Stückchen Alpenhimmel in mein Studentenzimmer gebracht. Dann schalt ich tagelang über mich und nannte mich einen elenden Stubenhocker, der im Staub der Steinwüste verkümmert.
Jetzt ist mir, als verbleichten die satten Tapeten und die breite Gemütlichkeit um mich herum, als verlören die Möbel Politur und Farbe, und ein frischer Windzug fege durch die Stube. Es ist wieder Inflationszeit in Deutschland, und wir wohnen im Studentenheim, Egon und ich. Wir Hausen mit zwei anderen in einem kunstvoll verklebten Verschlag, den man an das überfüllte Heim angebaut hat.
Im Winter muß es hier bitter kalt sein, und der Sturm wird durch alle Fugen pfeifen; aber es ist ja Frühling und schon so warm, daß wir nachts die Fenster offen lassen.
Die beiden anderen sind eifrige Gesellen. Sie Hocken den ganzen Tag in der Alam mater und schaffen noch spät in die Nacht hinein. Werkstudenten. Der eine von ihnen hat Bergmannsarbeit getan in den Ferien. Er ist bleich und hüstelt oft, seine Augen flackern unstet wie verlöschende Talglichte. Von Zeit zu Zeit holt er ein unscheinbares Bild aus der Brieftasche — dann lächelt er, vergißt minutenlang seine Bücher, zündet sich eine billige Zigarette an und blickt verloren in den Dunst. Ich fühle deutlich, wie er Luftschlösser baut, gigantisch und stolz. Egon sitzt neben mir und liest aus einem Buche von Hermann Löns. Ich weiß, er hat es schon dreimal gelesen; er hat sie vielleicht schon allesamt so oft gelesen — denn Egon hat Löns gekannt und hat die gleiche Kompagnienummer am feldgrauen Rock getragen wie Löns und ist mitgrstürmt bei Langemarck — dem blutenden Opfermal der deutschen Jugend.
Jetzt liegen wir alle in den übereinandergebauten Betten und haben die Lichter ausgemacht. Ein feiner Duft weh: vom Fenster her. Da draußen auf dem Bauplatz blüht eir Holunderbusch; ich denke an die schweren Wagen, die heut« mittag hier vorfuhren und Backsteine ausspien. Und plög- lich tut mir der Holderbusch leid, und ich sauge sehnsüchtig feinen süßen Duft ein.
Jemand rüttelt mich an der Schulter. Ich fahre hoch Da steht Egon mit den beiden Werkstudenten und hält eint verwitterte Klampfe in der Hand. Was mag er vorhaben? Er antwortet nicht auf meine Frage. Aber plötzlich ist auch mir, als müßte ich dies kahle Zimmerchen fliehen und den süßen Holunderduft da draußen ganz nahe einatmen.
Ein weiter blaßgrüner Rasen dehnt sich hinter unserem Verschlag. Am Tage laufen und springen sehnige Gestalten darüber^hin, der Lederball fliegt federnd in die Höhe, und lautes Siegesgeschrei oder die Pfeife des Schiedsrichters schrillt zu uns herüber, — aber jetzt liegt die Ruhe der Nacht darüber, und der große blanke Silbertaler da oben hat sein Licht gespenstisch darüber verteilt. — Wir sind Egon schweigend gefolgt, schon liegt unser Verschlag wie eine schwarze Silhouette weit hinter uns. Egon geht gerade auf den großen silbernen Mond zu. — Wir atmen den Duft des taufrischen Grases, und die braune Erdkrume gräbt sich tief tu unsere Sohlen.
Dann sitzen wir alle auf einem kleinen Schuppen, und Egon spielt, spielt, wie ich seitdem nie wieder spielen hörte Lieder, wie das Rauschen der Aehren, wie das Rieseln des Waldbaches, Lieder, durch deren Klänge die rote Erika blüht. Lönslieder! Voll Treue und Wehmut sind sie alle, und überall klingt ein silberhelles Mädchenlachen dazwischen. — Egon steht steil im Silberlicht. Wir haben die Köpfe auf die Knie gestützt und sehen ihn nicht mehr — und jetzt ist uns, als hätten wir alle Schwerkraft verloren, die uns an diese Erde bannt, als öffne sich uns eine sehnsüchtige, zauberische Welt . . . und Egon spielt:
-............ ■ . ES- blühen die Rosen, die Nachtigall singt, mein Herz ist voll Freude, vöt-Freude-es springt_________
Und er singt von der schönen lachenden Welt. — .
Dann steht er da, wie ein übermütiger Junge, hat die Klampfe geschultert und ruft lachend: „Das ist das schönste Lied, das es gibt! Das haben wir bei Langemarck gesungen, und das Deutschlandlied haben wir auch gesungen, als der Knochenmann im Stahlhelm zu uns kam . . und mich hat er vergessen, ich war mit 17 zu jung zum Sterben!"
Ich starre noch immer auf das kleine Stück Papier vor mir. Wir erfuhren es alle erst viel später: Eine Gasvergiftung vom Felde hatte einen giftigen Keim in Egon zurückgelassen. Während der Ferien war er stets in ein Sanatorium in die Schweiz gefahren — und einmal war er nicht mehr wiedergekehrt.
Das waren seine vielbeneideten, sonnigen Alpenfahrten gewesen.
Volkstrauei t ig
Millionen Narben trägt die Mutter Erde, Millionen Gräber, tausendmal beweint.
Was sie behüten? — Helden — Menschenbrüder, die ein Gedanke, eine Sehnsucht eint:
Wir haben damals unser Blut vergossen And wurden Boden, dem ein Reis entsprossen.
And dieses Friedensreis braucht Geisteslicht, das dumpfen Haß nicht kennt, das warm in Liebe brennt, ohn' dies gedeiht es nicht!
Millionen Gräber warten noch auf jene Stunden, in denen wir.
die wir heut' schmerzgevuasen, das Licht des Heils für jenes Reis entfacht.
Dann wird es Tag nach bitter langer Nacht.