Hersfel-er Tageblatt
Anzeigenpreis,: Die einspaltige 45 mm breite Petitzeile 15 Pfg., die Reklamezeile (90 mm breit) 50 Pfg. (Grundschrift Korpus). Bei Wiederholungen wird entsprechender Preis-Nachlaß gewährt. & Für die Schriftleitung verantwortlich: Franz Funk in tzersfelb Fernsprecher Nr. 608.
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfelö
Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen • 1.35 ReichS-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für tzerSfeld 1.10 ReichS-Mark bet freier Zustellung, für
Abholer 1.00 Reichs-Mark.
Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in HerSfeld, Mitglied des VDIB.
Nr. 35
Donnerstag, den II. Februar 1932
■i
82. Jahrgang
Das Beispiel ist gegeben!
Italien fordert in Genf auf Grund des Friedensdittats Abrüstung nach deutschem Muster
Italiens Belenntuir
Deullchlands Forderung ist berechtigt
Genf, 10. Februar.
Der italienische Außenminister Grandi hielt in der Abrüstungskonferenz eine aufsehenerregende politische Rede, in der er mit ungewöhnlicher Offenheit und größter Entschiedenheit Aufhebung der Ungleichheit des Rüstungsstandes zwischen Sieger- und besiegten Staaten des Weltkrieges fordert und die schwer gerüsteten Großmächte auffordert, die im Versailler-, im Völkerbunds- und im Locarno-Vertrag über nommenen Verpflichtungen jetzt endgültig vollständig durch- zuführen, da dies der einzige Ausweg aus der gegenwär- tigen katastrophalen Lage der Welt ist 3n langen, rein politisch gehaltenen Ausführungen trat Grandi mit großer Schärfe der französischen Sicherheitskhese und Gewaltpolitik entgegen, die er als die großen Gefahren der Zukunft bezeichnete. Grandi führte dann u. a. weiter aus: Seit zehn Jahren drehen sich die Verhandlungen um die ewige Frage, ob die Sicherheit der Abrüstung vorausgehen solle, oder umgekehrt. Taten beweisen jedoch, daß es ohne Abrüstung keine Sicherheit gibt.
Seit dem Ende des Krieges hat ein Wettrüsten ohne» gleichen eingesetzt. Die Heereshaushalte in allen Ländern [inb ins Uferlose angewachsen. Während im Jahre 1925 bie Rüstungsausgaben der Staaten noch M Milliarden be- trugen, sind sie im Jahre 1930 auf über 4 Milliarden gestiegen. Das Wettrüsten hat merkwürdigerweise gleichzeitig mit ^mAusbau, des ant .Lern Abschluß
des Locarno-Vertrages, des Kellogg- und des allgemeinen Schiedsgerichtsvertrages eingesetzt. Hieraus geht deutlich hervor, daß der Ausbau von Sicherheitsgarantien allein weder das Wettrüsten aufhält noch das System des bewaffneten Friedens beseitigen kann.
Dieses System kann nur durch die unmittelbare Herabsetzung der Rüstung überwunden werden. Der Reichskanzler Brüning hak bereits darauf hingewiesen, daß der praktische Werk der Sicherheiksabkommen von den Ergebnissen dieser Konferenz abhä^zt. Die italienische Regierung schließt sich voll dieser Auffassung an.
Die kriegerischen Ereignisse im Fernen Osten sind weniger eine tragische Ironie als eine ernste Warnung. Der Augen- blick der Entscheidung ist eingetreten. Jede militärische Ueber« legenheit führt zwangsläufig zu einem schweren Druck auf die internationalen Beziehungen. Es ist irrig, anzunehmen, daß eine militärische Ueberlegenheit gleichbedeutend mit Gerechtigkeit ist. Im Gegenteil verdunkelt die militärische Macht den Sinn für Gerechtigkeit. Das Vertrauen auf die Gerechtigkeit schwindet infolge ständiger Forderungen.
Aufgabe der Konferenz ist es, die Gerechtigkeit zu stärken und nicht, die Gewalt zu rechtfertigen.
Die Methode der Gewalt ist die für den Frieden denkbar gefährlichste. Wenn die Konferenz wirklich den Frieden schaffen will, so darf sie sich keinen Illusionen darüber hingeben, daß ein dauerhafter Frieden nur auf Gerechtigkeit aufgebaut werden kann. Es ist eine außerordentlich gefährliche Auffassung, die zuerst Frieden und dann Gerechtigkeit schaffen will. Der Friede ist nicht ein blinder Glaube oder leeres Ideal. Wenn man weiter wie bisher eine Politik der Rüstungen, der nackten Ichsucht und des Unverständnisses gegenüber den wahren Strömungen der Zeit zeigt, so muß der Frieden zusammenbrechen. Der Chef der italienischen Regierung hat bereits die italienische Abrüstungspolitik scharf Umrissen:
Gleichheit des Rechts für alle Staaten und Herabsetzung der Rüstungen auf ein Mindestmaß. Die Friedensver- lräge bestimmen eindeutig, daß die einzelnen Staaten auferlegten Bestimmungen nur den Beginn der allgemeinen Abrüstung bedeuten. Diese Bestimmungen bezwecken nicht, für diese Staaten eine Lage ständiger Unkerlegenheit zu schaffen, sondern nach der feierlichen Erklärung des Präsidenten der Versailler Friedenskonferenz sind sie nur der erste Schritt zu einer allgemeinen Abrüstung und Beschränkung der Rüstungen.
In Versailles wurde somit keineswegs eine Verpflichtung Zwischen zwei Gruppen von Staaten eingegangen, sondern es handelt sich um eine Verpflichtung der Sieaerstaaten gegenüber sämtlichen übrigen Mächten. Der Teil 5 des Ver- fainer Vertrages bietet ein nicht außer acht zu lassendes Beispiel, wie eine Beseitigung der schärfsten Kriegswaffen möglich ist. Teil 5 gibt damit der Konferenz das praktische Beispiel, was im Geiste des Völkerbunds- und des Kellogg- Vertrages auf dem Gebiete der Abrüstung getan werden muß. Die italienische Regierung ist bereit, auf dieser Grundlage die Abrüstungsfrage in Angriff zu nehmen. Sie ist weiterhin bereit, Verhandlungen über den Beitritt Italiens zu dem Washingtoner und Londoner Flottenabkommen, die übrigens niemals abgebrochen wurden, weiterzuführen. Eraubi entwickelt« sodann folgend«» <
praktische Programm
1. Abschaffung der großen Kampfschiffe, der Unterseeboote und der Flugzeugmutterschiffe;
2. Abschaffung der schweren Artillerie und der Tanks;
3. Abschaffung der Bombenflugzeuge;
4- Abschaffung aller chemischen und bakteriologischen Angriffswaffen;
5. Revision der internationalen Bestimmungen für einen vollständigen und wirksamen Schutz der Zivilbevölkerung.
Grandi betonte sodann, daß die militärischen Großmächte, die die Verantwortung hätten, als erste auf alle Angriffswaffen verzichten müßten. Ein derartiger Beschluß würde der erste entscheidende Schritt auf dem Wege der allgemeinen Abrüstung sein. Grandi stellte abschließend fest:
Die bestehenden internationalen Verpflichtungen haben einen unabweislichen Rechtscharakter. Für die Wächte gibt es nicht den geringsten Grund mehr, sich diesen Verpflichtungen zu entziehen. Der Versailler Vertrag hat die Wächte auf diese Konferenz geführt. Die Bestimmungen dieses Ver- träges müssen jetzt durchgeführt werden. Zwei schwere drohende Gefahren lasten auf der Welt: das Wettrüsten und die Wirtschaftskrise. Wehr als je müssen daher alle Wen- schen an die Sache der Abrüstung glauben und müssen ehrlich eine Lösung dieser Frage anstreben, hinter ihnen steht die öffentliche Meinung, die machtvolle und instinktive Zusammenarbeit aller der Völker, die heute leiden, warten und hoffen.
Die Wirkung der Rede de» italienischen Außenministers war sehr stark. Wiederholt wurden seine Ausführungen, die er in französischer Sprache vortrug, von der Versammlung mit Beifall unterstrichen, insbesondere die Stelle, wo Grandi die praktischen Abrüstungsvorschläge der italienischen Regierung zur Kenntnis brächte.
Nach Grandi sprach der
Javaner Matsudeira
der bemerkte, trotz der unglücklichen Lage in Ostasien sei Japan so entschieden wie je dazu entschlossen, die Sache der Abrüstungskonferenz zu fördern, und es habe seine Vertreter zu dieser Konferenz entsandt, damit sie mit allen Mächten am Zustandekommen einer Vereinbarung arbeiteten, durch die die Rüstungen wirksam beschränkt und herabgesetzt wer- könnten. Die Regierung und das Volk in Japan verfolgten diese edle Aufgabe mit dauerndem Interesse. Die Frage der Abrüstung, so fuhr Matsudeira fort, stehe in innigem Zusammenhang mit der Frage der nationalen Sicherheit. Die letztere Frage müsse auf Grund der besonderen Umstände jedes Landes, seiner geographischen Lage, seiner politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse betrachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdiene die Heeresstärke und die politische Lage der Nachbarländer. Vernachlässige eine Regierung ihre internationalen Verpflichtungen, so stelle das eine ständige Bedrohung dar.
Maffudeira machte geltend, daß die japanischen Streitkräfte in einzelnen Waffengattungen hinter der westeuropäischen Entwicklung nicht sehr weit zurück feien. Eingehender erörterte er das Flottenproblem, wobei er die Hoffnung aussprach, daß ein umfassendes Abkommen aller hier vertretenen Mächte auf einer gerechten und vernünftigen Grundlage zustande kommen werde.
Wenn Japan konkrete Vorschläge machen solle, so trete es für die Einschränkung der Größe der Schlachtschiffe und der Geschützkaliber ein. Außerdem befürworte es die Verkleinerung der Flugzeugmutterschiffe, da nach japanischer Auffassung deren Verwendung in höchstem Waße aggressiv sei und der Bau ungeheuere Kosten verursache. Japan sei auch bereit, die Möglichkeit ihrer völligen Abschaffung zusammen mit dem Verbot der Ausrüstung von Schiffen mit Katapultvorrichtungen zu prüfen. Der Abschaffung der Unterseeboote stimmte der japanische Delegierte nicht vorbehaltlos zu. Den Vorschlägen über das Verbot von Luftbombardements und der Verwendung von Giftgasen und Bakterien stimme Japan jedoch vollkommen zu.
In der Reihe der Redner, die bisher gesprochen haben, wurde die französische These heute zum erstenmal unterstützt von dem polnischen
Aubenmiuister Zalesli
Er begann mit einem Hinweis auf die geschichtliche Entwicklung und die geographische Lage Polens, die bekanntlich in dem polnischen Memorandum vom 14. September 1931 als Begründung für die Aufrechterhaltung des polnischen Rüstungsstandes angeführt wird. Insbesondere müsse durch besondere Bestimmungen noch dem Potentiel de guerre Rechnung getragen werden. Außerdem sei es notwendig, die militärischen Organisationen stärker zu erfassen. Er behauptete, daß es Länder gebe, die für militärisch organisiert« Verbände ebensoviel Ausgaben machten, wie für die Heeresaufwendungen im engeren Sinne.
3m weiteren Verlauf feiner Ausführungen traf Zalefki im Sinne des französischen Memorandums für die Schaffung eines organisierten internationalen Sicherheits- und San?- lionssystems ein und verbreitete sich zum Schluß ausführlich über die moralische Abrüstung.
Die Debatte wurde nach der Rede Zaleskis auf Don- E^rstag vormittag &v>
Rom übernimmt bie Führung
(Von unserem Genfer L.-Sonderberichterstatter.)
Genf, 10. Februar.
Grandi, der jüngste Außenminister Europas, hat sich mit seiner Abrüstungsrede an die vorderste Stelle der Staatsmänner der Welt geschoben. Amerika wollte nicht die Führung der Abrüstungsfreunde gegen die französische Ab- rüstungssabotage übernehmen. Nur ungern beteiligen sich die Vereinigten Staaten überhaupt an Konferenzen, die vom Völkerbund ausgehen und die ihre Einsetzung dem Versailler Diktat verdanken. Deutschland konnte nicht die Bildung einer Front gegenüber Frankreich unternehmen. Zu groß sind Deutschlands wirtschaftliche, finanzielle und innerpoli- titoe Sorgen. Zudem hat ein entwaffneter Staat gegenüber bis an die Zähne gerüsteten Ländern kaum die Autorität, die zu einer führenden Stellung gerade im Abrüstungs- kampf gehören würde. Italien hat sich in der Weltwirtschaftskrise leidlich behaupten können. Es verfügt über eine ansehnliche militärische Macht. Seine Nation, vor allem seine Jugend, zeigt einen bewundernswerten nationalen Selbsterhaltungswillen.
Das alles berechtigte Grandi, sich offen und energisch für ehrliche Abrüstung auszusprechen und die Frontbildung gegen Frankreich und seine Vasallen zu übernehmen. Alles, was Grandi aussprach und zur Forderung erhob, steht im Widerspruch zur französischen Äbrüstungsthese und im Einklang mit der derttschen Auffassung. Grandi forderte Gleichberechtigung Deutschlands in der Rüstungsfrage. Er wandte sich gegen den Satz „über Sicherheit zur Abrüstung" und setzte an seine Stelle die Forderung „durch Abrüstung zur Sicherheit". Frankreich will den gegenwärtigen Rüstungsstand im wesentlichen erhalten und art bie Stelle bet lLbrü\tuna eine Umrüstung treten lassen. Der Völkerbund soll die Waffen des Angriffskrieges übernehmen. Diese sollen nach dem französischen Vorschlag von den gerüsteten Staaten für Rechnung oes Völkerbundes geführt werden. Deutschland hätte also mit den anderen Völkerbundsstaaten Frankreichs schwere Geschütze und Bombengeschwader zu finanzieren! Ein feiner Plan!
Demgegenüber verlangt Grandi völlige Abschaffung aller für den Angriffskrieg in Frag« kommenden Waffenarten zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Er will nichts von einer Sophistik der Abrüstung wissen. Das Entwaffnungsschema des Versailler Diktats soll das Entwaffnungsschema der Welt werden. Zum ersten Male ist hier von einem Staatsmann der früheren alliierten und assoziierten Mächte das Versailler Diktat positiv ausgelegt worden, während es bisher 13 Jahre lang nur dazu herhalten mußte, Deutschland zu fesseln und jeder Bewegungsfreiheit zu berauben. Grandis Rede war mehr als die Darlegung des italienischen Standpunktes. Sie hatte selbst politische Bedeutung und historisches Format. Stürmisch war der Beifall bet seinen Freunden, bei den Engländern, den Amerikanern, den Deutschen und zahlreichen anderen Delegationen, während die französische Gruppe sehr betreten dasaß.
Nach der Rede Grandis kann von einem Uebergewicht der Franzosen auf der Abrüstungskonferenz zunächst nicht mehr gesprochen werden. Den Vorsprung, den ihnen die Veröffentlichung ihrer Vorschläge und die Rede Tardieus gab, hat Grandi wieder wettgemacht. Dafür sowie für das offene Eintreten für die volle Gleichberechtigung der Deutschen gebührt ihm Dank und Anerkennung auch von deutscher Seite. 6a war eine Selbstverständlich^eit, daß unter den vielen Delegationsführern, die Grandi vor aller Augen beglückwünschend die Hand schüttelten, sich auch der deutsche Delegationsführer von Nadolny befand.
Die Abrüstungsrede des japanischen Vertreters war kurz und entbehrte naturgemäß nicht eines peinlichen Beigeschmacks. Zalefki, der vor ziemlich leeren Bänken sprach, bekannte sich als Vasall Frankreichs. Er ist bisher der einzige Delegierte gewesen, der sich mit den französischen Vorschlägen vollkommen identifizierte. Das eisige Schweigen der Versammlung über seine in unwahrscheinlich schlechtem Französisch vorgetragenen Nadelstiche gegen eine auf der Konferenz vertretene Großmacht hat Herrn Zalefki vielleicht belehrt, daß er mit solchen Ausführungen keinen günstigen Eindruck zu erwecken vermag.
Sonflitt zwischen London und Moskau
Vor Abbruch der Handelsbeziehungen?
Moskau, 11. Februar.
Es laufen Gerüchte um, wonach die britische Regierung beabsichtigen soll, das Handelsabkommen mit der Sowjetunion alsbald zu kündigen.
Von russischer amtlicher Seite wird dazu erklärt, daß eine amtliche Mitteilung darüber bisher weder bei dem russischen Botschafter in London noch bei dem Außenkom- missar eingelaufen sei. Falls sich die britische Regierung zu einem solchen Schritt entschließe, wäre die Sowjetregierung gezwungen, entsprechende Aenderungen ihrer Warenauf» trage vorzMhmell. . » . \