Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 33
Dienstag, den 9. Februar 1932
82. Jahrgang
Frankreich besteht auf Versailles
Beginn der Generalaussprache auf der Abrüjtungskonserenz — Paris «nd London in schroffem Gegensatz
Kikeriki und Regenwurm
Es war einmal ein stolzer Hahn, der fand auf der
Wiese, die er eigentlich nicht betreten durfte, einen Regenwurm, der sich mühte, einen Unterschlupf zu finden. Diese Bewegungen des Regenwurms faßte unser Hahn als Bedrohung seiner Sicherheit auf und fraß ihn zur Hälfte. Dann erhob er ein großes Geschrei und lockte all seine Hühnerfrauen herbei, um ihnen zu erzählen, in welcher Gefahr er und sie sich angesichts dieses verstümmelten Regenwurms befänden. Ein Fuchs versuchte, den Streit zu schlichten. Der Hahn aber erklärte unter Hinweis auf eine ihm ausgefallene bunte Schwanzfeder: Bisher lebte ich ruhig und sicher auf meinem Hofe. Seitdem ich aber weiß, daß auf dieser Wiese in unmittelbarer Nachbarschaft meines Hofes dieser Regenwurm kümmerlich sein Leben fristet, seitdem ist es mit meiner Ruhe und Sicherheit aus
Das ist ein lächerliches Märchen u/d doch kein Märchen.
Am Montag hat in Genf die große Uussprache auf der Abrüstungskonferenz begonnen. Sie 'Hl bekanntlich die Frage: Sicherheit durch Abrüstung oder Rüstung zur Sicherheit klären. An erster Stelle sprach der englische Außenminister Sir John Simon. Er setzte sich entschieden für die Abrüstung ein, wobei er auf die rüstungspolitische Ungleichheit der Staaten hinwies und der französischen These entgegentrat, daß der Friede der Welt durch Vorbereitung für den Krieg gesichert werden müsse. Die Rüstungs- ungleichheit muß auch nach englischer Auffassung bei den Staaten, die abgerüstet haben, immer mehr das Gefühl der Bedrohung durch den Nachbar stärken? Er nannte Rüstungen „das Symptom eines pathologischen Zustandes" und bezeichnete es als Aufgabe des Völkerbundes, die Welt von b-er -XL?
„21 brrrstungsvorschläg e", die bekanntlich die schas- funa eines Völkerbundsheeres als Voraussetzung für tue Organisierung der allgemeinen Sicherheit fordern, ging bei englische Vertreter nicht näher ein. Andererseits aber sieht er in dem von der vorbereitenden Abrüstungskonferenz ausgestellten Konoentionsentwurf eine Verhandlungsgrundlage. Nach seiner Meinung gebe es nur zwei Wege, eine wirttiche Rüstungseinschränkung Herbeizufuhren, nämlich entweder Höchstgrenzen der Rüstungen festzusetzen, oder aber gewisse Waffen und Kriegsmethoden durch internationale Vereinbarungen zu verbieten.
Dann bestieg der französische Kriegsminister T a r di e u die Tribüne. Von Tardieu wissen wir aus seinem Buche La Pair", im übrigen aber durch seine Taten nach dem Kriege, daß er als getreuer Mitarbeiter Clemenceaus in Ver- failles die völlige Vernichtung Deutschlands erstrebte. Es ist ein Unding, von ihm zu erwartn oder zu verlangen, daß er in der Abrüstungsfrage «wen Standpunkt einnähme, der der deutschen Forderung auf Gleichberechtigung entspricht. Er ist deshalb auch sofort dieser Forderung entgegengetreten, indem er erklärte, Gleichberechtigung ei nicht gleichbedeutend mit Gleichmacherei Jm übrigen spielte er die Rolle des f r a n z ö s i s ch e n K i k e r i k i heroorra- gend. Er verwies dabei auf eine Erklärung, die im >.sishee 1919 von Großbritannien und den Vereinigten Staaten über die ungenügende Sicherheit Frankreichs abgegeben wurde Er vergaß aber zu bemerken, daß diese Erklärung protokollarisch nicht festgehalten worden ist und daß Amerika es damals wie auch später entschieden abgelehnt hat, eine Be- drohung Frankreichs anzuerkennen und deshalb eine Ga- rantie für feine Sicherheit zu übernehmen. Was sonst Tar- dieu vorbrachte, war nichts anderes, als was seit Wochen und Monaten in der französischen Presse systematisch propagiert wurde, nämlich die These von Frankreichs Opfern für den Frieden und von dem Umfang der bisherigen fran- aöfiidien Abrüstung im einzelnen nochmals auseinanderzu- legen. Frankreich hat, wenn man den Worten Tardieus glaubt, immer für den Frieden gearbeitet Deshalb versucht es offenbar auch eine besondere Auslegung des Ar tikels 8 des Völkerbundpaktes in dem Srrme, daß nicht s sehr die Abrüstung als vielmehr die S i ch « r h e l Marin gefordert werde. Zur Begründung feiner We glaubte Frankreich, auf die „drei Invasionen auf Frankreichs Boden" in hundert Jahren verweisen zu sollen. Er hat die Zeitgrenze leider etwas enge gezogen, ganz ^gesehen von, daß er von „Invasionen spricht, die Frankreich। ü oder weniger selbst verschuldet Hat- Stamms die zahlreich Ruinen am Rhein und in der Pfalz auch von "^asi , nen auf Frankreichs Boden"? Tardieu vergaß, R ich lieus Expansionspolitik, Ludw'gs XIV und Napoleons Eroberungspol11lk in Vergleich 3 stellen mit jener Politik, die auf Sicherheit der Grenzen aus Die Gleichberechtigung der Völker und auf die Festig g des Friedens gerichtet ist. Er vergaß ferner, an die „f lichen Taten" des französischen Reitergenerals J i la z erinnern, besten Mordbrennereien in den Ru des Heidelberger Schlostes ein ewiges „Kulturdenkmal g funden haben.
Es ist ein blutiges Märchen das vom Kikeriki und Regenwurm, das sich heute, wo die Taten von 3abrh derten und der letzten zehn Jahre offen vor aller Welt sie gen, ernste Staatsmänner in Genf mit ernsten Mienen er zählen. Aber nicht daraus die Folgerung ziehen. Wie ^ann der zerschundene und zertretene deutsche Regenwurm
den französischen Hahn mit all seinen Vasallenhühnern bedrohen? Und doch tut man so in Genf, als bestünde allen
Ernstes eine solche Möglichkeit. Man müßte an der Vernunft der Menschen verzweifeln, wenn nicht endlich doch einmal die Einsicht sich durchsetzt und jenen Völkern ein entschiedenes Halt gebietet, die in Wahrheit auch den letzten Krieg entfacht haben und heute, da sie als „Sieger" gelten, sich für ihre Vernichtungspolitik von den besiegten Völkern Sklavendienste leisten lassen. Frankreich mag heute noch der Ueberzeugung sein, daß seine militärische Ueberlegenheit und seine finanzielle Macht imstande sind, die Welt zu regieren. Es soll sich nicht täuschen. So sehr die Völker aufeinander angewiesen sind, um wirtschaftliche Wohlfahrt und kulturellen Fortschritt zu sichern, so wahr ist aber auch die jahr- . Hundertealte Erfahrung, daß ein Volk, das sich gegen die Natur- und Kulturrechte anderer Völker versündigt, dem Zorn der gefolterten Menschheit zum Opfer fällt.
W* über die r T j
Genf. 8. Februar.
Die allgemeine Aussprache der Abrüstungskonferenz wurde am Montagvormittag eröffnet. Der Sitzungssaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Aussprache eröffnete der englische Außenminister
Sir 3o6n Simon
Er führte folgendes aus: Die Unterzeichnerstaaten des Der- sailler Vertrages hatten damals nicht angenommen, daß die erste Abrüstungskonferenz erst im Februar 1932 zusam- UMMtLÄe die blutigen Wunden üssen waren, l^r der Wunsch nach einer unverzüglichen Beseitigung des Risikos eines neuen Konfliktes durch Herabsetzung der nationalen Ru- stungen allgemein. Aber die Schwierigkeiten waren so groß, daß es erst jetzt möglich gewesen ist, an die Arbeit zu gehen Vielfach besteht die Auffassung, daß der Augenblick nicht glücklich gewählt sei, da während der Genfer Verhandlungen im Fernen Osten ernste Feindseligkeiten im Gange sind. Jetzt aber ist unbedingt die Zeit gekommen, die Abrüstung zu erklären. Je mehr die Jahre vergehen, um so schwerer wird es werden, die Abrüstung durchzuführen. Seit dem Waffenstillstand sind die Staaten auf dem Gebiete der Abrüstung sehr verschieden vorgegangen. Einige Staaten leben noch heute unter den ihnen in den Vertragen auferlegten Beschränkungen. Andere Staaten haben ein weitgehendes Rüstungssystem entwickelt, das ihren Auffassungen von ihren Pflichten und Notwendigkeiten entspricht und das anderer Art ist als die Abrüstungsbestimmungen des Völkerbunds- paktes vorsahen. Die Folge ist ein wachsendes Mißverhältnis der Rüstungen. Die Abrüstung zielt auf eine bestimmte Lösung hin. Obwohl die wirtschaftlichen Lasten der Rüstungen für die Steuerzahler heute außerordentlich groß sind, ist deren Erleichterung dennoch nicht der Hauptzweck.
Abrüstung bringt Sicherheit
Die Abrüstung muß in allererster Qme angestrebt wer- den als Methode zur Sicherung des Friedens und Degren- zunq der Leiden und Risiken eines plötzlichen verachtenden Krieges. In dieser Beziehung ist ein außerordentlicher Um- schwuna in der Welt festzustellen. Niemand glaubt mehr Me, ?aß der Frieden der Welt nur durch Vagere,tung des Krieges gesichert werden kann. Ein hoher Rusiungo- stand ist heute kein Ersatz mehr für die Sicherheit. 3m besten Falle kann er die Illusion der Sicherheit schaffen. wobei wieder auf der anderen Seite bei anderen Völkern das Gefühl der Unsicherheit geschaffen wird. Das Ideal, das angeftob* werden muß, ist die Sicherheit für alle. Diese Sicherheit hängt entscheidend von der Herabsetzung der Rüstungen ab. Unsere Aufgabe ist es darum, jetzt die Welt von der Verzweiflung durch die Anwendung praktischer und energischer Maßnahmen zu befreien. Es besteht allgemein die Uebereinstimmung, daß das große Ziel erreicht werden muß, daß die Zeit drängt und daß alle Schwierigkeiten überwunden werden müssen.
Herabsetzung der Heeresausgaben
Die Abrüstung kann durch zwei Methoden erreicht werden. Die eine ist die Festsetzung emer Höchstgrenze der Rüstungen, die andere liegt aus dem Wege eines mternatwna len Abkommens, das bestimmte Kriegswaffen und Methoden ausschließt. Für beide Methoden ist in Zukunft eine internationale Autorität notwendig, die die Einhaltung dieser Vereinbarungen sichert. Die englische Regierung.letzt sick für die beiden Methoden ein und ist entschlossen, in logier Mitarbeit mit anderen Regierungen dieses Ziel zu erreichen. Die Grenze der Rüstungen muß so niedng wie möglich gehalten werden. Die Konferenz muß der Welt den festen Willen zeigen, die Rüstungen auf das Mindestmaß möglichst herabzusetzen. Eine Herabsetzung der Heeresausgaben um 25 v. H. ist unbedingt notwendig. Es 'st weit zweckmäßiger, eine Höchstgrenze für die Rüstungen festzusetzen, die d e Staaten unter keinen Umständen überschreiten dürfen, als eine allgemeine Grundlage zu scharn, die den Staaten später doch neue Rüstungen ermöglicht.
Der englische Außenminister forderte sodann die Abschaffung der Unterseeboote, des Gaskrieges und der Bombardierungen aus der Luft. Gerade diese modernen Waffen, wie Gas, Flugzeuge und Unterseeboote, würden in einem zukünftigen Kriege gar nicht zu schildernde Auswirkungen nach sich ziehen.
Zu den Vorschlägen der französischen Regierung erklärt« Simon, daß die Konferenz diese Vorschläge zweifellos gründlich und ernsthaft werde prüfen müssen. Die englische Regierung werde feststellen, wie weit darin praktisch durchführbare Vorschläge zur Herabsetzung der Rüstungen enthalten seien. Das Protokoll über das Verbot des Giftgases von 1925 fei bereits von 32 Staaten ratifiziert worden.
Simon empfahl weiter der Konferenz, die Ergebnisse der Washingtoner und Londoner Flottenkonferenz als die Grundlage der Verhandlungen anzunehmen. Die englische Regierung sei der Auffassung, daß diese Verträge einen bedeutungsvollen Beitrag zu der allgemeinen Abrüstung darstellen. Zum Schluß gab Simon kurz zusammengefaht das
Abrüstungsprogramm Englands
bekannt. Die englisch« Regierung nimmt den vom Abrüstungsausschuß ausgearbeiteten Abkommensentwurf als Grundlage der Verhandlungen an, ferner den Vorschlag in diesem Abkommen auf Festsetzung von Höchstgrenzen für di« Rüstungen. Sie unterstützt den Vorschlag auf Schaffung eines ständigen Abrüstungsausschusses und verlangt die völlige Abschaffung der Unterseeboote, der Gas- und chemischen Kriegsführung. Die Abschaffung der allgemeinen Dienstpflicht muß eingehend geprüft werden. Die englische Regierung verlangt aber zunächst praktische Maßnahmen, um zu einer Beschränkung der aktiven Truppenbestände zu kommen, ferner eine wesentliche Herabsetzung der allgemer-
Mch öer französischen aeoerseguna oer vrE om. dem während seiner Ausführungen verschiedentlich und am Schluß besonders lebhaft Beifall geklatscht wurde, bestieg
Frankreichs Kriegsminister Tardieu
die Rednertribüne. Tardieu betonte zu Anfang seiner Ausführungen. es fei Aufgabe dieser Konferenz, eine Beschran- kung und Herabsetzung der Rüstungen vorzubereiten. Dies | könne aber nur unter vier Bedingungen erfolgen. Zunächst mü e die Sicherheit vorhanden fein, weiterhin muffe Die Durchführung gemeinsamer Aktionen gewährleistet sem, ferner müßten die geographische Lage und die^besonderen Verhältnisse berücksichtigt werden. Die Vedingungen unter denen eine Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen erfolgen könne, seien je nach den Umständen Derselben. In diesem Zusammenhang erklärte Tardieu: Gleichberechtigung bedeute nicht Gleichmacherei ('dentitH. Der Ver treter Frankreichs behauptete, man habe in den letzten 13 Jahren seit dem Abschluß des Versailler Vertrages wenig getan, um die Dispositionen des Völkerbundspaktes im sinne einer Organisierung der Sicherheit zu erweitern un au verstärken. Das Projekt Löon Bourgeois über die Schaffung einer internationalen Streitmacht fei nicht ver- wirklicht worden, das Genfer Protokoll vom Jahre 1924 fe gescheitert die französischen Vorschläge über den Ausbau der Artikel 11 und 16 des Völkerbundpaktes seien gleich- falls nicht angenommen worden; statt eines obligatorischen Schiedsvertrages habe man Vergleichsverfahren gewählt statt einer Verpflichtung zum gegenseitigen Beistände habe man sich mit Freundschafts- und Nlchtangrlfssoertragen anüat Sicherung des Friedens und Herabsetzung oer Rüstungen seien nur möglich, wenn ein allgemeines internationales Sicherheits- und Garantiesystem, das für alle Staaten verbindlich sei, eingeführt werde. Die er Au gäbe dienten die der Abrüstungskonferenz von der französischen Delegation vorgelegten Vorschläge.
Tardieu entwickelte dann im einzelnen die franzonfche These. Eine Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen sei nur möglich, wenn gleichzeitig der nach französischer Auffassung erforderliche Ausbau der Sicherheitsorganisa- tion des Völkerbundes erfolge.
Pariser Demagogie
Frankreich, das bereits eine Herabsetzung seiner Rüstungen vorgenommen habe, sei bereit, für eme ganz be- timmte Zeit eine Begrenzung seines augenbsicksichen Ru- tunasslandes anzunehmen. Hiermit fei Frankreich ohne leiondere Bedingungen einverstanden. Tardieu begründet weiter den Standpunkt der französischen Regierung aus der Mentalität der französischen Bevölkerung heraus. In 100 Jahren seien drei Invasionen auf Frankreichs Boden er iolat Frankreich habe im letzten krieg nahezu eine Million seiner Söhne verloren. Die Rüstungen asteten schwer auf der Bevölkerung Frankreichs. 3m Jahre 1919 hatten G^ß- britannien und die Bereinigten Staaten ^"^iner feierlichen Erkläruna anerkannt, daß Frankreichs Sicherheit ungenü- aend sei Das französische Volk wolle nichts anderes als den Schutz und die Sicherheit seiner Grenzen. Denn es wi se, was eine Invasion koste, selbst wenn man siegreich aus ihr hervorgeheF ankreich' habe' stets eine ..großmütige Ge- finnnna“ aeieiat so zum Beispiel, als es im Jahre 1930, ffinf Jchre vor dem im versailler Vertrag festgesehten Ter. min, ein Pfand aus seiner Hand gegeben habe. (Tardieu peint die Rheinlandräumung.)