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8 Fernsprecher:" ^'"^ Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö in SetSfA, Mtkgli^b^s'VT^^^^

Nr. 32 Montag, den S. Februar 1932

82. Jahrgang

Staatsstreich im Memelgebiet

LanLsspräsident Böttcher von Offizieren verhaftet Gouverneur ernennt

Kalter Plüsch"

Präsident Böttcher verhaftet. Großlitauischer Landesrak.

Königsberg, 7. Februar.

DieKönigsberger Allgemeine Zeitung" meldet, daß der Gouverneur des Memelgebietes, Merkys, unter krasser Verletzung des Memel-Statuts einen großlitauischen Lan­desrat gebildet hat, nachdem er das bisherige Direktorium abgesetzt hat. 3n Kowno wird die Rachricht bestätigt.

Ueber die Einzelheiten dieseskalten Putsches" wird berichtet: Der Präsident des Direktoriums, Böttcher, wurde durch zwei litauische Offiziere in ein Automobil gebracht, das dann mit unbekannt gebliebenem Ziel davonfuhr. Der Gouverneur Merkys war am Sonnabend aus Kowno zu- rückgekommen. Er erschien im Landesdirektorium, nachdem er erklärt hatte, daß die von ihm ergriffenen Maßnahmen auf Veranlassung der Kownoer Zentralregierung durchge­führt werden. Auf dem Landesdirektorium verlangte er von einem der anwesenden Direktoren, dieser solle die Füh­rung der Geschäfte übernehmen, was aber von dem be­treffenden Direktor abgelehnt wurde. Daraufhin hat der Gouverneur einen provisorischen großlitauischen Landes­rat eingesetzt. Der Gouverneur hat die Amtsräume des Vrä- sidenten Böttcher versiegeln lassen; die Telefonverbindun­gen mit Landtag, Magistrat und Gericht sind gesperrt. Von Königsberg aus werden die Telefone zum Generalkonsul in Memel und zur Landespolizei als gesperrt gemeldet.

Ler Staatsstreich in Memel

Reue Arbeit für den Völkerbund.

Memel, 8. Februar.

Von litauischer Seite wird zu den ^Horaäuaen im Me^ SeM^ ^ -MitHt, wg oer Präsident des Memelgebietes, deutschen

Böttkber, entgegen seiner Erklärung vor dem Landtag in amtlicher Eigenschaft an den Verhandlungen beim Reichs- ernährungsminister in Berlin feilgenommen hat. Aus die­sem Grunde habe er gegen die Souveränität des litauischen Staates verstoßen. Da Böttcher sich geweigert hat, dem Be­fehl des Gouverneurs nachzukommen, wurde er verhaftet, doch stünde der Reuwahl eines Präsidenten aus den Reihen der Mehrheitsparteien nichts im Wege.

Entgegen dieser Verlautbarung sagt Artikel 17 des Me- melstatuts Absatz 2:Der Präsident wird vom Gouverneur ernannt und bleibt so lange im Amt, als er das Vertrauen des Landtages hat." Es wird daher erwartet, daß der Völ- kerbundsrak seine Aufmerksamkeit auf diesen Bruch des Memelstatuts lenkt. 3n Genfer Kreisen haben diese neuen Vorgänge erhebliches Befremden ausgelöst. Es besteht hier kein Zweifel, daß der Völkerbundsrat sich sehr schnell mit der Angelegenheit befassen wird.

Der Gouverneur des Memelgebieks, Merkys, hat den Geschäftsführer des Direktoriums, F o l i u f i s, mit der Er- ledigung der laufenden Angelegenheiten betraut.

Jlber die Ereigniss« in Memel geht uns von unterrichte­ter Seite noch folgende S ch il d e r u n g zu: Am Sonnabend vormittag wurde Landesdirektor Sziegand zum Gouverneur bestellt, der soeben von einer Dienstreise aus Kowno zurück­gekehrt war. Der Gouverneur fragte ihn, ob er den Posten des Landespräsidenten übernehmen würde. Sziegand lehnte die Uebernahme ab. Darauf bestellte der Gouverneur den Landespräsidenten nach dem Gouvernement und forderte ihn im Auftrage der Zentralregierung auf, zurückzutreten. Der Präsident lehnte das ab. Er wurde darauf durch zwei Offiziere verhaftet und in die Kaserne gebracht, in der man ihn noch festhält. Der Gouverneur begab sich sodann zum Direktorium und gab dort bekannt, daß er den Landespräsi­denten abgesetzt habe. Der Fernsprechverkehr wird streng überwacht.

Deutschland verlangt sofortige Ratskonferenz.

Genf, 8. Februar.

Reichskanzler Dr. Brüning hat sich entschlossen, bei dem Generalsekretär des Völkerbundes den Antrag zu stellen, die neuesten Vorkommnisse im Memelgebiet als einen Bruch des Statuts des Memelgebieks sofort auf die Tagesordnung des Rats zu sehen.

Deutschland betrachtet, wie verlautet, die Verletzung des Memelstatuts als eine außerordentlich ernste Angelegenheit. Die deutsche Delegation wird dem Generalsekretär des Völkerbundes sofort eine Rote über die Memelfrage einreichen, die heute veröffentlicht werden wird. Reichskanzler Dr. Brüning dürfte Deutschland in dieser Frage selbst vertreten.

Deutsche Zeitungen verboten

kowno. Von Den deutschen Zeitungen, Die am Sonntag mit Den ersten Meldungen über Die Vorgänge im Memel­gebiet in Litauen eintrafen, wurden DieBor4 ^^^" und dasBerliner Tageblatt" beschlagnahmt, tet Die Beschlagnahm« weiterer Zeitungen. ist jedoch nicht an ein Verbot gedacht, sondern nur eine Be­schlagnahme Der betreffenden Ausgaben.

Man «rwar- Wie verlautet,

Der Reichskanzler in Genf Begeisterter Empfang Dr. Brünings.

Genf, 8. Februar.

Reichskanzler Dr. Brüning ist mit dem Berliner Schnellzug Sonntag 16.50 Uhr in Genf eingetroffen. In fei­ner Begleitung befanden sich der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes, von Bülow, Reichspressechef Ministerial­direktor Dr. Zechlin und Oberregierungsrat Planck von der Reichskanzlei. Der deutsche Gesandte in Bern, Dr. Adolf Müller, war dem Reichskanzler bis Freiburg entgegenge­fahren.

Beim Empfang hatten sich am Bahnhof die deutsche De­legation, an ihrer Spitz« Botschafter Radolny, vollzählig ein­gefunden, ferner war der Untergeneralsekretär Dufour- Feronce, Generalkonsul Dr. Volkers, als Vertreter des Inter­nationalen Arbeitsamts der Kybinettschef Vippel und Presse­vertreter erschienen. Die deutsche Kolonie war ebenso wie die deutsche Studentenschaft außerordentlich stark vertreten. Eine zahlreich« Menschenmenge, darunter viele ausländische Journalisten, erwarteten mit gespanntem Interesse die An­kunft des deutschen Staatsmannes.

Als Dr. Brüning den Zug verließ, bracht« ihm di« anwesende Menge begeisterte Kundgebungen dar, die sich bei seiner Abfahrt zum Hotel immer mehr verstärkten. Immer wieder wurden Ruf« laut:Hoch Brüning!" Der Reichs­kanzler konnte sich nur mit Mühe den Weg zum Kraftwagen bahnen, der ihn mit feiner Begleitung zum Hotel Metropol brächte.

Auf der Fahrt nach Genf war Der Reichskanzler Gegen­stand besonderer Begrüßungskundgebungen. In Bern, wo ein kurzer Aufenthalt erfolgte, erschienen zahlreiche Vertreter der deutschen Kolonie und Der deutschen Des and tschau.

»in der Schweiz yane^lch eine große rdnung Der

. . Studentenschaft am Bahnhof einges nden, um den Reichskanzler zu begrüßen.

Unmittelbar nach der Ankunft des Reichskanzlers im Hotel begannen innerhalb der Delegation die Beratungen.

Reichskanzler Dr. B r ü n i n g stattete gegen Abend dem Präsidenten der Abrüstungskonferenz einen Besuch ab. Zur gleichen gleichen Zeit hatte Staatssekretär von Bülow Unterredungen mit dem englischen und mit dem italienischen Außenminister.

Die Abrüftutigskonserenz

Kundgebung der internationalen Verbände.

Genf, 7. Februar

Die Sitzung der Abrüstungskonferenz stellte am Sonn­abend eine Kundgebung der großen internationalen Ver­bände und Organisationen für die Abrüstung dar. Zu Worte kamen Vertreter der internationalen Frauenver- bände, der internationalen kirchlichen Organisationen, der Studentenverbände, der internationalen sozialistischen Ar­beiter und des Weltverbandes der Völkerbundsligen. Eine Abordnung von mehreren hundert Frauen betrat in ge­schlossener Marschkolonne den Saal und gruppierte sich um das Präsidium.

Die Vorsitzende der internationalen Weltfrauenverbände, Mary D i n g m a n , sprach im Namen von 45 Millionen Frauen aus 56 Ländern, die in 50 internationalen Ver­bänden zusammengeschlossen, den Aufruf der internationalen Frauenorganisationen unterzeichnet haben. Sie betonte, daß die Welt heute dringender denn je Die Abrüstung brauche und daß der Fortbestand der gegenwärtigen Rüstungen zu einem Zusammenbruch der Zivilisation führen würde.

Im Namen der internationalen kirchlichen Organisa­tionen sprach in deutscher Sprache der Generalsekretär Müller. Er verlas anschließend ein Dokument verschie­dener in Diesem Verband zusammengeschlossener Einzelör- ganisationen, wie des Christlichen Vereins junger Männer und zahlreicher kirchlicher Vereinigungen, in dem mit größter Entschiedenheit ein vositives Ergebnis der Abrü­stungskonferenz gefordert wird.

Starkes Auffehen erregte sodann die Erklärung des früheren belgischen Ministerpräsidenten Vandervelde als Vorsitzender der sozialistischen Arbeiterinternationale, dessen Ausführungen in grundsätzlichen Punkten mit dem deutschen Standpunkt übereinstimmten. Er führte aus: ein Vertrag muh abgeschlossen werden, der sofort eine großzügige Her­absetzung der Heeresbestände, des Kriegsmaterials in allen Formen und der Militärausgaben sichert und zur vollstän­digen, allgemeinen und kontrollierten Abrüstung führt.

Wir haben keineswegs die Illusion, zu glauben, daß unsere Forderungen in der gegenwärtigen Lage Aussicht auf sofortige und vollständige Annahme hätten, aber wie könnte andererseits die sozialistische Arbeiterklasse unter den gegenwärtigen Verhältnissen entscheidende Ergebnisse von einer Versammlung erwarten, wo es Regierungen gibt, deren Machtwillen praktische Zugeständnisse verweigert, Deren Vertreter hier unter den anderen sitzen, während fern

Grohlitauffchen Landesrat"

von hier Die Gewalt wütet und das Recht des Stärkeren unter flagranter Verletzung der Verträge und Pakte, auf denen die Unterschrift noch nicht trocken ist, sich mit Blut und Eisen Geltung verschafft. Vanderoelde verlas sodann die Erklärungen Clemenceaus auf der Versailler Konferenz, in der die Entwaffnung Deutschlands als der erste Schritt zu einer allgemeinen Herabsetzung der Rüstungen erklärt wird. Vanderoelde erklärte ferner:

Das System der Abrüstung kann nur auf der Gleichheit der Rechte und Pflichten begründet werden. Nichts wäre für den Frieden verderblicher, als die Siegervölker und die besiegten Völker auf die Dauer nach verschiedenem Recht behandeln zu wollen.

Die Studenten D u p u y (Frankreich) und G r e e n (Vereinigte Staaten) gaben der Sehnsucht des jungen in­tellektuellen Generation nach moralischer Abrüstung fried­licher Organisation der Welt Ausdruck. Für die Liga für Menschenrechte sprach in ähnlichem Sinne Professor D u= puis und nach ihm, von lebhaftem Beifall begrüßt, Lord C e c i l für die internationale Vereinigung der Völkerbunds- ligen. Als Vertreter des Internationalen Gewerkschafts- bundes sprach als letzter Redner der Führer der französi­schen Gewerkschaften I o a h a u x.

Der Freiheitskampf der Menschheit

Große Abrüstungskundgebung der Katholischen Union.

Genf. Die Katholische^nion für internationale Fragen veranstaltete am S/hntag abend in Genf eine große Kund­gebung für Die Rüstungsbeschränkung. Es sprachen für Deutschland Der Reichstagsabgeordnete Prälat Professor Dr. Schreiber, für Frankreich Prälat Dr. ReAnvnr und$ PPen ^ojeffor Dr. von Hlecki, für England Mister Epp- stein, für Die Vereinigten Staaten Mister Thorning.

Der deutsche Redner sagte u. a.: Der Kampf um Die Rüstungsbeschränkung gehöre zu den ganz großen Freiheits- kämpfen, Die von Epoche zu Epoche durch Die Menschheit gingen. Das gegenseitige Wettrüsten bedeute eine fortgesetzte Produktion von Mißtrauen, eine entnervende Psychose, ein ständiges Attentat auf Die Solidarität der Menschheit und eine unerträgliche Fabrikationsmethode Der Völkerentzwei­ung.Wir versprechen uns," erklärte Prälat Schreiber, nichts von einer Völkererziehung, Die Die unartikulierte Sprache des Geschützdonners redet und vom Bellen der Ma­schinengewehre begleitet ist, und setzen darum alle Kraft daran, eine Reform Der Weltgesinnung einzu- leiten."

Attentatsplan gegen Litwinoff?

Moskau, 8. Februar.

Der stellvertretende Außenkommissar Krestinski hat am 2. Februar an Den Generalsekretär des Völkerbundes fol­gendes Telegramm gerichtet:Die Sowjetregierung ist in Den Besitz zuverlässiger Angaben gelangt, daß russische Emi­grantenkreise aus dem Lager der in Paris lebenden Generäle Miller, Dragomiroff und Schatiloff eine Mördergrupp« auf- stellten, Die den Auftrag hat, in den nächsten Tagen Den Vor­sitzenden Der Sowjet-Delegation auf Der Abrüstungskonfe­renz, Volkskommissar Litwinoff, zu ermorden. Nach - den Angaben, Die bei Der Sowjetregierung vorliegn, soll der Mord mit Hilfe Des in Der Schweiz lebenden Jürij L a d i s ch e n s k i ausgeführt werden, Der zur Zeit Der zaristischen Regierung Vertreter des russischen Roten Kreu­zes war. Da Volkskommissar Litwinoff sich auf dem Boden der Schweiz, mit Deren Regierung Die Sowjet-Union feine Beziehungen unterhält, nur auf Die Einladung Des Völker­bundes hin aufhält, halte ich es für nötig, Diese von meiner Regierung erhaltenen Informationen Ihnen zur Kenntnis zu bringen". Am Sonnnabend ging beim Außenkommiffa- riat aus Genf Die Nachricht ein, daß Sir Eric Drummond dieses Telegramm Krestinskis Der schweizerischen Regierung zur Kenntnis gebracht hat, damit Diese Die nötigen Maß­nahmen treffen sönne. *

Wegen der gemeldeten Attentalsgerüchte gegen Lilwi- noff hat die Dundesanwaltschaft sich mit den schweizerischen und ausländischen Polizei-Instanzen in Verbindung gesetzt. Es hat sich jedoch nicht der geringste Anhaltepunkt für die Richtigkeit der Gerüchte ergeben.

Schwere Ausschreitungen in Berlin

Die Polizei angegriffen. 150 Awangssistierungen.

Berlin. In der Nacht zum Sonntag und während des Sonntages kam es zwischen links- und rechtsradikalen Par­teiangehörigen zu zahlreichen Zusammenstößen. Insgesamt wurden 109 Nationalsozialisten, 19 Kommunisten, 20 angeblich parteilose und zwei Stahlhelmangehörige von Der Polizei zwangsgestellt.

Schwere Ausschreitungen gab es in der Rächt, als etwa 30 SA.-Leute in eine Gastwirtschaft eindrangen, in der sich eine Einzeichnungsstelle derEisernen Front" befindet. Das Ueberfallkommando nahm fünf Nationalsozialisten fest, die anderen ergriffen die Flucht. Um 2 Uhr nachts stürmten etwa 80 Rationalsoziallsien ein kommunistisches Verkehrs­lokal, schlugen auf die Anwesenden ein und zertrümmerten die Einrichtung. Die Polizei wurde chenfalls angegriffen.