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Hersfelöer Tageblatt

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6°8- Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfelö - sÄlfÄT

Nr. 31 (erstes Blatt)

Sonnabend, den 6. Februar 1932

82. Jahrgang

Unter französischem Druck

Frankreich versucht der Abrüstungskonferenz seine Sicherheitsthese auszuzwingen und überflutet die Welt mit neuen Märchen über angebliche deutsche Rüstungen

Achtung vor London!

Bei der britischen Vorbereitung der Reparationslösung spielen hervorragende, auch international anerkannte Volks­wirte wie Layton und Keynes eine große Rolle. Diese Rolle entspricht einmal dem Einfluß dieser Persönlichkeiten, von denen der eine Herausgeber desEconomist", immer noch der besten Wirtschaftszeitschrift der Welt, ist, und der andere der volkswirtschaftliche Berater der Bank von England. Sie beruht aber zweitens auf einer wertvollen britischen Tradi­tion, die auf wirtschaftlichem Gebiet mit einem stärkeren Streben zur Objektivierung und Rationalisierung der Fra­gen, als es in Deutschland herrscht, stets eine enge Zusam­menarbeit von Wissenschaft und Praxis gepflegt hat und neben dem großen Bankier und Industriellen auch den ! wissenschaftlichen Volkswirt gern politisch verwendet. Bei uns hat sich wohl eine sehr intime Zusammenarbeit von Naturwissenschcift und Wirtschaftspraxis durchgesetzt, wäh­rend es an einem innigen und anerkannten Kontakt zwischen Nationalökonomie und Wirtschaftspraxis ebenso fehlt wie im richtigen Moment an der Kunst, Gelehrte im Dienste nationaler Tagesaufgaben vorübergehend politisch anzu- setzen.

Verschiedene englische Emissäre haben in den letzten Wo­chen in Hamburg gesprochen, vor allem I. M. Keynes und Robert Boothby, der Adlatus von Churchill. Es ist interessant, an den Aeußerungen dieser Herren die Linienführung der britischen Reparationshaltung zu verfolgen. Sie bringen wie auch die britische Oeffentlichkeit dem grundsätzlichen deut­schen Standpunkt viel Verständnis entgegen. Aber sie haben auch immer betont, daß es wünschenswert sei, mit Frank­reich zu einer Einigung zu kommen.

Als zweites Motiv, das nunmehr in London immer stärker herausgearbeitet wird, spielt die Absicht mit, Deutsch- rückt. aan^i entlafteu---Aamentlich-K-P». o je^ie ruy dafür ein, daß Deutschland für etwa zehn Jahre eine A n - erkennungsrate zahle, sobald die Transfer- und Auf- bringungsmöglichkeit vorliege. Beide Engländer haben fer­ner davor gewarnt, aus der Stimmung heraus, es müsse sofort etwas geschehen, in Ouchy vorzeitig etwas zu unter­schreiben. Sie haben das in Hamburg mit dem Hinweis be­gründet, daß in etwa einem halben Jahre auch die franko­phile Welt von dem hohen Roß der Intransigenz herab-" steigen werde.

Mit diesem britischen Gemisch von Grundsatz und Tak­tik, Verständnis für Deutschland und Rücksicht auf Frank­reich. Einsicht in den Unfug und die Weltgefährlichkeit der Reparationen und einer aus Wirtschaftsneid stammenden Furcht, Deutschland zu entlasten, mit dieser Mixtur kann die deutsche Revisionspolitik wenig anfangen. Sie muß vor ihr genau so auf der Hut und ihr gegenüber genau so fest sein wie vor der schärferen Linie von Paris. Denn das Netz der Kompromisse und Halbheiten, in das die deutsche Politik fid verfangen könnte, wird zurzeit am emsigsten in London ge­webt. Wir werden erst dann eine brauchbare englische Unterstützung im Revisionsgefecht haben, wenn wir ruhig und nervenstark genug sind, um den Kompromißoorschlägen von Layton und Keynes zu widerstehen. Dieser Wider­stand ist vielleicht noch schwieriger als das Festbleiben gegen­über der massiveren Haltung von Paris, aber u. E. auch politisch notwendiger und fruchtbarer. Deutschland hat den Vermittler in diesem Falle ebenso zu fürchten wie den Gegner.

Auch aus einem anderen Grunde empfehlen wir, wach­sam nach London zu schauen. Englische Sirenenstimmen mühen sich weiter, Deutschland zum Eintritt in den S t e r l i n g k l u b", in die großö Gemeinde der Deval­vation, zu bewegen. Die Vorteile eines solchen Anschlusses werden der deutschen Wirtschaft immer wieder in lockenden Farben nahegebracht. Man wird nun zweckmäßig die Eng­länder einmal fragen, welche Kompensationen sie zu geben bereit sind, wenn Deutschland in denSterlingklub" eintreten würde. Denn, daß diese Gemeinschaft sich dann gegenseitig stützen müßte, und daß diese Stützungspflicht gegenüber Deutschland England obliegen müßte, liegt auf der Hand. Man muß also die City fragen: Welche Stlltzungskre- dite würde die Bank von England der schwächeren Reichs- bank als Garantie gegen ein Absinken der Mark unter Pfundhöhe geben? Die Engländer betonen ferner, daß jede Devalvation einen ausgeglichenen Staatshaushalt oor- ausfetze. Man wird also die-Treasury oder die Bank von England etwa fragen müssen, ob sie der Reichsregierung 25 bis 30 Millionen Pfund zur Verfügung stellen wollen damit wir mit diesem Ueberbrückungskredit die Zeitspanne überstehen können, bis sich die angeblich durch eine Devalva­tion bewirkte Wirtschaftsbelebung in den Steuereingängen auswirkt. Denn selbstverständlich kann man bei einer De- valvationspolitik nicht noch gleichzeitig die Politik der De- ftation, der Einschrumpfung fortsetzen, die wir bisher in Deutschland treiben mußten.

Wiederholt fei aber, daß es sich lediglich um Fragen handelt, die an England zu richten wären, falls es ernstlich an Deutschland herantreten sollte mit der Aufforderung, die englische Devalvationspolitik mitzumachen. Wir können un­besorgt sein, London wird sehr entschieden abwehren. Die Londoner Regierung und die englischen Wirtschaftler haben durch ihre jüngsten Schutzzoll-Vorschlage wie überhaupt durch

ihre Zollpolitik hinreichend bewiesen, wie wenig sie geneigt sind, den deutschen Schwierigkeiten Rechnung zu tragen, wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse liegt. Deshalb auch hinsichtlich der englischen Reparationsempfehlungen: Vorsicht vor London!

Wie sie hetzen!

Ungeheuerliche französische Behauptungen.

Der Hauptberichterstatter des Heeresausschusses der Kammer, Bouilloux-Lafont, hat im Büro der Kammer sei­nen Bericht abgeliefert. DerMatin" veröffentlicht aus dem Bericht u. a. folgendes über die angeblichen deutschen Ge- heimrüstungen: Deutschland habe sich niemals den militä­rischen Bestimmungen des Versailler Vertrages unterwor­fen. Es habe niemals aufgehört, die Verträge auf alle mög­liche Art und Weise zu umgehen und habe heute eine mili­tärische Macht erreicht, die die von den Alliierten gesteckte Grenze weit überschreite.

Deutschland verfüge über geheime Rüstungen, die größ­tenteils aus den alten Kriegslagern stammten und der Kon­trollkommission vorenthalten worden seien. Außerdem sei die Herstellung von Waffen in einer ganzen Zahl von Fabriken wiederaufgenommen worden. Die chemische Industrie bereite sich auf einen chemischen Krieg vor, dessen Ausfechkung in Deutschland vorgesehen sei. Verschiedene Firmen verkauften ganz öffentlich Kriegsmaterial und Erzeugnisse, die einzig und allein dem chemischen Krieg dienten. Dieh. D. 38 und dieh. D. 43, die von der Firma Heinkel gebaut seien, feien regelrechte Typen von Jagd- und Aufklärungsflug­zeugen. Junkers und Dornier bauten im Auslande Militär­flugzeuge, die nur unwesentlich von den deutschen Handels- flugzeugen abwichen. Die Dornier-Wale und -superwale wie R. 35,K 47 undK 37 seien bc'ür der überzeugendste Beweis.

Selbst wenn man die vom Wehrminister Groener an­gegebenen Ziffern für den Selbstkostenpreis der Waffen als richtig unterstelle, so gebe der Heereshaushalt dem Reich die Möglichkeit, eine halbe Million Gewehre oder Schnellfeuer­gewehrs, 1250 Kanonen, 15 000 Maschinengewehre und 1300 Flammenwerfern zu bauen. Das Reich sei außerdem an verschiedenen Bankunternehmungen beteiligt und habe sich so Geheimquellen geschaffen, über die es nach Gutdünken verfügen könne. Das gleiche Ziel verfolge durch seine Be­teiligung an gewissen Jndustrieunternehmungen nicht nur in-Deutschland sondern auch im Ausland. Die Waffenfabrik von Soleur in der Schweiz fei eine Filiale der Rhein-Me- tallwerke in Düsseldorf und fabriziere Artillerie- und In­fanteriematerial. Die Werkzeugmaschinenfabrik in Oerlin- ken bei Zürich werde fast ausschließlich von deutschem Ka­pital unterhalten, und die Luftschiffswerften von Romans­horn und Altenrhein feien zum größten Teil Staatsbesitz. In Holland sei es die holländische Industrie- und Handels­gesellschaft Siderius, die Artilleriematerial für Deutschland Herstelle. Die Niederländische Instrumentengesellschaft von Venlo, die sich auf die Herstellung von optischem Kriegs­material spezialisiert habe, sei eine Filiale der Zeißwerke, die von Fokker und Aviolanda in Dortrecht gegründeten niederländischen Flugzeugwerke stünden im gleichen Ver­hältnis zu den deutschen Dornier-Werken. Die Flugzeug- Industrie von Linchham in Schweden fei eine Filiale von Junkers, und die Artilleriefabrik von Bofors-Schweden sei eine solche von Krupp. Deutschland führe außerdem einen flotten Handel mit Kriegsmaterial. Bouilloux-Lafont gibt zwar zu, daß die Beteiligung deutscher Firmen an auslän­dischen nicht in Widerspruch zum Wortlaut der Verträge stehe, wohl aber zu ihrem Geist.

wenn man dieser materiellen Rüstung die moralische zur Seite stelle, so komme man zu der Schlußfolgerung, daß, wenn man in Genf einem Staate die Abrüstung aufzwingen wolle, dies nur Deutschland sein dürfe.

Auf die Ausführungen Bouilloux-Lafonts sachlich ein- zugehen, erübrigt sich. Es handelt sich hier um Zusammen­stellungen übelster lügnerischer Behauptungen, von denen feststeht, daß sie nicht einmal von Bouilloux selbst geglaubt werden. Denn wäre das richtig, was er behauptet, dann hätte bestimmt die französische Regierung nicht gezögert, Deutschland des Vertragsbruches zu beschuldigen. Im übri­gen sind die Behauptungen Bouilloux' so gehalten, daß sie von vornherein als Mutmaßungen und als Annahmen Bouilloux' hervortreten. Denn nicht in einem einzigen Fall ist er in der Lage nachzuweisen, worin die Vertragsver­letzung Deuffchlands bestehen soll. Es ist eine von den fran­zösischen Abrüstungssaboteuren für Genf bestellte Arbeit mit dem Ziele, die Konferenz zum Scheitern zu bringen. Jeder ernste Fachmann wird sie als Humbug und Hirnge­spinste ohne weiteres erkannt haben.

Eines aber sollten diese französischen Lügen zur Folge haben, daß nämlich Reichskanzler Dr. Brüning in seiner für Dienstag in Gcnf vorgesehenen Rede mit aller Deut­lichkeit von den französischen verantwortlichen Regierungs- oerkretern verlangt. Dafür zu sorgen, daß solche die inter­nationalen Beziehungen vergiftenden Anwürfe in Zukunft unterbleiben. Selbst Tardieu mühte zu de- Erklärung ver­anlaßt werden, daß sich die französische Regierung die Be­hauptungen Bouilloux' nicht zu eigen macht.

Frankreichs Abrüstungsvorschläge kein einziger praktischer Vorschlag!

Genf. 6. Februar.

Die französischen Vorschläge, die der Abrüstungskonfe­renz übergeben worden sind, gliedern sich in fünf kapi- t e l. In der E i n l e i t u n g wird betont, daß die Abrü­stungskonferenz ihr Werk aus die Vorarbeiten des Völker- bundes gründen müsse.

Im ersten Kapitel wird die Jnternationalisieruna der Zivilluftfahrt vorgeschlagen. Die Bombenflugzeuge sollen generell dem Völkerbund zur Verfügung gestellt werden.

Im Kapitel 2 wird ausgeführt, daß nur solche Mächte schwere Artillerie, Linienschiffe und Unterseeboote besitzen dürfen, die sich erklären, diese Waffen dem Völkerbünde zur Anwendung des Artikels 16 zur Verfügung zu stellen.

Kapitel 3 handelt von der internationalen Streitmacht. Die Völkerbundstruppe soll durch Stellung von Kontingen­ten der einzelnen Staaten, die auf dem Territorium dieser Staaten verbleiben, gebildet werden. Frankreich erklärt sich bereit, für Exekutionen außerhalb Europas eine gemischt« Luftfahrtbrigade, ferner Landmaterial ohne Personal und ohne Munition zur Verfügung zu stellen. Für Exekutionen in Europa will Frankreich eine Division, bestehend aus allen Waffengattungen, eine Marinedivision, eine gemischte Luft­fahrttruppe und Landmaterial bereithalten. Sollt« Angriff unter Bruch der Satzung des Völkerbundes stattfinden, so ist jedes Land berechtigt, ohne weiteres seine gesamten Kräfte, also auch die internationalen Kontingente, einzusetzen.

Kapitel 4 behandelt den Schuh der Zivilbevölkerung. Es wird Verbot des Bombenabwurfes gefordert, jedoch mit einer Reihe von Vorbehalten.

Im letzten Kapitel werden Vorschläge über »die Orga­nisation des Friedens" gemacht. Die Gedanken des französi­schen Memorandums vom 15. Juli 1930 betreffend Desmi- nun »es Augreü^rL usw. werben noch einmal wiederholt.

Kriegsminister Tardi eirefftarte zu dem Memoran­dum u. a., Frankreich stehe auf dem Boden des Konventions­entwurfes. Es möchte aber, wie die französischen Vorschläge zeigten, noch weitergehen. Es handele sich darum, daß auf der Abrüstungskonferenz ersprießliche, ernsthafte Arbeit ge­leistet werde. Frankreich habe seinen guten Willen durch i die Tat bewiesen. Es habe damit gleichzeitig dem Appell 1 Hendersons, der zur Vorlegung praktischer Anregungen auf- forderte, entsprochen.

Das Memorandum ist bis zur offiziellen Veröffent­lichung von der französischen Delegation vertraulich behan­delt worden. Die deutsche Delegation ist sofort zusammen­getreten, um die Denkschrift einer ersten Prüfung zu unter­ziehen.

Das französische Memorandum hat wohl bei seiner De­legation irgendeine Überraschung hervorgerufen. Es enthält keinen einzigen praktischen Vorschlag für die der Konferenz eigentlich gestellte Aufgabe, nämlich die allgemeine Abrü­stung, sondern eine Reihe von Vorschlägen, die keinen ande­ren Zweck verfolgen, als die bekannte französische Sicher­heitsthese nochmals zu erheben. Die einzig« positive Neue­rung in den französischen Vorschlägen sind di« Bestimmun­gen über den Schutz der Zivilbevölkerung bei Bombarde­ments. Wenn das französische Memorandum jetzt die Sicher­heitsthese in den Vordergrund der Konferenzverhandlungen zu rücken versucht, so ist hiermit festzustellen, daß

die Aufgabe der Konferenz völlig verkannt wird. Die französischen Vorschläge für die Internationali- sierung der Luftfahrt sind sowohl hinsichtlich der Kriegsflug- zeuge, als hinsichtlich der zivilen Luftfahrt unverkennbar gegen Deutschland gerichtet, das bei dem gegenwärtigen Zu­stand ein geographisches Hindernis für den freien Verkehr der Kriegsflugzeuge Frankreichs und feiner östlichen Ver­bündeten bildet und das sich gezwungen sieht, eine an tech­nischer Ausstattung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit mustergültige Luftflotte auszubilden.

Für Deutschland ist die Frage einer Völkerbundsarmee so lange nicht diskutierbar, als das gegenwärtige fla­grante Mißverhältnis zwischen rücksichtslos entwaffne­ten und schrankenlos ausgerüsteten Staaten besteht.

Unter diesen Umständen würden in einer Völkerbundsarmee die hoch ausgerüsteten Staaten das unbedingte Uebergewicht besitzen und eine Exekution würde nur gegen den Schwachen möglich sein. Wie schon zur Zeit des Genfer Protokolls, ver­folgt Frankreich auch jetzt das Ziel, als Mandatar des Völ­kerbundes in Europa nach feinem Gutdünken die Polizeige­walt auszuüben.

Schon eine erste Prüfung der technischen Seite der französischen Vorschläge zeigt, daß es sich um keinen prakti­schen Plan handelt, sondern um ein Dokument, das unter dem Vorwand technischer Ziele im wesentlichen politische Zweck« verfolgt.

Die deutsche Delegation ist von dem Inhalt des französi­schen Memorandums in keiner Weise überrascht worden. Sie wird im gegebenen Augenblick dazu Stellung nehmen.

Brüning spricht nach Tardieu

Die Reihenfolge der am Montag beginnenden grundsätz- lichen Erklärungen der Großmächte über die Abrüstungs- frage ist jetzt endlich festaeleat worden. Die französische Ab-