Austakt zur Abrüstungskonferenz
Genf. Die Abrüstungskommission wird am Dienstag, dem 2. Februar, um 16.30 Uhr zufammentreken. Die Sitzung ist auf den Nachmittag verlegt worden, um auch der amerikanischen Oeffentlichkeit das Anhören der durch Radio übermittelten Rede des Präsidenten Henderson zu ermöglichen. Die Konferenz wird sich in ihrer ersten Sitzung wahrscheinlich darauf beschränken, je einen Ausschuß zur Prüfung der Vollmachten und für Aufstellung der Geschäftsordnung einzu- setzen. Der Beginn der allgemeinen Aussprache ist frühestens Ende der Woche zu erwarten.
Frankreich und England einig
in der Reparationsfrage?
Paris. In gewissen französischen amtlichen Kreisen herrscht der Eindruck, daß zu Anfang nächster Woche eine Formel gefunden werden wird, die als Grundlage einer Vereinbarung zwischen Frankreich und England in der Frage der Reparationen dienen wird. Bezüglich der französischen Schuld an die Vereinigten Staaten hofft die französische Re- gierung, ein Kompromiß zu erzielen, das eine tatsächliche Verzugserklärung vermeiden würde.
Für Hindenburg — gegen Brüning
Dingeldey über außen- und innenpolitische Fragen.
Lelle. In einer öffentlichen Kundgebung der Deutschen Volkspartei hielt der Parteiführer Dingeldey eine Rede in der er in bezug auf die Kriegsgefahr im Fernen Osten äußerte, es sei eine tragische Verkettung der Umstände, daß im Augenblick des Zusammentritts der Abrüstungskonferenz die Kriegsfackel im Fernen Osten lohe. Man müsse befürchten, daß die japanisch-chinesische Verwicklung nicht zum Vorteil der deutschen Position ausschlagen werde. Dingeldey sagte weiter, Reichskanzler Dr. Brüning habe mit seiner Erklärung, Deutschland könne nicht mehr zahlen, nicht nur das deutsche Volk, sondern eine völlig gewandelte Weltmeinung hinter sich. Keine Regierung sei noch in Deutschland möglich, die von dem Nein in der Tributfrage abweichen würde. Wir müßten wirtschaftlich und politisch gerüstet in den End- kampf um die Reparationen gehen. Das jetzige Kabinett Brüning könne diesen Kampf nicht mit Aussicht auf Erfolg führen, die starken nationalen Kräfte auf der Rechten müßten eingesetzt werden. Der Reichskanzler müsse den Weg frei- geben. Erhalten werden müsse dem deutsche Volke der Reichspräsident^ Die Wahl durch das Volk sei einer parlamentarischen Erledigung unter allen Umständen vorzuziehen. Mit dem Bekenntnis zum Reichspräsidenten schloß Dingeldey seine Rede.
Goerdeler über Preissenkungen
Berlin. Der Reichskommissar für Preisüberwachung, Dr. Goerdele r, betonte in einer Erklärung, daß der Preisindex gegenüber den letzten Zahl vor feiner Amtsübernahme um 6,3 % gefallen sei. Im Interesse der Belebung der Wirtschaft sei es aber notwendig, das Verhältnis zwischen Kaufkraft und Preisen in kürzester Zeit noch stärker zu verbessern, um Stockungen im Produktionsprozeß auszuschalten. An den Orten, wo festgestellt sei, daß die zentralen Vereinbarungen über Lebensmittelpreise nicht durchgeführt seien, werde mit besonderen Anordnungen eingegriffen. Zu einer BennrutzigiMff^v^ d°, P<^..u«, ««HllirWHIIIi!^ jung vor. Die Brotgetreideversorgung sei für das ganze Jahr absolut sichergestellt; Schwankungen im Getreide- und Mehl- preis würden aufgefangen.
Holland sieht sich vor
Amsterdam, 1. Februar.
, „..^" ^ atavia auf Java wurde in Anwesenheit des holländischen Ministers für Landesverteidigung, Dr. Deckers, ^^e außerordentliche Sitzung des Regierungskollegiums mit den Militär- und Flottenbefehlshabern über die Notwendigkeit abgehalten, die starke Einschränkung des Staatsetats mir der Erhaltung der Schlagkraft der niederländisch-indischen Streitkräfte in Einklang zu bringen.
Am Sinbenbiitgs Wiederwahl
Dr. Sahm an die deutsche Presse.
Berlin, 31. Januar
Der Oberbürgermeister von Berlin, Dr. Sahm, hat in Fortführung seiner Aktion für die Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg an die gesamte deutsche Presse ein Schreiben gerichtet, in dem er seine Pläne darleqt, von der Gründung des Ausschusses Kenntnis gibt und die Unterstützung der Presse für die Unterschriften Werbung er» bisset, Da nach den gesetzlichen Bestimmungen für die Vorlage eines solchen Wahlvorschlages erforderlich ist, daß 20 000 Wähler dargetan werden müssen wenn der Vorschlag nicht von einer Partei ausgeht. Das Schreiben gipfelt in einer Erklärung, in der es heißt, daß dieses Unternehmen keinerlei Einzelinteressen verfolge, sondern nur den Zweck habe, m der wichtigen Frage der Reichspräsidentenwahl einmal alles Trennende zurückzustellen und die große Volksfront für Hindenburg zu ermöglichen.
»Deutschlands Zukunft", so schließt das Schreiben Dr. Sahms, darf nicht mehr oder minder hemmenden Bindun- gen einzelner Persönlichkeiten geopfert werden. Gerade jetzt müssen wir Deutschen beweisen, daß wir einig sein können, wenn die Stunde es fordert und daß wir eine Sache um der Sache willen zu betreiben vermögen. Ich richte deshalb wie an Sie an jede einzelne deutsche Zeitung die Bitte, hier einmal alle Gegensätzlichkeiten beiseitezulassen und zu helfen, daß eine geschlossene Volksfront für den Reichspräsidenten von Hindenburg zustande kommt."
Für Hindenburg
Berlin Der bayerische Hindenburg-Ausschuß teilte am Sonntag Oberbürgermeister Sahm mit, daß er den Aufruf des in Berlin zu bildenden Hindenburg-Ausschufses mit allen Kräften unterstützen werde.
Memels Autonomie ungefährdet?
Ein litauischer Protest.
Berlin, 1. Februar.
Der litauische Gesandte S a u l y s übergab dem Staatssekretär des Aeußeren in Berlin eine Note und protestierte zugleich gegen die in der deutschen Presse verbreiteten Nachrichten, die litauische Regierung bzw. der Gouverneur in Memel bereiteten einen Putsch im Memelgebiet gegen die Autonomie dieses Landes vor. Der Gesandte erklärte im Auf- trage seiner Regierung, daß diese Behauptung jeglicher Ve- gründung entbehre und versicherte mit allem Nachdruck, daß die litauische Regierung stets ihre internationalen Verpflichtungen in bezug auf das Memelgebiet halten und achten werde.
Die litauische Regierung bereitet eine neue Verordnung über die Erhöhung der Visagebühren vor.
Nefchlüffe des Völlerbundsrals
Ein Engländer Präsident der Saar-Regierung
Genf, 31. Januar
HJff WMWW jvWaWW!S^ chaftsrat in Madrid, George Knox, ernannt. Der neue Prä- ident der Saarregierung, der 58 Jahre alt ist, war 1923 Geschäftsträger der englischen Botschaft in Berlin und beherrscht die deutsche Sprache. Zum juristischen Mitglied der Saarregierung wurde der frühere Präsident des Vermal- tungsgerichts in Belgrad, Zoricitfch, ernannt, der gleichfalls die deutsche Sprache beherrscht und eine Zeitlang Regierungspräsident in Agram gewesen ist.
Der Völkerbundsrat beschloß ferner, die Gehälter und Repräsentationsspesen der Saarregierung um 10 v. H. her- abzusetzen. Der neue Präsident und das juristische Mitglied der Saarregierung treten ihre Posten am 1. April an.
Beschwerde der Deutschen verschoben
Die Beschwerde der deutschen Minderheit in Polen über die willkürliche Durchführung der Agrarreform gegen den
deutschen Grundbesitz durch die polnischen Behörden ist aus die Maikagung des Völkerbundsrates verschoben worden, da der japanische Berichterstatter, Botschafter Sato, sich außerstande erklärt hak, im Hinblick aus das außerordentlich umfangreiche Dokumentenmaterial jetzt bereits dem Völker- bundsrak Vorschläge zur Regelung der Frage vorzulegen. Die Beschwerde der deutschen Minderheit in Polen bleibt somit bis zur Maitagung in der Schwebe. Auf ausdrücklichen Wunsch der deutscken Abordnung ist gegen den heftigen Wi- derftand der polnischen Abordnung beschlossen worden, daß das Minderheikenverfahren gegen die polnische Regierung als eröffnet gilt.
Die Ukrainer-Beschwerde abgelehnt
Zu der Beschwerde der ukrainischen Minderheit gegen die polnische Regierung nahm der Völkerbundsrat einen Bericht des japanischen Berichterstatters Sato an, in dem uneingeschränkt der polnische Standpunkt anerkannt und das gesamte Verfahren gegen Polen als endgültig abgeschlossen erklärt wird. In dem Bericht wird festgestellt, daß der Völ- kerbundsrak der Auffassung der polnischen Regierung sei, wonach die Ausnühung des Minderheitenschutzes des Völkerbundspaktes zu böswilligen Werbezwecken gegen einen Staat unzulässig sei. Alle vorgelegten Dokumente hätten diesen Tatbestand bestätigt.
Schluß mit den Zahlungen
MacDonald über Schulden- und Zollpolitik.
London, 31. Januar
In einer Rede, die MacDonald in seinem Wahlbezirk „ Seaham hielt, äußerte der Ministerpräsident u. a., daß die 1 Wohlfahrt Englands von seinen internationalen Beziehungen abhänge, und es sich deswegen auch mit den europäischen, amerikanischen und anderen Weltfragen befassen müsse. Dies gelte auch für die Tribute und Kriegsschulden. England habe an seiner Politik in dieser Frage dauernd festgehalten und werde dies so lange tun, bis die Probleme gelöst und dieser Irrtum aus der Geschichte Europas wieder < 'usgelöscht sei.
Die Politik Englands sei, auf wirtschaftlich gesunden Grundlagen zu gesunden Grundsätzen zurückzukehren und mit den Zahlungen Schluß zu machen, und zwar — soweit England in Frage komme — je eher um so besser. Nur wenn das geschehen wäre, könne England wieder seinen normalen internationalen Handel aufnehmen, und nur allein durch diesen könne England wiederaufblühen.
MacDonald sprach auch seine moralische und verstan- desmäßige Enttäuschung und sein Bedauern aus über die • Vorgänge in Schanghai, die zu dem Geiste des Kelloggpaktes und des Völkerbundes im Gegensatz stünden. Er sortierte die beteiligten Staaten auf, ihre Schwerter wieder in die Scheide zu stecken.
Die DItbilfeiiaiiierieg
Berlin, 31. Januar.
Minister Schlange-Schöningen setzte in größerem Kreise die Besprechungen über die Frage der Osthilfefinanzierung fort, deren alte Grundlagen bekanntlich durch das zunehmende Absinken der Einkünfte aus der Industrie-Umlage gefährdet sind. Es bestätigt sich, daß die Preußenkasse nunmehr gänzlich ausscheidet. Dagegen scheint man neue Wege ^^^^ ^n Reichsbank unb^u Ren-— _
Es besteht die Hoffnung, daß die Verhandlungen am heutigen Montag zum Abschluß kommen werden. Die Behauptung, daß der Rentenbankplan fallengelassen worden sei, ist unzutreffend, ebenso die Behauptung, daß der Reichs- | bankpräsident Widerspruch erhoben habe, weil es sich um eine Währungsfrage handele.
Schwerer politischer Zusammenstoß
Zwei Tote, ein Schwerverletzter.
Dortmund. Im Verlaufe einer nationalsozialistischen Versammlung kam es zu Zusammenstößen mit Kommunisten.
Die beiden Landjäger drängten die Kommunisten aus dem Saal, während die Nationalsozialisten zurückblieben.
Als ein Trupp Kommunisten in Richtung Dortmund-Loh abzog, fielen plötzlich 10 bis 12 Schüsse. Zwei Arbeiter wurden getötet, ein dritter schwer verletzt.
orMBMOegeeiier
Roman von Marlise Sonneborn
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
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Dann erblickte Gisela — beim nächsten Schritt die Terrasse übersehend — Doktor Elisabeth Degeener.
Ein trotziger Zug huschte über ihr Gesicht.
»Ach so
Schien es nur so oder lag wirklich Hämischkeit in dem Ton, in dem das Kind diese Worte sagte?
Aber wie sollte Gisela dazu kommen, hämisch zu sein? Gisela, das Kind, gegen ihren geliebten Freund, gegen ihre heißverohrte „Mama Elisabeth"?
Lächelnd streckte Werner Ley der Kleinen die Hand entgegen. Sie legte die ihre zögernd hinein. Er zog sie neben sich aus die Bank.
Sie war so schön, diese kleine Patientin, doppelte schön jetzt, in ihrem einfachen, weißen Kleidchen aus Musseline, ohne andere Verzierung als einen roten Gürtel um die schmalen Hüften. Die Gertenschlankheil ihrer unentwickelten Jugend wurde durch diese Schlichtheit rührend betont.
Das Kind, das sie beide liebten, hatte dennoch beide aus süßem, gefährlichem Traum, in dem sie zu versinken drohten, geweckt.
Sie schwiegen alle.
Jeder sah nachdenklich vor sich hin.
Ich könnte ihr ja nicht einmal eine Existenz bieten h dachte bitter der Mann.
Mit meiner Arbeit — wie gut könnte ich ihn und mich ernähren, auch wenn ich nicht mein kleines Vermögen hätte!, sagte sich die Frau, dennoch in herbem Verzicht, weil ein Nicht-verzichten-Wollen Verrat bedeutet hätte an einem, dem sie zu viel dankte, um es je vergessen zu können. Was soll mir Reichtum? Ich frage so gar nichts nach dem, was er gibt.
Und das Kind, zornig und voll mißtrauischer Eifersucht, fragte sich: Treffen sie sich? Treffen sie sich öfters? Treffen sie sich hier?
Der Zauber war gebrochen.
„Ich will nun gehen! Ich habe mich besser ausgeruht hier im Freien, als wäre ich auf meinem Zimmer gewesen."
„Sie hatten viel zu tun heute morgen?"
„Viel und Schweres. Das Schwerste ist mir immer doch und noch das - Ekle."
„Daß Sie das können? War es nicht furchtbar, das Studium?"
„Oh!, man rettet sich in die Sachlic^eit!"
„Ist das möglich für eine Frau?"
„Für eine Frau, die den Beruf fühlt..."
„Zu helfen?"
„Zu heilen! Mehr als nur körperliches Leiden../
„Das der Seelen?"
„Soziale Not! Jeder Arzt sollte ein Vorkämpfer wirtschaftlicher Neuordnung sein!"
„Also Wohltaten!"
„Nein! Die freiwillige Verantwortung der Bevorzugten."
„Ich halte das für unmöglich. Auch in den sogenannten Bevorzugten lebt ein Gefühl der Minderwertigkeit, das sie zum Machtwillen aufpeitscht."
„Warum sprecht ihr über Dinge, von denen ich nichts verstehe?"
„Weil wir erwachsen sind — und du, Gisela, ein Kind."
Gisela zog ein Mäulchen.
„Aber es langweilt mich."
„Gisela ist sehr verwöhnt, Herr Ley. Sie ist die älteste Patientin des Sanatoriums."
„Ich weiß. Ich kenne unsere Gisela schon recht gut, obwohl ich ein noch ganz junger Patient bin, ein Babypatient, der Zeit meiner Anwesenheit nach."
„Nun aber muß ich wirklich gehen", sagte Elisabeth Degeener mit leisem Seufzer. „Es war so schön hier."
Ihr Ton verriet mehr, als sie ahnte.
Sie empfand seinen Blick auf ihrem Antlitz und hütete sich, ihm zu begegnen.
Sie reichte ihm leicht die Spitzen ihrer Finger.
Ganz unwillkürlich und ungewollt versuchte er, sie fester zu umschließen, doch sie entzog sie ihm schnell.
Flüchtig liebkosend strich Elisabeth Degeener Gisela über die dunklen Locken.
Die Kleine wich dieser Liebkosung aus durch ein heftiges Aufwerfen des Kopfes, so gut es ging.
Elisabeth grüßte noch einmal zu Ley hinüber — dann schritt sie davon. Wenige Schritte nur und die Wendung des Weges entzog sie den Blicken der beiden Zurückbleibenden.
„Magst du sie eigentlich leiden, diese Frau Doktor Degeener?" fragte Gisela, sobald Elisabeth außer Hörweite zu sein schien.
Ley lächelte.
„Inquisitor.. /
»Sie ist ja gut, gewiß. Aber so plump, wie sie geht! — So muß man schreiten!"
Und Gisela, aufspringend, wiegte sich nicht ohne Koketterie in graziös schwebendem Schritt vor Ley.
Kleines Weib!, dachte Ley lächelnd, die Motive deS Kindes durchschauend.
„Du", sagte er, „flatterst wie ein Schwälblein, Exzellenz Degeener zieht dahin wie ein majestätischer Schwan durch die Fluten des Sees."
„Und was magst du lieber — die Schwäne oder die Schwalben?"
Ley lachte.
„Evastochter!"
„Uebrigens — du mußt Liegekur machen!"
„Nett, daß du den Aerzten etwas hilfst."
Nun lachte Gisela.
„Diese Deutschen sind alle so plump!"
„Auch ich bin Deutscher!"
„Ach du! Du bist ein schöner Mann!"
»Ich fühle mich sehr geschmeichelt! Nur, weißt du, Schönheit macht nicht satt* (Fortsetzung folgt.)