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HersfelöerTageblatt

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yersfel-er Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDIV.

Nr. 22 Mittwoch, den 27. Januar 1932 82. Jahrgang

Keinen Schritt vorwärts"

Der englisch-französische Gegensatz in der Tributsrage hat sich bisher trotz aller Anstrengungen noch nicht Überdrücken lassen

Wir brauchen Eigenlapital

Soeben ist nach siebenwöchigen vertraulichen Beratun- aen die sogenannte Stillhaltekonferenz abgeschlossen wor­den. Es war keine leichte Aufgabe, zu einer einheitlichen Auffassung zu kommen, nachdem die französische amtliche Politik sich gerade in diesen Tagen wieder sehr stark ge­macht hat, um der gesunden wirtschaftlichen Vernunft die Bremsklötze einer vernunftwidrigen Machtpolitik entgegen- zufetzen. Wenn man berücksichtigt, daß das soeben in Ber­lin unterschriebene Stillhalteabkommen auch die Unterschrift französischer Bankenvertreter trägt, dann wird man trotz mancherlei Mängel doch feststellen dürfen, daß dieses Ab­kommen einen weiteren Schritt vorwärts auf dem Weg« zu wirtschaftlicher Ueberlegung bedeutet. Denn die bisher bekanntgewordene Begründung des Abkommens zur wei­teren Verlängerung der ausländischen Privatkredite in Deutschland stellt fest, daßdie Liquidierung der ausländi­schen Kredite in Deutschland weite*. fortgeschritten sei als in anderen Landern, weil zu dem Druck der Weltkrise ein dauernder außerordentlich harter Druck von außen hinzugekommen sei". Deshalb schließt sich der Bericht der am Stillhalieubkommen beteiligten internationalen Bankiers jener dringenden Empfehlung der Baseler Sachverständigen an die beteiligten Regierungen an, keine Zeit mehr zu ver­lieren. wenn durch dieBeseitigung der bekannten Hinder­nisse" endlich die internationale Zusammen­arbeit erreicht werden solle.

Die Begründung des Abkommens stellt also grundsätzlich zweierlei fest: 1. die politischen Schulden, also die Tribute, verhindern die so dringend notwendige internationale Zu­sammenarbeit, und 8. das Vertrauen des internationalen Kapitals zur deutschen Entwicklung wird durch einen dauernden außerordentlich dorten Dnick von außen" stark beeinträchtigt.

Man wird abzuwarten haben, ob Die immer wieder von Vertretern der internationalen Wirtschaft und des internatio­nalen Kapitals ausgesprochenen dringenden Mahnungen zur Liquidierung der wirtschaftszerstörenden Maßnahmen als Reste andauernder Kriegspolitik endlich sich doch durchsetzen werden. Zurzeit sind die Anzeichen hierfür nicht allzu günstig. Der Bericht der Stillhaltekonferenz sagt uns Deutschen aber eines mit aller Deutlichkeit: Solange wir uns in Abhängigkeit vom Auslandskavital befinden, so lange sind wir gezwungen, auf die Wirtschafts­politik der betreffenden Länder Rücksicht zu nehmen. Das wird dort keine grundsätzlichen Schwierigkeiten bereiten, wo die Wirtschaftsbeziehungen zu den einzelnen Ländern sich gegenseitig ergänzen oder fördern, anders aber dort, wo es sich um Konkurrenzländer auf dem Weltmarkt handelt.

Deshalb tritt die Forderung nach Bildung neuen deutschen Eigenkapitals immer stärker in den Vordergrund. Es ist leider eine nicht zu bestreitende, aber auch nicht mehr zu reparierende Tatsache, daß unsere Wirt­schafts-, Verwaltungs-, Steuer» und Währungspolitik in den zurückliegenden 12 Jahren der Nachkriegszeit zwangs- läufig zu einer Zertrümmerung des deutschen Eigenkapitals geführt hat, wobei die Tributpolitik des Auslandes zwar den Hauptanlaß gab, aber auch unsere unglückselige Partei- politik nicht frei von Schuld gesprochen werden sann Jetzt stehen wir auch in unserer Kapitalpolitik vor einer Schick­salswende: Wenn sich die verantwortlichen Faktoren in Regierung und Politik nicht endlich zu einer anderen Auf­fassung gegenüber der privaten Vermögensbildung beken­nen, dann ist nicht vorauszusehen, wie Deutschland seine finanzielle Unabhängigkeit dem Auslande gegenüber zurück­gewinnen soll. Erste Vorbedingung ist selbstverständlich B e- Iei t igun g derTribute, die zweite aber die Besei­tigung aller vermögensfeindlichen Gesetze. Dabei muß selbstverständliche Voraussetzung sein, daß der gesetzliche Schutz lediglich der ehrlichen Vermögens­bildung zu gewähren ist; alle Erscheinungen wirtschaft­licher und kapitalistischer Korruption aber sind mit den schärfsten Mitteln zu bekämpfen.

Der LohnderArbeitim besten Sinne des Wortes muß wieder zu Ehren kommen. und zwar der Lohn feg* lieber ehrlichen Arbeit. Es muß dem kleinen strebsamen Ar­beiter, dem Handwerker und Beamten ebenso möglich ge­macht werden, sich aus dem Erlös seiner Arbeit ein Ver­mögen langsam aufzubauen, wie alle Bestrebungen der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit gefördert werden müssen, die Betriebe nicht nur rentabel zu gestalten, sondern ein ausreichendes Betriebskapital anzusammeln. Die Mittel zur Erreichung dieses Zieles werden verschieden sein, alle gang­baren Wege aber müssen verfolgt werden. Je eher es dabei gelingt, das große Arbeitslosenheer wieder in den Pro­duktionsprozeß einzugliedern, um so sicherer wird es gelin­gen, den deutschen Jnlandmarkt zu beleben, das Realeinkom­men zu steigern und die Vermögensbildung zu fördern. Alle Faktoren einer gesunden Vermögensbildung müssen hierzu herangezogen werden: Sparkassen, Kreditinstitute, Banken. Absatzgenossenschaften, Privatversicherungen usw. Die Mög­lichkeiten, kleine Ersparnisse über das Versicherungsg«werbe zu sichtbarer Vermögensbildung anzulegen, sollten erweitert werden, nachdem sich laut Bericht des Allianz-Konzerns auch in dem Krifenjahr 1931 der Verficherungsaedanke im deut­schen Volk« weiter durchgesetzt hat durch Zunahme der in

Lebensversicherungen angelegten Beträge um 458 Millionen ü- B 550 Millionen). Jeder zu erübrigende Groschen muß der Vermögensbildung dienen. Die Grundlagen hierfür sind in der Arbeitskraft und dem Arbeitswil­len des deutschen Volkes in ausreichendem Maße vorhanden. Nur muß der ehrlich Schaffende auch die Ge­wißheit haben, daß der Staat den Lohn jeder redlichen Ar­beit sichert und die Wege zur Eigenkapitalbildung ebnet Wenn hier alle Faktoren Zusammenarbeiten, ist der Erfolg durchaus gewiß.

Eoerdeler über seine Ausgabe

Aus der Arbeit des Preiskommissars.

Der Reichskommissar für Preisüberwachung Dr. Goer- d e l e r sprach in der Geschäftsführerkonferenz der Haupt­gemeinschaft des Einzelhandels über fein Amt und feine Ziele. Der Preisabbau, so führte er aus, sei hier der Er­satz für eine Währungsentwertung, wie sie England und di« nordischen Staaten durchgeführt haben, um so auf eine an­dere Preisbasis zu kommen.

Die Not im eigenen Lande dränge jedes Volk zur Selbsthilfe. Deshalb fei ein dämonischer Zug zur Autarkie vorhanden, dem sich niemand ganz entziehen könne. Län­der mit hoher Jndustrieentwicklung müßten aber selbst bei größter pflege des Jnnenmarkles eine solche Autarkie mit einem starken Rückgang der Lebenshaltung bezahlen. Dar­um gelte es, alles vorzubereiten, um den mit Sicherheit in wenigen Jahren eintretenden Rückschlag der Enttäuschung aufzufangen.

Seine Tätigkeit erstrecke si-) auf die verschiedenen Ele­mente der Preisbildung von der Erzeugung bis zum Absatz an den letzten Verbraucher. Es heiße arbeiten, sparen. Kapital neu bilden.

Der yt<i<g»ämuni||ai fm Hlnsuoerwatyuns pal m den Verhandlungen mit den Vertretern der Abzahlungsgeschäfte die Frage der Herabsetzung der Preise und die Höhe der einzelnen Raten erörtert. Die Abzahlungsgeschäfte haben eine grundsätzliche Herabsetzung der Preise mit der Begrün­dung abgelehnt, daß eine solche Senkung bedenkliche Aus­wirkungen auf die Stabilität der Finanzierungsinstitute haben müßte. Sie haben aber zugesagt, die Höhe der ein­zelnen Raten herabzusetzen, so daß die Abzahlung sich auf einen längeren Zeitraum erstrecken würde. Die Vertreter des Schmiedehandwerks haben dem Preiskommissar erklärt, daß sie den Mitgliedern ihrer Organisation allgemein eine 10prozentige Senkung der Preise empfehlen werden.

Die Landkreise fordern Reichrhilse

Rund 582 000 Wohlfahrtserwerbslose.

Berlin, 27. Januar.

Der Vorstand des Preußischen Landkreistages beschäf­tigte sich erneut mit den steigenden Wohlfahrtslasten. Der Präsident des Landkreistages, Dr. von Stempel, wies darauf hin, daß di« Betreuung der Wohlfahrtserwerbs losen kein rein kommunalpolitisches, sondern in erster Linie ein staatspolitisches Problem sei.

Reich und Staat müßten ausreichende Mittel dazu zur Verfügung stellen. Die Zahl der Wohlfahrtserwerslosen in den ländlichen Vezirksfürsorgeverbänden des Reiches habe am 31. Dezember 1931 582 000 betragen, was gegenüber dem Vormonat eine Zunahme um 16. v. h. bedeute. Das katastrophale Absinken der Steuereinnahmen erhöhe die Schwierigkeiten in» Angemessene.

Hinsichtlich der in der zweiten preußischen Sparnotver- Ordnung angeordneten Zusammenlegung von Landkreisen hielt der Vorstand des Preußischen Landkreistages es für unbedingt erforderlich, daß die Kreistage der von der Neu­regelung betroffenen Kreise vorher gutachtlich gehört wer­den. Eine schematischeRationalisierung" wurde abgelehnt.

Um die Todesstrafe

Abschaffung gegenwärtig unzweckmäßig.

Berlin, 2?? Januar.

In Fortsetzung der Aussprache über die Strafrechts- reform verhandelte der Strafrechtsausschuß des Reichstages in seiner letzten Sitzung den 17. Abschnitt über die Tötung, der die Bestimmung über die Todesstrafe enthält.

Im Verlauf der ausgedehnten Aussorache nahm der Vorsitzende Geheimrat Professor Dr. Kahl seinen Antrag ruf Abschaffung der Todesstrafe zurück. Kahl erklärte bc- aründend, man werde heute in der Oeffentlichkeit die schärf­sten Bedenken dagegen finden, gerade in diesem Augenblick die Todesstrafe abzuschaffen. Die Zahl der Tötungen habe zugenommen, nicht zuletzt auch im politischen Kampf, und vor altem hätten sich in letzter Zeit so scheußliche Mordfälle ereignet, daß z. B. selbst Preußen sich zur Vollstreckung von Todesstrafen habe entschließen müssen. Die gegenwärtige Zeit sei nicht günstig, die Abschaffung der Todesstrafe in, kluge zu fassen.

Nach kurzem Aussprache setzte der Ausschuß dann du Weiterberatung Der Todesstrafe aus.

Englisch-französischer Gegensatz

Reparationskonferenz am 30. Juni?

Paris, 27. Januar.

Ueber die Unterredung des französischen Ministerpräfl- denten Laval und des französischen Finanzministers Flan- din mit dem englischen Botschafter Lord Tyrrell, wird mit- geteilt, die Besprechung habe sich hauptsächlich auf die Aus­arbeitung einer Formel bezogen, durch die die Gläubiger­mächte Deutschland offiziell die Verschiebung der Konferenz von Lausanne zur Kenntnis bringen und genau das Regime festlegen wollen, das ab 1. Juli, also nach dem Ablauf des Koover-Moratoriums, für ein weiteres Jahr in Geltung kommen soll.

Botschafter Lord Tyrrell habe dem Ministerpräsidenten Laval einen Texlentwurf vorgelegt, der von dem englischen Schatzamtsdelegierten Sir Frederik Leith-Roß ausgearbeitet worden sei. Dieser Entwurf oder, besser gesagt, Vorentwurf lasse sich wie folgt zusammenfassen: Die Vertreter Groß­britanniens schlagen den interessierten Regierungen, nach­dem sie kurz an die besonderen Umstände erinnert haben, die die Verschiebung der Lausanner Konferenz hervorgeru­fen hätten, vor, am 30. Juni mit Deutschland Verhandlun­gen aufzunehmen. Sie hofften, daß bis dahin die Wäh­rung»- und Wirtschaftslage sich genügend weiter entwickelt haben werde, um nützliche Verhandlungen zu erlauben.

Ergänzend wird berichtet, daß England offenbar ganz bestimmte Forderungen gestellt hat, die über das Jahr 1932 bis Juli 1933 hinausgehen. Der Außenpolitiker desEcho de Paris" will in der Lage sein, über die englische und die französisch« Stellungnahme während der Verhandlungen mitteilen zu können, daß die Angelegenheit keinen Schritt vorwärtsgekommen sei.

Euglifcherseits Halte man an dem Verlangen fest, daß --------------, ^._

; und eine Regelung vornehmen soll, die sich mindestens auf eine Reihe von Jahren erstrecke. Was die Art dieser Rege­lung betrifft, so genüge es zu sagen, daß sie ein absolute» Moratorium, d. h. die Unterbindung aller deutschen Zah­lungen umfassen solle, auch derjenigen, die da» gegenwär- ! tig in Kraft befindliche Hoover-Moratorium habe bestehen ' lassen.

! Diesen Plan anzunehmen, seien wahrscheinlich weder Laval noch Flandin geneigt; würde er doch auf eine einfache ; Beseitigung der deutschen Reparationen hinauslaufen, ohne i Rücksicht darauf, was die Vereinigten Staaten hinsichtlich der Kriegsschulden tun oder nicht tun würden. Die Grenze dessen, was Frankreich zugestehen könne, sei eine Erneue­rung des Hoooer-Moratoriums einschließlich der darin enthaltenen Sicherungsbestimmungen bis zum 1. Juli 1933. Außerdem dürfe nach französischer Ansicht die im Mai oder Juni tagende Reparationskonferenz nichts bestimmen, was über einen Zeitraum von zwei Jahren hin- ausgeht. Wenn London wünsche, daß sich diese Konferenz mit etwas anderem beschäftigen solle, als mit der Festlegung eines Moratoriums für ein oder zwei Jahre, dann solle man außer der Reparationsfrage noch andere finanzielle und wirtschaftliche Probleme auf Die Tagesordnung der Kon­ferenz fetzen.

Im Gegensatz zumEcho de Paris" will der Pariser Korrespondent derTimes" wissen, daß sich die Auffassun­gen der beiden Regierungen dabei etwas genähert hätten Lord Tyrrell habe den Entwurf einer britischen Formel vorgelegt, die nach einigen Abänderungen nach London übermittelt worden sei. Von London seien die britischen Bemerkungen zu dieser neuen Fassung bereits nach Paris mitgeteilt worden. DerDaily Telegraph" meldet, Die Z u- sammenkunft zwischen Laval und MacDo- nald werde schließlich in dieser Woche stattfinden.

Vliantaftische Tributziffera Graf d'Ormeffon präsentiert feine Rechnung.

Paris, 27. Januar.

Der angeblicheDeutschlandfreund" Graf Wladi­mir d'Ormeffon veröffentlicht imTemps" einen um­fangreichen Artikel, in dem er u. a. erklärt, daß zehn fran­zösische Provinzen während des Weltkrieges als Schlachtfeld gedient hätten und vollkommen verwüstet aus dem Völker­ringen hervorgegangen feien. Diese Verwüstungen seien ab­sichtlich geschehen. Noch am Vorabend des Waffenstillstandes habe der gemeinsame Feind nur aus Zerstörungswut sein Vernichtungswerk fortgesetzt. Dörfer, Gruben, Schlösser, Industriebetriebe und Städte, wie etwa Cambrai, die ziem­lich unversehrt aus den Kämpfen hervorgegangen feien, hät­ten die Deutschen systematisch in Brand gesteckt.

Ohne die 125 Milliarden Franken in Rechnung zu stel­len, die der Frankreich aufgezwungene krieg gekostet habe, und ohne die 115 Milliarden zu berücksichtigen, die Frank­reich bisher an Pensionen und Hinterbliebenenunterstützun- gen gezahlt habe, habe Frankreich ein Anrecht auf Meder- gutmachung der erlittenen Schäden, die sich auf 250 Milliar- den Franken belaufen, wenn man Zinsen und Zinseszinsen berücksichtigt, und auf 175 Milliarden Franken, wenn man nur das investierte Kapital rechne.