Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 20
Montag, den 25. Januar 1932
82. Jahrgang
Neuregelung der Privatschulden
Die Stillhalteverhandlvngen in Berlin haben zum^Abschluh einer neven Kreditabkommens geführt
Deutsches Kreditabkommen 1932
Die neuen Stillhalte-Vereinbarungen.
Berlin, 24. Januar.
Nach langwierigen und komplizierten Verhandlungen zwischen Vertretern ausländischer Gläubigerbanken und Mitgliedern des deutschen Schuldnerausschusses ist ein als „Deutsches Kreditabkommen 1932" bezeichnetes Abkommen zustande gekommen, das die Rechtsbeziehungen zwischen den ausländischen Bankengläubigern und den privaten Schuldnern kurzfristiger Kredite für ein weiteres Jahr regelt. Der Abschluß ist von Auslandsseite an die Voraussetzung geknüpft, daß die deutsche Gesetzgebung in bisheriger Weise die Durchführung des Abkommens sichert. Die ausländischen Bankengläubiger sollen, falls diese Bedingung nicht erfüllt wird, berechtigt sein, das Abkommen zu kündigen, ebenso für den Fall, daß die der Reichsbank über die BJZ. gewährten Notenbankkredite nicht erneuert werden, oder wenn besondere finanzwirtschaftliche Ereignisse auf internationalem Gebiet nach Auffassung der ausländischen Bankenausschüsse die Ausführung des Abkommens wesentlich gefährden.
Das Abkommen endigt automatisch im Falle der Erklärung eines deutschen Auslandsmoratoriums. Von dem Abkommen werden alle kurzfristigen ausländischen Verbindlichkeiten deutscher Banken, Handels- und Jndustriefirmen betroffen, und zwar auch die erst nach dem 1. 3. 1932 während der D '.er des neuen Abkommens fällig werdenden Verbindlichkeiten. Das Abkommen sieht keine festen Bar- rückzahlungen vor, beginnt aber mit einer Rückführung der unbenutzten Kreditlinien. Jeder Gläubiger ist berechtigt, am 1. 3. 1932 die Gesamtheit der von ihm zugesagten Kredite um zehn Prozent zu kürzen, jedoch nur im Rahmen der unbenutzten Kreditlinien.
Eine besondere Behandlung, welche die Ansätze zu lana- ^u^avn.uuy vci ^u>uwt:ii tueni<ui taß», ist sur die von den deutschen Banken am 29. 2. 1932 in Anspruch zu nehmenden ungesicherten Barkredike vorgesehen. Die betreffenden deutschen Banken sollen Werte im ausmachenden Betrage von fünfzehn Prozent dieser ungesicherten Barkredite, und zwar in erster Linie Sola-Wechsel ihrer Debitoren, bei der Reichsbank als Treuhänderin einliefern, wobei diese Werte auf einen Gesamtbetrag von ungefähr zweihundert Millionen RM geschäht werden. Auf Grund dieser Unterlagen werden zu sechs Prozent verzinsliche in Halbjahres- raken rückzahlbare zehnjährige Zertifikate ausgestellt, die an Zahlungs Stakt an die diese Form der Rückzablung wünschenden ausländischen Gläubiger gegeben werden.
Für die Möglichkeit eines Anschlusses der Jndustriekre- dite an dieses System sind die Voraussetzungen geschaffen. Einen anderen Weg zur Umwandlung der kurzfristigen Schulden in langfristige Kapitalsanlagen kann der Gläubiger beschreiten, indem er über seine am 29. 2. 1932 ausstehenden ungesicherten Valutakassekredite sowie die fällig werdenden älteren Kredite gleichen Charakters in Reichsmark verfügt und den Reichsmarkbetrag in Deutschland entweder für mindestens fünf Jahre hypothekarisch festlegt oder Wertpapiere irgendwelcher Art kauft oder Grundbesitz und dergleichen, und zwar mit entsprechender Sperrfrist unter Aufsicht de Reichsbank erwirbt.
Für die Inanspruchnahme der von den ausländischen Banken zur Verfügung gestellten Akzeptkredite ist ein den deutschen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechender grö- ßerer Rahmen geschaffen worden, der die Warenbewegung einschließlich der Verabeitung importierter Güter und die dem Export voraufgehenden Fabrikationsvorgänge und Warenbewegungen umfaßt, und dadurch wohl alle Arten von Ziehungen deckt, wie sie sich aus den Bedürfnissen des deutschen Geschäfts in der Vergangenheit und Gegenwart er- geben.
Gegenüber den bisherigen Abkommen bedeuten diese Bestimmungen insofern eine erhebliche Erleichterung, als die zur Verfügung gestellten Kreditlinien wieder in beque- merer Weise ausgenuht werden können. In der Frage der Zinsen und Provisionen kannte leider eine grundsätzliche Vervesserung nicht erzielt werden. Es ist jedoch zu hoffen, daß die im Vertrag enthaltene und in den Verhandlungen vielfach ausgesprochene Empfehlung sich in einer gewissen Ermäßigung der Zins- und Provisionssätze auswirken wird.
Zur Entscheidung über Streitigkeiten zwischen den Vertragsparteien ist wiederum ein Schiedsgericht vorgesehen, das auch weiterhin in völlig freier Entschließung seitens der BJZ. ernannt wird. Die Garantieverpflichtung der Golddiskontbank wird auch auf die unter das neue Abkommen fallenden, also nach dem 1. März 1932 fällig werdenden Auslandsschulden ausgedehnt. Sie wird zum Vertreter der ausländischen Gläubiger bestellt, so daß sie die ^wberungen direkt nach ihrem Ermessen einziehen kann.
Zusammenfassend ist festzustellen, daß das Abkommen trotz einer gewissen bei solchen Verträgen kaum vermeidbaren Kompliziertheit mancher Einzelbeslimmungen doch einen tragbaren Ausgleich der Interessen darstellt zur Aufrechterhaltung und Fortführung der internationalen Handelsund Kreditbeziehungen. Naturgemäß wird das Gelingen der Durchführung des neuen Abkommens in erster Linie von der verständnisvollen Zusammenarbeit auf Gläubiger- wie Wf -chuldnerseile abhängem
Borah gegen Laval
Frankreichs These macht Moratoriumsverlängerung wertlos.
Washington, 25. Januar.
Senator Borah veröffentlicht folgende Erklärung: Der einzige sogenannte konkrete Vorschlag, der in dieser Woche aus den Verhandlungen in Europa hervorgegangen ist, besteht in der Verlängerung des internationalen Moratoriums. Dieser Vorschlag imponiert mir nicht; er bedeutet weder Erleichterung noch Erholung (!).
Unter den bestehenden Verhältnissen bedeutet ein Moratorium einen Aufschub der Operation, bis der Patient so schwach ist, daß er sie nicht überleben kann.
Wenn Frankreich ein Programm bieten würde, das uns den Wiederaufbau Europas und die wirtschaftliche Erholung der Welt in Aussicht stellt, so würde er die Vereinigten Staaten außerordentlich interessiert finden.
Aber welche Ermutigung besteht für Amerika nach Lavals Rede vom letzten Mittwoch, sich für Europa zu interessieren?
Laval stellte drei Forderungen auf: erstens die Unantastbar- keit und volle Bezahlung der Reparationen, zweitens verlangte er, daß die Friedensverträge das geheiligte Statut Europas fein und bleiben sollten, drittens lehnte er die A b r ü st u n g so lange ab, bis die Nationen einen Sicher- Heitspakt zur Verteidigung dieser Friedensverträge abschließen.
Was nützt bei einem derartigen Programm ein Moratorium; wie kann dadurch irgendjemand geholfen werden?
Sm Schatten Poincares
Der Eindruck der Rede Lavals in Berlin.
^-- ^ - - ^ ^ —■ p^viMU^U 4HUM|^k^lU|la denken in Berliner politischen Kreisen läßt sich dahin zusammenfassen, daß sie ebensowenig wie die erste Rede Lavals einen sachlichen Fortschritt auf dem Wege zu der von allen Mächten außer Frankreich anerkanntermaßen unumgänglich notwendigen sofortigen Lösung des Repartionsproblems bringt. Die Ausführungen des französischen Ministerpräsidenten wiederholen in überspitzter Form noch einmal die hinlänglich bekannte französische These.
Laval hat sich nun in seinen Ausführungen auf den Boden des Baseler Berichts gestellt, aus dem er den Passus von der Möglichkeit einer späteren Zahlungsfähigkeit Deutschlands zitiert. Aber er unterstellt dabei dieser beiläufigen Wendung in den Darlegungen der Finanzsachverständigen eine Bedeutung, die die Verfasser des Baseler Berichtes nicht im Auge gehabt haben. Denn diese haben gewissermaßen lediglich als Wissenschaftler keinerlei Möglichkeiten, die vielleicht einmal eintreten könnten, außer acht lasten wollen. Aber sie haben damit keinerlei Bemessungs- faktor für die gegenwärtige Entscheidung über das Repa- rationsproblem einschalten wollen. Wie sehr Lavals reiner Formalismus in seiner Rede, die sehr stark an frühere Reden Poincaris erinnerte, im Gegensatz steht zu dem Baseler Bericht, ergibt sich im besonderen dann, wenn man sich an die Schlußfolgerungen der Baseler Sachverständigen erinnert. In diesen wird von dem deutschen Problem, das in großem Maße die Ursache für die fortschreitende finanzielle Lähmung der Welt ist, gesagt, daß es weltweite Bedeutung habe. Und weiter wird von den Baseler Sachverständigen in Erinnerung an den ersten Baseler Bericht vom August 1931 noch einmal auf die Notwendigkeit eines sofortigen Handelns der Regierungen hingewiesen, auf denen die Verantwortung ruht, um eine Besserung der Krise Her- beizuführen, die gleichermaßen auf allen lastet.
Aus dem Wege zur Tributpolitik
Die Rede Lavals bedeutet nach Auffassung der zuständigen Stellen insofern einen Stellungswechsel, als die Ausführungen über den angeblich gutausgerüsteten Wirtschaftsorganismus Deutschlands ein Fallenlasten der sogenannten Wiedergutmachungsthese darstellen. Frankreich geht jetzt offensichtlich den Weg von der Reparationspolitik zur reinen Tributpolitik mit dem Ziel, den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands zu unterbinden, was sich naturnotwendig auf die Weltwirtschaft auswirken werde.
Kein Pfandrecht am Saargediet
Der Aeußerung der Pariser Presse, daß Frankreich für die nichtbezahlten deutschen Schulden Pfandrechte am Saargebiet geltend machen werde, wird an zuständiger Stelle entgegengehalten, daß Frankreich für diese Ansprüche nicht einmal aus dem versailler Vertrag irgendwelche Rechte herleiten könne. Frankreich habe keinerlei formelljuristische Möglichkeiten über das Saargebiet zu verfügen.
Volksentscheid in Danzig gescheitert
Danzig. Bei bem Volksentscheid über die Auflösung des Danziger Volkstages wurden insgesamt 77 109 Stimmen abgegeben, davon mit Ja 75 331 Stimmen, mit Nein 687 Stimmen, ungültig 1091 Stimmen. Wahlberechtigt waren 228 044. Zum Gelingen des Volksentscheides hätte die Hälfte der Wahlberechtigten abstimmen müssen, das sind 114 023. Damit ist der Volksentscheid endgüstig gescheitert.
Wieder Putschgefahr in Österreich?
Ein amtliches Dementi.
Wien, 25. Januar.
Unser Bezugnahme auf die in einzelnen Blättern verbreiteten beunruhigenden Gerüchte über einen neuerlichen Heimwehrputsch wird amtlich festgestellt, daß diese Nachrichten jeder Begründung entbehren. Uebrigens seien seitens der Behörden alle notwendigen Vorkehrungen ge- troffen.
Sozialdemokratie bläst zum Sammeln
In einem Aufruf teilt die sozialdemokratische Parteiver- tretung mit, ihr seien verläßliche Mitteilungen zugekommen, daß die Heimwehren e r n st h a f t einen neuen Putsch oorbereiteten. Daher gebe die Sozialdemokratie
Weisungen für den Fall eines bewaffneten Putsches der Heimwehren bekannt: Alle sozialdemokratischen Bürgermeister und Ortsvorstände müssen die am Putsch beteiligten Personen entwaffnen und verhaften. Tritt der Schutzbund in Aktion, hat er die örtlichen Behörden zu verständigen, daß sein Vorgehen sich nur gegen die Putschisten richte. In dem Aufruf heißt es dann weiter: Sammeln sich die Heimwehren, so sammeln sich die Arbeiter auch, greifen die Heimwehren die gesetzlichen Einrichtungen an, so treten die Schutzbündler in Aktion. Die Eisenbahner haben jede Beförderung von Putschisten unbedingt zu verweigern. Haben die Putschisten irgendwo die Macht an sich gerissen, so ist dort jede Arbeit einzustellen.
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Madrid, 25. Januar.
Der Präsident der spanischen Republik unterzeichnete ein Dekret, durch das die Auflösung des Jesuitenordens verfügt wird.
Das Auflösungsdekret bestimmt, daß die Mitglieder der Gesellschaft Jesu künftig weder in Gemeinschaften noch einzeln in Spanien leben dürfen. Der gesamte Besitz des Jesuitenordens wird beschlagnahmt. Eventuell auf Grund des Dekrets zu erwartende Unruhen werden rücksichtslos unterdrückt.
Maffenverhastungen,Belagerungszustand
In S e v i l l a sind, da Unruhen erwartet werden, sämtliche strategischen Punkte der Stadt durch Truppen besetzt worden, während mit Maschinengewehren bewaffnet« Flugzeuge unablässig über der Stadt kreisen.
Bisher wurden 40 Kommunisten und Gewerkschaftler verhaftet. Die Verwaltungsräume der kommunistischen Gewerkschaften sind auf Regierungsbefehl geschlossen worden. Auch das Madrider revolutionäre Komitee ist verhaftet worden.
Endgültiger Bruch China —Japan?
Ranking, 25. Januar.
Außenminister Eugen Tschen hat in einer Konferenz von Regierungsführern, an der auch Tschiangkaischek teil- nahm, den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Japan vorgeschlagen. Man glaubt allgemein, daß diese Maßnahme trotz der Ankündigung, daß dies vielleicht eine japanische Blockade der chinesischen Häfen zur Folge haben würde, beschlossen werden wird.
Die Nanking-Regierung will einen Rat für nationale Verteidigung unter Leitung Tschiangkaischek s schaffen.
Besetzung Schanghais?
Schanghai, 25. Januar.
Die Japaner kündigen an, daß sie Teile von Groß- Schanghai, darunter die Lhinesenstadk, das Arsenal und die chinesischen städtischen Gebäude besetzen werden,. falls ihre Zorderungen nicht erfüllt werden. Die Besetzung wird innerhalb 48 Stunden erwartet.
Kommunistenrevolte in Salvador
San Salvador, 25. Januar.
Ein britisches Kriegsschiff befindet sich auf der Fahrt nach San Salvador, wo ein kommunistischer Aufstand aus- gebrochen fein soll. Die A u fst ä n d i s ch« n sollen mehrere Städte im Innern besetzt, aber später wieder an die Regie- rungstruppen verloren haben.
Wie aus W a s h i n g t o n berichtet wird, sind ein amerikanischer Kreuzer und zwei Zerstörer von Panama nach Guatemala abgegangen. Die kanadische Regierung hat zwei Zerstörer nach El Salvador beordert.