hersf-üöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 18
Freitag, den 22. Januar 1932
82. Jahrgang
„Die deutsche Gefahr"
Frankreich überschwemmt zur Einleitung -er Abrüstungskonferenz die Welt mit Schauermärchen über riestge deutsche Geheimrüstungen
Ergebnis der Woche
Eine verfehlte Spekulation.
R. p. Vor wenigen Tagen hat der französische Ministerpräsident auftragsgemäß die These von der „Heiligkeit der Verträge" erneut vertreten. Frankreich wird nichts von „seinen Rechten" aufgeben, und es wird nicht dulden, daß an dem Prinzip deutscher Reparationszahlungen irgend etwas geändert wird. Mit dieser Erklärung Lavals ist eine Lage geschaffen, die alle voraufgegangenen Bemühungen, zu einer Entspannung und Gesundung der weltwirtschaftlichen Verhältnisse zu kommen, über den Haufen wirft. Diese Lage ist weder für Frankreich noch für die Menschheit insgemein allzu verlockend. Für Frankreich besonders deshalb nicht, weil es gehofft hatte, es könnte durch forsches Auftreten in Washington so etwas wie eine Einschüchterung erreichen. Das Weiße Haus hat aber sehr kühl reagiert und Frankreich zu verstehen gegeben, daß Amerika so lange nicht in eine Erörterung der Schuldenfrage eintreten werde, solange nicht Europa — lies Frankreich — einen T a t b e - weis für eine vernünftige Reparationsregelung erbracht haben. Den von Frankreich gemachten Vorschlag auf Verlängerung des Hoover-Moratoriums lehnte es ebenso kühlhöflich wie entschieden ab Damit zwingt es Frankreich, sich zu erklären, wie es sich nach dem Ablauf des Hoover-Jahres die Wiederaufnahme feiner Schuldenzahlungen an Amerika denkt. Inzwischen hat auch der deutsche Reichskanzler auf eine Anfrage der britischen Regierung erklärt daß Deutschland eine Verlängerung des Hoover-Moratoriums ablehnt. Diese Antwort hat in London wie auch in Washington durchaus befriedigt, weil man dort der Ueberzeugung ist, daß die Reparationsfrage unbedingt einer end- liliÄijMlÄM^
Der unbequeme Poungplan.
Frankreich hat sich in seinem Vertragsgitterwerk, das es lediglich für Deutschland aufgerichtet haben wollte, schließlich selbst gefangen. Als, vorbereitet durch die verschiedenen Staatsmännerbesuche in London, Paris und Rom, von deutscher Seite aus auf eine endliche und endgültige G e - s a m t l ö s u n g der politischen Schulden hingearbeitet wurde, weil sich durch den katastrophalen Rückgang der deutschen Wirtschafts- und Zahlungskraft der Widersinn des Äsung-Plans erwiesen hatte, verlangte Frankreich, daß mit Ablauf des Hoover-Jahres die Bestimmungen des Poung- Planes wieder in Kraft treten sollten. Dadurch wurde Deutschland gezwungen, den in dem sogenannten Neuen Plan vorgesehenen Verfahrensweg einzuschlagen und die Einberufung des Sonderausschusses der VJZ. zur Feststellung der deutschen Leistungsfähigkeit zu beantragen. Damit wurde der Apparat des Revarationsplans in Gang gefetzt. Das erste Ergebnis war im wesentlichen eine Niederlage Frankreichs, da der Sonderausschuß unter Feststellung der deutschen Zahlungsunfähigkeit und des Zusammenhangs zwischen deutscher und allgemeiner Wirtschaftskrise den beteiligten Regierungen die 'dringend beschleunigte Ingangsetzung geeigneter Maßnahmen empfahl. Diese Maßnahmen sollten instanzenmäßig durch die von England auf den 25. Januar einberufene Regierungskonferenz in Lausanne beschlossen werden. Da man in Frankreich fürchtete, daß diese Regierungskonferenz zu einer ähnlichen Auffassung über die Zusammenhänge zwischen Reparationen und Weltkrise wie der Sonderausschuß kommen würde — und mancherlei Anzeichen lassen eine solche Annahme durchaus als berechtigt erscheinen —, so betrieb man von Paris her syste- matisch die Sabotierung der Lausanner Konferenz. Die englische Regierung hat sich denn auch veranlaßt gesehest, zu erklären, daß sich ein Zusammentritt der Konferenz am kommenden Montag nicht werde erreichen lassen. Während Frankreich also durch Verhinderung dieser Konferenz die Vertragsbestimmungen verletzt, steht Deutschland und mit ihm wohl die Mehrzahl aller Gläubigerländer auf dem Standpunkt, daß jetzt dem Reparationsproblem wirklich ernsthaft zu Leibe gegangen werden muß. Mit dem Noung-Mechanismus' ist das nicht zu erreichen, eine Erkenntnis, die sich auch bei den Baseler Sachverständigen durchgesetzt hatte. Eine Verlängerung des Hoooer-Morato- riums kommt für Deutschland deshalb nicht in Frage, weil sie gleichbedeutend wäre mit der Abgabe eines neuen d e u t- schenZahlungsoersprechens. Das Hoovermorato- rium sieht bekanntlich die Nachzahlung der gestundeten Zahlungen vor. Deutschland müßte also mit Ablauf des Moratoriums in zehn Jahresraten .bas nachzahlen, was es heute nicht leisten kann. Es wäre ein absoluter Widersinn, zu erwarten, daß Deutschland etwa vom nächsten Jahre ab die vollen Zahlungen einschließlich der gestundeten Beträge aufbringen könnte.
Bourgeois erzählt Märchen.
Wie die Reparationsregelung so ist Frankreich auch die Abrüstung sfrage ein Greuel Nur mit stärkstem Widerwillen und nach Schaffung einer ganzen Reihe von „Sicherheitskautelen" hat es sich schließlich dazu bereit ge- unden, der Einberufung der allgemeinen Abrüstungskon- erenz zuzustimmen. Jetzt steht sie vor der Tür, und nach ranzösischer Auffassung 'ist die Gefahr immerhin gegeben, M| man in Genf tatsächlich die Forderung der A b r ü -
stung auch Frankreichs erhebt. Deshalb haben die französischen Rüstungsfreunde nicht ohne stillschweigende Förderung von amtlicher Seite einen Vorstoß unternommen, der darauf abzielt, die Abrüstungskonferenz von vornherein in ein Frankreich genehmes Fahrwasser zu leiten Die Senatoren General Bourgeois und Eccard haben dem französischen Parlamentsausschuß einen Bericht über den deutschen — nicht französischen! — Rüstungsstand erstattet und diesen mit den alten Museumsstücken über Deutschlands ,heimliche Armee" wirkungsvoll ausgeschmückt Unter diesen Stücken befinden sich eine ganze Reihe von Modellen, die in gleicher oder ähnlicher Form leider in gewissen deutschen Zeitschriften vor längerer oder kürzerer Zeit aufgetaucht sind und damit für die französische Oeffentlichkeit ein gewisses Maß von „Beweiskraft" darstellen. Das Reichsgericht hat vor kurzem unter dem tosenden Protest gewisser pazifistischer Kreise Deutschlands einige dieser Uebeltäter zu empfindlichen Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie durch Veröffentlichung unwahrer Behauptungen dem Ausland Material an die Hand gegeben haben. Deutschlands Wehrpolitik zu verdächtigen. Man wird gleichwohl annehmen müssen, daß trotz der erweisbaren Lügen Bourgeois' und Eccards sich auch auf der Abrüstungskonferenz Leute finden werden, die damit versuchen werden, die allgemeine Abrü stung zu hintertreiben.
Die deutschen „Geheimrüstungen"
An Frankreichs Adresse!
Berlin, 22. Januar.
Nach dem planmäßigen Verleumdungsfeldzug der französischen Presse und anderer Stellen in letzter Zeit soll Deutschland ein mächtiges Heer organisieren, indem eine große Anzahl omv4Tneroffiyeten aus der Reichswehr aus- fcheiSe, um Platz ^^ieLruien frei zu Müiyen—und mdem- zahlreiche Offiziere in verbotenen Schulen ausgebildet würden.
Hierzu erklärt das Reichsrvehrminrsterium u. a.:
Diese Behauptungen sind erlogen!
Die Zahl der Entlassungen und Neueinstellungen wird durch Wehrgesetz nach den Vorschriften von Versailles genau eingehalten. Eine Ausbildung von Offizieren ist schon deshalb nicht möglich, weil die geringe Anzahl der deutschen Offiziere zum Dienst in der Truppe benötigt wird und weil es überhaupt verbotene Schulen nicht gibt.
Wenn General B o u r g e o i s u. a. von einer deutschen „Stoßarmee" gesprochen hat, so verwechselt er diese anscheinend mit der etwa 50 Divisionen starken französischen „Armee de couverture", die eine voraussichtliche Kriegsstärke von über 134 Millionen Mann hat (!), während die Stärke des deutschen Reichsheeres im Frieden und krieg nur 100 000 Mann beträgt (!).
Wenn General Bourgeois von der Möglichkeit einer schnellen Umstellung der deutschen Kriegsindustrie aufkriegsfertlgkeit spricht, so ist darauf zu erwidern, daß eine Umstellung nicht so schnell erfolgen kann, wie die mächtigen französischen Bombengeschwader das jeden Luftschutzes entbehrende deutsche Gebiet überfliegen können (!).
Für die von General Bourgeois bemängelte Erziehung der Kinder im Sinne einer Revanchepropaganda ist er jeden Beweis schuldig geblieben.
Die Behauptungen des Senators Eccard über die deutschen Militärausgaben strafen sich durch ihre Lächerlichkeit selbst Lügen
Deutschland wird nicht aufhören, das ungeheure Mißverhältnis an Recht, Macht und Sicherheit, das durch die Nichteinhaltung des im Diktat von Versailles gegebenen Ab- rüstungsversprechens der Siegermächte hervorgerufen. und durch das Wettrüsten der rüstungsfreien Mächte in unerträglicher Weise gesteigert wurde, weiter der Oeffentlichkeit, der Welt vor Augen zu halten.
„Ehrliche Abrüstung" Eine vernünftige belgische Stimme.
Brüssel, 21. Januar.
3m Verlaufe der Senatserörterungen über den Haushalt der nationalen Verteidigung verfocht der Senator de Brouckere, belgischer Vertreter auf der Abrüstungskonferenz, die These einer fortschreitenden gegenseitigen Abrüstung in Uebereinstimmung mit dem Versailler Vertrag, der von den Alliierten nicht erfüllt worden sei.
De Brouckere fügte hinzu, daß Belgien ein gutes Ab- rüstungsbeispiel geben, möge, zumal Belgien selbst unfähig sei, sich zu verteidigen und alle Verteidigungspläne Illusionen sein würden, wenn das Wettrüsten anhielte. Das würde aber der Fall sein, wenn die Abrüstungskonferenz scheitern würde.
DLe Rigaer Verhandlungen gescheitert?
Riga, 22. Januar.
In hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, daß die hier geführten russisch-rumänischen Nichtangriffspaktverhand- lungen ergebnislos abgebrochen worden find.
Ersatz für Lausanne?
Oeffenlliche Konferenz der Regierungsvertreter?
London, 22. Januar.-
Hiesige unterrichtete Kreise vertreten die Ansicht, daß die in der Frage der Abhaltung der Konferenz von Lausanne geführten Besprechungen den toten Punkt noch nicht überwunden hätten. Man hält es für durchaus möglich, daß man sich in den nächsten Tagen dahin einigen wird, die Meinungsverschiedenheiten in den diplomatischen Verhandlungen in öffentlicher Konferenz der Regierungsvertreter zu behandeln.
Unter diesen Umständen könnte damit gerechnet werden, daß in naher Zukunft eine Reparationskonferenz ohne vorherige Zustimmung Deutschlands zu einer Verlängerung des Hoover-Moratoriums siaktfinden werde. Die hier entschieden vorgebrachte Tatsache, daß für Deutschland eine derartige Verlängerung nicht in Frage kommen kann, ist endgültig zur Kenntnis genommen worden.
Amerika wird deutlich
Washington, 22. Januar.
Zu iym britisch-französischen Plan eines Verzichtes der Lausanner Konferenz wurde an maßgebender Stelle ange- deutet, daß im Kongreß keine Geneigtheit bestehe, sich von Europa diktieren zu lassen, daß Amerika die Kosten des Weltkrieges übernehmen müsse, damit Frankreich weiterhin gewaltige Summen für Rüstungszwecke ausgeben könne. Amerika werde sich durch Drohungen wegen einer angeblichen Einheitsfront Europas gegen Amerika nicht schrecken lassen.
Amerika werde daher nichts in der internationalen -S&u'.fr.ia-.iniQp bevor rückt dir enroväsiä^en Staaten sich unter Berufung auf ihre Schuldenverträge ein- zeln an die Regierung der Vereinigten Staaten gewandt hätten
Seht neues Zahlongroerfvrechen Weiter feste Haltung der Regierung.
Berlin, 22. Januar.
In politischen Kreisen wird zu den Bestrebungen, die auf eine Verlängerung des Hooverfeierjahres hinauslaufen, darauf hingewiesen, daß die Anerkennung eines zweiten Hooverjahres schon deshalb nicht in Frage kommen kann, weil sie die Abgabe eines Zahlungsversprechens darstellen würde. Wie erinnerlich, hat die Londoner Konferenz im August vergangenen Jahres festgesetzt, daß die während des Hoover-Moratoriums gestundeten geschützten Reparationszahlungen in zehn Jahresraten von 117,8 Millionen RM. und die ungeschützten Annuitäten in Form von Reichsbahnschuldverschreibungen ebenfalls in zehn Jahresraten von 62 und 45 Millionen RM. nachgezahlt werden müssen.
Da niemand annehmen kann, daß Deutschland angesichts seiner völligen Zahlungsunfähigkeit mit diesen Iah-' lungen beginnen kann, ist es auch völlig ausgeschlossen, zu diesen Zahlungsversprechen ein neues Hinzuzufügen. Aus den gleichen Gründen ergibt sich auch, daß eine englische Meldung, Deutschland beabsichtige, einen neuen Repara- lionsplan auf der Grundlage von Reichsbahnschuldverschreibungen vorzuschlagen, völlig aus der Luft gegriffen ist.
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In pariser politischen Kreisen verlautet, daß der Beginn der Lausanner Tributkonferenz vom 25. auf den 28. Januar verschoben werden solle. Grundsätzliche Beschlüsse seien jedoch weder in London noch in Paris gefaßt, da man den Ausgang der Abstimmung in der französischen Kammer abwarten wolle. Tatsächlich bleibt die Frage also noch vollkommen in der Schwebe.
In Berlin ist amtlich noch nicht bekannt, daß die Lausanner Konferenz am 25. Januar nicht stattfindet Deutschland bleibt unter allen Umständen bei seiner bekannten und wohlbegründeten These, daß die Endregelung so bald wie möglich herbeigeführt werden müsse, um verheerende Folgen, die sich aus einer weiteren Verzögerung ergeben würden, zu verhindern. Die Verantwortung für ein Verschleppen der Frage bzw. für die Folgen, die hieraus entstehen, wird bei denjenigen Staatsmännern liegen, die dazu beitragen, daß das Tributproblem nicht so schnell wie möglich geregelt wird.
Braunschweig gegen Reich Ein nicht befolgtes Ieikungsverbok.
Braunschweig, 22. Januar.
Der Reichsinnenminister hat die braunschweigische Regierung ersucht, die „Braunschweigische Landeszeitung" wegen eines Aufsatzes „Fort mit Brüning" auf die Dauer von einer Woche zu verbieten. Der braunschweigische Innenminister hat diesem Ersuchen nicht entsprochen und das Reichsgericht angerufen.