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Hersfelöer Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbruckeret in Hersfelb. Mitglied des VDIV.

^ 9 Dienstag, den 12. Januar 1932 82. Jahrgang

Endlich klare Fronten

Gewaltiger Eindruck der KanzlererblSrung in den Hauptstädten Frankreich mit seinen Trabanten allein

Der UMM« KM

Eine etwas plumpe Formulierung der Reuter-Meldung über die Kanzlererklärung zur Reparationsfrage die übrigens bezeichnenderweise über Warschau ihren Weg nach London fand hatte in der französischen Presse vorüber­gehend einen Sensationssturm entfacht.Deutschland zer­reißt den Youngplan" hieß es in verschiedenen Ueberschrif- ten. Man sprach vonpolitischem Wahnsinn" eine Bemerkung, die wiederholt in der französischen Presse auftauchte als Zeichen dafür, daß ein solches Stichwort aus­gegeben wurde, drohte mit militärischen Sanktionen und ähnlichem und hielt allgemein den Zusammentritt der Lau- sanner Konferenz nach diesemdeutschem Ultimatum" für überflüssig.

Worin besteht nach französischer Auffassung der poli­tische Wahnsinn? Etwa darin, daß man nicht schon längst dieses Verbrechen einer systematisch betriebenen Verelen- dungspolitik gegen Deutschland beseitigt hat? Fast in der ganzen Welt sieht man das als politischen Wahnsinn an, nur nicht in Frankreich. Dort pocht man auf seinen Schein, einen Schein aber, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen er­schlichen und außerdem in seiner Wertbemessung nachträg­lich gefälscht worden ist. Und trotzdem wagt man' von dieser Seite, die deutsche Erklärung, daß Deutschland jetzt nicht und in Zukunft wahrscheinlich nicht Tribute zahlen könne, als politischen Wahnsinn zu bezeichnen. Man ist allerdings in­zwischen an der Seine etwas ruhiger geworden; man hat erkannt, daß man mit einer blöden Schlagwortpolitik in einer Welt keinen Eindruck mehr machen kann, die immer klarer erkennt, und durch die Tatsachen täglich fühlbar daran erinnert, wird, daß dieser Tributwahnsinn die Welt­wirtschaft und damit die einzelnen nationalen Wirtschaften an den Abgrund gebracht hat.

mo Aiwm* kiaoqiuin.f^-^ jmi.jiw^ MüiliäUläl, daß' selbst die französische Linkspresse, aus deren Reihen vor einigen Tagen die Anregung erging, im Interesse der deutsch-französischen Verständigung und der wirtschaftlichen und politischen Befriedung der Welt die Tribute zu strei­chen, die Kanzlererklärung ebenfalls ablehnt mit der Be­gründung,daß Brüning den Zeitpunkt schlecht ge­wählt habe" und er dadurch den französischen Friedens­freunden die Arbeit erschwere. Wollte man den nach fran­zösischer Auffassung richtigen Zeitpunkt abwarten, dann dürfte auch noch die nächste deutsche Generation unter den Tributen zu schmachten haben. Denn vorerst regieren noch jene Kreise Frankreich, die imTemps" unbeanstandet er­klären dürfen, man müsse die französischen Staatsmänner die der Rheinlandräumung zugestimmt haben, da­für verantwortlich machen, daß Deutschland jetzt offiziell die Aufhebung des Versailler Vertrages verlange.

Angesichts des Pariser Presselärms wird man sich fra­gen müssen, ob man dort wirklich so überrascht wurde oder nur überrascht tut. DieVolants sagt durchaus mit Recht, daß der deutsche Regierungschef laut heraus nur das er­klärt habe, was jeder Deutsche bei sich denkt, und was Milli­onen in der ganzen Welt einschließlich vieler Franzosen meinen. In den Pariser Regierungsstellen konnte man von der Erklärung Brünings niojt überrascht werden. Dazu sind die diplomatischen Besprechungen zwischen Berlin und Paris in den letzen Wochen zu umfassend gewesen. Zudem ist ge­rade im Zusammenhang mit oen Vorbereitungen für die Lausanner Konferenz sebr eindeutig auch öffentlich von Regierungsseite gesagt worden, daß Deutschland nur eine Lösung anerkennen kann, die die endgültige Be­seitigung der Tribute bringt. Deshalb sind auch die beteiligten Gläubigeregierungen zu keiner Zeit von deut­scher Seite im unklaren darüber gelassen worden, daß Deutschland die Lausanner Konferenz nur dann für zweck­mäßig hält, wenn sie auf eine Endlösung und nicht auf ein Provisorium abzielt. Und schließlich hat der Kanzler vor etwa 14 Tagen dem französischen Botschafter Francois-Poncet vor dessen Reise nach Paris fast wortgenau dasselbe ge­sagt.» was er am letzten Freitag dem britischen Botschafter über die Unmöglichkeit weiterer deutscher Tributzahlungen erklärte. Wenn Herr Poncet, wie man behauptet, sich ge- cheut hat, aus französischen innerpolitischen Erwägungen )em französischen Ministerpräsidenten Laval offiziell von dieser deutschen Regierungserklärung Mitteilung zu machen, o ist das eine Angelegenheit, die Herr Poncet mit sich und einer Regierung selbst ausmachen muß: an der Tatsache der Unmöglichkeit deutscher Tributzahlungen ändert das natürlich nicht das geringste.

Im übrigen Ausland, soweit es für die Tributregelung ausschlaggebend ist, zeigt man sich von der deutschen Erklä­rung weder beunruhigt noch überrascht. Der britische Mi­nisterpräsident MacDonald hat trotz aller vorsichtigen Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Bekanntgabe der eng­lischen Stellungnahme zu dem Tributproblem auf der 8 a u- sann er Konferenz ausdrücklich festgestellt, daß eine solche Erklärung kommen mußte. Er hat sich deshalb mit

Äiedenheit gegen eine vom französischen Finanzminister erte Auffassung über die Nutzlosigkeit der Lausanner Konferenz gewandt und den beteiligten Regierungen mittei­len lassen, daß England den Beginn der Konferenz für den 25. Januar in Lausanne wünscht. Aul* in der englischen

Presse kommt fast übereinstimmend zum Ausdruck, daß man über eine solche Erklärung nicht überrascht sein könne. Im News Chronicle" wird als . uffassung der Engländer mit­geteilt, daß diese die Reparationskrise herzlich satt hätten und sich freuten,daß Deutschland endlich denKuchen angeschnitten hat." Noch selbstverständlicher sieht man die Kanzlererklärung in I t a l i e n an. Für die a m e r i ko­nische Auffassung ist kennzeichnend die Tatsache, daß die Erklärung des Kanzlers die New Yorker Börse vollständig gleichgültig ließ. DieNew York Tribune" wendet sich in einem Leitaufsatz unter der UeberschriftDer Knoten zer- 'chlagen" gegen die Behauptung des französischen Finanz- ministers, daß der Schritt Brünings das Vertrauen zer­störe und die Depression vertiefe. -

DeutschlandsNein!"

Frankreich geht nach Lausanne. Wirtschaftliche Zwangs­maßnahmen?

Die Agentur Havas meldet, daß die französische Regie­rung ihr Verhalten angesichts der Erklärungen des Reichs­kanzlers in der Reparationsfrage noch nicht festgelegt habe. Der Ministerrat werde zweifellos am Dienstag hierüber beraten. Auf jeden Fall dürfe man annehmen, daß Frank­reich zur Reparationskonferenz, die am 25. Januar in Lau­sanne zusammentrele, erscheinen werde. Auch scheine man in offiziellen Kreisen nicht daran zu denken, an den Jnterna-. ; tionalen Gerichtshof im Haag zu appellieren, was für den Fall einer absichtlichen Verletzung des Doung-Planes durch 1 Deutschland vorgesehen sei. Daraus folge jedoch nicht, daß I die französische Regierung, falls die deutschen führenden ' dastehe. Die Sachverständigen wiesen z. B. darauf hin, daß es möglich wäre, eine besondere Besteuerung nach Art des englischen Recovery-Act für deutsche Einfuhrerzeugnisse zu schaffen, womit ein besonderer Reparationsfonds gespeist werden könnte.

Auch dasEcho de Paris" äußert sich im Sinne der von der Agentur Havas angegebenen möglichen Maßnahmen der französischen Regierung. Das Blatt stellt im übrigen fest, daß die französisch-englischen Sachverständigen-Verhandlun- gen nur schwer vorankämen. Sir Leith-Roß bestehe immer noch auf einem fünfjährigenMoratorium. Frank­reich verlange nur noch, daß Deutschland für den ungeschütz­ten Teil Reichsbahnobligationen deponiere, aber lediglich in der Bank für Internationale Zahlungen, und zwar m Höhe des Kapitalwertes der ungeschützten Annuitäten.

Leider habe MacDonald geglaubt, eine Erklärung ab­geben zu sollen, in der der Reichskanzler sicher eine Ermuti­gung erblicken werde.

Englands Haltung

Nachdem Ministerpräsident MacDonald in einem Inter­view mit Bezug auf Brünings Erklärung bereits zum Aus­druck gebracht hat, daß die europäische Wiedergenesung da­von abhänge, den harten Tatsachen ins Gesicht zu schauen, und somit den Standpunkt der englischen Regierung gegen­über der deutschen Erklärung in einer Form zum Ausdruck gebracht hat, die zu Hoffnungen berechtigt, erklärt jetzt auch der englische Arbeiterführer Lansbury, daß die Arbeiter­partei schon immer gegen die ganzen Tribut- und Schulden­zahlungen gewesen sei. England solle der Welt offen er­klären, daß es mit dem Streit um die Schulden nichts mehr zu tun haben wolle. Es sollte rund heraus sagen, daß es Schulden weder empfangen, noch zahlen wolle.

Echo der Weltöskentlichleit

In politischen Kreisen wird das Echo, das die Erklärun­gen des Reichskanzlers über die deutsche Zahlungsunfähig­keit in der Weltöffentlichkeit gefunden haben, sehr aufmerk­sam verfolgt. Die Erklärungen stützen sich in allererster Linie auf die objektive Unfähigkeit Deutschlands, Repara­tionszahlungen zu leisten, und weiter auf die Schlußfolge­rungen des Baseler Gutachtens. Es war zu erwarten, daß man jetzt Ueberlegungen anstellt, welche Gegenmaßnahmen möglich sind. Offenbar scheint aber der zuerst sehr erregte Ton in der französischen Oeffentlichkeit einer gewissen ruhi­geren Ueberlegung Platz gemacht zu hab«.

Belgien: Keine einheitliche Beurteilung

Alle belgischen Blätter nehmen eingehend zu der Er­klärung des Reichskanzlers über die Unmöglichkeit weiterer deutscher Tributzahlungen Stellung. Die liberaleEtoile Belge" weist darauf hin, daß die Anwendung von Gewalt Deutschland gegenüber eine weitaus größere Katastrophe herbeiführen würde als eine Zahlungsverweigerung Deutschlands. Die Besetzung deutschen Landes wäre gleich­falls eine gefährliche Sache. Wenn Frankreich daran denken würde, würde es keine Gefolgschaft finden sondern isoliert sein. Die Bewilligung eines neuen Zahlungsaufschubs unter Aufrechterhaltung der Fassade des Young-Planes sei not­wendig. Die liberaleJndependance Belge" schreibt da­gegen, daß die Lausanner Konferenz nunmehr überflüssig

werde. Durch die Unstimmigkeit zwischen den Alliierten triumphiere Deutschlands böser Wille. Die für die Repara­tionszahlungen vorgesehenen deutschen Gelder würden jetzt zur Verstärkung der deuffchen Rüstungen verwandt werden.

Polen:Politilcher Wahnfinnsatt-

Die Tributerklärungen des Reichskanzlers haben auch in Warschau starken Eindruck gemacht. Die polnische Presse beschränkt sich aber zunächst darauf, die Berliner Meldun- gen ohne eigene Stellungnahme zu veröffentlichen. Welche Aufnahme die Brüning-Erklärung findet, geht schon aus einer Reihe recht drastischer Ueberschriften hervor, wie z. B. Die Erklärung Brünings ist ein Akt des politischen Wahn­sinns",Europäischer Finanzskandal",Die Deutschen wer­den die Reparationszahlungen nur unter Kriegsdrohung leisten" usw. Am beliebtesten scheint jedoch die Fesfftellung despolitischen Wahnsinnsaktes" zu sein, da dieser Satz am häufigsten wiederholt wird.

Italien:Beizeiten verzichten"

Der italienische Außenminister Grandi hatte mit dem Abgeordneten Beneduce, dem Vorsitzenden des Baseler Sachverständigenausschusses, eine längere Unterredung. Be­neduce reiste darauf nach Paris ab, wo ein Gedankenaus­tausch mit den Vertretern des englischen und französischen Schatzamtes über die Tribuffrage stattfinden wird.

In italienischen Regierungskreisen beobachtet man nach wie vor größte Zurückhaltung bei der Beurteilung der Lage.

DerTevere" empfiehlt, beizeiten und mit Haltung auf etwas zu verzichten, von dem man wisse, daß man es doch nicht erhalten werde. Das Blatt sagt ziemlich deutlich, daß die französische Politik selbst zu der gegenwärtigen Lage bei- getragen habe.

Da es klar ist, daß ohne Reparationen auch die Kriegs- . yaupffachsic^ baran zu liegen, daß Europa sich mit den Ver- einigten Staaten gütlich verständigt. Denn Italien hat sei­nerzeit das Hoovermoratorium als den ersten annehmbaren Schritt aus der verwickelten Nachkriegslage lebhaft begrüßt und wünscht an der verständnisvollen Zusammenarbeit mit Amerika festzuhalten.

In faschistischen Kreisen erinnert man an die Rede Mussolinis in Neapel, in der er fragte, ob wirklich 60 lange Jahre vergehen mühten, bis man den Schlußstrich unter die Berechnung von Soll und haben sehen werde, die aufgegan­gen sei in dem Blut von 10 Millionen junger Menschen, die die Sonne nie mehr sehen würden.

Man hält es in Rom für möglich, daß auch ein deutsch­italienischer vorbereitender Gedankenaustausch über die Tributfrage in Berlin erfolgen könnte. Jedenfalls würde eine solche deutsch-italienische Füh­lungnahme dem von Italien vertretenen Grundsatz ent­sprechen, daß die verwickelten Fragen der Gegenwart am besten durch unmittelbare Fühlungnahmen zwischen allen Beteiligten gelöst werden können.

England: Günstige Aulnahme

Die Erklärung des Reichskanzlers, daß Deutschland jetzt und in der Zukunft keine Tribute mehr zahlen könne, hat in der englischen Oeffentlichkeit großes Auffehen erregt. Die Blätter betonen zum Teil, daß die Erklärung nicht unerwar- tet gekommen sei, sie führen sie vielfach auf den Einfluß der nationalen Opposition zurück.

Der diplomatische Korrespondent desObserver" sagt, die vollständige Streichung aller Schulden sei stets die Poli­tik Englands gewesen. Frankreich und Amerika hätten je­doch den englisch Standpunkt nicht voll verstanden. Die Er­eignisse aber nähmen ein schnelleres Tempo an, das durch den deutschen Schritt noch beeinflußt werde.

DieTimes" betont, daß die Erklärung Brünings die deutsche Haltung ganz klarmache, ohne daß hierdurch die Abhaltung der Lausanner Konferenz in Zweifel gestellt werde. Deuffchland werde in Lausanne erklären, daß es jetzt und in Zukunft keine Tribute zahlen könne. Das Reich werde auf die verheerenden Rückwirkungen der Tribute auf den Welthandel Hinweisen und sich auf den Standpunkt stel­len, daß von deutscher Seite übermenschliche Anstrengungen zur Ueberwindung der Schwierigkeiten gemacht worden seien. Es werde feststellen, daß nunmehr die Grenze des Möglichen erreicht sei, so daß die Beibehaltung des Systems der politischen Schulden zu einem allgemeinen Unglück fuh­ren müsse. ^"v"

Amerika:Der gorbildie Knoten icrldjlagen

Die New YorkerTribune" sagt in ihrem Leita^tkel unter der UeberschriftDer Knoten zerschlagen zur Brü­ning-Erklärung. die Hitler-Bewegung sei so angewachsen, daß es für jede deutsche Regierung eine Narrheit gewesen wäre, in Lausanne den europäischen Staatsmännern gegen« überzutreten, ohne sich vorher Hitlers Unterstützung ge­sichert zu haben.

Das Blatt wendet sich gegen die Behauptung des fran- zösischen Finanzministers, daß der Schritt Brünings das Vertrauen zerstöre und die Depression vertiefe. Die ame­rikanischen Banken und das Schatzamt hatten langst mit einem ähnlichen Schritt gerechnet. Die amerikanische Ansicht unterstütze allerdings nicht die deutsche Annahme, Daß der Schritt Brünings das Reparalionsende bedeute.