Einzelbild herunterladen
 

Das Fahr d

minister Dietrich über die außen- und innenpolitische Lage.

Stuttgart, 7. Januar.

Im Rahmen einer demokratischen Kundgebung sprach hier Reichsfinanzminister Dr. Dietrich über die innen« und außenpolitische Lage. Er sagte u. a.:

Das Problem der Reparationen und Schulden hat sich in einem wahren Schnellzugtempo abgewickelt. Der bera­tende Sonderausschuß bei der VJZ. hat aus dem Gang der Dinge Schlußfolgerungen gezogen, die dabin gehen, daß alle Voraussetzungen des Zoungplans entfallen. Der Ausschuß hat ausgesprochen, daß die Krise, wenn nicht bald etwas geschieht, das gesamte Europa auffressen werde. In einer, wenn auch verklausulierten Form ist hiernach ausgesprochen, daß ohne eine gründliche Neuordnung des Reparations- problems eine Genesung nicht eintreten wird. Es steht also heute nach Meinung aller Sachverständigen fest, daß die Krise mit in erster Linie auf die Zahlungen Deutschlands aus dem verlorenen Kriege und die Verrechnung der Kriegsschulden unter den Alliierten zurückzuführen ist. Eben- sosehr sind daran schuld die unmöglichen Friedensverträge und die wirtschaftlichen Fehlgriffe der vergangenen Jahre.

Wie also in der Außenpolitik der Kampf um die Repa­rationen und Schulden im Laufe des Jahres auf den Höhe­punkt kommen wird, so wird auch die Innenpolitik die schwersten Entscheidungen mit sich bringen. Hinter uns liegt das Jahr der Notverordnungen. Wenn es gut geht, wird alle Welt die Notverordnungen loben, so sehr sie sie jetzt verwirft. Aber so wichtig der Inhalt der Notverordnungen ist, entscheidend für die Zukunft des deutschen Volkes wird der Ausgang des Kampfes fein, der sich in einigen Mo­naten bei der Wahl des Reichspräsidenten ent­spinnen wird. Hier wird sich zeigen, ob das deutsche Volk gesonnen ist, einzusehen, daß man nur mit Einsicht, Be­harrlichkeit und rücksichtsloser Anspannung aller Kräfte die Not meistern kann. Die Frage, ob die besonnenen Elemente, die die Schwere der Zeit erkennen, sich durchsetzen, wird über Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes entscheiden. Dabei wird entscheidend sein, ob das Bürgertum neben den staatsbesahenden Parteien des Zentrums und der Sozial- demokratie gesonnen ist, sich zusammenzuschließen, um eine politische Rolle zu spielen. Die Reichsregierung kann und wird ihre Pläne durchsetzen, und das Volk wird durch die Schwierigkeiten der Zeit hindurchkommen, wenn es ent­schlossen ist, in seinem Teil den Kampf um seine Zukunft aufzunehmen.

Neue Lasten?

Klepper verhandelt mit Brünlng.

Berlin, 7. Januar.

Der preußische Finanzminister Dr. Klepper hatte mit Reichskanzler Brüning eine Unterredung, um über die Ab­sichten Preußens für den Ausgleich des Etats 1932 mit dem Reiche eine Uebereinstimmung herbeizuführen. Da Preußen das Defizit von 167 Millionen nicht durch Ein­sparungen, sondern auch durch Einnahmeerhöhungen be­seitigen will, ist bei dem Ausgleich die Mitwirkung des Rei­ches notwendig.

Die Emnabmeerhobunqen ioüen, wie verlautet, durch neue Verbrauchssteuern und durch eine Zahlung des Reiches auf Grund der preußischen Entschädigungsansprüche erzielt werden.

Neuer Angriff aus das Mund?

Frankreich will seine Bankguthaben zurückziehen.

London, 7. Januar.

Daily Herald" meldet, daß ein neuer französischer Angriff auf das englische Pfund unmittelbar bevorstehe. Die letzten Tage hätten deutlich gezeigt, daß die französischen Banken ihre Guthaben aus London zurückziehen wollten. Diese Bewegungen würden in den nächsten Tagen einen großen Umfang annehmen, und es bestehe aller Grund zu der Annahme, daß sie eine taktische Vorbereitung der Tn- butkonferenz seien.

Die City sei allerdings der Ansicht, es wäre zu begrü-

Ben, wenn Die Guthaben französischer Banken baldigst zu­rückgezogen würden, da eine Stabilisierung der Währung unmöglich sei, solange die französischen Guthaben noch in London lägen.Financial News" sagt, die Bank von Frankreich werde allmählich ihre Sterlingguthaben liqui­dieren. Die Bank von England stelle ausländische Devisen für die am 31. Januar fällig werdenden Teilbeträge des französisch-amerikanischen Vorschusses bereit. Das Pfund werde sich daher im Laufe des Januar nicht bessern.

hoover für Währungslonserenz

Einer New Docker Meldung derDaily Mail" zufolge ist Hoover bereit, eine Währungskonferenz einzub. rufen, falls England dies wünsche und England, Frankreich und Deutschland nach Abschluß der Tributverhandlungen deshalb an ihn herantreten sollten.

Der amerikanische Senator Borah hat einen Gesetzes- antrag eingebracht, durch den auswärtige Regierungen er­mächtigt werden sollen, ihre Schulden an die Vereinigten Staaten in Silber zu bezahlen. Borah hat aber ausdrück­lich betont, daß er nicht der Urheber des Antrages sei.

Stimson für energische Abrüstung

Washington. Staatssekretär Stimson betonte im Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses die Rot- wendigkeit energischer Maßnahmen zur Durchführung des im Versailler Vertrag vorgesehenen ursprünglichen Ab- rüslungsplanes.

Wenn die 'Bereinigten Staaten keine Delegation zur Ab­rüstungskonferenz entsenden würden, so würde der Friede und die Stabilität in der Welt eine rückläufige Bewegung von fast unberechenbarer Tragweite erleiden. Die Tatsache, daß die Alliierten dem Beispiel der deutschen Abrüstung nicht gefolgt sind, schuf einen Zustand der Ungleichheit in Europa, der ein Gefühl der Erbitterung hervorrief. Stim­son fügte hinzu:

Es besteht nicht die geringste Aussicht, daß die Beteili­gung der Vereinigten Staaten an der Abrüstungskonferenz ihren Beitritt zum Völkerbund zur Folge haben könnte.

SoMreutO an tzindenburg Scharfe Kritik am Reichskabinett.

Hamm, 7. Januar.

Nach einer eingehenden Kritik an der letzten Notver­ordnung erklärte Graf Kalckreuth auf einer Tagung des westfälischen Landbundes u. a.: Im Dezember des Jahres 1930 wurde der Landwirtschaft gesagt, daß die Regierung umgehend an den Schutz der Veredelungswirtschaft Heran­gehen wolle. Seit diesem Zeitpunkt ist ein Jahr verstrichen. Die Preise für alle Viehprodukte stehen heute etwa 30 v. H. unter Friedenspreisen. Andere hochvalutarische Länder wie z. B. Frankreich haben sich durch restlose Einfuhr­sperre gegen das nordische Valutadumping geschützt. In Deutschland aber ist nichts geschehen, um dem Valutadum­ping auf dem Gebiete der Veredelungsproduktion und der Holzproduktion einen Einhalt zu gebieten.

Ein Rückblick auf das Jahr 1931 bringt mich zu dem Schluß, daß die deutsche Landwirtschaft von einem Kabinett Brüncna und einem Ernährungsministerium in seiner Heu- Form W M SM^..... > inmmenhrud) Hiebt mehr erhoffen kann. Das Jahr 1932 wird nur dann dem Zusammenbruch der deutschen Landwirtschaft Einhalt ge­bieten können, wenn die Männer halber, verspäteter und widersprechender Maßnahmen ersetzt sein werden durch ein Kabinett zielklaren und starken Willens.

In seinen schönen Worten, die er dem deutschen Volk zum Jahreswechsel sagte, vergleicht der Reichspräsident die heutige Zeit mit den Tagen der Schlacht bei Tannenberg. In aller Ehrerbietung gegen den hohen Führer unseres Volkes muß ich mir gegen diesen Vergleich den Einwurf er­lauben, daß er m. E. heute noch nicht stimmt, denn in der Schlacht bei Tannenberg war es das hohe und unauslösch­liche Verdienst der Führung, die Verantwortungsfreudigkeit und Entschlußkraft, die dem Feinde das Gesetz des Handelns auferlegte. Das Wesen unserer politischen Führung von heute aber ist das gerade Gegenteil: Nirgends ein klares Ziel, nirgends entschlollenes und rechtzeitiges Handeln, son­

dern stets ein Abwarteft der Entwicklung, üm dann auf dem Weg der Notverordnung den schlimmsten Mißständen ent- gegenzutreten.

Wenn der Herr Reichsvräsident jetzt vom Volk verlangt, daß es in so schwerer und kriti cher Zeit der Reichsregierung Vertrauen entgegenbringt, so ist es das Recht und die Pflicht politischer und wirtschaftlicher Führer, heule in kritischer Stunde dem Herrn Reichspräsidenten zu sagen: Geben Sie dem deutschen Volk eine Regierung, die den Willen und die Kraft aufbringt, die Gestaltung des Geschicks des deutschen Volks selber in die Hand zu nehmen, die nicht die schweren Folgen eigener Unterlassungssünden als unentrinnbare Fü­gung des Schicksals betrachtet, dann wird auch die große Mehrheit des deutschen Volks opferbereit und entschlossen sich hinter eine solche starke und selber zum Handeln ent­schlossene Führung stellen.

Die Donnubnnd-Geriichte Oesterreich gegen Beteiligung.

Wien, 7. Januar.

Eine Abordnung der Fraktion des nationalen Wirt- schaftsblock sprach beim österreichischen Bundeskanzler vor und erklärte, daß der nationale Wirtschaftsblock politische Bedingungen, die Oesterreich etwa in einen Donaubund hin­einführen würden, mit aller Entschiedenheit ablehne. Er be­halte sich für einen solchen Fall vollständig freie Hand vor.

Der Bundeskanzler erwiderte, daß hinsichtlich der Schaf­fung eines Donaubundes oder ähnlicher Konstruktionen Er­örterungen von Regierung zu Regierung überhaupt nicht stattgefunden hätten. Eine außenpolitische Orientierung in der gedachten Richtung in Genf einzugehen, liege nicht in der Absicht der Regierung.

Unruhen in Spanien Sechs Demonstranten getötet.

Madrid, 7. Januar

In Arnedo (Provinz Santander) kam es zu Zusam­menstößen zwischen Streikenden und einer Abteilung Gen­darmen, wobei nach einer Mitteilung des Innenministeri­ums sechs Manifestanten getötet wurden darunter vier Frauen und ein Kind sowie zehn Frauen und sechs Kin­der verletzt worden sind. Die Blätter sprechen sogar von acht Toten und 32 Verletzten.

Die Unruhen namentlich in der Provinz Badajoz und das Verhalten der Gendarmerie bildeten Gegenstand einer Kammerdebatte, in die der Ministerpräsident selbst mit der Erklärung eingriff, daß man weder die Regierung noch ir­gendeine politische Partei für diese Vorfälle verantwortlich machen könne.

General San Jurjo hat seine Untersuchung an Ort und Stelle abgeschlossen und ist nach Madrid zurückgekehrt. Ueber die Zwischenfälle in Castilblanco erklärte er den Journalisten, sie wären nach einem wohlaufgezogenen Plane mit besonderer Grausamkeit ausgeführt worden. Wolle man eine Katastrophe vermeiden, müsse man dies« blutigen Kundgebungen zum Stillstand bringen.

Sofsnnne^lose Bergungsarbeiten

duften. 7 -%wHar Etwa breiRig Mann arbeiten ^5 mit aller Kraft an den Bergungsarbeiten in der Karsten- Zentrum-Grube. Trotzdem konnten sie bisher erst elf bis zwölf Meter vordringen. Der gefährlichste Feind der Ber­gungsarbeiten ist das fallende Gestein. Wenn der Stein­fall so fortdauert, wird man nicht vor Anfang nächster Woche an die Leichen der Verunglückten herankommen.

Anläßlich des Grubenunglücks auf Grube Karsten-Zen- trum bei Beuchen hat der Reichspräsident an die Direktion der Schlesischen Bergwerks- und Hütten-A.-G., Beuthen, ein Telegramm gerichtet, in dem er den Hinterbliebenen der tödlich verunglückten Bergleute sein herzlichstes Beileid übermittelt. _

Die dänische Regierung hat zu einer internationalen Presse- tagung eingeladen, an der die Pressechefs der einzelnen Staaten und die großen Telegraphenagenturen teilnehmen werden. Deut- j scherseits nimmt der Pressechef der Reichsregierung Ministerial- direktor Dr. Zechlin u. a. teil.

DrMEiiMiDegeeoer

Roman von Marlise Sonneborn

Copyright by Martin Feuditwanger, Halle (Saale)

[12

Was will der Chef nicht?"

Daß die Patienten im freien Garten liegen. Des Sputums wegen. Die Bazillen wissen Sie..."

Ich bin nicht tuberkulös."

Das sagen sie alle."

Gisela machte ein wissendes Gesicht. Zugleich setzte sie sich vorsichtig aus den Rand der Liege.Aber weiß man es denn?"

Hast du denn kein Vertrauen zu deinem Freund van Delden?" fragte Ley in dem vorwurfsvoll erziehenden Ton, den Erwachsene, die Kinder nicht kennen, ihnen gegenüber anzuschlagen Pflegen, wenn diese etwas Miß­liebiges tun oder sagen.

Gisela zuckte mit den Achseln.

Vertrauen? Du liebe Zeit! Was hat das damit zu tun? Die Patienten nimmt man eben als Patienten. Gott, da hört und steht man so allerlei..."

Werner Ley lachte über ihre altkluge Art.

Du bist doch auch Patient, Gisela."

Ich? Schon mehr Stammgast! Ich gehöre zu Onkel Hannes. Und mir macht keiner was vor."

Du bist also schon so gut wie gesund?"

Ich? Ach nein! Ich werde nicht alt."

Was redest du, Kind?"

Die Wahrheit! Onkel Hannes und Mama Elisabeth belügen sich selbst. Ich habe aber heimlich natürlich in Onkels dicken Büchern gelesen. Ich weiß Bescheid. Ich bin ein Todeskandidat."

Gisela! Ueber solche Sachen scherzt man nicht!"

Ich scherze nicht! Weißt du übrigens, daß du sehr schön bist?"

Kind..."

»Ich sage niemals Schmeicheleien. Ich habe es gleich gesehen. Und ich glaube, andere auch."

Ach, Gisela! Und wenn schon lieber wäre es mir, gesund zu sein; dann könnte ich arbeiten und Geld ver­dienen."

Gisela zuckte mit den Achseln.

Schön sein ist aber doch auch schön. Bist du nicht eitel?"

Eitel? Eitel sind wir schließlich alle. Auch du bist eitel, Gisela!"

Gisela errötete mit einem hellen Kindererröten, das die Reinheit ihres jungen Blutes durch ihre elfenbein- bleiche Haut schimmern ließ.

Ach! Mir wird aber auch so viel weisgemacht."

Ley lächelte sie herzlich an.

Nun, Gisela unaufrichtig bist du nicht..."

Wozu auch? Mama Elisabeth sagt..."

Ist das eine Schwester wie Schwester Hilde?"

Gott bewahre! Schwestern haben wir auf der Kin­derstation fünf Stück. Suleika, die jüngste, die weder deutsch noch ordentlich französisch sprechen kann, habe ich am liebsten. Sie stammt aus Spanien, wie ich aus Italien."

Du bist Italienerin?"

Sieh mich nur an, dann weißt du es gleich. Ich er­innere mich noch so gut. Vater war immer betrunken. Er spielte die Drehorgel und Mutter sang dazu. Mutter ging dann in die Häuser, um Geld zu sammeln. Mich hatte sie dabei auf dem Arm. Manchmal gaben uns die Leute viel, zuweilen jagten sie uns mit Schelten und Schimpfen vor die Tür. Aber ob wir viel oder wenig bekamen wir hungerten immer. Vater soff."

Du siehst aus wie eine geborene Prinzessin."

Gisela verzog das Mäulchen.

Wozu Prinzessin? Wer weiß, ob ich dann so hübsch wäre? Wenn ich einmal in die Stadt komme mit Onkel Hannes und Mama Elisabeth, dann bleiben die Leute stehen und sehen mir nach. Und die alten Engländerinnen heben ihreLorgnetten vor dteAugen und sagen: Charming,

indeed! Unv die Deutschen Frauen sagen: Wie süß! Sieh doch nur, Mann, wie süß, dies entzückende Kind!"

Gisela! Du bist ja entsetzlich eingebildet!"

Aber nein! Das ist Tatsache! Frage nur Mama Elisa­beth. Sie sagt: Schönheit verpflichtet; sei so gut, wie du schön bist!"

Das ist recht vernünftig gesprochen."

Onkel Hannes sagt: Schönheit ist Glückssache! Ich sagt er von sich habe kein Glück gehabt in dieser Be­ziehung! Onkel Hannes hat mich hierher gebracht, als Mama an der Straßenecke lag; der Vater schlug sie und sie stand doch nicht aus und dann war sie tot. Onkel hat Vater Geld gegeben das war weit fort von hier in einer Stadt in Italien. Onkel hat mich hierher gebracht und mein Vater soll nicht wissen, wo ich bin."

Gisela sprach in einer spielerischen Art.

Aber etwas in ihrem Gesichtsausdruck und in ihren Gebärden verriet, daß unter der Decke der Spielerei ein versteckter Ernst lag, den sie nicht zeigen wollte.

Ich bin nur ein Bänkelsängerkind...", sagte sie un­vermittelt.

Mignon!"

So nennt mich Onkel Hannes auch wohl!"

Vermißt dich niemand, Gisela?"

Störe ich dich?"

Ich mag dich sehr gern hier haben."

Darf ich öfters kommen?"

Von mir aus gern."

Wenn die Dame fort ist, die dich immer ansteht, als ob sie dich gekauft hätte wie ein Hündchen oder einen bunten Vogel..."

Werner Ley lachte hell auf.

Du kannst beobachten, Gisela..."

Sie sah befriedigt aus.

Wir haben seit acht Tagen einen neuen Assistenten. Ulkig, sag' ich dir. Er kam am selben Tage wie du. Aber ich mochte dich sofort lieber."

Ich fühle mich sehr geschmeichelt, Gisela."

(Fortsetzung folgt.)