Hersfelöer Tageblatt
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Schriftleitung verantwortlich: Franz Funk in tzersfeld ,
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Nr. 3
Dienstag, den 5. Januar 1932
82. Jahrgang
Terrorakte im Ruhrgebiet
Die linksradikalen ötreikhetzer begehen Gewalttaten, nachdem ihre Parole nicht befolgt worden ist
Für Volk und Staat
Ausführungen des Reichsfinanzministers.
Nürnberg. Reichsfinanzminister Dr. Dietrich erklärte hier über das Thema „Für Volk und Staat": Das Jahr 1932 werde ein Schicksalsjahr fein, nicht nur für das deutsche Volk, sondern für die ganze Welt. Man werde darüber nachdenken müssen, wo Deutschland hingerate, wenn es eine Verzweiflungspolilik treiben würde. Der Baseler Sonderausschuß habe festgestellt, daß Deutschland den geschützten Teil des Poung-Plans für das nächste Jahr nicht werde bezahlen können. Der Ausschuß habe die Frage des ungeschützten Teiles nicht direkt geprüft, aber ausgesprochen, daß er seine Aufgaben nicht erfüllt hätte, wenn er sich nur mit der Frage der geschützten Annuität beschäftigt hätte. Damit sei deutlich ausgesprochen, daß die Vorsaussetzungen, unter denen der Poung-Plan zustande kam, nicht einaetreten seien. Ein geordneter Reichsetat sei die Voraussetzung dafür, daß die Währung intakt bleibe. Bei den kommenden inter- nationalen Verhandlungen spiele eine große Rolle, daß man Deutschland nicht mehr vorwerfen könne, Verschwendung zu treiben.
Voraussetzung für einen Erfolg in der Außenpolitik sei, daß die deutsche Regierung wisse, was sie wolle und daß das Volk sie in diesem Kampfe unterstütze. Das deutsche Bürgertum sei heute jedoch in Gefahr, sich aus seiner bisherigen
- Rolle auszuschalten.
Reparationen mit geborgtem Gel-
Washington. Vor dem Senatsausschuß, der Ermittlungen über die Verkäufe von ausländischen Bonds in den Vereinigten Staaten anstellt, erklärte Otto Kahn: Die Vereinigten Staaten können und sollen die Goldwährung bei- ^Mf,alten. Ich alaube, daß in Amerika seit hetn Krie^ zehn Milliarden Dollar langfristige Ausländsanleihen untergebracht wurden, davon 1,3 Milliarden zugunsten Deutschlands. Hätte man Deutschland kein Geld geliehen, so hatte es seit langem keine Reparationszahlungen leisten können.
Amerikaner gegen Reparationen
und Versailler Vertrag.
Washington. Das republikanische Mitglied des Repräsentantenhauses, B r i t t e n, erklärte: Wenn die fremden Mächte weiterhin eine unnachgiebige Unverfrorenheit an den Tag legten und die Streichung der Kriegsschulden verlangten, so sollten sie dann wenigstens auch der Revision des Versailler Vertrages zustimmen. Der Kongreß sei am Ende seiner Opferwilligkeit angelangt und werde sich nicht länger täuschen lassen.
Im Hinblick auf den Feldzug, den die Mächte, wie man hier erwartet, für eine Herabsetzung der Schulden führen werden, nahm Britten Bezug auf die abgetretenen deutschen Kolonien und führte aus: Niemand kann den Sachwert dieser Kolonien schätzen, jedoch kann angenommen werden, daß ihr Wert die Deutschland auferlegten Young-Plan- Zahlungen um ein Vielfaches übersteigt. Abgesehen von den schrecklichen Todesopfern des Krieges, der vergebens ge- kämpft wurde, ist Frankreich und England bereits zu viel ve- zahlt worden. Jetzt sollten sie tun, was sie immer predigen und alle Reparationen streichen sowie den Versailler Vertrag revidieren.
Sonderbotschast an den Kongreß
Washington. In einer Sonderbotschast an den wieder zusammengetretenen Kongreß ersucht Präsident Hoov«r dringend, sich unverzüglich mit dem Programm des wirtschaftlichen Wiederaufbaues zu beschäftigen, das er dem Kongreß Anfang Dezember vorgelegt habe. Dieses Programm sieht u. a. Hilfsmaßnahmen für die Farmer und die Schaffung einer großen Korporation, die Handelsunternehmen Darlehen gewähren soll.
Einberufung des Völkerbundrats?
Paris. Das Mitglied der chinesischen Völkerbundsdelegation, Dr. S z e F o o, ist nach Genf abgereist. Er ist wahrscheinlich beauftragt, im Völkerbundssekretariat die dringliche Einberufung des Völkerbundsrates zu beantragen, damit dieser die durch die Besetzung von Tschinffchau durch die japanischen Truppen geschaffene neue Lage prüfen könne.
Aelteftenrat am 12. Januar
Berlin, 5. Januar.
Präsident Löbe hat den Aelteftenrat des Reichstages für Dienstag, den 12. Januar, 11 Uhr vormittags, einberufen, um eine Entscheidung über den neuen Antrag der Kommunisten auf vorzeitige Reichstagseinberufung herbeizufüh- ren. Angesichts oer internationalen Lage und der bevorstehenden internationalen Verhandlungen wird in parlamentarischen Kreisen angenommen, daß der Antrag auf vor» zeitige Einberufung des Reichstags auch diesmal kein« Mehrheit finden wird.
Bor Abschluß der Zinrberatungen
Berlin, 5. Januar.
Die Verhandlungen zwischen den Spitzenverbänden der Geldinstitute und dem Bankenkommissar über die neuen Zinssätze haben zu einer Einigung in den Hauptfragen geführt; nur noch einige Teilfragen müssen geregelt werden.
Es ist ein Rahmenvertrag für die Behandlung sowohl der Haben- als auch der Sollzinsen und der Provisionen aufgestellt worden, der den einzelnen Verbänden des Bankgewerbes zugeleitet worden ist. Unmittelbar nach der Genehmigung dieses Rahmenvertrages durch die Verbände wird der vorgesehene zentral« Kreditausschuß zum ersten Male zusammentreten, um dann über die Höhe der Sätze im einzelnen zu beschließen. Mit der Veröffentlichung des Zinssenkungsvertrages ist Ende der Woche zu rechnen.
„Aoungvlau völlig unbrauchbar"
Was Layton in seinem Berichtsentwurf forderte.
London, 5. Januar.
Der Berichtsentwurf Sir Walter Laytons, der von dem Baseler Sonderausschuß veröffentlicht wurde, betont, wie „Daily Herold" erfährt, der Doungplan sei völlig unbrauchbar geworden und könne nicht durchgeführt werden. Die Verlängerung des Moratoriums genüge nicht, sondern es fei eine volständige Außerkraftsetzung und radikale Aenderung des Poungplans notwendig. Die Wiederaufnahme der Poungplanzahlungen fei in absehbarer Zeit gänzlich un- möglich. Deutschland könne nicht einmal die geschützten Zahlungen zusammenbringen, und von einem Transfer könne keine Rede sein.
Der Laytonbericht fordert ferner ein« dauernde Rege- und dre Frage einer internationalen Währungsreform bearbeitet werden kann.
Der Monatsbericht der Midlandbank fordert, daß Frankreich auf die Tribute und Amerika auf die Kriegsschulden zunächst überhaupt verzichten sollen. Ein Zahlungsaufschub genüge nicht zur Wiederherstellung des Vertrauens. Der Bericht schlägt eine allgemeine Preissteigerung durch internationale Zusammenarbeit gemäß der Anregung des McMillan-Berichts vor. Nur auf diese Weise könnten Kriegsschulden und Tribute vielleicht später in verkleinertem Umfang von den einzelnen Staaten gezahlt werden, ohn« di« Wirtschaftslage der Welt zu gefährden.
Borbereituug der Konferenzen
Das Kabinett mirb in den nächsten Wochen mit den deutschen Vertretern für die Tribut- und die Abrüstungskonferenz die letzten Vorbereitungen für diese Tagungen durchberaten. Auf der Tributkonserenz in Laufanne wird der Reichskanzler die deutsche Abordnung führen. Ferner werden Reichsfinanzminister Dr. Dietrich und voraussichtlich auch Reichswirtschaftsminister Warmbold Deuffchland in Lausanne vertreten.
Die Abordnung für die Abrüstungskonferenz in Genf besteht aus dem Kanzler, Reichswehrminister Groener, Staatssekretär von Bülow sowie den Botscha tern Nadolny und Graf Welczek. Falls sich die beiden Konferenzen über- schneiden sollten, wird der Reichswehrminister den Kanzler in Genf vertreten. Jedoch ist anzunehmen, daß auch der Kanzler, wenigstens zeitweise, an der Abrüstungskonferenz teilnehmen wird. Es steht auch noch nicht fest, ob Staatssekretär von Bülow, der Deuffchland auf der Völkerbundsratssitzung vertritt, an der Lausanner oder der Genfer Konferenz teilnehmen wird.
Generalsekretär Berthelot in London.
London, 5. Januar.
Der Generalsekretär des französischen Außenministe- riums Berthelot weilt gegenwärtig in London, von fran- Ä Seife wird zu dem Besuch Berkhelols mitgeteilt.
)t werde die Zusammenkunft der Ministerpräsidenten Frankreichs und Englands vorbereiten und sich ebenso um die Fortführung der Finaazverhandlungen zwischen beiden Ländern bemühen.
Außerdem werd« Berthelot seinen Besuch dazu benutzen, um mit den führenden englischen Kreisen über die bevorstehende Abrüstungskonferenz Fühlung zu nehmen. In diesem Zusammenhang werd« auch das französisch-russische Nichtangriffsabkommen erörtert werden, worüber Berthelot der englischen Regierung einige Aufklärungen unterbreiten werde. Die Gerüchte, daß die Zusammenkunft zwischen Laval und MacDonald bereits am kommenden Sonnabend stattfinde, werden von französischer Seite als falsch bezeichnet.
Mau erklärt, daß die Zusammenkunft nicht vor dem Zusammentritt der Sachverständigen der beiden Länder statkfinden wird. Ministerpräsident Laval habe übrigens vor einigen Tagen auf das Schreiben des englischen Ministerpräsidenten geantwortet.
Linlsradilaler Terror
Die wilde Streikbewegung im Westen.
Essen, 5. Januar.
Die angekündigte verstärkte Propaganda der RGO. für einen Streik im Ruhrgebiet scheint nach den bisher vorliegenden Meldungen den beavsichtigten Erfolg nicht gehabt zu haben. Aus dem Präsidialbezirk Recklinghausen wird gemeldet, daß von 54 Zechen nur auf der Schachtanlage westerholt von einer Belegschaft von 730 Mann 516 streiten. In verschiedenen Orten des Bezirks kam es zu schweren Behinderungen von Arbeitswilligen. Die Polizei schritt überall rasch ein und nahm insgesamt 75 Personen fest. In Bertlich wurden 26 Personen, in der Hauptsache kommunistische Funktionäre, festgenommen. die eine verbotene Versammlung abhiellen. In der Versammlung war beschlossen worden, unter allen Umständen die Zeche westerholt slillzu- legen. Ein großer Teil der Festgenommenen wird sich vor dem Schnellrichter zu verantworten haben.
In Herten hatte man an verschiedenen Stellen Bäume gefällt und quer über die Straße gelegt, um dadurch die Aktionsfähigkeit der Polizei zu behindern. In Bottrop wurden an verschiedenen Stellen insgesamt sieben Schaufenster zertrümmert. Aus dem Dortmunder und Hammer Bezirk wird berichtet, daß auf allen Zechen die Arbeit ausgenommen worden ist.
Wie die Polizei in Essen mitteilt, wurden in der Nacht und am frühen Morgen mehrere Terrorakte gegen den Stra- ßenbahnbetrieb verübt. Im Stadtteil Borbeck wurden an mehreren Stellen weichen unbrauchbar gemacht. Schienen verkeilt und das Pflaster aufgerissen. Am Weidkamp entgleiste ein Straßenbahnwagen. In der Aktienstraße in Bor- beck wurde ein Straßenbahnzug beschossen und mit Steinen
pM^tum» wuioi'H Nicht pectegt.—vtc ^»s«^»---------^ straßen zu einer Zeche waren durch Drahtverhaue gesperrt. v Die Polizei nahm insgesamt 80 Personen fest.
In der Frühschicht sind nur auf drei Zechen Teile der Belegschaft infolge der kommunistischen Streikpropaganda von der Arbeit ferngeblieben. Auf „Monopol-Grille" in Kamen streiten von 672 Mann 168 (hier sind die Ausständigen zum größten Teil von den Kommunisten an der An- fahrt behindert worden). Auf „Westerholt" in Westerholt streiken von 1008 Mann 516, auf „Diergardt" in Hochemmerich von 637 Mann 234. Auf mehreren Zechen wurden Mitglieder der Belegschaft wegen Streikaufforderung fristlos entlasten.
Im Zusammenhang mit dem von der Kommunistischen Partei propagierten Streik wurden in R e m s ch e i d 61 Personen vorläufig festgenommen. Aus sämtlichen Bezirken der Stadt liegen abschließende Meldungen vor, daß in sämtlichen Betrieben die Belegschaften vollzählig erschienen sind und ungestört gearbeitet wird.
Kommunistische Trupps versuchten in Düsseldorf, Arbeiter von der Arbeit zurückzuhalten. Starke Polizeikräfte vereitelten das Vorhaben der Kommunisten und nahmen etwa 150 Personen fest. Zu Zusammenstößen ist es bisher nirgends gekommen.
In Köln versammelten sich größere Trupps von Kommunisten vor den Straßenbahnhöfen und versuchten, ^Arbeitswillige von der Arbeit fernzuhalten. Auch vor größeren Privatbetrieben fanden Ansammlungen statt. Allein nur in einem Falle ließen sich in einem kleineren Betrieb Leute vorübergehend zur Arbeitsniederlegung verleiten. 19 Personen, darunter der kommunistische Stadtverordnete Safarowski, wurden wegen Verteilens verbotener Flugblätter festgenommen und werden sich wegen Landfriedensbruchs zu verantworten haben.
Im Braunkohlenrevier kam es ebenfalls nur zu geringfügigen Störungen, in deren Verlauf 20 Personen festgenommen wurden. Aus den übrigen Orten des Regierungsbezirks Köln wird vollkommene Ruhe gemeldet. Ein Polizeibeamter wurde durch einen Steinwurf von einem unbekannten Täter erheblich verletzt.
Kleine Tellktreils auch in Berlin
Berlin, 5. Januar. Die von kommunistischer Seite ausgegebene Streikparole für die Berliner Metallindustrie ist bis Montag ohne wesentlichen Erfolg geblieben. Nur bei fünf kleineren Firmen, die insgesamt nur einige hundert Arbeiter beschäftigen, wird ganz oder teilweise gestreikt. Bei der AEG. in Henningsdorf bei Berlin streiken ebenfalls einige hundert Arbeiter.
Südslawiens Regierung hat Demissioniert
Belgrad. Nach dem gestern nachmittag abgehaltenen Ministerrat überreichte das Kabinett Ziwkowiffch dem König seine Demission. Der Ministerpräsident begründet« sie gegenüber seinen Mitarbeitern damit, daß die Aufgabe der Regierung nacht dem Erlaß der Verfassung vom 8. September und den Wahlen zum Parlament erledigt sei.
Die Zeichnungen für die steuerfreie Reichsbahn-Anleihe haben am 29. Dezember 1931 den Betrag von 239,9 Millionen RM ergeben. _