<er Eindruck der Hindenburgrede
\ Berlin, 3. Januar.
Die Rundfunkansprache deS^Reichspräsidenten war in» tlich und technisch die bestgelungene internationale Rund- funkoeranstaltpng Amerikas im ganzen letzten Jahre. Die ^Amerikanische Rundfunk-Gesellschaft ehrte den Reichspräsi- Vbenten durch Umrahmung seiner Rede mit einem deutschen Spezialprogramm. Sie ließ dabei die „Wacht am Rhein" und das „Deutschland-Lied" spielen. Die würdigen Worte Hindenburgs machten allgemein einen gewaltigen Eindruck. Sowohl die Ansprache wie ihre englische Uebersetzung waren ausgezeichnet zu hören. Jedes Wort war klar verständlich.
Deutsch-amerikanische Wünsche
Die „New Yorker Staatszeitung und New Yorker He- rolb" sandte an den Reichspräsidenten folgendes Glück- Wunschtelegramm: „Viele Tausende von Amerikanern deut- ~4d)en Stammes haben heute über des Meeres und des Aethers Wellen in ihrer deutschen Muttersprache die Botschaft vernommen, die Ew. Exz. zum Jahreswechsel an das deutsche Volk gerichtet haben.
Es war für alle Kinder Germanias in dieser unser neuen Heimat ein unvergeßliches Erlebnis, die kraftvollen, mahnenden Worte hören zu können, die nicht nur Deutschland sondern die ganze Welk an das schwere deutsche Schicksal erinnern.
Anläßlich dieses feierlichen Ereignisses senden Ew. Exz. die ^Herausgeber der „New Yorker Staatszeitung und New Yorker Herold" im Sinne aller Amerikaner deutschen Blutes die innigsten Dankesgrüße und den Ausdruck der sicheren Hoffnung, daß die von Ew. Exz. für das deutsche Volk gehegten Hoffnungen und Erwartungen in vollem Umfange in Erfüllung gehen werden. Mögen die Syloesterglocken für das Reich und damit die Welt den Anbruch einer Neuzeit künden, die unser altes Vaterland in Freiheit und neuer Kraft dem Fortschritt und dem Glücke der Kulturwelt dienen sieht."
Unter den zahlreichen Glückwünschen, die dem Reichspräsidenten anläßlich des Jahreswechsels aus dem Auslande zugegangen sind, verdient das Telegramm des bekannten amerikanischen Senators Lafollette hervorgehoben zu werden. Das Glückwunschtelegramm lautet: „Ihre ausgezeichnete Rundfunkansprache wandte sich an die Herzen unseres Volkes. Ich bin davon überzeugt, daß ich die Gefühle der amerikanischen Bevölkerung wiedergebe, wenn ich Ihnen die wärmsten und besten Wünsche und Neujahrsgrüße übermittele."
Französische Einwendungen
Das „Journal" unterzieht die verschiedenen Neujahrsreden führender politischer Persönlichkeiten im Reich einer genauen Betrachtung und erklärt, daß der Reichspräsident ei seiner Forderung auf Abschaffung der Reparationen den Bericht der Baseler Sachverständigen Übergängen habe, in dem ausdrücklich festgelegt sei, daß die deuffchen Reparationszahlungen nur etwa 12 v. H. des Reichshaushalts dar- stellten. Wenn er die Militärklausek des Versailler Vertrages W-G^r Name» der GleichhsU und der abgreife; so müsse man sich fragen, ob die Störung der Sicherheit von denjenigen ausgehe, die die Aufrechterhaltung der geschaffenen Ordnung verlangten, oder von denjenigen, die unaufhörlich gegen diese Ordnung Einspruch erhöben.
Der sozialistische „Populaire" bezeichnet die Neujahrs- rede des Reichspräsidenten als sehr folgenschwer. Sie sei nicht geeignet, den Kampf um die Abrüstung zu fördern und diene auch nicht dem Frieden. Sie mache im Gegenteil die allgemeine Lage schwieriger. Man könne nicht gleichzeitig von der wirtschaftlichen und finanziellen Notlage des Reiches sprechen uns Forderungen aufstellen, deren Verwirklichung finanzielle Mittel erfordere, über die das Reich nicht verfüge.
„Die entschlossene Haltung des Reiches"
Zu der Rundfunkrede des Reichspräsidenten betont „Paris Soir", daß der außergewöhnlich entschlossene Ton
SMr Ausführungen üm sS bMerkönswerkek sei, als man am Vorabend von zwei wichtigen Konferenzen stehe. Noch niemals habe Deutschland mit solcher Sicherheit erklärt, daß es sich endgültig von den Verpflichtungen befreien wolle, die man ihm seit 1919 auferlegt habe. Die entschlossene Haltung des Reiches und die Ermutigungen, die es vom Auslande erhalte, mühten in Frankreich mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden.
Zahlreiche Neujahrsglückwünsche an Hindenburg
Dem Reichspräsidenten ist eine Unzahl von Glückwünschen zum Neuen Jahr zugegangen. Obwohl alle Staatsoberhäupter durch ihre diplomatischen Vertreter beim gestrigen Neujahrsempfang ihre Glückwünsche zum Ausdruck ge« bracht haben, haben viele von ihnen auch telegraphisch dem Reichspräsidenten ihre Neujahrswünsche übermittelt.
Die Rundkuvlftörer
Die Täler festgenommen?
. Berlin, 3. Januar.
Wie weiter gemeldet wird, haben die Ermittlungen der politischen Polizei in der Angelegenheit der Rundfunkstö- runa nun dazu geführt, daß zwei Personen festgenommen worden sind. Es handelt sich dabei um zwei Arbeiter des Telegraphenbauamtes, von denen einer vor einiger Zeit entlassen worden ist. Einer der beiden Festgenommenen hat übrigens eine Verletzung, die er sich wahrscheinlich bei den Störungsarbeiten zugezogen hat.
Die Veranlaffer der Störung dürften sich nach den strafrechtlichen Bestimmungen verschiedener Vergehen schuldig gemacht haben. Zunächst kommt grober Unfug, Sachbeschädigung, Verstoß gegen das Gesetz über die Fernmeldeanlagen und möglicherweise auch Verstoß gegen die Notverordnung über den Burgfrieden in Frage.'
Besetzung von Tschintschau
Wukden, 3. Januar.
Die Stadt Tschintschau ist von den chinesischen Truppen geräumt worden. Die Chinesen haben sich in westlicher Richtung zurückgezogen. Der japanische Oberkommandierende ordnete an, daß die japanische Hauptmacht die Stadt besetzen soll.
Die drei Eisenbahnstrecken Tschintschau—Schanhaikwan, Tschintschau-Kupangtsu, Kupangtsu—Mukden werden militärisch bewacht.
Der Besetzung Tschintschaus durch die japanischen Truppen wird in Moskau große politische Bedeutung beigemessen. Die russischen Stellen stellen fest, daß die japanische Regierung nunmehr in der Lage sei, das wirtschaftliche und politische Leben der Mandschurei vollkommen zu beherrschen. Man glaubt in Moskau nicht, daß Japan weiter nach Peking und Tientsin vorrücken wird, da die Besetzung dieser Städte für Japan keine große politische Bedeutung hätte. Man befürchtet jedoch, daß die japanischen Truppen - auch in der Nordmandschurei vorgehen und so die russischen Interessen verletzen könnten.
Begeisterter Empfang der Truppen.
Tokio. Die japanischen Truppen-habe.» ihren offizielle«.^ Einzug in die Stadt Tschintschau gehalten. Die Truppen stehen unter dem Befehl des Generalleutnants Muro. Die Bevölkerung der Stadt bereitete den einrückenden Japanern einen begeisterten Empfang.
Die bisherige Regierung von Tschintschau hat sich mit dem Generalstab auf Lanffcheu innerhalb der Großen Stauet zurückgezogen.
Rekordmehrheit gegen Alkoholverbot
Helsingfors. Die Volksabstimmung über die Abschaffung der Trockenlegung Finnlands hat eine riesige Mehrheit hierfür erbracht. Für vollständige Aufhebung der Prohibition wurden 520 800, für Zulassung leichter Weine 10 300 und für Beibehaltung 206 800 Stimmen abgegeben. Es fehlen nur noch einige tausend Stimmen, die das Gesamtergebnis nicht mehr beeinträchtigen.
Die Reichsbahn in der Krise
Weiterer Einnahmerückgang. — Die Konkurrenz des Auko^
Berlin, 4. Januar.
Der Güterverkehr der Deuffchen Reichsbahn ging im November weiter zurück. Obwohl am 1. November die gesetzliche Regelung des Wettbewerbes zwischen Kraftwagen und Eisenbahn in Kraft trat, wurde eine weitere Ver- k e h r s a b w a n d e r u n g auf den Lastkraftwagen beobachtet. Auch der Rückgang des Personenverkehrs hielt an. Die Betriebseinnahmen beliefert sich auf 290,01 Millionen Reichsmark (im Vormonat 335,76 Millionen Reichsmark) während die Gesamtausgaben 384,55 (407,21) Millionen Reichsmark erreichten, was einen Fehlbetrag von 94,5 Millionen Reichsmark ergibt. Die Einnahmen zeigen einen Tiefstand, wie er feit Jahren nicht festgestellt worden ist.
Politisches aus aller Wett
Russisch-rumänischer Nichtangriffspakt?
Die russisch-rumänischen Verhandlungen zwecks Abschlus, ses eines Nichtangriffspaktes sollen am 15. Januar in R i g a zwischen dem sowjetrussischen Gesandten und dem rumänischen Geschäftsträger beginnen. ,
Streikgefahr in den englischen Häfen.
3500 Mitglieder einer englischen Hafenarbeitergewerk- schaft haben wegen Kürzung des Tageslohnes um zehn Pence beschlossen, ab heute in den Streik zu treten. Dadurch würde das Laden der Themseschiff« und der großen Frachtschiffe unmöglich gemacht werden.
Brüning wieder in Berlin.
Reichskanzler Dr. B r ll n i n g ist von Trier über Köln, wo er sich bis Sonntag aufhielt, wieder in der Reichshcu-^» stadt eingetroffen. '
Wo die Störung der Hindenburg-Rede erfolgte.
Unser Bild zeigt den Kabelschacht vor dem Hause Rudower Straße 91 in Vuckow-Ost, wo das Kabel zum Sender in Konigswusterhausen von den bisher unbekannten Tätern angeschabt und zur Einschaltung des Mikrophons, durch das die Zwischenrufe erfolgten, verwendet worden ist. Neben dem Schacht steht der Mann, der dort am Silvesterabend zwei junge Leute arbeiten sah, aber annahm, daß dort eine Ausbesserung vorgenommen werde.
Dr. meüElilaM Deiner
Roman von Marlise Sonneborn
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
[9
Doktor van Delden unterbrach ihn.
„Ich muß gestehen, es ist mir nicht in den Sinn gekommen, daß es Schwierigkeiten dieserhalb geben könnte! Ich erwidere auf Ihre Bedenken nur: Und wenn die Dame mehr versteht, als Sie, der Sachlage nach, verstehen können? Sie schrieben, es läge Ihnen daran, meine Methode gründlich kennenzulernen. Niemand außer mir beherrscht sie besser als Doktor Degeener."
Doktor Alander zog die Stirn kraus.
„Alle Frauenrechtlerei ist mir zuwider. Ich bin vom alten Schlage. Ich wäre bereit, von einem jüngeren Kollegen zu lernen. Eine Dame — niemals! Ich ziehe vor, sofort wieder abzureisen."
„Man sagt: zu einem gebildeten Menschen gehöre Freiheit von Vorurteilen ... Ehrlich gesagt, es liegt mir nichts an Ihnen. Einmal kenne ich Sie doch nicht, und dann — Ihre Ansichten erscheinen mir, dem gewiß um viele Jahre älteren, denn doch ein bißchen zu — na, sagen wir mal — unzeitgemäß. Sie sind nicht verheiratet?"
„Ich bin verlobt."
„Herr Kollege! Doktor Degeener ist überlastet. Seit Tagen macht sie den Dienst so gut wie allein mit den allerdings sehr tüchtigen und ihr ergebenen Schwestern. Bleiben Sie wenigstens so lange, bis ich Ersatz gefunden habe. Sie können doch immerhin etwas entlasten — auch ohne viel von meiner Methode zu verstehen."
„Beschäftigt habe ich mich theoretisch recht eingehend mit Ihrer Methode."
„Um so besser."
„Mir widersteht der Gedanke, einer wichtigtuenden, anmaßenden, emanzipierten Frau zu gefallen..."
Ein perlendes Lachen unterbrach ihn.
„Gisela!" schalt Doktor van Delden. „Bist du noch hier? Was fällt dir ein?"
„Onkel Hannes, der Herr Doktor Alander kennt ja Mama Elisabeth noch gar nicht!"
„Ihr Töchterchen, Herr Doktor?"
„Das werde ich jetzt, im Zeitraum von einer halbes Stunde, zum zweiten Male gefragt. Sie sagt doch Onkel.
- Nein! Eine Patientin!"
„Und sind die Kinder alle — so frei?"
„Militärischen Drill haben wir hier nicht. Zur Genesung gehört Sonne und frische Luft — nicht nur äußerlich."
„Aber Ordnung und Disziplin..."
„... herrschen bet uns trotz alledem."
Ueber das Antlitz des Hünen zuckte offensichtliche Geringschätzung.
„Wie man sie auffaßt."
„Wie man sie auffaßt. Ganz recht, Doktor Alander", sagte Doktor van Delden. „Aber ich merke, Sie ziehen vor, sofort wieder abzureisen. Wie Sie wünschen."
„Ich möchte denn doch einen kurzen Einblick nehmen, nun ich einmal hier bin. Wenn ich vielleicht als Gast..."
„Unmöglich! Gäste und Patienten haben wir nur zu reichlich! Entweder — oder... Wir bedürfen der Hilfe."
„Unter der Bedingung, daß ich jederzeit gehen kann, wäre es ja zu versuchen. Aber die Kleine wird haarklein berichten und die Vorgesetzte Dame ihr Benehmen danach einrichten."
„Aber pfui! Ich rede nicht!" sagte Gisela mit vor Empörung tiefem Sümmchen. „Und wenn — Mama Elisabeth würde nur lachen."
Doktor Alander errötete wieder über und über.
„Ich bitte also um Ihre Entscheidung. Sie lassen Ihre Kollegin im Stich?" drängte Doktor van Delden.
„Wenn Sie die Sache so drehen — nein, Herr Chefarzt."
Doktor van Delden zog eine Grimasse.
„Warum nicht lieber gleich Herr Sanatoriumsbesitzer? Wenn schon Titel — dann auch möglichst passend."
„Die Anstalten sind tatsächlich Ihr Privateigentum?"
„Ich beziehe staatliche Unterstützungen. Die Schweiz ist immer großzügig bei Werken der Nächstenliebe."
„Die Schweiz ist reich."
„Und verwendet ihren Reichtum gut. Wie viele Kriegsgefangene aus aller Herren Länder fanden Zuflucht bei ihr und Heilung — damals..."
Gisela machte sich aus van Deldens Arm frei.
„Ich muß gehen, Onkel Hannes. In zehn Minuten ist Visite. Ich darf nicht zu spät kommen."
„Gute Nacht, mein Liebling."
Gisela knixte vor Doktor Alander.
„Wir können übrigens gleich die Visite mitmachen, dann lernen Sie Ihren leitenden Arzt am besten kennen."
„Wie es beliebt."
Doktor Alanders Gesicht blieb unverändert.
Doktor Elisabeth Degeener, im weißen Arztkittel, nahm die Vorstellung nebensächlich.
„Gut, daß Sie gleich mitkommen. Das Wichtigste kann ich Ihnen dann schon andeuten. Sie sind gesund und stark. Sie werden uns hoffentlich nicht zusammenbrechen, wie Kollege Lafleur. Er ist übrigens ein hervorragend tüchtiger Arzt."
„Und Gnädigste fühlen sich den Anstrengungen gewachsen?"
Doktor Elisabeth Degeener sah Alander ins Gesicht mit der vollendetsten Verständnislosigkeit, die nur auS- zudenken war.
Dann lächelte sie — mehr mit Schelmerei als mit Ironie.
„Lieber Kollege, lassen wir doch in der Zusammenarbeit jede gesellschaftliche Pose."
„Aber eine Dame..."
„Behindert Sie das? — Hier bin ich Aerztin, ArzU Zu Hause aber..." .
„... gebührt Ihrer Kollegin die Anrede Exzellenz. -* Doktor Degeener ist die Gattin des früheren MinisterS",
fuhr van Delden fort.
(Sortsetzung folgte j